III.2 - Auf Messers Schneide

Nervös stand Hermine vor dem großen Spiegel in ihrem Schlafzimmer und zupfte an ihrer Frisur. Der heutige Abend würde über die Zukunft ihrer Beziehung zu Tom Riddle entscheiden, zumindest hatte sie fest vor, ihn dafür zu nutzen. Zunächst musste sie einen Weg finden, ihm zu zeigen, dass es keinen Grund gab, sie heimlich still und leise verschwinden zu lassen. Das war nach den vergangenen Ereignissen schon Herausforderung genug. Doch wenn sie sich geschickt anstellte, konnte sie vielleicht auch den Grundstein für eine positivere, vielleicht irgendwann sogar freundschaftliche Beziehung legen. Wobei Freundschaft im Zusammenhang mit Riddle definitiv das falsche Wort war - vielleicht sollte sie lieber Verbündete sagen? Oder gar Unterstützerin? Wie auch immer, sie musste ihm deutlich machen, dass sie eigentlich nicht seine Feindin war.

Zum wiederholten Male ließ Hermine ihren Blick über ihr Spiegelbild gleiten. Sie musste zugeben, sie liebte die Mode der vierziger Jahre. Diese weiblichen Kleider, die eine schmale Taille betonten und dann in einem weiten, schwingenden Rock bis über die Knie fielen, waren ganz nach ihrem Geschmack. So sehr sie für den Alltag ein schlichtes Shirt mit Jeans bevorzugte, so sehr schlug ihr Herz jetzt höher, da sie sich so ausnehmend weiblich vorkam. Sogar ihre Frisur hatte sie nach vielen missglückten Anläufen in die typischen, sanften Wellen dieser Zeit zwingen können. Die smaragdgrüne Farbe ihres Kleides stand ihr überraschend gut und sie bereute, in ihrer Zeit so stark auf die Hausfarben von Gryffindor gesetzt zu haben.

Ein Blick auf die magische Uhr sagte ihr, dass es an der Zeit war, sich dem Feind zu stellen. Sie holte tief Luft, griff nach ihrer kleinen Handtasche, und begab sich durch den langen Gang zum Gemeinschaftsraum. Sie wusste, dass um diese Zeit viele Mitschüler anwesend sein würden, und so nutzte sie den Weg dorthin, um eine unnahbare, überlegene Ausstrahlung aufzubauen, damit sie ohne zu erröten in die Menge treten konnte. Es war irrelevant, was andere über sie und ihr Aussehen denken mochten, wichtig war nur, dass sie Riddle an diesem Abend den Gefallen tat und sich gut an seinem Arm machte.

Kurz blieb sie stehen, starrte die große, schwere Holztür vor sich an, und musste darum kämpfen, wirklich den Mut zu finden, den Gemeinschaftsraum zu betreten. Sobald sie durch diese Tür ging, musste sie vollkommen in ihrer Rolle als Hermine Dumbledore, der Slytherin-Schülerin, aufgehen, da waren Unsicherheit oder Zurückhaltung fehl am Platze. Zu ihrer Verwirrung bemerkte sie, dass sie hoffte, dass Riddle bereits da war. Es war ein komisches, paradoxes Gefühl, dass sie tatsächlich lieber an seiner Seite als vollkommen alleine sein wollte. Ein weiteres Mal atmete sie tief ein, reckte ihr Kinn störrisch vor und trat durch die Tür.

Der Raum war tatsächlich voll, doch zu ihrer Erleichterung stand Riddle mit Abraxas bereits in der Nähe des Ausgangs und wartete offenbar auf sie. Ohne sich um die missgünstigen Blicke der anderen Schülerinnen zu kümmern, schritt sie mit erhobenem Haupt durch die Menge auf die beiden jungen Männer zu. Abraxas hatte sie sofort bemerkt, doch statt ihr wie erwartet ein Lächeln zuzuwerfen, war eine merkwürdige Unsicherheit über sein Gesicht geflackert, ehe er Riddle auf sie aufmerksam gemacht und sich dann weggedreht hatte. Schon die letzten Tage war ihr aufgefallen, dass Abraxas auffällig zurückhaltend, teilweise sogar ablehnend ihr gegenüber gewesen war, und dieses Verhalten jetzt setzte dem Ganzen eine Krone auf. Sie konnte nur vermuten, dass Riddle irgendetwas zu seinem Freund gesagt hatte. Darum bemüht, ihre Verunsicherung darüber zu verbergen, trat sie zu den beiden Männern hinzu.

"Miss Dumbledore! Sie sind heute Abend eine wahre Zierde! Ich kann mich glücklich schätzen, dass eine Frau wie Sie sich dazu herabgelassen hat, mich zu dieser kleinen Feier zu begleiten!", begrüßte Riddle sie, während er mit einem spöttischen Lächeln ihre Hand ergriff und sie mit einer angedeuteten Verbeugung an seine Lippen führte. Ungeduldig richtete Hermine sich noch ein wenig stolzer auf: "Es freut mich, dass Sie das so sehen."

Endlich drehte sich auch Abraxas zu ihr um: "Hermine", sagte er so knapp, dass es kaum als höfliche Begrüßung durchgehen konnte, doch sie wollte ihn nicht in Gegenwart von Riddle in Verlegenheit bringen, und so erwiderte sie mit einem leichten Kopfnicken nur: "Abraxas."

Mit einer weiteren, leichten Verbeugung hielt Riddle ihr den Arm hin: "Wollen wir aufbrechen? Ich bin stets ein wenig früher da, um schon einige Worte mit Professor Slughorn wechseln zu können, ehe seine Aufmerksamkeit zu sehr abgelenkt wird."

"Sehr gerne", stimmte Hermine zu, während sie der Aufforderung nachkam und sich bei ihm unterhakte. Abraxas jedoch schüttelte den Kopf: "Geht ihr nur schon voraus, ich werde auf die anderen warten."

"Ganz wie du willst", erwiderte Riddle und ehe Hermine protestieren konnte, führte er sie aus dem Gemeinschaftsraum. Obwohl ihr das Alleinsein mit Riddle stets unheimlich war, so war sie an diesem speziellen Abend doch froh, nicht mehr in voller Sicht der anderen Schüler sein zu müssen. Sie hatte das offensichtliche Starren aller Anwesenden nur zu deutlich gespürt. War es wirklich so bedeutend, dass Riddle sie als Begleitung auserkoren hatte?

Kaum waren sie außer Hörreichweite, erkundigte Riddle sich kalt: "Ich hoffe, du hast nicht vor, mich heute Abend zu blamieren?"

Überrascht hob Hermine eine Augenbraue: "Warum sollte ich?"

"Du warst die ganze Woche über auffällig unauffällig und zurückhaltend", antwortete er ernst: "Das passt nicht zu dem, was ich bisher von dir gesehen habe. Die einzig logische Erklärung dafür ist, dass du etwas planst."

Sie rümpfte die Nase: "Schließ nicht von dir auf andere, Riddle. Wenn du es genau wissen willst ... ich habe kein Interesse daran, mich ständig von dir bedrohen zu lassen. Ich hätte nicht gedacht, dass mein Verhalten dich so stark provozieren würde. Wo ich herkomme, ist sowas eher unbedeutend. Die Lektion habe ich gelernt. Ich werde künftig besser aufpassen."

"Du nimmst hoffentlich nicht wirklich an, dass ich dir einfach so glaube, dass du mich plötzlich magst, oder?"

"Das habe ich auch nie gesagt", erwiderte Hermine genervt: "Du hast dich mir gegenüber bisher noch nicht sympathisch präsentiert. Ich habe nur einfach keine Lust auf unbedeutende kleine Feindschaften mit Mitschülern. Sowas lenkt nur ab und ganz ehrlich, ich habe keine Zeit dafür."

Sie konnte sehen, wie er bei den Worten unbedeutend und klein zusammenzuckte. Gut. Es war ihr nur Recht, wenn er den Eindruck bekam, dass sie ihm keine Bedeutung zumaß. Mit einem kaum sichtbaren Lächeln auf den Lippen schritt Hermine neben ihm her. Riddle war ebenfalls verstummt, doch es dauerte nicht lange, bis er den Gesprächsfaden wieder aufnahm: "Es stimmt nicht, was du sagst. Ich war freundlich und höflich zu dir, ich habe dir meine Hilfe angeboten und immer wieder versucht, Konversation mit dir zu betreiben. Du warst diejenige, die von Anfang an abgeblockt hat."

"Du hast deine Freundlichkeit nie ernst gemeint. Ich misstraue Menschen, die mit solcher Leichtigkeit eine Maske aufsetzen können und sich charmant geben."

Sie konnte spüren, wie sich Riddle neben ihr verkrampfte, doch obwohl seine nächsten Worte nicht freundlich waren, behielt er einen lockeren Plauderton bei: "Du solltest froh sein, dass ich mich charmant gebe - gerade du. Immerhin kennst du auch die andere Seite von mir und ich hatte nicht den Eindruck, dass sie dir gefallen hat. Oder täusche ich mich da? Gefällt dir sowas am Ende?"

Ein Schauer lief Hermine über den Rücken, als sie sich daran erinnerte, wie sehr es ihm gefallen hatte, sie zu demütigen: "Gewiss nicht."

"Zu schade", murmelte er mit einem gehässigen Grinsen, doch ehe sie darauf etwas erwidern konnte, hatten sie den kleinen Saal, in dem Slughorn seine Feier abhalten wollte, erreicht. Riddle trat vor und klopfte an.

"Ah, Tom!", wurde er freudig begrüßt, kaum dass die Tür sich geöffnet hatte: "Und was sehe ich? Miss Dumbledore! Dass ich das noch erleben darf! Sie haben tatsächlich endlich die Vorzüge des anderen Geschlechts erkannt und sich eine Begleitung gesucht? Ich freue mich außerordentlich, Sie zu sehen, meine Liebe. Wirklich, ganz außerordentlich."

Lächelnd reichte Hermine ihrem Professor die Hand, während Riddle freundlich erwiderte: "Es war ganz allein Ihr Verdienst, Professor. Wenn Sie das Talent von Miss Dumbledore anerkennen, wer wäre ich, dass ich es Ihnen nicht gleich täte? Eine intelligente Frau an meiner Seite weiß sogar ich zu schätzen."

Hermine konnte sehen, dass das Kompliment bei Slughorn auf fruchtbaren Boden fiel. Dem Professor gefiel es offensichtlich schon in jüngeren Jahren, wenn man seine sozialen Talente erwähnte und lobte. Ebenfalls fiel ihr erneut auf, wie flüssig Riddle diese charmanten Kleinigkeiten kamen und wie natürlich sie sich aus seinem Mund anhörten. Wenn er nicht so ein Scheusal gewesen wäre, hätte sie ihn dafür bewundert.

„Mr. Riddle!“, warf sie gespielt irritiert ein: „Sie sollten mir nicht so schmeicheln, am Ende werde ich eingebildet!“

„Ah, ihr jungen Hüpfer!“, rief Slughorn erfreut aus: „Es ist schön zu sehen, dass Sie sich so gut verstehen. Insbesondere“, fügte er mit einem Augenzwinkern zu Hermine hinzu: „Insbesondere wenn man bedenkt, wie abgeneigt er weiblicher Gesellschaft bisher war. Sie müssen wissen, Miss Dumbledore, unser guter Tom hier hat es bisher stets abgelehnt, zu meiner Feier mit einer Begleitung zu erscheinen. Und er ist immerhin seit drei Jahren Stammgast hier!“

„Vielleicht habe ich nur stets auf die richtige Frau gewartet?“, gab Tom mit einem unverbindlichen Lächeln zurück.

„Vielleicht hat er einfach nie einem Mädchen die Chance gegeben, ihren Verstand unter Beweis zu stellen!“, widersprach Hermine, während sie ein ebenso unverbindliches Lächeln aufsetzt.

„Oh, meine Liebe“, sagte Slughorn kopfschüttelnd, ehe er beide einlud, mit ihm in der kleinen Sofaecke am anderen Ende des Raumes Platz zu nehmen: „Da muss ich mich leider auf die Seite von Tom stellen, so schwer es mir auch fällt, einer so schönen Frau wie Ihnen zu widersprechen. Ich unterrichte nicht erst seit gestern und vor Ihnen habe ich leider nie eine Schülerin gehabt, die in meinem Fach herausragend gewesen wäre.“

„Aber finden Sie nicht, Professor“, entgegnete Hermine mit einem strahlenden Lächeln, „dass es etwas hart wäre, die Intelligenz einer Schülerin lediglich an einem Schulfach fest zu machen, so bedeutend es auch sein mag?“

„Oho!“, kam es überrascht von Slughorn: „Nicht nur schön und intelligent, sondern auch scharfzüngig! Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht zu viel zugemutet haben, Tom? Miss Dumbledore scheint Ihnen auf allen Gebieten ebenbürtig.“

Ein fröhliches Lachen erfüllte den Raum nach dieser Bemerkung, doch Hermine spürte, wie sich Tom auf dem Sofa neben ihr verspannte. Offensichtlich gefiel es ihm nicht, wie begeistert Slughorn sich von ihr zeigt, und Hermine wollte nicht riskieren, dass er ohne ihr Zutun weitere Wut gegen sie entwickelte.

„Sie schmeicheln mir, Professor!“, sagte sie rasch: „Sie sollten eine Schülerin nicht so mit Komplimenten überschütten, nur um der Komplimente Willen. Wenn Sie ganz ehrlich sind, würden Sie mich nicht auf dieselbe Stufe stellen wie Mr. Riddle. Wir wissen doch, dass er uns allen überlegen ist.“

„Das ist das erste Kompliment, dass ich von Ihnen zu hören bekomme“, kommentierte Tom, ehe Slughorn etwas erwidern konnte. Sein Gesichtsausdruck war nicht lesbar, noch immer klebte das falsche Lächeln darauf, doch Hermine war sich sicher, dass er verwirrt war und versuchte herauszufinden, ob sie ihre Aussage ernst meinte oder ihn nur wieder hinterrücks provozieren wollte.

„Ah, Sie kennen mich nach so wenigen Tagen schon so gut, Miss Dumbledore?“, lachte Slughorn und rieb sich den Hinterkopf: „Sie haben wohl Recht, im Überschwang des Komplimentes habe ich Tom Unrecht getan. Der steckt uns alle in die Tasche.“

Ehe das Gespräch fortgeführt werden konnte, ertönte ein Klopfen an der Tür und Slughorn sprang auf: „Ich fürchte, die übrigen Gäste treffen gerade ein. Wir werden mehr Zeit für unsere interessante Unterhaltung haben, sobald alle zu Tisch sitzen. Entschuldigen Sie mich bitte bis dahin.“

Tom und Hermine erhoben sich ebenfalls, während Slughorn mit raschen Schritten zur Tür eilte.

„Was planst du?“, flüsterte Tom ihr zu, während beide beobachteten, wie Slughorn die Gäste begrüßte.

„Ich plane gar nichts“, wiederholte Hermine ernst, „ich hatte den Eindruck gewonnen, dass dir nicht gefiel, wie sehr mich Slughorn gelobt hat. Also habe ich ihn dazu gezwungen, die Wahrheit zu sagen.“

„Die Wahrheit?“

„Natürlich!“, entgegnete sie ungeduldig und drehte sich vollständig zu ihm um: „Denkst du ernsthaft, Slughorn wertet mich genauso hoch wie dich? Nicht nur, dass er mich erst seit wenigen Tagen kennt, nein, du bist einfach sein Lieblingsschüler, der wieder und wieder bewiesen hat, dass er herausragende schulische Leistungen bringt. Natürlich waren seine Worte an mich nur als Komplimente gedacht. Es waren Worte, wie sie ein charmanter, höflicher Gentleman einer Dame eben sagt. Gerade du solltest das doch wissen.“

„Schön.“

Schweigend hielt er ihr seinen Arm hin, den sie annahm, um sich von ihm zu ihren Plätzen an der großen, runden Tafel zu führen, an der das Abendessen eingenommen werden würde. Sie wartete, bis er ihr den Stuhl zurecht gerückt hatte, dann ließ sie sich so elegant es ihr möglich war wieder.

„Fakt bleibt jedoch, dass du dich bisher nicht viel darum gekümmert hast, mich zu besänftigen. Warum jetzt plötzlich?“, griff Tom den Gesprächsfaden wieder auf, solange die übrigen Gäste noch mit dem üblichen Smalltalk beschäftigt waren.

„Fällt es dir so schwer zu glauben, dass ich einfach besseres zu tun habe, als ständig mit dir aneinander zu geraten?“, antwortete Hermine mit einer Gegenfrage: „Denkst du wirklich, ich schätze unsere kleine Fehde?“

Tom reagierte mit einem langen, abschätzenden Blick, dann endlich erschien ein Lächeln auf seinen Lippen, das Hermine als sehr selbstgefällig einschätzte.

„Du bist also zur Vernunft gekommen? Du hast eingesehen, dass du gegen mich nicht gewinnen kannst?“

„Denk, was du willst“, zischte Hermine, die sich nicht zu unterwürfig zeigen wollte: „Ich werde bestimmt kein Speichellecker. Ich schätze nur einfach Ruhe mehr als … Krieg.“

„Speichellecker?“, wiederholte Riddle mit erhobener Augenbraue: „Wahrlich, Miss Dumbledore, du überraschst mich immer wieder mit äußerst unpassendem Vokabular. Spricht man in Amerika so?“

Errötend blickte Hermine auf ihre Hände. Sie hatte selbst stets Wert auf einen guten Umgangston gelegt, dennoch fiel es ihr schwer, sich der polierten Sprache dieser Zeit stets und ständig anzupassen.

„Nein“, erwiderte sie schließlich, „das ist wohl eher meinem Umfeld geschuldet.“

Ehe Tom eine weitere, spöttische Bemerkung machen konnte, gesellten sich die übrigen Gäste an den Tisch. Zu Hermines Bedauern nahm Slughorn neben ihr Platz, während Abraxas sich neben Tom setzte. Die Runde war größer als zu ihrer Zeit, doch im Gegensatz zu ihren vorigen Erfahrungen wirkte diese Gesellschaft weniger angespannt. Oder vielleicht erschien es ihr auch nur so, weil höfliches, zurückhaltendes Tischgeplauder zu dieser Zeit üblicher war und entsprechend von allen beherrscht wurde, wohingegen in ihrer Zeit die meisten Schüler vollkommen überfordert davon waren.

Hermine zog es vor, den Gesprächen soweit es ging nur zu lauschen und sich nicht selbst einzubringen. Sie wollte beobachten, wie diese Schüler mit Riddle interagierten, wie er sich selbst gab – und vor allem wollte sie keine unbedachten Äußerungen tätigen. Doch der Abend verlief so harmlos und vor allem belanglos, dass sie bald schon anfing, sich zu langweilen.

Als Slughorn die Tafel schließlich aufhob, beschloss Hermine kurzer Hand, noch einen Augenblick länger zu verweilen. Ihr war eine Idee gekommen, doch sie hatte nicht genug Ahnung von den Standards dieser Zeit. Ein weltgewandter Professor wie Slughorn würde ihr da sicher helfen können.

„Wollen wir?“, fragte Tom mit vollendeter Höflichkeit, doch Hermine schüttelte entschlossen den Kopf: „Ich würde gerne noch ein paar Worte mit Professor Slughorn wechseln. Privat. Geh nur voraus, ich finde den Weg.“

Misstrauisch musterte er sie von Kopf bis Fuß, doch da er selbst oft genug nach den abendlichen Geselligkeiten noch zurück geblieben war, zuckte er schließlich mit den Schultern und verabschiedete sich.

„Ah, Miss Dumbledore!“, rief Slughorn überrascht aus, nachdem er die Tür hinter Riddle geschlossen hatte: „Sie sind noch hier? Kann ich Ihnen helfen?“

„In der Tat, das können Sie, Professor!“, sagte sie mit einem warmen Lächeln: „Wissen Sie, Mr. Riddle ist rührend darum bemüht, mich in die Slytherin-Hausgemeinschaft zu integrieren, doch ich will meinen eigenen Teil dazu beitragen.“

Langsam schritt sie um den großen, runden Tisch herum, ehe sie stehen blieb und Slughorn mit aufgesetzter Schüchternheit anschaute: „Denken Sie, Professor, dass es merkwürdig wäre, wenn ich eine kleine Salon-Runde aufmachen würde? Bei uns in Amerika ist es durchaus üblich, dass Damen regelmäßig eine kleine Gesellschaft geben, eine Art Zusammentreffen, ganz, wie Sie es hier geben.“

Slughorns zuvor verwirrte Miene hellte sich auf: „Oh, gewiss wäre das nicht merkwürdig, Miss Dumbledore! Die Zeiten der Salons mögen vorbei sein, aber ich würde alles darum geben, wenn sie zurückkehren würden. Tun Sie das nur! Ich bin mir sicher, wenn Sie Tom einladen, werden auch viele andere ihrer Einladung folgen. Und ich schätze, falls Sie mir diese Bemerkung erlauben“, sagte Slughorn mit einem verschwörerischen Zwinkern, „ich schätze, Tom wird sich gerne ihrer Gesellschaft anschließen. Er scheint Ihnen Recht zugetan.“

Hermine erlaubte sich ein kokettes Kichern ob dieser Bemerkung, ehe sie bescheiden erwiderte: „Professor, Sie sollten mich nicht so aufziehen.“

„Ich hoffe, Ihnen hat der Abend gefallen?“, wechselte Slughorn das Thema, der plötzlich selbst ein wenig rot geworden war.

„Oh, sehr, Professor. Ich war noch zu schüchtern, um mich an der allgemeinen Konversation zu beteiligen, aber es war sehr interessant. Sie sind ein meisterhafter Gastgeber!“, lobte Hermine. Sie meinte dieses Kompliment tatsächlich ernst, denn so viel man Slughorn auch vorwerfen konnte, auf diesem Gebiet war er herausragend.

„Ah, Sie schmeicheln mir zu sehr, meine Liebe!“, entgegnete Slughorn, ohne sie direkt anzusehen. „Sehen Sie nur, wie spät es schon ist. Eine junge Frau sollte um diese Zeit nicht alleine in den Gemächern eines Mannes sein. Ab ins Bett mit Ihnen!“

Freundlich nickte Hermine ihm zu, reichte ihm zum Abschied die Hand und bedankte sich erneut wärmstens für seine Einladung und seinen Rat. Als er ihr die Tür öffnete, stellten sie beide fest, dass Riddle offensichtlich auf sie gewartet hatte.

„Ah, Tom!“, rief Slughorn überrascht aus, während er hektisch darum bemüht war, ein gelassenes Gesicht aufzusetzen. „Sie haben auf Miss Dumbledore gewartet, wie ehrenhaft von Ihnen! Sehen Sie zu, dass Sie heil im Gemeinschaftsraum ankommen!“

„Das werde ich garantiert!“, erwiderte Tom, doch da hatte Slughorn die Tür bereits wieder geschlossen. Fragend drehte er sich zu Hermine um.

„Frag mich nicht“, wehrte diese mit erhobenen Händen ab, „wir haben uns nur unterhalten, da wurde er plötzlich rot und hatte es eilig, mich loszuwerden.“

Offensichtlich unwillig, sich weiter mit diesem Thema auseinander zu setzen, wandte sich Riddle zum Gehen und Hermine folgte widerspruchslos. Ihr Weg in den Kerker war schweigend, doch zum ersten Mal seit ihrer Ankunft hatte Hermine nicht das Gefühl, dass eine akute Bedrohung von Riddle ausging. Er schien in Gedanken versunken und ihr war die Stille nur Recht. Sie war noch nicht bereit, wirklich freundlich ihm gegenüber zu werden, egal, wie wichtig es für die Zukunft vielleicht sein mochte.

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