II.1 - Verloren in der Zeit



Ehe Hermine sich versah, neigte der letzte Tag vor dem Beginn des neuen Schuljahres sich dem Ende zu. Nach dem langen Gespräch am Frühstückstisch waren sie und Dumbledore nicht untätig gewesen. Gemeinsam hatte sie Professor Dippet besucht, um sie als neue Schülerin anzumelden. Er hatte ihre Geschichte ohne Fragen gekauft und auch keine Einwände dagegen gehabt, sie ohne den Sprechenden Hut dem Hause Slytherin zuzuordnen - sie war sowieso nur für dieses eine letzte Jahr hier, da würde eine Hauszugehörigkeit keine ernsthafte Rolle spielen.

Während die Lehrer im Laufe des Tages eintrafen, saß Hermine in der Bibliothek und vertiefte sich in Bücher über reinblütige Magier. Nach einer Bemerkung von Dippet über Slytherin und dass sie als reinblütige Hexe vermutlich genauso gut dort wie in jedes andere Haus passte, hatte sie die Angst gepackt. Natürlich war sie nicht reinblütig, ganz im Gegenteil, und als Tochter von Aberforth hatte sie zwar mindestens zur Hälfte reines Blut, doch wie stand es um ihre angebliche Mutter? Was, wenn die Namen aller großen Zaubererfamilien dieser Zeit bekannt waren und es unmöglich wäre, sich als Tochter einer Hexe auszugeben? Sie wusste, dass es die Heiligen 28 gab, jene achtundzwanzig reinblütigen Familien, die sich noch nie mit mugglestämmigem Blut gemischt hatten. Waren darüber hinaus noch die Namen aller anderen mehr oder minder reinblütigen Hexen und Zauberer bekannt?

Nicht, dass sie etwas gegen eine Mugglemutter gehabt hätte, doch eine kleine Stimme in ihrem Kopf sagte ihr, dass es in Slytherin nicht sicher war, wenn man nicht reinen Blutstatus vorweisen konnte. Von Nervosität getrieben wälzte sie alle Bücher, die sie zu diesem Thema finden konnte, doch nichts deutete darauf hin, dass irgendwo die Namen aller Zauberer und Hexen verzeichnet standen.

Die verbleibenden Stunden vor dem Abendessen widmete Hermine einer Lektüre gänzlich anderer Art: den Benimmbüchern. In ihrer Zeit hatte sie nur hin und wieder aus amüsiertem Interesse in eines dieser alten Bücher geschaut, doch jetzt, so ging ihr auf, würde sie sich an die Gepflogenheiten der vierziger Jahre gewöhnen müssen. Sie wusste, obwohl sie eine recht konservative Erziehung genossen hatte, war ihr Sprachgebrauch und ihr ganzes Verhalten doch wesentlich freier als das der Menschen in dieser Zeit. Sicher, etwaige Ausrutscher würde sie auf ihre Kindheit in Amerika schieben können, doch sie wollte so wenig wie möglich auffallen.

Außerdem half ihr das Lesen zu vergessen. Zu vergessen, dass sie hier festsaß, während ihre Freunde möglicherweise starben, dass sie selbst sehr wahrscheinlich vor Ablauf eines Jahres sterben würde. Und vor allem zu vergessen, dass sie morgen vor dem Abendessen der versammelten Schule vorgestellt werden würde und anschließend einen Tisch mit dem zukünftigen Lord Voldemort würde teilen müssen.

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„Wir haben dieses Jahr neben den Erstklässlern noch einen weiteren Zugang zu begrüßen!", verkündete die Stimme von Schulleiter Dippet, nachdem der letzte neue Schüler sich an seine Haustafel gesetzt hatte und der Sprechende Hut wieder sicher verstaut worden war: „Die Nichte unseres werten Kollegen Professor Dumbledore wird ihr letztes Schuljahr mit uns verbringen. Hermine Dumbledore hat in diesem Sommer ihre Mutter verloren und so hat ihr Vater, der werte Aberforth Dumbledore, Bruder eures hoch geschätzten Lehrers, sich ihrer angenommen. Sie gehört dem Hause Slytherin an. Miss Dumbledore, bitte fühlen Sie sich im Namen der gesamten Schule herzlich willkommen geheißen."

Leises Gemurmel erhob sich, ehe zögernder Applaus vom Tisch der Slytherins aufbrandete. Hermine hatte nicht mit einem herzlichen Empfang gerechnet, dennoch kostete es sie all ihre Willenskraft, äußerlich ungerührt zu ihrem neuen Haustisch hinüber zu gehen und sich auf einen freien Platz an dem Ende, wo die Siebtklässler saßen, zu setzen.

„Miss Dumbledore", wurde sie angesprochen, kaum dass sie saß, „ich heiße Sie im Namen unseres Hauses ebenfalls willkommen. Falls Sie irgendwelche Fragen haben, ich bin mir sicher, jeder hier wird Ihnen bereitwillig helfen."

Entsetzt starrte Hermine den Sprecher an. Ein kleines Emblem über seiner rechten Brust wies ihn als Schulsprecher aus - und natürlich wusste sie, dass Voldemort in seinen letzten beiden Jahren in Hogwarts Schulsprecher gewesen war. Er sah gut aus mit seinem dunklen, vollen Haar, dem scharf geschnittenen Gesicht und den dunklen, blau schimmernden Augen, genau wie Harry es ihr immer erzählt hatte. Das freundliche Lächeln auf seinem Gesicht wirkte ehrlich und das zustimmende Nicken der anderen Schüler bestätigte, dass dies ein normales Verhalten des künftigen Dunklen Lords zu seiner Schulzeit war. Er war tatsächlich beliebt, die Schüler blickten zu ihm auf, nicht weil sie ihn fürchteten, sondern weil sie ihn bewunderten, wurde ihr mit einem Schaudern klar.

„Mein Name ist Tom Riddle, ich bin der Schulsprecher von Hogwarts", stellte er sich schließlich vor, wobei er sich leicht von der Bank erhob und ihr seine Hand über den Tisch hinweg ausstreckte. Eine Stimme in ihrem Kopf sagte ihr, dass sie die Hand ergreifen und die Vorstellung erwidern musste, doch der Gedanke, irgendein Körperteil dieses Monsters zu berühren, ließ sie erschaudern.

Ein leises Hüsteln neben ihr riss sie aus ihrer Starre. Die Aufmerksamkeit des ganzen Tisches war auf sie gerichtet und aus den fragenden Blicken konnte sie lesen, dass niemand verstand, weswegen sie die ihr hingestreckte Hand nicht ergriff. Noch immer von Hass und Ekel gepackt, aber nun auch wütend mit sich selbst ob ihrer Dummheit, nahm sie schließlich seine Hand und erwiderte: „Hermine Gr ... Dumbledore. Danke für die warmen Worte."

Kurz nur huschten ihre Augen zu denen von Tom Riddle, während sie seine Hand schüttelte, doch ihr entging nicht der überraschte Ausdruck in seinem Gesicht. Während sich nun einige der anderen Schüler, die nahe bei ihnen saßen, vorstellten, fragte Hermine sich, ob Tom Riddle je zuvor in seinem Leben in Hogwarts erlebt hatte, dass man seinen Gesten nicht sofort Folge leistete.

Abwesend registrierte sie, dass die beiden Männer, zwischen denen sie saß, Lestrange und Malfoy mit Nachnamen hießen. Es war kein Wunder, dass es auch im Jahr 1944 Schüler aus den Familien der Heiligen 28 in Hogwarts gab, aber dass ausgerechnet diese zwei in ihrem Jahrgang sein mussten, verunsicherte Hermine nur noch mehr. Je länger sie hier saß und die Gruppe um Tom Riddle beobachtete, umso stärker wurde ihr bewusst, dass so ziemlich jeder Schüler im näheren Umkreis an diesem Tisch ein zukünftiger Todesser war. Der Gedanke, sie würde dieses siebte Jahr ohne Probleme bestehen können, während sie gleichzeitig herausfand, was sie tun musste, um die Zukunft zu ändern, und einen Weg fand, die Zeit zu manipulieren, erschien ihr plötzlich lachhaft.

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Stumm starrte Tom Riddle an diesem Abend in die Flammen des großen Kamins im Slytherin-Gemeinschaftsraum. Er war überrascht über den Neuzugang gewesen, hatte sogar kurzzeitig so etwas wie Triumph verspürt. Die Tatsache, dass seine eigene Nichte in Slytherin, nicht in Gryffindor war, musste Dumbledore ordentlich ärgern, hatte er gedacht. Doch die Hexe hatte seine freundliche Begrüßung nicht so erwidert, wie er es erwartet hatte. Nicht nur, dass sie eine gefühlte Ewigkeit seine Hand angestarrt hatte, als wäre es eine giftige Schlange. Nein, selbst als sie schließlich den Händedruck erwidert hatte, hatte der kurze Blick in ihre Augen gereicht, um ihm abgrundtiefen Hass zu zeigen.

Was war das für Hass? War er gegen ihn persönlich gerichtet? Und wenn ja - wieso? Bis zu diesem Tag hatte sie ihn nicht gekannt, woher also die Abneigung? Oder hatte Dumbledore sie gewarnt, hatte ihr all seine finsteren Gedanken, seinen Verdacht gegen ihn dargelegt? Er verstand nicht, woher das Misstrauen des Mannes kam, immerhin war er ein tadelloser Schüler und so ziemlich jeder in der Schule blickte zu ihm auf - selbst Schüler aus anderen Häusern respektierten ihn. Er hatte eine absolut weiße Weste - nach außen hin.

Morgen würde der Unterricht beginnen. Er würde die Chance nutzen und versuchen, dem Neuzugang ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Viele Menschen gaben mehr von sich preis als sie wollten, wenn man sie nur genug in eine Ecke drängte. Und vielleicht war sie auch empfänglich für seinen männlichen Charme.

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Er hatte Abraxas gebeten, den Platz in der ersten Reihe neben ihm zu räumen, damit der weibliche Neuzugang sich dorthin setzen konnte. Geschichte der Zauberei war zwar ein interessantes Fach, doch der Lehrer, Professor Binns, gestaltete seine Unterrichtsstunden nie derart, dass man wirklich viel Aufmerksamkeit brauchte. Es war die ideale Stunde, um sich ein wenig mit Miss Dumbledore zu unterhalten, hatte Tom an diesem Morgen beschlossen. In ihrer ersten gemeinsamen Stunde, Zaubertränke, hatte das braunhaarige Mädchen bewiesen, dass sie sehr intelligent war, sogar soweit, dass Tom vermutete, dass sie demnächst eine Einladung in den erlesenen Club von Professor Slughorn erhalten würde.

Nun saß er als einer der ersten im Klassenraum für Geschichte und wartete darauf, dass Miss Dumbledore erschien. Er würde sie auffordern, neben ihm Platz zu nehmen, sobald er sie sah. Er war sich sicher, dass auch dieses Mädchen seinem Charme nicht lange würde widerstehen können. Egal, was Dumbledore seiner Nichte erzählt hatte, wenn er sich ihr von seiner besten Seite präsentierte, würde sie ihm über kurz oder lang verfallen. Und wer wusste schon, ob es sich nicht in der Zukunft als nützlich erweisen würde, eine nahe Verwandte von Dumbledore um sich zu haben?

Kaum dass er aus den Augenwinkeln die brünette Gestalt bemerkte, die sich zögernd durch die Reihen des Klassenraums bewegte, stand er auf und rückte den Stuhl neben sich vom Tisch: "Miss Dumbledore, möchten Sie vielleicht neben mir sitzen?"

Beinahe hätte er es amüsant gefunden, wie die neue Schülerin in ihrer Bewegung erstarrte und ihm einen entsetzten Blick zuwarf, doch die Abscheu, die aus ihrem Blick sprach, wurmte ihn. Er hatte ihr nichts getan und langsam bezweifelte er, dass etwas, was Dumbledore zu seiner Nichte gesagt hatte, diese heftigen Gefühle in ihr auslösen könnte. Woher kam ihr Hass?

"Wollen Sie wirklich so eine Einladung von Tom Riddle ablehnen?", hörte er da die Stimme einer Klassenkameradin, die neben der neuen Schülerin aufgetaucht war und ihr diese Worte gerade laut genug ins Ohr geflüstert hatte, dass er selbst es auch noch hören konnte. Wie sie so war sich auch Tom selbst bewusst, dass so ziemlich jedes andere Mädchen der Aufforderung mit Kusshand nachgekommen wäre.

"Ich sehe nicht ein, wieso mir so eine Sonderbehandlung zukommt", erwiderte Dumbledores Nichte schließlich, "offensichtlich würde diese junge Dame gerne neben Ihnen sitzen, Mr. Riddle, warum fragen Sie nicht ... wie ist Ihr Name?"

"Beatrix Parkinson", kam die kühle Antwort. Interessiert beobachtete er, wie Hermine eine Augenbraue hob und das andere Mädchen von Kopf bis Fuß musterte.

"Miss Dumbledore", mischte er sich wieder ein, "ich sehe es als meine Pflicht an, mich in Ihren ersten Tagen hier um Sie zu kümmern. Bitte, seien Sie nicht so kalt, nehmen Sie meine Einladung an."

Es hätte ihn nicht überrascht, wenn sie erneut abgelehnt hätte, doch zu seiner Verwunderung nickte sie schließlich langsam und steuerte auf den bereit gestellten Stuhl neben ihm zu. Gleichzeitig mit ihr setzte er sich wieder hin, wartete jedoch stumm ab, bis sie ihre Bücher und Schreibutensilien aus der Tasche geholt hatte, ehe er erneut das Wort ergriff: „Nun, Miss Dumbledore, wie ist Ihr erster Eindruck von Hogwarts?"

Er konnte sehen, wie es hinter der Stirn seiner neuen Mitschülerin arbeitete, und als sie schließlich antwortete, bemerkte er deutlich, dass sie jedes Wort sorgfältig wählte: „Das Schloss ist überwältigend, es ist, als ob jeder Stein hier vor Magie vibriert. Es würde mich nicht wundern, wenn die Mauern selbst eines Tages lebendig würden, falls irgendjemand auf die wahnsinnige Idee käme, Hogwarts anzugreifen."

Sie hatte geradeaus zur Tafel geschaut, während sie ihm geantwortet hatte, doch bei den letzten Worten wandte sie ihren Blick zu ihm und schaute ihm herausfordernd in die Augen. Das Gefühl, dass mehr an dieser neuen Schülerin war als im ersten Moment bemerkbar, verstärkte sich. Äußerlich ruhig erwiderte er: „Ja, die Mauern hier führen definitiv ein Eigenleben. Und der Unterricht? Sie haben mich in Zaubertränke beeindruckt und, falls Sie mir gestatten, dies zu sagen, Professor Slughorn wirkte nicht weniger erfreut."

Wieder dauerte es eine unpassend lange Zeit, ehe Tom eine Antwort erhielt, und wieder fiel sie nicht so aus, wie er es erwartet hätte: „Ehrlich gesagt, ist Zaubertränke eines meiner schwächeren Fächer. Falls Professor Slughorn erwartet, in mir eine interessierte Schülerin zu finden, wird er enttäuscht werden."

Genervt stellte Tom fest, dass die Antworten, die Hermine Dumbledore ihm gab, ausführlich und höflich waren, aber keinerlei Anknüpfungspunkte für ein weiteres Gespräch ergaben. Wenn er sich nicht auf ein unangenehmes Frage-Antwort-Spiel einlassen wollte, würde er für den Augenblick eine Niederlage einstecken und schweigen müssen. Es geschah selten, dass jemand sich ihm verweigerte, und noch seltener, dass diese Person sich so geschickt aus der Affäre zog.

Zu Toms Erleichterung betraten in diesem Augenblick Abraxas Malfoy und Rufus Lestrange den Raum. Er witterte eine neue Chance, sich der brünetten Schülerin zu nähern.

„Ah, Miss Dumbledore, darf ich Sie mit zwei meiner Freunde näher bekannt machen?", fragte er, ohne jedoch ernsthaft an einer Erwiderung interessiert zu sein. Er erhob sich und legte Malfoy eine Hand auf die Schulter: „Abraxas Malfoy, er saß gestern Abend an Ihrer linken Seite. Falls Sie jemals eine Frage über irgendein altes Zauberergeschlecht hier in England haben sollten, wenden Sie sich an ihn."

Zu seiner Verwunderung und nicht geringen Missbilligung erhob sich Hermine ebenfalls und lächelte seinen blonden Freund an: „Es waren gestern ein paar viele Namen und Gesichter, die auf mich eingestürmt sind. Schön, dass ich Sie nun nochmals in Ruhe kennen lernen darf."

Abraxas erwiderte das Lächeln, sagte jedoch nichts. Mit steigender Frustration wandte sich Tom nun zu seinen anderen Freund, um diesen ebenfalls erneut vorzustellen: „Dies ist Rufus Lestrange. Er ist der Anführer unserer Quidditch-Mannschaft und einer der besten Duellanten, die wir in unserem Haus haben. Sehen Sie sich also vor, wenn Sie ihm in Verteidigung gegen die dunklen Künste gegenüber stehen."

Das Lächeln verschwand von Hermines Lippen, als ihr Blick über das Gesicht von Lestrange wanderte. Als habe sie plötzlich einen Geist gesehen, wurde sie kreidebleich, packte ihren linken Unterarm und rannte aus dem Klassenzimmer.

„Abraxas, sag mir bitte, dass du das Verhalten unserer neuen Mitschülerin ebenso merkwürdig findest wie ich!", zischte Tom Riddle, nachdem Hermine außer Sichtweite war. Sein zuvor freundlicher Blick war hart und berechnend geworden, während er in Gedanken versuchte zu verstehen, was mit diesem Mädchen los war.

„Dass sie dich nicht mag, ist in der Tat etwas Neues."



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