Im Angesicht der Totenmaske

Die Welt um Keeda versank in Chaos. Pfeile durchschnitten die Luft, das Klirren aufeinander schlagender Schwerter ließ ihre empfindlichen Ohren schmerzen, und noch immer regnete blaues Feuer vom nächtlichen Himmel. Sie konzentrierte sich in all der Unordnung auf Alice und verfolgte fluchend ihre aberwitzigen Manöver. Die Assassine kämpfte an der Seite von Feldwebel Knox und Kragmar Deepscar und schlug eine Schneise in die endlosen Reihen der Untoten.
Keeda bemühte sich, ihr den Rücken frei zu halten, doch immer wieder änderte Alice umherspringend ihre Richtung, sodass Keeda es letztlich aufgab und stattdessen die Reihen der Feinde, die auf Alice zurannten gezielt ausdünnte. Ihre Freundin schien alle Angst und, noch weit aus gefährlicher, alle Vorsicht vergessen zu haben. Sie ging von einem Feind auf den nächsten über und gönnte sich keine Pause. Immer waghalsiger wurden ihre Angriffe bis Keeda kaum noch Pfeile hatte, um ihre Freundin vor sich selbst zu beschützen.

Plötzlich änderte sich Alice Körperhaltung und sie wandte sich ruckartig zu Feldwebel Knox um, der gedankenverloren dastand und sich umblickte. Sie sah sich im nächsten Moment ebenso suchend um, und ließ die Waffen sinken. Missbilligend schüttelte Keeda den Kopf und legte einen neuen Pfeil an. Sie atmete tief durch und schmunzelte bei dem Gedanken, wie sie der Assassine bei Tagesanbruch diesen Moment vorhalten würde. Wie sie selbstvergessen dagestanden hatte und ohne die Hilfe der Drow von einem einfach Skelettkrieger enthauptet worden wäre.
Sie ließ die Bogensehne los und beobachtete zufrieden wie der Pfeil den Schädel des Untoten spaltete und ihn zusammen sacken ließ. Endlich kehrte die Vorsicht in Alice Miene zurück und ließ sie erschrocken zusammen fahren. Feldwebel Knox sprach noch einige Worte und Alice zog sich hinter ihn zurück. Sie drängte sich durch das Kampfgeschehen in Keedas Richtung.
Stirnrunzelnd ließ die Drow den Bogen sinken und fing Alice Blick auf, der suchend über die Stadtmauer wanderte. Keeda wartete bis ihre Freundin die letzten Reihen erreicht hatte und in Harbeks Nähe stand, bevor sie sich eine handvoll Pfeile griff und sich eilig zum gehen wandte. Der Elf neben ihr maulte sie aufgebracht an, doch bei ihrem drohenden Blick verstummte er augenblicklich.

„Was ist nun schon wieder geschehen?", fragte Keeda und ahnte bereits das Schlechteste. Alice eilte mit Harbek an ihrer Seite auf sie zu und zog sie, ohne Erklärung mit sich durch die Gassen. Erst auf weiteres Drängen hin wandte sie sich ohne stehen zu bleiben an Keeda.
„Knox vermutet, dass Valindra beabsichtigt Lord Neverember zu töten, wie damals König Ahren.‟
„Neverember hat den König ermordet‟, wand Keeda ein und blieb abrupt stehen, „Außerdem ist es mir mehr als Recht wenn die Hexe den Heuchler tötet, dann sind wir das Problem wenigstens los.‟ Alice stöhnte genervt auf und zerrte die Drow grob weiter. „Mir aber nicht. Ich habe den Lord so wenig wie du in mein Herz geschlossen, doch wir haben noch immer nur Vermutungen, keine Beweise, und auf Grund von fadenscheinigen Informationen kann und werde ich keinen Menschen zum Tode verurteilen. Außerdem‟, sie lockerte endlich ihren Griff um Keeda Handgelenk, „Bekommen wir auf diese Art die Möglichkeit gegen Valindra anzutreten. Fällt sie, fällt ihr Heer und tausende Leben bleiben verschont.‟
„Meinetwegen‟, murrte Keeda lustlos und befreite ihren Arm, „Doch ich tue es nicht für Neverember, ich tue es für dich … und für Wilfred.‟
Alice verzog bei der Erwähnung dieses Namens keine Miene, doch sie beschleunigte ihren Gang, sodass Keeda und Harbek Mühe hatten mit ihr Schritt zu halten. Schnell steuerten sie auf den Palast und seine endlosen Stufen zu, aber in dieser Nacht wagte niemand sich zu beschweren.

Sie kamen schwer atmend am Ende der Treppe an, doch keiner von ihnen bestand auf eine kurze Pause oder eine Verlangsamung des Tempos. Alice ruheloser Blick, der sie immer weiter trieb, machte auch sie nervös. Ihr erstes Ziel war die Halle der Gerechtigkeit, die ohne Neverember, der selbstgefällig vor dem Thron stand, leer und kalt erschien. Die Wachen waren verschwunden und die gewaltigen Löwenstatuen sahen drohend auf sie hinab. Harbek betrat als erster den dunklen Saal und ging vorsichtig auf den dunklen Thron zu.
„Wo könnte er sein?‟, flüsterte Alice leise und ging zum Fenster hinüber aus dem man bis hinunter zur Stadtmauer sehen konnte. Valindras Armee war weiter vorgerückt, doch zumindest schien der Drachenlich besiegt. Kein blaues Feuer erhellte den nachtschwarzen Himmel. Keeda zuckte wortlos mit den Achseln und sah stirnrunzelnd über ihre Schulter.
„Seht euch das an!‟ Harbeks gedämpfte Stimme ließ sie zu ihm zurückblicken, „Er kann noch nicht lange fort sein.‟ Er hielt seine rußschwarzen Finger in die Höhe, mit denen er durch eine der Feuerschalen strich. „Sie sind noch warm.‟ Interessiert wandte sich Alice von dem Fenster ab. Auf halben Weg sprang sie jedoch erschrocken zurück und schlug die Hände vor den Mund, um ihren spitzen Aufschrei zu unterdrücken. Alarmiert schoss Keeda an ihre Seite und erstarrte.

Im Schatten der Steinsäulen, auf einen Haufen geschichtet lagen Neverembers Wachen. Ihre Gesichter waren vor Entsetzen zu Grimassen verzerrt, ihre Adern zeichneten sich blau vor der totenbleichen Haut ab, während die Augen rot umrandet und weit aufgerissen nach oben blickten. Ungläubig starrte Alice auf das makabre Bild, runzelte nachdenklich die Stirn und setzte zu einer Frage an, doch Keeda schnitt ihr zischend das Wort ab.
Sie hob warnend die Hand und legte lautlos einen Pfeil an. Sie nickte in Richtung des Thrones. Harbek stand ihm am nächsten und ein entschlossener Ausdruck verlieh seinen Zügen eine selten gesehene Schärfe, während er die Stufen zu dem königlichen Podest erklomm und in seinem Schatten verschwand. Alice und Keeda folgten ihm auf den Fersen.
Hinter dem Thron verbarg sich eine schmale, unscheinbare Tür, deren graubraune Farbe sie mit den gleichfarbigen Steinen verschmelzen ließ. Durch einen schmalen Spalt drang ein schwacher Feuerschein, der gerade hell genug war, um Keedas schüttelnden Kopf zu beleuchten, als Alice sich an ihr vorbei drängen wollte. Die Drow legte warnend einen Finger an die Lippen und tippte danach an ihr Ohr. Alice nickte, aber schob sich dennoch an der Dunkelelfin vorbei, um durch den Türspalt zu spähen. Harbek tat es ihr lautlos gleich, auch Keeda knickte nach einigen Sekunden ein und spähte vorsichtig durch die schmale Öffnung. Eine lähmende Kälte überkam sie, während sie in den fackelbeschienenen Raum lugte und ihre Finger, die sich in das glatte Holz des Bogens krallten, verkrampften.

Valindra stand in der Mitte des Saales, und schielte triumphierend auf den vor ihren Füßen kauernden Neverember hinab. Aus ihren Fingerspitzen, Kleidern und Haaren waberte unablässig dunkler Rauch auf den Boden, wo er sich zu schwarzen Nebelschwaden verdichtete und langsam verblasste. Ihr Gesicht glich einer Totenmaske. Tief eingefallene Wangen, totenbleiche Haut unter der man die Konturen ihrer spitzen Knochen erahnen konnte und dünnes, silberweißes Haar, welches in schlaffen Strähnen über ihren Schulter lag. Noch immer trug sie die zackenartige Krone auf dem Schopf, doch ihre Haut schien seit ihrer letzten Begegnung auf der Brücke des schlafenden Drachen weit dünner geworden zu sein.
Die Zeit und, wie Keeda vermutete, das Leben in einem Zwischenstadium von Leben und Tod, verlangten ihren Tribut von der Nekromantenkönigin, der sich nicht nur an der pergamentartigen Haut zeigte. Die Augen der Hexe leuchteten in einem kalten, erbarmungslosen blau, waren jedoch von schwarzen Ringen umkränzt. Ihre Lippen hatten jegliche Farbe verloren und wie bei den toten Wachen, konnte man auch bei ihr jede Ader schwarz hervorstechen sehen.
Boshaft lächelte sie auf Neverember hinab, der sich am Boden krümmte und um Gnade bettelte. Der ehemals stolze Lord trug eine dünne Rüstung, ein prachtvolles Schwert am Gürtel und neben ihm lag ein ebenso reich verzierter Helm, aber an einen Kampf vergeudete er keinen Gedanken. Mit tränenüberströmten Wangen schluchzte er zu Valindras Füßen und jammerte qualvoll vor sich hin.
Fast hätte er Keeda Leid getan.

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