II.8 - Verloren in der Zeit

Sorgsam strich Hermine sich über ihren Rock, während sie darauf wartete, dass ihr Klopfen beantwortet wurde. Sie hatte die ganze Woche daraufhin gefiebert, endlich wieder mit Dumbledore reden zu können.

„Ah, meine liebe Nichte!“, rief er erfreut aus, kaum dass er die Tür geöffnet hatte. Mit einer einladenden Geste geleitete er sie zu einem Sessel gegenüber von seinem Schreibtisch, ehe er sich selbst in seinem nieder ließ: „Und, wie ist es Ihnen diese Woche ergangen, Miss Granger? Haben Sie sich einleben können in Slytherin?“

Nachdenklich betrachtete Hermine ihre Hände. Sie brauchte jemanden, mit dem sie über Riddle sprechen konnte, dem sie ihre Ängste erzählen konnte. Wie viel Schaden würde sie anrichten, wenn sie Dumbledore erzählte, dass sie wegen Tom Riddle hier war? Sie beschloss, sich vorsichtig ranzutasten.

„Abraxas Malfoy war sehr aufmerksam“, begann sie langsam, „dank ihm habe ich zumindest einen Freund gefunden. Aber das Problem liegt gänzlich woanders.“

Dumbledore nickte, als wüsste er, wovon sie sprach. Immer noch zögernd fuhr sie fort: „Ich würde Ihnen so gerne alles erzählen, aber wir wissen beide, dass das nicht möglich ist. Trotzdem. Ich hatte ja ganz am Anfang gefragt, was passieren würde, wenn ich die Person, wegen der ich hier bin, einfach töte“, sagte sie. Sie bemerkte, wie sofort wieder der missbilligende Ausdruck auf Dumbledores Gesicht erschien, entsprechend beeilte sie sich anzufügen: „Ich will das gar nicht erneut vorschlagen, keine Sorge. Ich dachte nur … ich habe diesen Satz gesagt, ich kann das nicht mehr rückgängig machen. Sie werden sicher daraus geschlossen haben, dass ich wegen einer Person hier bin. Und … ich wüsste gerne, ob Sie eine Vermutung haben, wer es ist.“

Dumbledores Miene hellte sich merklich auf, während seine Arme vor der Brust verschränkte und sich nachdenklich anlächelte. Schließlich sagte er: „Wie viel wissen Sie über mich, Miss Granger?“

Sie lief rot an, als sie leise erwiderte: „Ich glaube, ich weiß ziemlich viel. Zumindest über Ihre Taten.“

Schmunzelnd fuhr er sich über den Bart: „Nicht so schüchtern, meine Liebe. Es ist nur natürlich, dass ein Mensch aus der Zukunft viel weiß. Und wenn Sie viel über mich wissen, heißt das ja, dass ich innerhalb der nächsten fünfzig Jahre nicht einfach in Vergessenheit gerate, das ist ein schöner Gedanke. Aber“, fuhr er ernster fort und beugte sich über den Schreibtisch zu ihr vor, „meine Frage zielte auf etwas Bestimmtes. Ich vermute, Sie wissen von Grindelwald?“

Erschrocken riss Hermine die Augen auf. Natürlich, der Magier, der in einem berühmten Duell von Dumbledore besieht worden war, trieb in diesem Jahr noch sein Unwesen. Und wenn die Geschichten stimmten, war Dumbledore nicht ganz unschuldig an den Ideologien dieses Mannes. Sie nickte langsam.

„Mein erster Verdacht war, dass Sie wegen ihm hier sind“, erklärte Dumbledore. In seiner Stimme klang ein trauriger Unterton und Hermine fragte sich plötzlich, ob ihr Professor noch freundschaftliche Gefühle für den schwarzen Magier hegte. Stumm, aber aufmerksam blickte sie ihn an, während er fortfuhr: „Aber diese Idee habe ich verworfen. Die Idee, dass Sie in Hogwarts zur Schule gegangen sind, als Sie das letzte Mal hier waren, deutet darauf hin, dass Sie wegen einer Person im Schloss hier sind.“

Sie nickte bestätigend, immer noch unsicher, ob es wirklich in Ordnung war, Dumbledore auf Riddle aufmerksam zu machen. Gewiss würde es nicht viel ändern, immerhin hatte er doch bereits jetzt ein Auge auf diesen mysteriösen Schüler? Nervös klammerte sie sich an ihrer Stuhllehne fest.

„Ich vertraue allen meinen Kollegen“, dachte Dumbledore weiter laut nach, den Blick nun aus dem Fenster gerichtet, eine Hand strich noch immer abwesend über seinen Bart, „und die meisten wären vermutlich eh zu alt, um in fünfzig Jahren noch wirklich viel Schaden anrichten zu können. Es ist für einen Lehrer schwierig, in seinen Schülern Schlechtes zu sehen, doch gerade weil sie junge Menschen sind, können sie alle sich noch stark verändern. Ein weiteres Indiz ist natürlich, dass Sie eigentlich nach Gryffindor gehören, hier aber in Slytherin waren. Oder sind. Also handelt es sich wohl um einen Schüler aus diesem Haus. Und da…“

Er brach ab. Hermine zitterte inzwischen vor Nervosität. Sie war sich sicher, dass Dumbledore die korrekten Schlussfolgerungen gezogen hatte. Hatte sie das Recht, den Verdacht zu bestätigen? Oder würde sie bleibenden Schaden anrichten? Ehe sie länger darüber nachdenken konnte, drehte Dumbledore sich wieder zu ihr um und schaute sie aufmerksam und sehr ernst an: „Der Schüler, den ich im Verdacht habe, ist mir schon seit Jahren aufgefallen. Vom ersten Tag an, um genau zu sein. Er hatte etwas an sich, das in mir große Sorge hervorrief. Leider hat sich das nicht geändert. Ganz unabhängig davon, ob Sie aufgetaucht wären oder nicht, ich hätte seinen Lebensweg im Auge behalten. Und da ich weiß, dass ich mich nicht einmischen darf, werde ich auch in Zukunft nichts anderes tun, als ihn zu beobachten. Also, Miss Granger“, beendete er schließlich seine Gedanken, „sagen Sie mir: Sind Sie wegen Tom Riddle hier?“

„Ja.“

Sie hatte die Worte nur als leisen Hauch herausgebracht, doch mehr war auch nicht nötig. Schweigen senkte sich über beide, während Hermine damit beschäftigt war, ihre Angst zu bekämpfen. Dumbledore war weit klüger als sie, wenn es falsch gewesen wäre, diese Information zu erlangen, hätte er sicher nicht danach gefragt. Zumindest hoffte sie das, auch wenn ihr bewusst war, dass auch Dumbledore eine Seite an sich hatte, die nach Wissen strebte und dabei manchmal zu weit ging. Dennoch, für den Augenblick konnte sie einfach nur Erleichterung verspüren darüber, dass es endlich ausgesprochen war.

„Haben Sie sich mit Tom angefreundet?“, fragte Dumbledore schließlich. Überrascht riss Hermine die Augen auf: „Nein! Das … das könnte ich niemals. Im Gegenteil. Es scheint, als habe er meine … meine Ablehnung sofort bemerkt. Sein freundliches Auftreten fällt ziemlich schnell in sich zusammen, wenn man mit ihm alleine ist.“

„Hat er Ihnen etwas angetan?“, erkundigte sich Dumbledore, seine sonst funkelnden Augen blickten besorgt und ernst drein.

„Nicht direkt. Er hat mich mehrfach gewaltsam fest gehalten und fiese Drohungen ausgesprochen, aber direkt gewalttätig ist er bisher nicht geworden. Was sich aber ändern kann …“

„Miss Granger“, erwiderte Dumbledore und er klang enttäuscht bei seinen nächsten Worten, „Sie wissen, dass Sie wegen ihm her sind und anstatt sich ruhig zu verhalten, provozieren Sie ihn? Meinen Sie, dass es gut ist, wenn er anfängt, sich für Sie zu interessieren?“

Verletzt ballte Hermine ihre Hände zu Fäusten. Erneut musste sie an Harry denken, der frustriert darüber klagte, dass Dumbledore ihn nicht verstand, dass er zu viel verlangte, dass es ihm an Verständnis für menschliche Schwäche fehlte. Hier saß sie, bangte um ihr Leben, weil sie nicht wusste, ob sie jemals in die Zukunft würde zurückkehren können, und weil die Möglichkeit, dass Riddle ihr Mordgedanken entgegenbrachte, mit jedem Tag stieg – und das war alles, was er ihr zu sagen hatte?

„Ich habe das nicht mit Absicht gemacht, Sir“, verteidigte sie sich leise, „aber was erwarten Sie von mir? Ich weiß, was er in der Zukunft tun wird. Er ist ein Monster, ich kann ihn nicht anders sehen. Und alleine die Tatsache, dass ich nicht von seinem Charme eingenommen bin, erweckt seine Neugier.“

„Ich bin der Letzte, der Tom verteidigen will, dennoch rate ich Ihnen, zwischen Tom jetzt und Tom in der Zukunft zu unterscheiden. Was auch immer er in Ihrer Zukunft getan hat, er hat es jetzt noch nicht getan. Er hat eine verwirrte Persönlichkeit und ist gefährlich, aber noch ist er kein Monster.“

„Natürlich ist er das! Er hat bereits…“, schrie Hermine aufgebracht, doch sie hielt inne. Wenn Dumbledore nicht wusste, dass Tom Riddle bereits Morde begangen hatte und dass er hinter der Kammer des Schreckens steckte, hatte sie kein Recht, ihm das mitzuteilen. Wieder sah sie das neugierige Funkeln in seinen Augen und die Enttäuschung, als sie stoppte. Sie konnte es Dumbledore nicht verübeln: Da hatte er das Wissen um künftige Geschehnisse direkt vor sich, aber er wusste, dass es ihm nicht zustand. Einem mächtigen, weisen Mann wie ihm musste das wie Folter erscheinen.

„Ich möchte nicht, dass Sie denken, dass ich Sie nicht verstehe!“, fuhr Dumbledore schließlich mit einem Seufzen fort, „Ich weiß, dass ich manchmal etwas übertreibe, wenn es darum geht, ein Ziel zu erreichen. Ich neige dazu, natürlichste menschliche Gefühle zu übersehen und andere für Fehler zu verurteilen. Aber bedenken Sie: Ihr anderes Ich hat hier ihren Abschluss gemacht. Sie hat also bis zum Schuljahrsende überlebt, nicht nur das, sie hatte die Gelegenheit, einen der besten Abschlüsse abzulegen. Was also Ihr anderes Ich definitiv vermieden hat, war, von Tom getötet zu werden. Wir wissen beide, dass er dazu fähig ist, und ich rate Ihnen in Ihrem eigenen Interesse und mit Blick auf Ihre künftige Aufgabe, Sie sollten versuchen, sich zurück zu halten.“

Ein trockenes Lachen entfuhr Hermine: „Ich habe gewiss nicht vor, ihn soweit zu provozieren, dass er mich tötet.“

Eine lange Pause entstand, ehe Hermine sich dazu entschließen konnte, ihre verwirrten Gefühle und Ängste offen zu legen: "Ich bin einfach überfordert. Ich kenne die Zukunft, nicht nur über Riddle, sondern auch über viele andere Schüler hier. Ich weiß, was aus ihnen wird, ich weiß, wer Nachkommen haben wird. Insbesondere jene aus Slytherin haben mir zu meiner Schulzeit Probleme bereitet. Obwohl ich weiß, was aus ihnen allen wird, kann ich doch nicht anders, als einige zu mögen. Himmel, ich kann Ihnen gar nicht erklären, wie ich mich fühle, weil ich Ihnen nicht sagen kann, was alles passieren wird. Ich fühle mich einfach so alleine. Ich kann mich niemandem öffnen, selbst Ihnen nicht. Wir wissen im Moment noch nicht, ob ich jemals in meine Zeit zurückkehren kann, entsprechend weiß ich nicht, ob ich nach diesem Schuljahr noch leben werde. Ich habe die ganze Zeit nur Angst, während ich hier braves Schulmädchen spiele ..."

Tränen stiegen in Hermine hoch und ein heftiges Schluchzen unterbrach ihren Redestrom. Es war kaum eine Woche vergangen, doch sie fühlte sich bereits völlig ausgelaugt und unfähig, auch nur einen weiteren Tag in der Nähe von Tom Riddle zu überstehen. Verzweifelt vergrub sie ihr Gesicht in den Händen.

"Miss Granger", kam es sehr sanft von Dumbledore, nachdem er sie einige Minuten hatte weinen lassen, "verzweifeln Sie nicht. Sie sind nicht alleine. Selbst wenn Sie mir nicht all Ihr Wissen anvertrauen können, ich bin trotzdem für Sie da. Vielleicht war ich zu voreilig. Zu lange schon habe ich gespürt, dass von Tom eine ungreifbare Gefahr ausgeht und dann erscheinen Sie und bestätigen diesen Verdacht. Alles, was ich sehen konnte, war die Möglichkeit, ihn wenn nicht jetzt, dann in der Zukunft unschädlich zu machen. Ich wollte Sie nicht zusätzlich belasten."

Dankbar nahm Hermine das Taschentuch, das er ihr über den Schreibtisch reichte, an und schnäuzte sich. Sie war verzweifelt, ja, sie hatte Angst und war überfordert von ihrem eigenen Wissen über die Zukunft, doch sie weigerte sich, der Verzweiflung nachzugeben. Während sie ihre Tränen vom Gesicht wischte, ihre Uniform richtete und Gedanken fokussierte, atmete sie mehrmals tief ein. Betrachte es als Mission!, befahl sie sich selbst. Du hast Horcruxe durch ganz England gejagt, bist bei Gringotts eingebrochen und hast auch die Folter von Bellatrix überstanden. Du kannst eh nichts daran ändern, dass du jetzt hier bist, also fang endlich an, das zu akzeptieren und konzentriere dich auf das Ziel! Du bist hier nicht verloren, sondern genau am richtigen Ort, um die Zukunft zu retten!

Entschlossen blickte sie Dumbledore in die Augen: "Ich werde wohl noch einige Zeit brauchen, um mich daran zu gewöhnen, dass für die nächsten Monate mein Platz hier ist, aber ich werde alles daran setzen, die Zukunft zu retten."

"Es freut mich, das zu hören!", erwiderte Dumbledore mit einem leichten Lächeln, "Und falls Sie wieder von Ängsten geplagt werden oder einfach nur ein freundliches Gesicht brauchen, um sich hier nicht so verloren zu fühlen, sind Sie jederzeit willkommen."

Hermine erwiderte das Lächeln und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft hier hatte sie das Gefühl, wirklich dem weisen, gütigen, mitfühlenden Dumbledore gegenüber zu stehen, den sie aus ihrer Zeit kannte. Dumbledore wiederum wartete erneut einige Minuten, um Hermine die Zeit zu geben, über ihre neu gewonnene Entschlussfreudigkeit nachzudenken, dann er weiter sprach: "Ich habe die letzte Woche über viel über Sie und die Zukunft nachgedacht, auch wenn mir nicht die Zeit blieb, meine Gedanken direkt mit Ihnen zu teilen. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass Sie hier kein Wissen erforschen werden können, das Ihnen in der Zukunft helfen wird."

Hermine hatte das Gefühl, all ihr Blut würde plötzlich gefrieren: "Bitte?", fragte sie überfordert. Hatte er sie nicht gerade aufbauen wollen? Sie hatte vor wenigen Minuten erst endlich wieder ihren Verstand über ihre Angst siegen lassen können - und nun sagte er so etwas?

"Ich will damit nicht sagen, dass Ihre Anwesenheit hier überflüssig ist", fuhr Dumbledore ernst fort, "aber als ich darüber nachgedacht habe, wie Sie hier in der Vergangenheit an Wissen kommen könnten über jenen Menschen, wegen dem Sie hier sind – Tom, wie ich jetzt sicher weiß – ging mir auf, wie unsinnig das ist. Sie werden hier nichts über ihn erfahren. Abgesehen von dem Wissen, das Tom selbst mit Ihnen teilt."

Hermine blinzelte überrascht. Und dann noch einmal, vollkommen unfähig, die gesagten Worte zu verarbeiten. Während Dumbledore mit einem nachsichtigen Lächeln darauf wartete, dass sie begriff, was er sagte, konnte sie einfach nur mit offenem Mund starren. Schließlich schluckte sie hart, blinzelte ein weiteres Mal, dann stieß sie hervor: "Ich soll Riddle dazu bringen, mir etwas über ihn zu verraten, was ich in der Zukunft gegen ihn verwenden kann?"

Der alte Mann nickte: "Exakt das war mein Gedankengang. Wenn Sie darüber nachdenken, wird es Ihnen selbst als lächerlich erscheinen anzunehmen, Sie könnten etwas von solchem Ausmaß über Tom herausfinden nur durch das Studium von Büchern oder vielleicht dem Befragen seiner Freunde. Nein, ich bin mir sicher, Sie sind hier, um sein Vertrauen zu gewinnen und eine Schwäche an ihm zu entdecken. Oder eine Schwäche in seinem zukünftigen Plan."

"Aber es gab eine Schwäche!", rief Hermine wütend aus, "Es gab eine Schwäche in seinem Plan und das hat nichts genützt. Er hatte etwas übersehen oder nicht verstanden oder wie auch immer, jedenfalls gab es das! Und trotzdem konnte er seine Macht wieder herstellen!"

"Dann war es vielleicht nicht die richtige Schwäche?", hakte Dumbledore nach, offensichtlich interessiert an näheren Fakten über die zukünftigen Geschehnisse. Hermine biss sich auf die Zunge, ehe sie genauer erklären konnte, dass Voldemort den Schutz der Mutterliebe nicht in seine Rechnung mit aufgenommen hatte, als er seinen Stab gegen Harry gerichtet hatte.

"Nicht die richtige!", empörte sie sich, "Was meinen Sie denn, wie viele Schwächen ein Mann wie er hat? Er ist mächtiger als jeder andere Zauberer, vielleicht sogar mächtiger als Sie selbst. Er kennt keine Freundschaft, er kennt nur Hass. Er wird niemals irgendjemandem vertrauen!"

"Miss Granger, ich kann Ihnen nur raten, auch zu Ihrem eigenen Wohl - vermischen Sie nicht Tom Riddle mit dem Mann, den Sie in der Zukunft kennen. Ja, Tom ist ein Junge, der trotz seines makellosen Äußeren und seines charmanten Auftretens innerlich kalt und grausam ist. Aber er ist eben doch nur ein Junge. Er ist noch zu jung, um sich mit echter Einsamkeit abgefunden zu haben. Vielleicht öffnet er sich, wenn er einen anderen Menschen trifft, den er für genial und allen anderen überlegen hält. Vielleicht wird er dann nachlässig und gibt Dinge preis, die für Sie nützlich sein könnten. Sie dürfen niemals vergessen, egal wie intelligent und berechnend er wirkt: Er ist ein Junge von siebzehn Jahren, der vermutlich noch nicht gelernt hat, all seine Gefühle zu kontrollieren. Stolz, der Drang, sich vor anderen zu beweisen, insbesondere vor jemandem, den er vielleicht sogar als ebenbürtig einschätzt, könnten seine Zunge lockern."

Hermine verstummte. Sie wusste, dass Dumbledore Recht hatte, sie hatte am eigenen Leib erfahren, dass Riddle tatsächlich Gefühle hatte und sich manchmal von diesen beherrschen ließ. Sie hatte sich auch selbst schon oft genug gesagt, dass sie Tom Riddle von Voldemort unterscheiden sollte. Dennoch, was ihr Professor da vorschlug, hieß im Grunde genommen nichts anderes, als dass sie sich auf Riddle einlassen sollte, dass sie sich seinem Charme öffnen musste, ihn an sicher heran lassen, in der Hoffnung, dass er sie an sich heran ließ. Ihr schauderte bei dem Gedanken, eine Freundschaft, und wenn auch nur eine gespielte, mit diesem Menschen anzufangen.

„Sie tragen Ihre Gefühle sehr offen mit sich, Miss Granger“, meinte Dumbledore schmunzelnd: „Ich kann deutlich lesen, wie wenig Ihnen dieser Gedanke behagt. Ich versichere Ihnen jedoch, sollten Sie wirklich Erfolg haben und näher an Riddle heran kommen, dann werden Sie auf jeden Fall einen Beitrag für die Zukunft leisten. Sie können den Unterschied machen.“

Er wusste einfach zu gut, mit welchen Worten er die Menschen um sich herum manipulieren konnte. Hermine musste sich eingestehen, dass der Gedanke schmeichelhaft war, dass ein Sieg in der Zukunft ihr Verdienst war. Vielleicht war die Prophezeiung rund um Harry und Voldemort ja doch weniger bedeutend als gedacht. Sicher, Voldemort hatte Harry als seinen Erzfeind gezeichnet, hatte durch ihn seine erste Niederlage erfahren müssen, hatte ein merkwürdiges Band zwischen ihren Zauberstäben erschaffen. Doch bedeutete das wirklich, dass Harry die ganze Verantwortung alleine tragen musste? Er war das Symbol der Hoffnung und des Widerstandes, er konnte die Menschen vereinen. Aber das bedeutete gewiss nicht, dass nicht vielleicht auch sie, Hermine Granger, etwas Wertvolles beizutragen hatte. Offensichtlich war es ihr von vorneherein bestimmt gewesen, in die Vergangenheit zu reisen und was auch immer sie hier angestellt hatte, es musste erfolgreich gewesen sein, sonst hätte sie nicht eigenhändig dafür gesorgt, dass sie es erneut tun würde. Es war nicht so, dass sie vielleicht einen Unterschied machen könnte. Sie hatte einen Unterschied gemacht und sie würde es erneut tun.

Mit einem Lächeln schaute sie Dumbledore an: „Sie haben Recht. Vielleicht kann ich Riddles Schwächen herausfinden, vielleicht weiht er mich sogar irgendwann in seine Pläne ein. Sie können auf mich zählen. Ich werde dafür kämpfen.“

Ihr Lächeln wurde herzlich erwidert. Für einen Moment noch blieb Hermine sitzen, genoss die Ruhe in dem Büro, genoss den Gedanken, dass, was immer sie tun würde, schon gut gehen würde, weil sie es schon einmal getan hatte. Dann erhob sie sich, verneigte sich leicht und verließ das Büro.

Auf dem Weg zurück in den Gemeinschaftsraum der Slytherins dachte sie über die nächsten Tage nach. Es wäre zu auffällig, wenn sie von jetzt auf gleich freundlich zu Tom Riddle wäre. Sie konnte vermutlich davon ausgehen, dass er von sich aus erneut auf sie zukommen würde. Wenn sie es schaffte, sich bei einem nächsten Gespräch nicht mehr ganz so widerspenstig zu geben, wäre der erste Schritt getan. Vielleicht konnte sie ihn wie durch Zufall mitbekommen lassen, dass sie sich für ein Thema interessierte, das auch ihn interessierte. Ich muss in die Bibliothek, dachte sie sich: Ich bin eine Slytherin, Interesse für die dunkle Seite der Magie sollte nicht zu merkwürdig wirken. Und vielleicht kann ich mich damit auf eine Art und Weise interessant machen, die ihn vergessen lässt, dass wir uns hassen.

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