Im Angesicht der Bestie

Im Angesicht der Bestie

Kira

Es war lange nach Morgengrauen, als ich das Telefon endlich weglegte, die Decke über den Kopf zog und seufzend einschlief. Bis die ersten Sonnenstrahlen am Nachthimmel kratzten, hatte ich gehofft, dass William sich melden würde, um über den Streit zu sprechen. Doch sein Schweigen erinnerte mich mehr und mehr daran, wie zerbrechlich das Band geworden war, das uns einst so fest umschlossen hatte.
Er war nicht da gewesen, als ich ihn gebraucht hätte. Und das Schlimmste war, ich wusste genau, es war nicht seine Schuld. Ich hatte ihm Varek verschwiegen, ich war einfach gegangen, um einen Dämon zu retten, den ich kaum kannte. Und nun verlangte nun von ihm, dass er hinter mir stand. Bei all den Dingen, die ich ihm nicht erzählt hatte, konnte er einfach nicht meiner Meinung sein. Für ihn war Varek eine Bedrohung; das Wesen, das mich gegen meinen Willen dazu gezwungen hatte, ihn zu befreien. Der, der mich in tödliche Gefahr gebracht hatte, weil er verfolgt wurde. Natürlich konnte ich von William nicht erwarten, dass er mich in diesem wahnsinnigen Unterfangen unterstützte, aber ich tat es dennoch.
Nach allem, was wir gemeinsam erlebt hatten, erwartete ich einfach von ihm, dass er mir vertraute, wenn ich ihn um Hilfe bat. Und ich hatte gehofft, er würde meinem Urteilsvermögen Glauben schenken.
Nun zweifelte ich nicht nur an ihm, sondern auch an mir.
Als auf dem Wecker die Sieben umsprang und eine Acht zeigte, schlief ich endlich ein. Mein Traum zerrte mich zurück ans Ufer des schwarzen Strandes.


Wellen zerrten an meinen nackten Füßen. Ich hob den Blick einem wolkenverhangenen Himmel entgegen, der eine brennende Sonne verbarg. Der Sand unter meinen Fußsohlen loderte, obwohl ich knöcheltief im kühlen Wasser stand. Ich wusste nicht mehr, wieso ich diesen Weg gegangen war, doch ich spürte, wie der Hauch einer Bedrohung über mir schwebte wie ein Damoklesschwert.
Etwas hatte sich mir genähert und ein winziger Teil von mir wusste, dass es schon sehr lange hinter mir her gewesen war. Als ich mich umdrehte, um mich dem unsichtbaren Feind zu stellen, bemerkte ich schnell, dass das Gefühl von Furcht von einem rabenschwarzen Klumpen herrührte, der sich hinter mir zusammengeballt hatte. Fünf, sechs Meter hinter mir schluckte ein Ball aus schwarz gewordenen Seelen das Licht und warf einen unförmigen, dunklen Schatten in den Sand zu meinen Füßen. Der Ball, bestehend aus rauchigen, schattenhaften Klauen, Händen, Armen und Beinen verharrte stumm. Kein Laut drang über das Meer an mein Ohr, nur das stetige Rauschen der kleinen Wellen, die gegen mein Bein schlugen.
Mein Herz setzte seinen Rhythmus Schlag für Schlag fort, obwohl es bereits vor meinem Kopf begriffen hatte, dass ich dieser Kreatur in die Falle gegangen war und diesmal keinen Ausweg finden würde. Die Hände rechts und links an meinem Körper zu Fäusten geballt, blickte ich mit halb geöffnetem Mund in den Ball aus verlorenen Seelen hinein. Unzählige Auren wirbelten umher, pulsierten, erloschen und entflammten erneut. Ich versuchte mich zu erinnern, ob ich etwas Derartiges schon einmal gesehen hatte.
Doch meine jungen, unschuldigen Augen hatten nie zuvor durch ins Antlitz der Hölle geblickt. Mein Magen krampfte. Etwas, das einer unförmigen, schweren Masse aus Angst, aus Wirrung und Schrecken glich, schlängelte sich durch meine Eingeweide hinab. Am Grund meiner Seele wusste ich, dieses Wesen war nicht real. Es war nicht Teil dieser Welt und doch bedrohlich wie ein schwertschwingender Irrer. Ich wusste, ohne es je gesehen zu haben sofort, was dieses Ding war und weshalb es mich ausgesucht hatte.
Ich war allein und vom rechten Weg abgekommen. Ich hatte den Pfad verloren, auf dem ich diese Gegend verlassen wollte und seit Tagen niemanden gesehen, den ich fragen konnte, wie ich zu meiner Familie zurückfinden konnte. Seit Tagen nagten Hunger, Durst und Erschöpfung an mir und der kleine Teil dessen, was nicht menschlich in mir war, drohte auszubrechen.
Ich war nicht wie die Mädchen, die mein Leben bislang gekreuzt hatten. Ich war anders. Fremder. Schwerer zufrieden zu stellen und doch glücklicher in jeder freien Entscheidung. Instinkte, Entschlüsse und Gedanken entschieden über meine Welt und formten sie, anders als die der Anderen, zu etwas, das unbequem und beschwerlich war. Aber für mich war jeder einfache Weg absolut undenkbar.
Erst, als aus dem Korpus der Kreatur eine Schattenhand stob, nach mir tastete und sorglos eine Strähne in mein Gesicht wehte, fiel die Starre von mir ab. Ich trat einen Schritt zurück, tiefer in das schwarze Wasser hinein. Etwas Kaltes, das aus dem Inneren des Geschöpfes kam, begann an mir zu zerren und mehr und mehr das Licht, die Freude und die Kraft aus meinen Gliedern zu zerren.
Obwohl es weder sprechen, noch hören konnte, wusste ich, dass es mich ausgewählt hatte, ein Teil von sich zu sein. Dieses Wesen hatte längst entschieden, dass ich ihm nicht entkommen durfte. Dass ich hier und heute zu sterben hatte.
Ein zweiter Schritt. Ich ging langsam rückwärts und die Kreatur folgte mir. Mit jedem Schritt, den ich zurücklegte, schien mich der Nächste mehr Überwindung zu kosten. Ich war müde. Hunger und Erschöpfung kratzten an der brüchigen Mauer meines Verstandes. Je mehr ich versuchte, bei Sinnen zu bleiben, desto aussichtsloser erschien mir dieser Kampf. Die Hartnäckigkeit dieser Kreatur überdauerte meine verblieben Kräfte.
Das Wasser umspülte meine Knie. Ich trug ein weißes Kleid, dessen Saum bereits vom dunklen Wasser verschlungen war. Plötzlich fror ich, obwohl die Sonne nach wie vor erbarmungslos auf mich niederbrannte. Mein Inneres schien unnachgiebig zu erfrieren. Glück, Freude, das Gefühl, in Sicherheit zu sein - eine dunkle Macht stahl diese Dinge aus meinem Bewusstsein und ließ dort, wo sie gewesen waren, nur Leere und das Dunkel zurück, aus dem sie selbst erschaffen war.
Ein weiterer Schritt. Am dunklen Grund trat ich auf eine Untiefe. Der weiche Sand gab nach und mein linker Fuß rutschte ab. Ich taumelte und fand festen Grund. Das Wasser reichte mir nun bis an die Brust hinauf. Ich kalkulierte flüchtig. Ich war sechs Schritte gegangen, um an diesen Punkt zu gelangen. Drei weitere würden mir den Boden unter den Füßen wegziehen und ich hatte niemals schwimmen gelernt.
Mein Blick fuhr in die Höhe. Ich sah das Wesen an, das seine Schattenhand ausgestreckt hielt, als wollte es mir Rettung anbieten. Als wollte es mich so unbedingt vor dem Tode bewahren, dass ich beinahe eingewilligt hätte. Doch ich konnte nicht. Ich hatte mir selbst geschworen, kein Teil der Schattenwelt zu werden. Ich wollte mir treu bleiben und nur für mich und das Richtige kämpfen.
In meiner Kehle stockte der Atem. Ich hustete und erschrak. Das Gefühl, langsam zu erfrieren, drohte körperlich zu werden. Mit jedem Huster entstiegen kleine, weiße Atemwölkchen meinen Lippen. Ja, dachte ich. Dies war das Ende.
Hinter meiner Stirn erlosch der Kampfeswille. Mein Mut brach entzwei für eine allerletzte Entscheidung: bis zum allerletzten Atemzug zu kämpfen.
Seufzend schloss ich die Augen und spannte mich in Gedanken für einen Kampf, der nur in meinem Kopf stattfinden würde. Und dann, ganz plötzlich, erklang ein Geräusch vor mir im Wasser. Es platschte. Wassertropfen spritzten. Und dann schlug ich die Augen auf und sah, dass sich eine Gestalt zwischen mich und das Monster geworfen hatte. Mit erhobenem Schwert stand ein Mann vor mir im Wasser. Sein langes Haar wehte um sein Gesicht. Ich konnte seine Augen nicht sehen, doch ich nutzte sein Erscheinen für einen, der drei letzten Schritte.
Das Wasser berührte meine Kehle, stand mit bis zum Kinn. Noch zwei weitere Schritte, dachte ich, und dieses Wesen würde meine Seele nie bekommen.
Vor meinen Augen sah ich, wie mein schwarz gekleideter Retter das Schwert hob und mit einem einzigen Hieb die Schatten dazu zwang, auseinander zu streifen. Dann ging ich den zweiten Schritt und das Wasser fraß meine Sicht, meine Gedanken, meinen Verstand.
Eine schwarze Welle brach über mir zusammen und fraß tosend den letzten Rest meines bisherigen Lebens. Ich ließ die Gedanken frei und versuchte mich daran zu erinnern, wie liebevoll meine Kindheit gewesen war. Meine Mutter erschien vor meinem inneren Auge. Das lächelnde Gesicht meines Vaters, die faltenumrundeten Augen meiner lächelnden Großmutter - und dann das Dunkel.
Alles um mich drehte sich. Ich wusste nicht, womit ich diese Gnade verdient hatte, doch ich wusste sie zu schätzen. Meine Seele würde kein Teil dieser fürchterlichen Kreatur werden. Nie.
Ich trieb dahin und die Gedanken in meinem Kopf wurden immer weniger. Irgendwann verblassten die Gesichter, die mich in dieser schweren Stunde begleiten sollten und alles schien rückwärts zu laufen. Licht drang plötzlich an meine Augen.
Ich bewegte mich, ohne einen Muskel zu rühren und dann wurde mir klar, dass ich aus dem Wasser schwebte und meine Augen in das glühende Licht der Sonne blickten. Noch wusste ich es nicht, aber ich spürte, dass mein Herz arbeitete, dass meine Lungenflügel sich mit Sauerstoff füllten und meine Haut von warmen Sonnenstrahlen berührt wurde. Jemand ließ mich in den Sand sinken.
Fast liebevoll berührte eine Hand meine Wange. Eine einzelne, tropfnasse Haarsträhne wurde aus meiner Stirn gewischt, während sich die Umrisse eines Gesichtes vor meinen Augen bewegten.
»Danke«, sagte ich, mehr wollte nicht über meine blauen, eiskalten Lippen kommen.
Das Gesicht vor mir, der konturenlose blinde Fleck bewegte sich.
Dann brach meine Welt zusammen.


Der Traum hing mir nach. Ich hatte ihn verstanden und sofort begriffen, dass seine Botschaft eindeutig und unfehlbar war: In diesem Traum war ich Kadra gewesen und sie hatte mir eine Nachricht zukommen lassen. Nein. Dieser Traum war für sie bestimmt gewesen. Nicht für mich. Varek war der Mann, dem sie ihr Leben verdankte; der, dem ich meines verdankte und der, dem ich mehr schuldig war, als herum zu sitzen und seiner Zeit beim Verstreichen zuzusehen.
Ich schlug die Decke zurück, und blinzelte zum Fenster hinüber.
»Was war das?«, hauchte ich in die morgendliche Stille. Kadra wärmte mich. Etwas in ihr wirkte heute sonniger, friedlich gestimmt.
›Ein Geschenk. Hast du ihn erkannt?‹
»War das Varek?«
›Ja.‹
»Wieso zeigst du mir das?«
›Du bist wütend‹, hörte ich Kadra in mir murmeln. ›Weil er deinen Gefährten angegriffen hat und geflohen ist? Was hast du erwartet?‹
›Vielleicht etwas Dankbarkeit, weil ich in eine Höllendimension gereist bin, um ihn zu finden.‹
›Dankbarkeit?‹ Kadra schmunzelte. ›Du hast es doch eben mit eigenen Augen gesehen, er hat mich gerettet und nur deswegen bist du noch am Leben. Und? Warst du ihm je dankbar dafür?‹
Ich biss mir auf die Unterlippe und wälzte mich auf den Rücken. Natürlich war ich Varek niemals dankbar für Kadras Rettung gewesen, weil ich nie in Betracht gezogen hatte, dass sie mich nicht hätte retten können, wenn er nicht gewesen wäre. Ich wusste nicht, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn sie nicht bei mir gewesen wäre, als es zu Ende ging und ich konnte nicht wissen, ob eine andere Wirklichkeit nicht vielleicht einfacher und besser gewesen wäre. Vielleicht hätte das Schicksal einen anderen Weg für mich gewählt, wenn Kadras Seele mich nicht gebraucht hätte.
Ich wollte nicht wirklich an ein alternatives Ende meiner Geschichte denken, aber woher sollte ich wissen, ob nicht in einem anderen Szenario ein Mann an meiner Seite gewesen wäre, mit dem ich irgendwann Kinder haben und glücklich sterben konnte?
›Du wärst verblutet‹, bestätigte Kadra meine erste Theorie. ›Da oben ist kein Gott, der das Ende für dich umgeschrieben hätte. Du wärst nicht glücklich heute, nicht frei, sondern tot.‹
Verächtlich schnaubend hob ich die Hände und rieb mir übers Gesicht. ›Und was genau erwartest du jetzt von mir? Du hast William gehört. Ich muss mich entscheiden. Und ich werde gewiss keinen Weg mehr gehen, der Will verärgern könnte. Er hat recht. Ich bin Varek blind gefolgt aus Gründen, die ich nicht verstehen kann.‹
›Du hast ihm vertraut. Und wann hat er dich enttäuscht?‹
›Als er Will angegriffen hat.‹
›Angegriffen?‹ Für einen Moment flackerte die Anwesenheit der Dämonin auf. ›Er hat sich verteidigt und ist geflohen. Das war, was du von ihm verlangt hast. Er hat deinen Wunsch umgesetzt. Es ist nicht fair, dass du ihm deswegen grollst. Geh zu ihm. Du weißt, es geht ihm schlecht deswegen.‹
»Und dann?«, murmelte ich, setzte mich auf und schwang beide Beine aus dem Bett. »Was soll ich ihm sagen? Danke, dass du den Mann, den ich liebe, nicht getötet hast?«
›Du könntest ihn fragen, wie es ihm geht.‹ Stille kehrte ein. Ich verschnaufte einen Augenblick lang. Natürlich wusste ich, dass Varek in Gefahr war. Dass es ihm schlecht ging und Layras Einfluss stärker wurde, mit jedem verstrichenen Tag, der sie trennte. Aber was sollte ich tun? Mich seinetwegen in Gefahr begeben? Noch einmal? ›Geh zu ihm. Du wirst wissen, was du tun musst.‹
›Und William?‹
›William ist fort. Er hat dich alleingelassen und dir so deutlich es geht gesagt, dass es für euch keine Zukunft gibt, solange du ein Dämon bist. Zwischen euch existiert eine Welt, die er nicht verstehen kann. Eines Tages wird er dich verlassen und du solltest darauf vorbereitet sein.‹
»Du weißt gar nichts über William und mich.«
›Ich weiß genug, wenn ich deinen Schmerz spüre, wann immer er dir mit Gleichgültigkeit begegnet.‹
Sie hatte Recht. Nach allem, was in den letzten Tagen geschehen war, verlangte ich zu viel, wenn ich erwartete, dass Will Verständnis für mich zeigen würde. Nicht einmal ich konnte mich wirklich verstehen.
Vareks Gegenwart löste etwas in mir aus. Einen Reiz. Einen Impuls. Er brachte unterdrückte Gedanken und Gefühle zum Vorschein. Dinge, die ich mir nie gestatten wollte. Er weckte eine übernatürliche Lebensfreude in mir, und Will erstickte mich.
In meiner Erinnerung stieg ich wieder in das Verlies hinab, ließ meine Finger durch Vareks Haar gleiten und spürte dem kleinen Glücksgefühl nach, das damals für einen Moment all meine Zweifel beiseite wischte. Selbst dort an diesem grauenvollen Ort, umgeben von seiner finsteren Vergangenheit, von Flüchen und Gefahren, hatte ich mich geborgener gefühlt, als je zuvor in Wills Armen.
Ich zog mir die Decke über den Kopf und kniff die Augen zusammen. Es war falsch, so zu denken und zu fühlen. Unfassbar falsch. Aber ich konnte nicht anders.
Die erste Begegnung mit dem Dämon hatte ein Verlangen in mir freigesetzt, das nicht zu stillen war. Ich wollte mehr. Endlich das ganze Leben kosten. Frei sein. Nicht über jeden meiner Schritte nachdenken müssen. Und mit Will war das nicht möglich.
›Jetzt steh schon auf‹, schalt mich die Dämonin. ›Zieh dich an und geh zu ihm. Er wird dich schon nicht fortjagen.‹

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