Igor

Einen nach dem anderen arbeiteten sie sich durch die nie abreisende Schlange aufgeregter Fluggäste. Es war fast wie Fließbandarbeit. Ausweis. Stempel. Willkommen in Moskau. Ausweis. Stempel. Willkommen.

Monoton und gelangweilt kamen die einstudierten Worte aus ihren Mündern. Seit einiger Zeit war ihnen der Gesprächsstoff ausgegangen. Und so mussten sie sich wieder komplett ihrer Arbeit widmen.

Masha blickte nicht auf, als der nächste Passagier an ihr Pult trat. Nicht einmal seine Begrüßung erwiderte sie, während sie den Pass mit geübten Augen scannte. Mit der freien Hand drückte sie ihren Stempel ins Kissen um ihn zu befeuchten.

„Was ist der Gr-.“

Ungläubig starrte sie das Passfoto an, legte den Stempel zurück und blickte unauffällig zu dem Mann auf. Dann zurück zum Pass. Um danach wieder den Mann anzusehen. Sie kannte ihn. Erst heute hatte sie sein Gesicht auf einem Stück Papier betrachtet.

„Einen Moment“, flüsterte sie.

„Warum? Stimmt etwas nicht?“, irritiert zogen sich seine dunklen Augenbrauen zusammen. Seine Sonnenbrille verdeckte den verwunderten Blick. Als Masha ihm keine Antwort gab, aber kurz zögerte, nahm er sie ab.

Er sah völlig fertig aus. Seine Augen, unter denen sich dunkle Ringe abzeichneten, waren zu müden Schlitzen verengt. Während er auf eine Antwort wartete, verzogen sich seine schmalen Lippen zu einem ungeduldigen Strich. Das Einzige, was an ihm saß, war die Frisur.

Dem Pass zufolge musste er es sein. Da war Masha sich sicher. Auch der Name passte.

„Alles in Ordnung. Das ist eine ganz normale Prozedur“, stotterte sie und rollte mit ihrem Stuhl davon.

„Sash‘!“

Masha versteckte ihr schelmisches Grinsen hinter dem Pass in ihrer Hand. Allerdings entging das dem Fußballstar nicht. Genervt setzte dieser die Sonnenbrille wieder auf und verbarg damit sein Gesicht. Scheinbar gelangweilt blickte er sich um, obwohl jeder an seinen angespannten Gesichtszügen sah, dass er nicht erkannt werden wollte.

 Sasha entschuldigte sich bei der Passagierin, die er bedient hatte, und nahm stattdessen Mashas Platz ein. Er warf einen Blick auf den Mann und seufzte.

„Ziehen Sie die Brille aus, schließlich sind wir hier nicht auf dem Strand. Das ist hier nicht gestattet“, sagte Sasha in gelangweilten Ton.

Igor nickte. Seine Kieferknochen mahlten, während er seinen Ärger mit einem angedeuteten Hochziehen seiner Mundwinkel überspielte. Durchdringend musterte Sasha Igor, dann wieder den Pass.

„Ihr Pass sieht zerfleddert aus.“

„Schon gut. Hören Sie auf. Ich sehe doch, dass Sie mich erkannt haben“, sagte Igor müde und blickte sich ohne es zu wollen erneut um.

„Das ist ja das Problem, dass ich Sie erkannt habe“, Sasha wand enttäuscht den Blick ab. „Wohin soll‘s gehen?“

„USA“, antwortete der Fußballer genervt.

„Ah, verstehe, Sie haben sich entschieden zu den Amerikanern zu wechseln. Richtig, da sind die Tore größer.“ Sasha machte eine Geste mit den Händen. „Schwer die nicht zu treffen. Sogar für Sie.“

Unverschämt, wie er war, sagte Sasha gerade heraus, was er dachte. Igor schloss für einen Moment die Augen und sog die Luft ein. Innerlich mahnte er sich zur Gelassenheit.

„Und dann gibt man dort auch Helme“, fügte Masha hinzu.

„Um die Augen vor den Fans zu verbergen“, ergänzte Sasha. Vorwurfsvoll blickten die beiden zu Igor, als hätte er durch die Niederlage der Mannschaft ein Kapitalverbrechen begangen. Ihre Mimik war ernst. Aber sie konnten es nicht ernst meinen. Das hoffte Igor zumindest. In seinem Rücken begann leises Gekicher zu ihm vorzudringen.

Überfordert von solch offener Dreistigkeit starrte er die beiden an. Seine Stirn legte sich in verständnislose Falten.

„Wie heißen Sie noch mal?“, fragte er den Blonden vor sich.

„Leutnant der Luftfahrtbehörde Garelav“, sagte Saha ohne mit der Wimper zu zucken.

„Hören Sie, Garelav.“ Igor verzog unzufrieden den Mund. „Klasse Humor. Wirklich. Und jetzt geben Sie mir meinen Pass zurück. Ich muss zu meinem Gate rennen.“

Sasha seufzte. „Ja, zum Gate rennen Sie.“ Unverhohlen starrte er Igor an, dann senkte er den Blick, als ob Igor seine Enttäuschung nicht wert wäre. „Und auf dem Fußballfeld kriechen Sie.“

Igor setzte zum Kontern an, doch Sasha kam ihm zuvor.

„Der Grund Ihres Aufenthaltes.“

„Business.“

„Konkreter, bitte!“

„Werbeaufnahmen.“

„Chips oder Shampoo?“, fragte Masha. Einige Sekunden sahen die beiden Männer sie an.

Sasha war sich durchaus bewusst, dass sie unverschämter waren, als zu anderen Gästen. Vielleicht gingen sie zu weit. Andererseits interessierte ihn die Antwort. Daher ließ er die Frage gelten und sah den Mann vor dem Sicherheitsglas fragend an. Igor riss den Mund auf. Einige Sekunden vergingen, bevor er die Sprache wiederfand.

„Ich versteh das nicht. Bezahlt man euch dafür, damit ihr euch über andere lustig macht?“

„Und ich würde Sie gerne das Gleiche fragen. Wie kann man mit so einem kleinen Ball“, Sasha formte mit beiden Händen zuerst eine Kugel, dann ein Tor „aus zwei Meter ein Tor verfehlen, das sieben Meter breit ist?“

Im Hintergrund erhob sich das Lachen einiger Passanten. Deutlich lauter, als zuvor. Amüsiert verfolgten die Umherstehenden das Schauspiel vor ihnen.

Ungläubig riss Igor die Augen auf. Blickte sich genervt um, was dem Gelächter aber keinen Abbruch tat. „Und ich nehme an, du triffst.“

„Locker“, antwortete Masha für ihren Kollegen.

„10 von 10“, fügte Sasha hinzu.

„Du schießt?“, verwundert zog Igor die Augenbrauen nach oben. Er bemühte sich nicht länger, sein Gegenüber höflich anzureden. Ein schäbiges Lächeln zierte seine Lippen.

„Klar! Soll ich zeigen, wie es richtig geht?“, fragte der Blonde und wich dem Blick des Mannes nicht aus. „Wenn ich gewinne, gehst du mit mir essen.“

„Zeig‘s mir!“, laut schlug Igor mit der Handfläche auf den Tisch. Dann warf er theatralisch die Hände in die Luft, während er die Lippen fest aufeinander presste. „Schade nur, dass wir keinen Torwart haben.“

„Ich kann das machen“, meldete Masha sich freiwillig und kassierte einen wütenden Blick seitens Igor. Freudig überrascht wand Sasha sich ihr zu.

„Was denn?“ Masha zuckte mit den Schultern. „Solange Kasachstan nicht wegfliegt, habe ich frei.“

Zufrieden tat Sasha es Igor gleich, schlug ebenfalls mit der Handfläche auf den Tisch und besiegelte den Pakt.

„Dann machen wir es!“

Kommentare

  • Author Portrait

    Nachdem mir "Howl" so gefallen hat, schnuppere ich mal in diese Geschichte rein. Ist zwar absolut nicht mein Thema, aber bisher stört das nicht. Was allerdings stört, sind Sasha und Masha bzw. ihre Art. Personen wie sie regen mich maßlos auf. Uverschämt und dreist ist da fast noch untertrieben. Obwohl ich zugeben muss, dass euch die Spitzen echt gut gelungen sind und wären sie nicht so demütigend, wären sie ziemlich gut. ;) Ich fühle mit Igor.

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media