II

Wie ein Eissplitter glitzert das Glas, als ich es zwischen meinen Fingern drehe. Reflektiert das wenige Licht, das nach dem verlöschen der Lichter noch geblieben ist. Ein Splitter, ein Bruchteil des Spiegels. Ich habe ihn unter meinem Kissen versteckt, als sie kamen um die Scherben zu beseitigen.

Sie haben meine Hand verbunden. Mit Bandagen versuchen sie das Blut zurück zu halten, das aus meiner Seele fließt wie ein Mahlstrom und alles mit sich reißt.

Und noch immer finde ich keinen Schlaf. Die funkelnden Sterne jenseits des Gitters sind alles, was noch Licht ausstrahlt. Und doch kann ich nicht schlafen, denn ihr Gesicht brennt hinter meinen Augen, heller als die Sonne im August.

Was sie wohl gefühlt hat, als der kalte Stahl durch ihre Haut schnitt? Als sie spürte, dass sie zu tief geschnitten hatte? Hatte Panik ihr das Herz zerdrückt? Oder war sie bereits so gleichgültig, dass sie es einfach hinnahm?

Noch immer wende ich die Spiegelscherbe zwischen meinen Händen, bewundere die durch Zufall entstandene Perfektion der scharfen Kanten, während ich auf der starren Matratze meines Bettes liege. 

Was hat sie gefühlt, was hat sie dazu gebracht derart gegen ihre ureigenen Instinkte zu handeln? Sich aus eigenem Antrieb selbst zu verletzen? War es für sie am Ende das, was für mich die Malerei war?

Ich öffne die Bandagen, Glas schneidet durch Stoff. Mit der gesunden Hand fahre ich über die Wunden. Es hat sich bereits Schorf darüber gebildet. Ich strecke die geschundenen Finger und balle sie wieder zur Faust. Der Schorf reißt auf, und ich spüre wie Blut über meinen Handrücken läuft. 

Können Schmerzen Gedanken vertreiben? Hat sie überhaupt noch Schmerzen gespürt? Mit diesen Fragen drifte ich langsam in einen tiefen, doch ruhelosen Schlaf, bis mich die Neonsonne wieder weckt.

Ich fühle mich erschöpft, alles fühlt sich dumpf an. Draußen ist es noch immer nicht hell, doch die Sterne sind verschwunden. Ich stelle mich an das Fenster und versuche, in der dem Zwielicht weichenden Nacht etwas zu erkennen, doch die Welt ist mit schweren Nebelschwaden verhangen.

Jemand hat einen Teller mit Essen neben meine Tür gestellt. Ich gehe daran vorbei ohne ihn zu beachten, und laufe durch meine Zelle. An den Wänden entlang, Runde um Runde, wie ein wildes Tier in einem Käfig. Die Wände des Käfigs sind weiß. Weiß wie eine unberührte Leinwand...

Bilder strömen durch meinen Kopf, wild und ungeordnet. Bilder aus meinem Leben, Bilder von mir wie ich male, Bilder von ihr...und Bilder von Blut. Bilder von Blut...

Ich stehe vor meiner Leinwand und halte meine Scherbe in der rechten Hand. Wie in Trance schneide ich damit über meinen Unterarm. Glas schneidet durch Fleisch. Ich lasse die Scherbe zu Boden fallen, und lege meinen Finger auf die Wunde. Das Blut bleibt daran haften und ich breite mein Leben auf dem weißen Untergrund aus.

Kommentare

  • Author Portrait

    Wieder super geschrieben! Eine düstere, bewegende Situation!

  • Author Portrait

    heftig und sehr gut geschrieben!

  • Author Portrait

    Ich steh auf deinen hoffnungslos düsteren Stil :)

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Feenstaub

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