„Siehst Du sie?! Da hinten, am Zaun. Schnell weg, ehe sie uns bemerkt! Geschafft, uff. Gib mir Deine Jacke, ich hänge sie hier an den Haken und dann laß’ uns etwas spielen, ich mache Tee und hole den Rest vom Kuchen. Ja? Bitte, sag ja! Geh’ jetzt nicht weg.“

 Ich schwebe vor dem Fenster, sehe die beiden Menschen, die sich über ein Spielbrett beugen, miteinander sprechen und lachen, vergessen wollen, daß es mich gibt in ihren Leben. Im Glas der Scheiben sehe ich mein Spiegelbild – groß, hager, gebeugt, Körper und Gesicht verdeckt durch den langen Mantel mit der großen Kapuze; an den Rändern verschwommen; nur, wer genau hinschaut, nimmt mich wahr.  Auch ich begegnete mir nicht gern nachts oder im Halbdunkel, im Traum oder unerwartet inmitten einer Menschenmenge.

 Aber, Leute, es gibt mich nun mal und Ihr braucht mich, wenn Ihr das auch niemals zugeben würdet. Nun ja, ich vermute, Ihr wißt es nicht. Ich bin ein Schreckensbild für Euch, Ihr wollt nichts mit mir zu tun haben. Niemand lädt mich zu sich nach Hause ein, niemand sagt zu mir „Bitte geh’ nicht weg“, niemand möchte mit mir bei Tee und Kuchen ein Brettspiel spielen. Wißt Ihr, wie ich mich dabei fühle? Ihr ignoriert mich, Ihr tut, als gebe es mich nicht; streife ich Euch, wendet Ihr Euch schaudernd ab. Ihr habt ja keine Ahnung, wie ich mich dabei fühle...

 Ich sorge dafür, daß Ihr Euch Freunde sucht, ich scheuche Euch von Euren Sofas nach draußen zu den anderen Menschen, ich bin die beste Kontaktbörse der Welt; ich bringe Euch in Therapie, wo Ihr innere sichere Orte findet, in Phantasiereisen Eure Seele trefft, wo jemand ist, der Euch zuhört; ich bin die Tränen, die Ihr weint beim Verlust eines Euch nahen Menschen, ich bin der Trost in Euren Träumen, ich bin der Grund für die Sehnsucht, das Herz Eurer Liebsten zu ergründen. All das ist mein Geschenk an Euch.

 Ich belausche Euch, wenn Ihr Eure Tiefen offenlegt; ich schaukle am Kronleuchter, während Ihr „Mensch ärgere Dich nicht“ spielt; ich verstecke mich im Nebel vor Euren Fenstern, wenn Ihr Eure Partys feiert; ich wehe durch Eure Träume.

Ist es absurd, daß ich mich nach Gesellschaft sehne, ich, die Einsamkeit?

 

 

Kommentare

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    Zuerst dachte ich, es handelt sich um den Tod, der da so einsam durch die Lande zieht... Aber nein, die Einsamkeit stellt sich vor und dar... Mir gefällt es, wie du ihr Worte und Gefühle verleihst! Und auch mir gefällt das Bild "Ich schaukle am Kronleuchter, während ihr 'Mensch ärgere dich nicht' spielt"! 5/5 :-)

  • Author Portrait

    "Ich schaukle am Kronleuchter, während Ihr 'Mensch ärgere Dich nicht' spielt", finde ich wundervoll formuliert. Mir gefällt der gesamte Text sowie die Idee, die Einsamkeit zu personifizieren. Sehr schön geschrieben! Nur den ersten Teil finde ich etwas schwierig nachzuvollziehen. Erst beim wiederholten Lesen wurde mir die "Entwicklung" des Monologs bzw Gesprächteils deutlich.

  • Author Portrait

    Du hast interessante Gedanken in deiner Geschichte. Ich hatte noch nie die Idee, dass die Einsamkeit sich selbst einsam fühlen und damit unglücklich sein könnte ^^

beta
Feenstaub

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