III.7 - Der innere Kreis


Unglücklich saß Abraxas alleine in der Bibliothek. Schon am Montag hatte er alles getan, um Tom aus dem Weg zu gehen, und nun war er sogar vor dem Mittagessen geflohen, um mit niemandem reden zu müssen. In seinem gesamten neunzehnjährigen Leben hatte er sich noch nie so ratlos und verloren gefühlt wie jetzt. Er war als anständiger Mann erzogen worden, als jemand, der Frauen respektierte, ihnen zur Seite stand und stets auf Anstand bedacht war. Genauso hatte er sich immer viel darauf eingebildet, ein guter Freund zu sein, jene Sorte Freund, die niemals einen anderen betrügen würden.

Was er sich Hermine gegenüber erlaubt hatte, war unentschuldbar. Sie hatte ihn zurecht augenblicklich in seine Schranken verwiesen. Sie hatte zurecht darauf bestanden, dass Tom niemals von dem Kuss erfahren würde. Schon das alleine hätte ausgereicht, um ihm ein schlechtes Gewissen zu bescheren. Doch offensichtlich war es mit seiner Moral nicht weit her.

Denn wenn Abraxas ehrlich zu sich war, konnte er den Kuss nicht bereuen.

Die Beziehung zwischen Tom und Hermine war nicht so, wie er sich eine Beziehung zwischen Mann und Frau vorstellte. Gewiss, es war offensichtlich, dass sie ebenbürtige Partner waren, dass sie einander akademisch das Wasser reichen konnten. Doch jedes Mal, wenn Hermine nach außen hin zeigte, wie sehr sie Tom liebte, folgte kurz darauf irgendetwas, das genau gegenteilig war. Immer wieder konnte Abraxas nicht anders, als Angst zu entdecken. Wieso war Angst so allgegenwärtig in ihrer Beziehung? Das sollte niemals so sein. Und dass Hermine eine Schulter zum Anlehnen brauchte, dass sie zu ihm, Abraxas, kam, wenn sie am Boden war, und nicht zu Tom, sprach auch Bände.

Er verachtete sich dafür, dass er den Kuss so wenig bereute. Wenn Hermine nicht vergeben wäre, hätte er ihr schon lange mit eindeutiger Absicht den Hof gemacht. Er hätte schon lange seinen Vater informiert und über Professor Dumbledore versucht, Kontakt zu Hermines Vater aufzunehmen. Unter anderen Umständen wäre es vielleicht nicht bei einem Kuss geblieben am Sonntag.

„Du versteckst dich.“

Sein Herz setzt einen Schlag aus, ehe Abraxas realisierte, dass nicht Tom, sondern Rufus vor ihm stand. Erleichtert atmete er aus: „Nicht wirklich. Würde ich mich ernsthaft verstecken wollen, hättest du mich nicht gefunden.“

Skeptisch blickte Rufus auf ihn herab, ehe er sich einen Stuhl nahm und ungefragt zu ihm setzte. Innerlich bereitete Abraxas sich auf die Fragen vor, die sehr wahrscheinlich kommen würden.

„Was ist Sonntag wirklich geschehen?“

Er seufzte. Natürlich hatte Rufus ihn am Wochenende aus dem Gemeinschaftsraum stürzen sehen. Es war eigentlich eher seltsam, dass er erst jetzt mit seinen Fragen kam. Vorsichtig erwiderte er: „Ich glaube, ich habe Tom verärgert.“

Ein andeutungsvolles Grinsen huschte über die Lippen des anderen Jungen: „Tom verärgert? Womit? Hast du etwa seine geliebte Miss Dumbledore angerührt?“

Gegen seinen Willen wurde Abraxas rot und sofort verschwand das Grinsen aus Rufus‘ Gesicht: „Hast du?“

Gequält fuhr Abraxas sich durch seine langen Haare. Was sollte er darauf antworten? Er war viel zu aufgelöst, um seine sonst so ruhige Fassade aufbauen zu können. Schließlich nickte er erschlagen.

„Deine Dummheit kennt keine Grenzen“, zischte Rufus wütend: „Der Hut hätte dich besser nach Hufflepuff sortiert! Das kann nicht dein Ernst sein!“

Wut stieg in ihm auf. Natürlich würde Rufus ihn nicht verstehen. Rufus, der Rationale. Rufus, der noch nie verliebt war. Hitzig erwiderte er: „Wenn du in meiner Situation gewesen wärst …“

Doch augenblicklich wurde er unterbrochen: „Ich hätte mich niemals in diese Situation gebracht! Was seht ihr alle in dem Weib? Mag ja sein, dass sie für Tom etwas Besonderes ist, aber was bei Merlin hat dich dazu gebracht, ihr so sehr zu verfallen, obwohl Tom sie eindeutig als seinen Besitz markiert hat?“

Unwillig verschränkte Abraxas die Arme vor der Brust: „Gegen Gefühle kann man nichts tun.“

Höhnisch rollte Rufus mit den Augen: „Oh, ich bitte dich. Wenn Salazar Slytherin dich hören könnte, er würde sich im Grabe umdrehen! Natürlich kannst du etwas gegen Gefühle tun. Wenn du dich in Gefahr siehst, halte dich von der Person fern. Es ist immer noch deine eigene Entscheidung, wie weit du dich in eine Schwärmerei reinsteigerst!“

Abraxas ballte seine zitternden Hände zu Fäusten. Es war ja nicht so, als habe er das nicht versucht. Aber er konnte nicht aus seiner Haut. Wenn er Hermine leiden sah, konnte er einfach nicht anders, als ihr zu helfen. Leise gab er zurück: „Wenn du sie gesehen hättest …“

Rufus beugte sich vor: „Gesehen?“

Er sollte sich schäbig fühlen, dass er über intime Geheimnisse einer Frau sprach. Es stand ihm nicht zu, diese Details aus Hermines Schlafzimmer zu erzählen. Doch er musste darüber reden, und wenn nicht mit Rufus, mit wem dann? Beinahe unhörbar sagte er: „Sie hatte am ganzen Körper diese … diese Striemen. Blau und Violett. Als hätte … als hätte Tom sie gefesselt. Ich glaube … Rufus, ich habe keine Ahnung, was zwischen Hermine und Tom im … im Bett geschieht, aber ich kann einfach nicht akzeptieren, dass es zu solchen … Verletzungen führt.“

Er verstummte. Er hatte keine Worte, um zu beschreiben, was er gesehen hatte. Natürlich wusste er, was Mann und Frau im Bett zu tun hatten, doch solche Male waren nicht normal, dessen war er sich sicher. Unsicher schaute er zu Rufus, dessen Augen einen harten Ausdruck angenommen hatten. Mit kühler Stimme erklärte sein Freund: „Auch ich weiß natürlich nicht, was vorgefallen ist. Aber wenn eine Frau Züchtigung durch ihren Partner nötig hat, dann sind auch Fesseln bisweilen nicht unüblich. Hermine Dumbledore hat sich offen Tom versprochen. Wenn sie ihm nun verwehrt, was ihm gehört, ist es nur Recht, wenn er sie bestraft.“

Abraxas verschlug es die Sprache. Wie konnte Rufus so kalt darüber sprechen, dass Tom seiner Freundin vermutlich Gewalt antat? Wenn man als Mann um die Hand einer Frau anhielt, dann versprach man nicht nur, sie auf immer zu lieben, sondern sie auch vor allen Gefahren zu beschützen. Niemals sollte der Mann selbst zu einer Gefahr für seine Frau werden. Sein eigener Vater hatte ihm stets gesagt, dass die Ehefrau manchmal anderer Meinung sein würde, aber dass man am Ende mit klugen Argumenten und einer ruhigen Ausstrahlung stets zu einer Meinung kommen würde. Ungläubig starrte er seinen Freund an.

„Was?“, meinte der herablassend: „Glaubst du wirklich an all diesen Unsinn, dass wir die Frau lieben und ehren sollen? Wir gehen arbeiten, sorgen für den Lebensunterhalt und kümmern uns um alles. Ist es da zu viel verlangt, dass die Frau uns mit ihrem Körper Ablenkung und Unterhaltung schenkt? Wozu sollte ich jemals heiraten, wenn ich dann nicht einmal das Recht habe, mit meiner Frau Spaß zu haben?“

„Macht dein Vater das mit deiner Mutter?“, hakte Abraxas nach. Er konnte noch immer nicht glauben, was er da hörte. Natürlich hatte er schon davon gelesen, dass Männer ihre Frauen wie in einem Käfig hielten. Doch er hatte stets gedacht, dass das nur für Muggelmänner galt. Zauberer waren doch so viel kultivierter als einfache Muggel, so etwas hatte doch niemand nötig.

Rufus schnaubte bloß: „Selbstverständlich. Es kommt nicht oft vor, aber wenn meine Mutter wieder einmal eine ihrer Launen hat, greift mein Vater natürlich zum Stab und bestraft sie. Soweit ich das beurteilen kann, hatte mein Vater das Pech, eine störrische Hexe zu heiraten. Ich kann dir nicht sagen, wie oft ich ihre erbärmlichen Schreie im Schlafzimmer gehört habe. Als Ehefrau hat sie versagt. Und als Mutter war sie schon immer viel zu anhänglich.“

Abraxas wurde eiskalt. Er erinnerte sich an Madame Lestrange. Sie war eine warmherzige Frau, die nie zu etwas nein sagte. Wie oft hatte er Rufus darum beneidet, dass seine Mutter sich dafür interessierte, was er tat und wie es ihm ging. Seine eigene Mutter hatte sich immer nur darum gekümmert, dass er lernte, sich wie ein hochrangiger Reinblutzauberer zu verhalten. Die Vorstellung, dass Madame Lestrange es verdient hatte, von ihrem Ehemann so schlecht behandelt zu werden, war absurd.

„Ich glaube, wir sind in dieser Hinsicht unterschiedlicher Meinung“, presste er mühsam hervor: „Vielleicht sollten wir nicht weiter darüber reden.“

„Ganz wie du willst“, spottete Rufus. Dann, als wollte er ihm den Themenwechsel tatsächlich erleichtern, fragte er nach: „Also. Was genau hast du mit Miss Dumbledore getrieben?“

Abraxas sammelte sich innerlich. Er würde einfach ignorieren, wie Rufus über Frauen dachte. Vielleicht war dessen Ansicht ja viel verbreiteter als seine eigene. Er würde sich nicht die Blöße geben, darüber noch einmal so offen zu sprechen. Zögernd sagte er: „Es war nur ein Kuss. In ihrem Schlafzimmer.“

„Ein Kuss?“, gab Rufus empört zurück: „Deswegen all der Aufstand? Ein Kuss?“

„Ein Kuss ist schon zu viel!“, herrschte Abraxas ihn an: „Weißt du, wie oft Tom mir gesagt hat, dass ich Hermine nicht einmal falsch anschauen darf? Was würde er wohl dazu sagen, wenn er wüsste, dass ich sie geküsst habe? Und sie hat den Kuss erwidert!“

Ein nachdenklicher Ausdruck trat auf Rufus‘ Gesicht. Unbehaglich fragte Abraxas sich, ob er besser nicht verraten hätte, dass Hermine seinen Kuss erwidert hatte. Würde Rufus daraus jetzt etwas drehen, was er gegen sie verwenden konnte?

„Sag mir eines, Abraxas“, kam es plötzlich sehr ernst von Rufus: „Warum folgst du Tom? Ganz offen und ehrlich: Warum?“

Verwundert über den plötzlichen Themenwechsel, hielt er kurz inne. Was sollte diese Frage mitten in einem ernsten Gespräch. Doch da Rufus nicht den Eindruck machte, weiter über Hermine sprechen zu wollen, ließ er sich darauf ein: „Weil er Recht hat. Als reinblütige Zauberer haben wir die Pflicht, Verantwortung für die Welt zu übernehmen. Der Krieg, der im Moment zwischen den Muggeln herrscht, fordert zu viele Todesopfer. Es wird Zeit, dass sie geleitet werden.“

Rufus nickte: „Und wieso schließt du dich dann nicht Grindelwald an?“

Schnaubend schüttelte Abraxas den Kopf: „Als ob du das wirklich fragen musst. Grindelwald ist ein Terrorist. Er mag ja ursprünglich den richtigen Idealen gefolgt sein, aber er hat jedes Maß verloren. Er ist brutal und scheut sich nicht, den Stab auch gegen andere Zauberer zu erheben.“

Wieder nickte der andere: „Dem stimme ich zu. Aber stell dir vor, Tom wäre nicht. Würdest du die Ziele trotzdem verfolgen?“

„Natürlich.“

Rufus grinste gewinnend: „Warum also hast du so viel Angst vor ihm? Warum kauerst du vor ihm im Dreck, obwohl du ihn nicht brauchst?“

Endlich verstand Abraxas, worauf Rufus mit seinen Fragen hinaus wollte. Indigniert richtete er sich auf: „Tom ist mein Freund. Er ist der Erbe Slytherins. Er ist mächtiger als alle andere Zauberer, die ich kenne. Und er ist hochintelligent. Um die Ziele zu erreichen, braucht es Weitsicht und einen klaren Verstand. Tom ist das Beste, was der Zauberergemeinschaft je geschehen ist.“

Ärgerlich machte Rufus eine wegwerfende Handbewegung: „Er ist erstaunlich mächtig, ja, aber das ist gar nicht unbedingt notwendig, um seine Ziele zu verfolgen. Intelligent mag er sein, aber ich bezweifle, dass er ein Ausnahmetalent ist. Bisher hat er mir jedenfalls nichts gezeigt, was mich unglaublich beeindruckt hätte. Im Gegenteil. Er hat uns eingeschworen auf das Ziel und uns allen am Beispiel von Avery demonstriert, was geschieht, wenn wir uns von fleischlichen Leidenschaften ablenken lassen. Und dann? Dann erhebt er plötzlich Besitzanspruch auf dasselbe Weib und alles dreht sich nur noch um sie. Ist dir mal aufgefallen, wie oft er Zeit mit ihr verbringt? Wie gerne er ihre Genialität herausstellt? Er ist geradezu besessen von ihr. So besessen, dass er sogar dich, seinen besten Freund, angreift. Denkst du wirklich, er ist der perfekte Anführer, als den du ihn beschrieben hast?“

Abraxas zitterte. Er wollte diese Worte nicht hören. Er wusste genau, was Rufus hier gerade versuchte. Sie hatten sich von Tom ein Tattoo aufdrücken lassen und plötzlich hatte Rufus keine Lust mehr, ihm zu folgen. Gefiel es ihm nicht, dass er nur ein Anhänger war und kein Führer? Versuchte er deswegen plötzlich, Toms Machtposition zu untergraben? Kühl entgegnete er: „Du solltest auf deine Worte achten, Lestrange. Ich stehe hinter Tom. Ja, durch Hermine habe ich Seiten an ihm entdeckt, die ich nicht kannte. Seiten, die ich nicht verstehe. Ich gebe zu, dass mir die Beziehung der beiden Angst macht. Ich gebe zu, dass ich Hermine gerne für mich selbst hätte. Aber das heißt nicht, dass ich ihn hintergehen werde. Er hat meine Loyalität – und die all meiner Nachfahren. Dafür werde ich sorgen.“

Ruckartig lehnte Rufus sich zurück. Es war offensichtlich, dass er nicht mit so direkten Worten von Abraxas gerechnet hatte. Stolz verschränkte der blonde Slytherin die Arme vor der Brust. Er schätzt Rufus, sie waren immerhin seit Ewigkeiten befreundet, aber er würde sich nicht von ihm dazu bringen lassen, Tom zu verraten.

„Schön“, sagte Rufus schließlich und Abraxas registrierte irritiert das finstere Lächeln, das seine Lippen umspielte: „Dann lassen wir das. Nur eines noch. Du warst in ihrem Schlafzimmer, richtig? Wir Männer können den Gang zu den Schlafzimmern der Frauen nicht betreten, es sei denn, ein Lehrer oder der Schulsprecher geben uns die Erlaubnis. Tom wusste also, dass du bei Miss Dumbledore warst. Vielleicht hat er dir das sogar selbst vorgeschlagen. Und er weiß, wie du für sie fühlst. Was meinst du, Abraxas: Warum schickt ein Mann seinen besten Freund und Konkurrenten um die Gunst einer Dame zu eben jener Dame, wohlwissend, dass sie vermutlich gerade nicht präsentabel angezogen und von nächtlichen Liebesspielen gezeichnet ist?“

Ehe Abraxas darauf eine Antwort finden konnte, war Rufus aufgestanden und gegangen. Unglücklich blieb er alleine in der Bibliothek zurück. Er hatte sich diese Frage ja schon selbst gestellt, doch so, wie Rufus es formuliert hatte, klang es noch viel finsterer. Hatte Tom niedere Motive gehabt? Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken.

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