III


Eric nahm das Essen von seinem Gegenüber entgegen und machte sich auf den Weg ins Reiterstübchen. Er konnte es nicht fassen, dass ausgerechnet Riley derjenige war, den er hier antraf.

Natürlich hatte er ihn sofort wiedererkannt - nach dessen Starren auf dem Marktplatz von Jarlaheim war das auch keine Kunst. Es war nicht so, dass dieser Kerl in irgendeiner Form abstoßend gewesen wäre, im Gegenteil, aber Eric stand im Moment einfach nicht der Kopf nach irgendeiner Art von Zweisamkeit ... nicht nach dem ganzen Mist, den er gerade erst hinter sich hatte.

Nein - Liebe, Beziehung und ähnlicher Quatsch konnten ihm erst einmal gestohlen bleiben, also warum machte er sich überhaupt einen Kopf darüber?! Darauf konnte er sich selbst keine Antwort geben.

Er schüttelte den Gedanken an Riley von sich und widmete sich stattdessen seinem Abendessen.

Johanna war wirklich ein Engel, als hätte sie geahnt, dass er schon ewig nichts Vernünftiges mehr gegessen hatte.

Nachdem Eric fertig war, lehnte er sich satt und zufrieden in seinem Stuhl zurück und schloss für einen Augenblick die Augen. Wenn er sich morgen nicht allzu blöd anstellte, hatte er wahrscheinlich über den Winter einen Job und sein Pferd ein Dach über dem Kopf. Eine Unterkunft für sich selbst würde er auch noch finden. Solange würde er eben in Wintersongs Box schlafen oder hier im Reiterstübchen, Hauptsache runter von der Straße und raus aus der eisigen Kälte.

Es schien, als wendete sich das Blatt doch langsam zum Guten. Das wurde auch Zeit, denn seit er auf der Insel war, schien er vom Pech verfolgt zu sein.

Vor ein paar Wochen hatte er herausfinden müssen, dass sein Partner ihn belogen und betrogen hatte und wohl schon länger eine andere Beziehung nebenher führte. Somit stand der Neunzehnjährige von einem Moment auf den anderen vor dem Nichts, denn er hatte für seine große Liebe alles aufgegeben, inklusive seiner alten Heimat und seiner Familie, die wenig erfreut auf sein Outing reagiert hatte.

Eric hatte das aber in Kauf genommen, seine Klamotten gepackt und war nach Jorvik gereist, um mit seinem Partner ein neues Leben zu beginnen. Das war nun gründlich schief gegangen und seitdem streunte er in der Gegend umher, auf der Suche nach einer ordentlichen Arbeit, was irgendwie nicht klappen wollte. Zwar fand er immer einen Gelegenheitsjob um sich gerade so über Wasser zu halten, aber nie für lange. Zum Glück war ihm die Misere mit seinem Ex im Sommer passiert, so hatte er draußen zelten oder einfach unter freiem Himmel schlafen können und hatte sich nicht auch noch eine Unterkunft suchen müssen.

Jetzt, gen Winter, war er allerdings in Zugzwang geraten, denn nun musste sich etwas gravierend ändern. So war er froh und dankbar, hier ein Quartier gefunden zu haben und natürlich einen Job.

Was im Frühjahr passieren würde, das stand auf einem anderen Blatt.

Gähnend streckte Eric sich, stand auf, breitete seinen Schlafsack auf dem Boden aus, kroch hinein und zog noch eine Wolldecke über sich.

Mit einem leisen Seufzen schloss er die Augen und war kurz darauf tief und fest eingeschlafen.

~~~

Nachdem Riley sich ein wenig beruhigt hatte, nahm er seinen Schlafsack und die dicke Decke, stieg hinauf auf den Heuboden und machte sich dort sein „Bett" zurecht. Das Risiko, von seinem Pferd im Schlaf zerquetscht zu werden, war ihm einfach zu groß ... da schlief es sich hier oben doch wesentlich sicherer. Mit einem letzten Gedanken an Eric, glitt Riley hinüber ins Land der Träume.

Der nächste Tag war hart für den Zweiundzwanzigjährigen, da er diese Art körperlicher Arbeit nicht gewöhnt war. Außerdem musste er sehr eng mit seinem Kollegen zusammen arbeiten, was ihn ein wenig nervös machte.

Johanna hatte noch eine Freundin angeheuert mitzuhelfen, aber die sollte eher im Haus mit anpacken.

So arbeiteten die beiden Jungs schweigend vor sich hin und als sie nach knapp zweieinhalb Stunden endlich fertig waren, hing Riley ganz schön in den Seilen, was er aber zu überspielen versuchte.

Trotzdem konnte er ein leises Stöhnen nicht unterdrücken, als er sich auf einem der riesigen Findlinge niederließ, die hier überall in der Gegend herumlagen.

Er stützte den Kopf in die Hände und starrte auf den Boden ... sein Rücken brachte ihn mal wieder um.

Nach ein paar Minuten sah er auf und seine Augen trafen Erics, der sich gegen einen Baum gelehnt hatte und seinen Kollegen schmunzelnd beobachtete. Ihm schien diese Art körperliche Arbeit nicht viel auszumachen, jedenfalls wirkte er wesentlich fitter als Riley.

„Ihr seid ja schon fertig ... sehr schön."

Als Riley Johannas Stimme hörte, unterbrach er den Blickkontakt zu Eric.

„Wir haben im Haus auch alles parat und ich wollte euch fragen, ob ihr später zum Essen rüber kommt?!", damit sah sie fragend von einem zum anderen.

Während Riley nur zustimmend nickte, sagte Eric: „Sehr gerne."

„Gut, dann sehen wir uns gegen fünf", erwiderte Johanna und wandte sich nun Sarah zu, die neben ihr stand, „Können wir?"

„Geh du schon vor, ich komm gleich nach", erwiderte ihre Freundin und warf einen Blick hinüber zu Riley. In diesem breitete sich dabei ein unangenehmes Gefühl aus und er hoffte inständig, dass dieser Kelch an ihm vorübergehen möge, aber leider war dem nicht so.

Sarah strich sich eine Strähne ihrer blonden Haare aus den Augen und steuerte den jungen Mann lächelnd an.

Neben ihm blieb sie stehen: „Harter Job, hm?"

„Na ja, geht so", brummte Riley.

Den ganzen Tag schon hatte er befürchtet, dass so etwas passieren würde, denn das Mädel war immer wieder im Stall aufgetaucht und um ihn herum geschlichen.

Dabei hatte er ihr keinen Anlass gegeben, im Gegenteil, er hatte sie nicht einmal beachtet.

„Ich könnte dich ein wenig massieren", kicherte sie.

„Nein danke, kein Bedarf", knurrte Riley sie an.

Langsam wurde er sauer, warum passierte immer ihm so etwas?

Aber Sarah war hartnäckig und ließ sich nicht abschrecken. Sie ging um den großen Stein herum, auf dem er immer noch saß, blieb hinter ihm stehen und legte ihre Hände auf seine Schultern.

Im selben Moment sprang Rye auf, als hätte ihn etwas gestochen und er funkelte die Blonde aus seinen bernsteinfarbenen Augen wütend an.

Was verstehst du an dem Wort NEIN nicht? Ich will weder eine Massage noch irgendetwas anderes von dir! Also halt dich gefälligst fern von mir und fass mich vor allem nie wieder an."

Dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort um und verschwand Richtung Stall.

Dort angekommen, ging Riley in die Box seines Pferdes, lehnte sich an Bravehearts Hals und vergrub das Gesicht für einen Moment in der Mähne des Kaltbluts. Er war so ein Idiot, wie konnte er nur dermaßen die Beherrschung verlieren?

Seufzend holte er die Trense des Wallachs und zog sie ihm über den dicken Kopf, dann führte er sein Pferd aus dem Stall.

Draußen kletterte er vom Zaun aus auf den Rücken des Kaltbluts, wendete es und lenkte es auf Sarah zu, die neben Johanna und Eric mitten auf dem Hof stand. Ihre Augen waren leicht gerötet, anscheinend hatte sie geweint.

'Ganz toll hast du das gemacht, Riley', fuhr es ihm durch den Kopf und zu Sarah gewandt sagte er: „Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht so anfahren."

Dann sah er Johanna an. „Ich reit mal ein bisschen spazieren, um den Kopf frei zu bekommen. Es tut mir leid, was vorhin passiert ist. Wartet bitte nicht mit dem Essen auf mich, ich weiß nicht, wann ich zurück bin."

Ohne eine Antwort abzuwarten, schnalzte er mit der Zunge und trieb Braveheart vom Hof.

Im gemütlichen Schritt zuckelten Riley und sein Wallach durch das Umland.

Zuerst schlugen sie die Straße runter zur Fährstation ein, die sie bei ihrer Ankunft ja schon in entgegengesetzter Richtung geritten waren,

dann passierten sie das kleine Café direkt am Hafen und trabten anschließend einen schmalen Weg hinauf, welcher sie in einer Linksbiegung zur Goldspur Farm führte.

Hinter der Mühle des Hofs verengte sich der Weg und stieg leicht an. Riley und sein Pferd folgten ihm weiter in Richtung der Vergessenen Felder, einem Teil Jorviks, der aufgrund seiner weiten, unbebauten Wiesen zu Ausritten, zum Picknicken oder Grillen einlud. Hier gab es lediglich eine verlassene Farm, ansonsten nur endlose Grasflächen, kleine Berge und den Strand.

Die Ruhe an diesem Ort war unbeschreiblich - keine Menschenseele weit und breit.

Ein wenig erinnerte ihn die Gegend an seine Heimat Firgrove, im Osten der Insel.

Dort gab es auch kaum bebaute Flächen sondern hauptsächlich Wiesen und Berge, sowie hier und da mal einen kleinen Wald ... Zumindest hatte Riley es so in Erinnerung.

Den Gedanken an sein früheres Zuhause abschüttelnd, richtete er den Blick in die Ferne und erkannte, dass er sich ganz in der Nähe von Golden Hills befand. Schlagartig wurde ihm bewusst, wie weit weg er von seinem derzeitigen Heimatstall war.

Riley trieb sein Pferd an einer flachen Stelle durch den Fluss, der sich von hier aus bis nach Moorland, im südlichen Teil der Insel, schlängelte und kurz darauf passierte er das Tor nach Golden Hills ... folgte dann dem Weg in Richtung Westkap.

Seine Schwester, Lily, lebte schon seit einigen Jahren hier in dem kleinen Fischerdorf und würde sich bestimmt freuen ihn zu sehen, das hoffte er jedenfalls.

Knappe dreißig Minuten später hielt er Braveheart vor einem kleinen Haus am Rande des Dorfes an, saß ab und klopfte an die Eingangstüre.

Es dauerte nicht lange und er hörte Schritte.

Die Tür öffnete sich und vor ihm stand eine junge Frau mit langen, dunkelbraunen Haaren: Lily. Ein strahlendes Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit, als sie ihren Bruder erkannte: „Ich glaub es ja nicht, was machst du denn hier?"

„Lange Geschichte", murmelte Riley und im nächsten Moment zog seine Schwester ihn an sich. Für einen Augenblick genoss er die Umarmung, dann löste er sich daraus und fragte: „Könnte ich ... könnten wir bis morgen bei dir bleiben? Vorausgesetzt du hast ein wenig Platz für den Dicken."

Er deutete auf sein Pferd.

„Klar, du weißt doch ich hab hinterm Haus 'nen kleinen Hof, nix Besonderes, aber für eine Nacht wird es reichen. Heu gibt's von den Kaninchen." Immer noch strahlte Lily ihn an.

Erleichtert atmete Riley auf, die Nacht war gesichert.

Zusammen brachten sie das Kaltblut auf den Hof und Riley nahm dem Pferd die Trense ab. Zum Glück hatte der Wallach schon einen dicken Winterpelz, sodass eine Nacht im Freien ihm nichts anhaben konnte, außerdem gab es einen Unterstand, der ihn zusätzlich gegen Wind und Wetter schützen würde.

Lily holte einen Ballen Heu für Braveheart und der Dicke widmete sich sofort seinem Abendessen. Ein paar Minuten stand Riley schweigend neben seiner Schwester und beobachtete sein Pferd, dann fragte er: „Könnte ich wohl mal kurz telefonieren?" Lily nickte: „Klar, komm mit."

Sie brachte Riley ins Haus und zeigte ihm, wo sich das Telefon befand.

Dann ließ sie ihn alleine und ihr Bruder wählte die Nummer des Jorvik Stalls.

Nach einem kurzen Gespräch, legte er den Hörer auf.

„So jetzt weiß Johanna wenigstens Bescheid, dass ich heute hier übernachte", er ging hinüber ins Wohnzimmer, wo Lily es sich auf dem Sofa bequem gemacht hatte, auf dem Tisch standen zwei Tassen mit Kakao.

„Setz dich", sagte sie und schob ihm eine hin.

Riley nahm einen Schluck und schloss für einen Moment die Augen, dann sah er seine Schwester an und meinte: „Erstmal danke, dass ich heute Nacht hier bleiben kann. Ich hab total die Zeit vergessen, als ich unterwegs war. Und gleich im Stockdunklen zurück zu reiten ... naja, ich hab zwar keine Angst da draußen, aber toll wäre es nicht gewesen."

Er trank einen weiteren Schluck seines Kakaos, „Ich hab heute Nachmittag richtig Mist gebaut." Zögernd erzählte er Lily, was passiert war. Diese hörte ihm aufmerksam zu und als er geendet hatte, stand sie auf, ging zum Fenster und sah hinaus.

„Tja, du kannst es nicht mehr ungeschehen machen und du hast dich bei dieser Sarah ja entschuldigt. Außerdem hast du ihr gesagt, dass du nicht willst, dass sie dich massiert und sie hat es trotzdem versucht. Wer nicht hören will ...", erwiderte sie. „Ich würde mir darüber nicht mehr den Kopf zerbrechen."

„Vielleicht hast du recht", seufzte Riley und musste gähnen.

Lily drehte sich zu ihm um: „Oh je, du brauchst wohl dringend Schlaf, Bruderherz. Komm mit, ich zeig dir dein Zimmer. Irgendeine Zeit, zu der ich dich wecken soll?"

„Wenn es geht um fünf", Riley stand auf. „Ich möchte morgen zeitig im Jorvik-Stall sein. Schließlich hat Johanna mir Arbeit aufgetragen und der möchte ich auch nachgehen."

Er brauchte diesen Job einfach.

Seine Schwester nickte, dann führte sie ihn die Treppe hinauf in ein kleines, gemütliches Zimmer.

„Schlaf gut", sie nahm ihren Bruder noch einmal in den Arm, „bis morgen früh." Damit verließ sie das Zimmer und Riley war allein. Er war wirklich total erledigt und obwohl es noch relativ früh war, legte er sich in das Bett und war kurze Zeit später eingeschlafen.

Am nächsten Morgen weckte Lily ihn eine halbe Stunde früher als besprochen, um ihm noch die Möglichkeit zu geben, unter die Dusche zu springen und in Ruhe einen Kaffee zu trinken. Sie gab ihm ein paar Sachen ihres Freundes zum Wechseln und Riley verschwand im Bad.

Anschließend versorgte er sein Pferd, während seine Schwester den Frühstückstisch fertig machte. Dann ging Lily hinauf ins Badezimmer und sammelte die schmutzige Sachen ihres Bruders ein um diese später zu waschen. Sie musste am Ende der Woche sowieso nach Jarlaheim und konnte ihm seinen Kram dann rüber zum Stall bringen.

„Was tust du da?" Rileys Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Deine Wäsche einsammeln. Ich muss nachher eh waschen, dann kann ich die mit in die Maschine packen", erwiderte sie.

„Hmmm", brummelte der Jüngere, ganz recht war ihm das nicht. Andererseits kannte er Lily zu gut und wusste, dass Widerspruch zwecklos war. „Ich muss am Freitagvormittag nach Jarlaheim, danach bring ich dir die Sachen vorbei."

Riley nickte, was blieb ihm anderes übrig: „Jaaa, ist in Ordnung. Vielleicht hab ich auch 'ne Stunde Zeit und wir können 'nen Kaffee trinken gehen." Damit ging er hinunter in die Küche, um noch schnell zu frühstücken. Die erste Fähre nach Jarla ging um halb sechs, die musste er erwischen.

Alles klappte zum Glück reibungslos und um halb sieben verließen er und Braveheart die Fähre am Zielort.

Im Galopp ging es weiter zum Stall, den er eine gute Viertelstunde später erreichte.

Er brachte den Wallach in seine Box und verschwand im Heulager, um die benötigten Ballen für die morgendliche Fütterung aufzuschneiden und zu portionieren.

 


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