III.1 - Der innere Kreis


„Ich soll dir beweisen, dass ich würdig bin?“

Ungläubig starrte Hermine auf Tom hinab, der auf ihrem Bett saß und sie anlächelte, als könnte ihn kein Wässerlein trüben. Es war unfassbar, mit welcher Selbstverständlichkeit er gerade erklärt hatte, dass er sie gerne seinem inneren Kreis, wie er es nannte, vorstellen wollte, aber nur unter der Bedingung, dass sie sich als würdig erwies.

„Wozu habe ich Abraxas gefoltert?“, verlangte sie zu wissen: „Ich dachte, das war das Aufnahmeritual?“

Tom lächelte noch immer: „Ein Teil davon. Damit hast du mir bewiesen, dass du grausam sein kannst. Jetzt musst du mir beweisen, dass du intelligent bist und einen Mehrwert für unsere Sache darstellst.“

„Einen Mehrwert für … Tom, das kann nicht dein Ernst sein.“

Er brauchte tatsächlich noch einen Beweis dafür, dass sie intelligent war? Hatten all die Wochen, die sie gemeinsam Unterricht gehabt hatten, nicht als Beweis ausgereicht? Hatte sie ihm nicht wieder und wieder bewiesen, dass sie nicht nur eine mächtige Hexe war, sondern auch in der Lage, komplexe Konzepte rasch zu begreifen? Immerhin hatte sie die Meditation schnell erlernt und wäre beinahe zum Ziel gelangt.

Misstrauisch zog sie die Augenbrauen zusammen: „Mussten die anderen das auch tun?“

Toms Lächeln wurde tatsächlich noch breiter: „Natürlich nicht. Das sind Männer, die ich schon seit dem ersten Jahr in Hogwarts kenne. Ich kann ihre Intelligenz einschätzen, ohne auf so ein unelegantes Mittel wie Beweise zurückgreifen zu müssen.“

Zischend stieß Hermine die Luft aus. Er wollte sie provozieren und es gelang ihm grandios. Wenn man sich über ihre Fähigkeiten, insbesondere über ihre Intelligenz lustig machte, reagierte sie empfindlich. Hermine wusste, dass sie klug war, aber ihr Selbstbewusstsein war nicht groß genug, das auch wirklich mit jeder Faser ihres Körpers zu spüren. So bot sie eine ideale Angriffsfläche für alle, die sie auf dieser Ebene beleidigen wollten.

„Schön“, presste sie angespannt hervor: „Wie soll ich es dir beweisen? Und bis wann?“

„Och, das Wie ist ganz dir überlassen“, entgegnete Tom, als würde er sich kein Stück dafür interessieren: „Und wann. Tja, lass mich überlegen. Ich will Samstag eine kleine Versammlung einberufen, also wäre es bis dahin gut.“

Sprachlos blieb Hermine stehen. Heute war Donnerstag, sie hatte also genau zwei Tage Zeit, sich irgendetwas einfallen zu lassen. Warum veranstaltete er diesen ganzen Zirkus? Was war sein Motiv? Entschlossen, ihm nicht noch mehr Nahrung für seine Sticheleien zu liefern, nickte sie bloß: „Alles klar. Dann werde ich mich sofort in die Bibliothek begeben, um mir etwas Passendes einfallen zu lassen.“

„Nur zu, mein Herz“, lächelte Tom: „Nur zu.“

Am liebsten hätte sie ihm das überhebliche Grinsen aus dem Gesicht geschlagen, doch Hermine beherrschte sich. Sie selbst provozierte ihn gerne, also war es wohl unvermeidlich, dass er dasselbe auch gelegentlich tat. Immer noch vor Wut schnaubend griff Hermine nach einer Rolle Pergament und ihren Schreibutensilien, um dann ihren Worten getreu direkt zur Bibliothek zu gehen.

 

oOoOoOo

 

Zum wiederholten Male bemerkte Hermine, dass ihre Atmung angestrengt wurde. Immer, wenn sie sich konzentrierte, neigte sie dazu, zuerst den Atem lange anzuhalten und ihn dann mit einem stöhnenden Geräusch heraus zu lassen. Sie legte die Feder weg, holte tief Luft und streckte sich. Seit gestern Abend hatte sie jede freie Minute in der Bibliothek verbracht, dennoch war es ihr nicht gelungen, irgendetwas zu finden, was Tom hinreichend beeindrucken würde. Doch noch war sie absolut ratlos, so dass sie vor lauter Frust sogar angefangen hatte, in einem Lehrbuch für Siebtklässler zu blättern, das auf die UTZ-Prüfungen vorbereiten sollte.

Sie war schon deutlich über die Mitte hinaus, als ihr Blick bei einem Kapitel hängen blieb. Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken. Sie kannte diesen Zauberspruch. Sie hatte ihn selbst bereits verwendet. Er war komplex, aber nicht unmöglich, auch wenn er auf UTZ-Niveau war. Unfähig zu einer Reaktion starrte sie den Zauberspruch an.

Sie konnte hier in der Vergangenheit nichts ändern, was sie auf die Zukunft stark auswirken würde, denn nur, wenn alles exakt gleich blieb, würde sie wieder mit dem Zeitumkehrer in der Kammer des Schreckens ihr eigenes Bild berühren. Es war unmöglich, dass sie etwas änderte. Wenn sie nun also diesen Zauber hier an Tom verriet, um ihn zu beeindrucken, würde das etwas ändern? Oder würde alles gleich bleiben, weil er tatsächlich überhaupt erst durch sie von diesem Zauber erfahren hatte?

Der Schweiß brach ihr aus.

Hatte Tom womöglich wirklich nur durch sie vom Proteus-Zauber erfahren? Hatte sie jetzt überhaupt noch die Möglichkeit, ihm nicht davon zu erzählen? Die Idee war da und sie brauchte dringend etwas, um seine Aufgabe zu erfüllen. Wusste sie irgendetwas über die historischen Umstände, das ihr helfen könnte?

Verzweifelt grub Hermine in ihrem Gehirn, doch sie fand keine Antwort. Wusste überhaupt jemand, wann Tom den Zauber das erste Mal benutzt hatte? Das dürfte höchstens einigen wenigen Todessern bekannt sein, die es gewiss nicht preisgegeben hatten.

Es wäre ein Geniestreich, so viel stand fest. Wenn Hermine ihm diese Idee präsentierte, würde er beeindruckt sein, er konnte gar nicht anders. Dennoch konnte sie die Übelkeit nicht aufhalten, die sich in ihr breit machte. Wie tief war sie wirklich in dem Ganzen verstrickt? Was hatte Tom ihr alles zu verdanken? Erst hatte sie ihn unwissentlich auf den mächtigen Schildzauber aufmerksam gemacht, nun würde sie ihm vom Proteus erzählen? Wenn sie nie die Zeitreise angetreten wäre, wäre Tom dann vielleicht niemals das Monster geworden, das er in ihrer Zeit war? Hätte er ohne sie seine Macht entfesseln können? Würde er ohne sie eine so leichte Organisation seiner Anhänger umsetzen können?

Entschlossen klappte Hermine das Buch zu und ging zur Bibliothekarin, um es auszuleihen. Es brachte nichts, darüber nachzugrübeln. Sie musste tun, was sie tun musste. Und je mehr sie wusste, je tiefer sie selbst mit drin steckte, umso leichter würde sie Tom in der Zukunft zu Fall bringen können. Ihr eigenes Portrait hatte ihr lachend zugewunken und die Daumen hochgestreckt, also musste sie ja irgendetwas richtig gemacht haben, ehe sie die Zeitreise vorbereitet hatte.

 

oOoOoOo

 

Tom hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass Hermine irgendetwas von Bedeutung produzieren würde. Er hatte den Test selbst gar nicht so ernst gemeint. Weniger das Ergebnis zählte für ihn, als viel mehr, dass sie ihm zeigte, wie viel Energie sie bereit war zu investieren. Dass sie seit seiner Aufgabenstellung die Bibliothek quasi nicht mehr verlassen hatte, war Einsatz genug. Doch sie hatte ihn wieder überrascht.

Sie hatte ihm ein Ergebnis präsentiert, das von unschätzbarem Wert war.

Nachdenklich ließ er seine langen Finger über das Lehrbuch gleiten. Es war bereits tief in der Nacht, Hermine war längst wieder in ihrem eigenen Zimmer, doch Tom konnte nicht schlafen. Es gefiel ihm nicht, dass sie nun zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit etwas zu seiner Sache beigetragen hatte, was er gebraucht, aber selbst nicht gefunden hatte. Wie gelang ihr das nur, obwohl sie so offensichtlich weniger klug war als er?

Er hob das Buch hoch und warf es in die Luft. Immer wieder warf er es hoch und fing es wieder auf. Wütende Energie jagte durch seine Adern. Wieso war er nicht von alleine darauf gekommen?

Zornig schleuderte er das Buch gegen die Wand. Wie machte sie das bloß? Warum übersah er diese Dinge ständig? Wie konnte sie besser sein als er?

Schwer atmend ließ er sich auf sein Bett fallen, alle viere von sich gestreckt, und starrte an die Decke. Er kannte diese Wut, die immer in ihm aufstieg, wenn er etwas nicht begreifen konnte. Seit er Hermine kannte, war sie ein häufiger Begleiter. Sie war etwas Besonderes und er war sich schon lange darüber im Klaren, dass er sie an seiner Seite mochte. Dennoch machte sie ihn so oft so wütend, dass er sie am liebsten umbringen würde. Eine gefährliche Mischung.

Sie hatte den Schlüssel zu seinen Problemen, von denen sie nicht einmal wissen konnte, in einem einfachen Lehrbuch gefunden. Es war wirklich lachhaft.

Ruckartig setzte er sich auf.

War es lachhaft? Lag da nicht das eigentliche Problem? War das nicht der Grund allen Übels? Sie hatte den Schildzauber in einem Lehrbuch gefunden, das er ihr gegeben hatte. Sie hatte den Proteus in einem normalen Lehrbuch für die UTZ-Prüfungen gefunden. Sie hatte sich die Inhalte von Lehrbüchern zu Nutze gemacht. Etwas, was er nie tun würde.

Er war nie auf die Idee gekommen, dass etwas so simples wie ein Lehrbuch irgendetwas von Wert für ihn bereithalten könnte. Es waren nur Lehrbücher, verfasst von einfachen Zauberern für einfache Schüler. Er war nicht einfach, er war besonders. Nichts in den Lehrbüchern konnte ihn beeindrucken.

Und da lag offensichtlich sein Fehler.

In beiden Fällen war es nicht der Zauber selbst gewesen, der beeindruckend war, sondern das, was er selbst, Tom Riddle, daraus gemacht hatte. Oder, im Falle des Proteus, machen würde. Selbst der schlichteste Zauber, den ein Erstklässler schon lernt, konnte mächtig sein, wenn jemand mit seinem brillanten Verstand ihn anzuwenden wusste. Das war der Unterschied.

Über sich selbst lachend faltete Tom seine Beine zum Schneidersitz. Er hatte sich zu stark darauf konzentriert, besondere Bücher aus der Verbotenen Abteilung zu lesen, weil er davon ausgegangen war, dass die normale Schullektüre ihm nichts mehr beizubringen hatte. Nun musste er sich eingestehen, dass das ein Denkfehler gewesen war. Selbst er konnte nicht alle existierenden Zauber kennen, und aus der richtigen Perspektive war jeder Zauber für ihn interessant.

Hermine hatte ihm den Zauber gezeigt und ihre Ideen dazu dargelegt. Sie hatte merkwürdig zurückhaltend gewirkt, als hätte sie noch mehr auf Lager, wollte es aber nicht preisgeben. Vielleicht hatte sie Angst davor, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Was auch immer es war, Tom war es egal. Er hatte schon Sekunden nach ihrem Vorschlag eine genaue Vorstellung davon gehabt, was er mit dem Zauber anfangen würde.

Er musste sich beeilen, um die Idee spruchreif zu bekommen für das Treffen am nächsten Tag. Er musste ihn leicht abwandeln, mit einem anderen Zauber kombinieren und ihm eine Form geben, die ihm gefiel. Letzteres würde der schwierigste Teil werden. Genervt fuhr er sich durch seine Haare. Er war Stratege, er wusste, wie die Welt aussehen sollte. Er war kein Künstler. Trotzdem war ihm bewusst, wie wichtig es war, dass er von Anfang an die richtige Form wählte. Wenn alles so lief, wie er sich das vorstellte, würde er mit dem Proteus weit mehr anrichten, als Hermine sich in ihren kühnsten Träumen vorstellen konnte.

Zielstrebig griff er nach Pergament und Tinte und begann zu zeichnen. Er war kein guter Zeichner, doch er musste es versuchen. Noch war kein Zauber erfunden, der Ideen aus dem Kopf auf ein Blatt Papier brachte. Wenn die Form stand, konnte er sich daran machen, den Zauber zu verändern und für seine Zwecke anzupassen. Und dann …

Hermine würde sich freuen. Er würde sie morgen in seinen innersten Kreis einladen, ganz offiziell, und sie würde die Erste sein, an der er seinen Zauber ausprobieren würde. Es war nur Recht, dass ihr diese Ehre zu Teil wurde, schließlich hatte sie ihn überhaupt erst darauf aufmerksam gemacht. Wenn sie es überlebte, würde er auch Abraxas und Rufus einweihen. Die übrigen seiner so genannten Freunde würden vorerst nichts davon erfahren. Obwohl er sorgfältig ausgewählt hatte, wen er einweihte, wollte er doch zunächst die Alltagstauglichkeit testen, ehe er zu viel auf eine Karte setzte.

Zufrieden schaute er auf das Pergament. Das entsprach nicht ganz seiner Idee, aber es brachte zum Ausdruck, worum es ging. Nur darauf kam es an. Jetzt musste er bloß noch einen Zauber erschaffen, mit dem er den Proteus so einsetzen konnte, wie er es wollte.

Über Hogwarts ging bereits die Sonne wieder auf, ehe Tom erschöpft einschlief, seinen Zauberstab noch in der Hand, aber mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen. In nur einer Nacht war ihm gelungen, wofür gelehrte Professoren angeblich Jahre brauchten. Er hatte einen neuen Zauber erschaffen. Wenn die Zeit reif war, würde man auf der ganzen Welt erzittern vor dem, was er in dieser Nacht vollbracht hatte.

Und alles hatte er Hermine zu verdanken.

Er sollte sie wirklich dafür belohnen. Und sie musste bestraft werden dafür, dass sie ihn schon wieder bloßgestellt hatte. Vielleicht war es gut, dass der Zauber so schmerzhaft war. Es würde ihr eine Lehre sein. Mit diesen Gedanken schlief Tom ein, zum ersten Mal seit langer Zeit zufrieden mich sich selbst und glücklich. Sein Leben lief gut. Die Zukunft sah prächtig aus.

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