Im Haus seiner Mutter

Sein Bauch tat weh. Er kannte dieses Gefühl. Nach jeder Mahlzeit blähte sich sein Magen zunächst auf, um sich dann langsam und schmerzhaft wieder zusammen zu ziehen. Er wusste, nur wenn er bedächtig und in kleinen Portionen aß, konnte er dem stechenden Schmerz entgehen. Aber das hatte er erst lernen müssen.

Nach einer langen Periode des Hungerns hatte man ihnen eine große Portion serviert. Damals hatte er diese unvernünftigerweise - aus Freude über die Größe der Portion und aufgrund des ihn ansonsten ständig begleitenden Hungers - in kürzester Zeit in sich hinein geschlungen. Nur um letztendlich die Nacht vor Schmerzen gekrümmt in seinem Bett zu liegen. Nach dieser Erfahrung hatte er selbst nach vielen Tagen ohne nennenswerte Essensration jede größere Portion nur noch langsam und häppchenweise gegessen.

Aber das war hier nicht möglich. Schließlich befand er sich im Haus seiner Mutter. Jeden Tag saß sie ihm gegenüber und wachte mit Adlersaugen über jeden Bissen, den er zu sich nahm.

Am ersten Tag nach seiner Rückkehr hatte er versucht seiner Mutter zu erklären, dass sie bitte nur einen Löffel des Eintopfs auf seinen Teller laden sollte. Dabei war er auf Unverständnis gestoßen. Geradezu verletzt hatte seine Mutter reagiert.

"Karl, was redest du denn da?", hatte sie ihn gefragt, "du musst doch vernünftig essen. Du bist zu mager. Magst du mein Essen etwa nicht?", hatte sie ihn vorwurfsvoll gefragt und dabei ihre Augenbrauen hochgezogen. "Nein Mutter, natürlich nicht.", hatte er geantwortet, "Dein Essen ist ganz vorzüglich und ehrlich gesagt würde mir nach all den Jahren im Lager und dem Kr....". Seine Mutter hatte ihn hier unterbrochen. "Also Karl, die Vergangenheit wollen wir mal da lassen, wo sie hingehört. Stell dich nicht so an! Wir alle hier am Tisch", sie hatte dabei in die Runde geschaut, "haben gehungert. Du musst uns also keine Lehrstunden geben." Allgemein zustimmendes Geraune am Tisch. "Und wie du siehst, haben deine Geschwister ihre Teller voll gemacht und das trotz vieler Jahren, in denen auch sie leere Bäuche gehabt haben. Nun stell dich nicht so an und iß!" Dann hatte sie sich wieder der eigenen Mahlzeit zugewandt.

Karl aber hatte nicht locker gelassen. "Mutter, du musst doch selbst zugeben, dass das bereits länger zurück liegt und...", Karl hatte dabei in die vollen Gesichter seiner Geschwister geschaut.

Es war wahr: Die mageren Jahre, die der Krieg und sein Ende mit sich gebracht hatten, waren vorbei. Das Wirtschaftswunder trug langsam seine Früchte. Und so hatten Anna, Marie, Luise, Emma und Hanna volle Hüften bekommen und selbst bei Wilhelm zeigte sich ein kleines Polster über dem Gürtel. Aber bevor er seinen Satz zu Ende bringen konnte, hatte er gespürt, dass er die Grenze überschritten hatte.

Henriettes Stimme war nun nur noch unter größter Anstrengung hörbar. Je leiser sie sprach, um so verärgerter war sie. Während seiner Kindheit war dies für Karl immer die letzte Warnung vor der Züchtigung mit dem Gürtel gewesen. "Karl, wir freuen uns über deine Rückkehr. Aber jetzt sei still und iß!" Über dem Tisch hinweg hatte sie ihn gefährlich angelächelt. Damit war die Diskussion beendet und Karl hatte entschieden, dass es besser sei, es dabei zu belassen.

Er wollte keinen Ärger mit seiner Mutter. Schließlich war er dankbar wieder mit seiner Familie vereint zu sein. Jahrelange hatte er jeden Abend vor dem Schlafengehen gebetet "Lieber Gott, lass mich nach Hause ziehen. Lieber Gott, bitte vereine mich mit meiner geliebten Familie. Lieber Gott, lass mich zurück kehren in das Haus meiner Mutter."

Also schwieg er. Jeden Abend aß er,  was ihm seine Mutter auflud und jede Nacht lag er vor Schmerzen gekrümmt in seinem Bett. Bis auch sein Magen erkannt hatte, dass die Zeit des Hungerns vorüber war und er auch nach dem Verzehr der größten Mahlzeit keine Schmerzen mehr verspürte.

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