Jeden zweiten Mittwoch ist meine Mutter großartig. Wir gehen schick essen, ich greife dafür nach meiner Halskette, sie zieht ihr rotes Kleid an - das hübsche mit dem komplizierteren Schnitt, nicht das aus Wolle - und wir machen auf edel an Deck eines kleinen Dampfers. Dem Himmel treibt der Abend die Röte ins Gesicht und der Mond als unser blasser Begleiter wird mit jedem Bissen, der erfolgreich zu Mund geführt wurde, strahlender. Jedoch ist er nicht halb so erfolgreich damit, wie die Dame in rot vor mir. Für gewöhnlich ist es begraben unter Schatten, Sorgenfalten, einem leicht kränklichen Glanz auf der Haut. Ihr Gesicht, meine ich.
 Dinge, die beschäftigte Erwachsene so ausmachen, wenn sie nicht zufällig Lottogewinner oder Yogalehrer sind. Doch in der Wochenmitte wird aus dem Glanz zartes pfirsichfarbenes Puder. Die Falten glätten sich wie ein Meer das zur Ruhe kommt. Die Schatten verwandeln sich in tänzelnde Elfen. Und vielleicht passiert eines von dreien  ausschließlich, wenn sie mich einmal zu viel an ihrem riesigen Weinglas nippen lässt. Dennoch, dass Prinzip wird klar.
Apropos Glas...Ein Schluck mehr als sonst bringt mich nicht um.
Die Dinge werden einfach besser sobald der zweite Mittwoch erreicht ist. Wir gehen nicht schweigend aneinander vorbei, sowie sonst. Diese fünf metallenen Stufen zum Schiff sind der Weg zum Olymp. Wir werden zu Göttinnen die mit fortschreitendem Abend von Gewändern aus Sternen umhüllt werden.
Worauf wollte ich noch mal hinaus?
Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung mehr.
Mein Kopf fühlt sich so leicht an, was für ein witziges Gefühl.
Oh, da vorne! Ich sehe rotes Chiffon wirbeln. Gerade eben erst wurde sie zum Tanz aufgefordert von einem netten älteren Herrn. Von hier aus scheint er nicht nur nett, sondern auch Fan von Drehungen.
Na hui.
Als ob das anhaltende Schwanken an Bord nicht genug wäre.
Mir wird schon schwindelig beim Zusehen. Ein Glück das ich nie aufgefordert werde. Auf diesem Schiff mag ich Göttin sein, doch vor der Präsenz anderer werde ich zum Schatten neben ihr. Unsere Zeit zu Zweit gestaltet sich meistens so. Ich bin nicht die Pächterin dieses Strahlens und leider genauso wenig die einzige für die es sichtbar ist.
Tja, was soll's?
Damit, die Aufseherin ihres Tisches zu sein, komme ich klar. Die extra-Schlucke aus ihrem Glas können als mein Lohn bezeichnet werden. Meine Augen wischen über die Szene, während mein Kopf zum Rhythmus der peppigen Musik wippt. Alles schimmert, irgendwie. Die Farbe des Horizontes verleiht jeder Haut einen zweiten Mantel.
 Sie linst immer wieder zu mir rüber. Sobald unsere Blicke Kontakt aufgenommen haben, wendet sie sofort die Augen ab. Der Höflichkeit muss Tribut gezollt werden. Unter das Pfirsich mischt sich inzwischen ein stärker werdender Grauton. Wenn auch kurz, reichen unsere wortlosen Austausche um zu vermitteln wie es ihr momentan geht. Ungewollt fange ich an in meine Armbeuge zu prusten.
Wie froh ich doch bin, nie aufgefordert zu werden.
Die letzte Note verklingt und meine Mutter lässt sich vom allgemeinen Applaus zurück zu mir tragen. Verschmitzt wie ich bin, wechsle ich elegant den Tisch zu einem zwei Reihen weiter hinten, bevor sie die Chance hat sich richtig zu orientieren.
Aber nicht ohne ein weiteres Tröpfchen ihres herben Nektars. Leider findet sie sich problemlos zurecht. Unbeirrt gleitet sie auf ihren regulären Platz und faltet die Serviette vor ihr neu. Dabei wirft sie mir den Hauch eines Bickes zu, der  meiner belustigten Musterung jedoch nicht entgeht.
Er ist tadelnd gewesen, hundertprozentig.
Erneut kann ich mir ein Lachen nicht verkneifen.
Unsere Augen treffen sich ein zweites Mal. Wieder bricht sie prompt den Kontakt ab. Dieses Augen-Spiel führen wir eine Weile fort, bis ein weiteres Männchen aufmarschiert um sie auf die Tanzfläche zu überreden. Ich entschließe mich, meinen ehemaligen Stuhl zurückzuerobern. 
Vielleicht gönne ich mir noch einen Schluck aus ihrem göttlichen Glaskelch.
Tut ja nicht weh.
Meine Schatten begrüßen mich. Dafür hat sich das Rot des Abendhimmels verabschiedet. Die Girlanden überscheinen das schwache Licht des verschwindenden Horizontes. 
Irgendwie ist mein Kopf plötzlich so schwer.
Einmal angefangen kann ich gar nicht mehr aufhören zu kichern.
Wann habe ich begonnen zu kichern?
Was auch immer.
Sie schießt mir wieder diese schnellen Blicke zu. Diesmal muss ihr Partner einen wirklich schlechten Job machen, ihr Gesicht hat nahezu all seine Farbe verloren. Die Musik stoppt unerwartet früh, doch statt zu mir zurückzukehren, begleitet sie ihren Tanzpartner zu seinem Tisch. Aus irgendeinem Grund sind ihre Sorgenfalten wieder hervorgeschnellt. Er sagt doch hoffentlich nichts fieses, sowas nimmt sie verdammt ernst. Vorsorglich mache ich mich auf den Weg zu den beiden. Zur Stärkung vor der Reise leere ich das ohnehin fast hohle Glas.
Sie hat heute aber ordentlich auf den Putz gehauen, was Alkohol betrifft. Dieser böse Bube war ihr dritter. 
Ein Glück das ich sie nichts allein durchstehen lasse.
Ich bin eine gute Tochter.
Ich bin eine zuvorkommende Tochter.
Ich bin eine wünschenswerte Tochter.
Diese Tochter ist gerade so unglaublich müde.
Wie witzig. Ein weiteres Kichern krabbelt meine Kehle hinauf.
Sie hat den Kerl am Ärmel seines Jacketts gepackt und redet eindringlich auf ihn ein. Dabei schaut sie immer wieder gehetzt zu mir rüber.
Hab ich was verpasst?
Nur wenige Schritte von den beiden entfernt zwingt mich ein grober Schlenker des Schiffes zum Stolpern. Das man mit gelichtetem Anker so viel falsch machen kann ist einfach unglaublich. Hektisch redet sie auf merkwürdigem Fachchinesisch auf ihn ein.
"Mein aduleszenter periphärer Brennpunkt hatte seine Fokussierung in Teilzeit auf dem langfristig postnatalen Femininum im vierten Quartal dieses Raumes. Ich ersuche mir Hilfestellung bei der Auflösung des vermuteten einseitigen Vertragsverhältnisses." 
Ein weiterer Blick in meine Richtung lässt sie verstummen. Der Mann packt sie besitzergreifend an der Schulter und brummt: "Ronald hat schon Vingardium Leviosa angewandt. Die Drachen werden per Portschlüssel hierhin transportiert. Keine Angst."
Jetzt kichere ich haltlos. Dieser Scherzkeks will mich wohl auf den Arm nehmen, als Rache für eben. Wie gemein. Und ich mache mir noch Gedanken. 
Ich greife beherzt unter seinem Arm hindurch, nach einem weiteren Glas mit prickelnden Wolken. Beide zucken sie zusammen. Er schiebt sie hinter sich und stählert seinen Blick.
"Reg dich ab Harry. Du bist auch nicht der Grundherr des Strahlens."
Lachend werfe ich meinen Kopf zurück und den schönen Saft gleich hinterher.
Hach.
Wie erwartet tänzelt es elegant meine Kehle hinab.
Ein paar Tropfen vielleicht draußen, einige drinnen, aber wer nimmt das schon so genau?
Ihre Fingerspitze fährt andauernd nervös über die Unterlippe, unbewusst natürlich. Es ist ihr Tick. Wenn sie nicht aussprechen kann, was sie will, wird ihr die Situation gleich unangenehm.
Manchmal stellt sie sich aber auch an.
"Mama, was ist denn nur los mit dir? Du verhältst dich total sonderbar."
 So komisch wie das klingt, bleibt mir keine Wahl als ein beherzter Lacher. Der feine Herr zeigt sich verwundert.
 "Maman? Tu ne m' ai  dit pas qui est ta fille. Qu'est-que ca la verité?"
"Bla bla, bla bla. Elle etait serieuse. Le Baguette est ganz nett. Ahahaha!" Es ist so unheimlich komisch. Sie scheint verwirrt zu sein. Kein Wunder. Der Typ hat Nerven, einfach die Sprache zu wechseln. 
"Sie hat den Ring nie besessen. Genau genommen ist sie kein Teil der Legende."
 Das sollte mir wohl was sagen.
 Nö, Fehlanzeige.
Ihr Streich wird langsam öde. Unser zweiter Mittwoch schleicht sich davon, ohne gefüllt worden zu sein. Diese Späße sind ja schön und schön, aber wir wollten doch reden, statt aneinander vorbei zu schleichen, sich gegenseitig fremd und schweigend.
"Können wir dann, Ma?" 
Sie klammert sich an die Schulter des Mannes und starrt mich mit großen Augen an. Ein Witzbold tut es ihr gleich, aber mit keiner anderen Schulter als meiner. Eine kurze Betrachtung später kann ich erzählen, das es ein äußerst bedrohlich wirkender Witzbold ist. So richtig bullig, in einem komplett schwarzen Ensemble. Die Schatten neben ihm beginnen zu wirbeln, werden immer schneller und manifestieren sich zu einer noch größeren Version des Riesen. Jeweils einer positioniert sich an einer Seite von mir. Kasper Nummer eins fragt:
"Tribut aus Distrikt vier wurde ausgelost. Wollen sie sich freiwillig melden?"
Sie schüttelt verängstigt den Kopf und die beiden Grobiane ziehen  mich in Richtung Ausgang.
Warte, warte, warte!
Ich drehe meinen Kopf nach hinten und erhasche einen Blick auf  ein Kleid mit komplizierterem Schnitt in rot.
 "Hey, Finger weg! Mom, hilfst du mir mal gerade?"
 Die müssen hirnlos sein. Mich mit irgend so einer Kriminellen zu verwechseln ist unerhört. Dabei hat sie es doch scherzhaft gemeint. Wenn sie es ihnen anständig vermittelt, werden sie sicher zur Vernunft kommen. So lustig, diese Missverständnisse.
"Klärst du sie bitte auf Mama? Das ich deine Tochter bin? Und nicht nur eine, sondern die beste auf dieser Erde! Die beiden verstehen keinen Spaß. Mach ihnen verständlich dass das hier ein Witz ist.
Ein riesiger Witzzzz."
Laute klingen so zum kreischen. Ich kann gar nicht anders als zu glucksen.
"Ich bin nicht deine Mutter du Stalker und jetzt lass mich in Frieden!"
Ein Schluchzer erreicht meine Ohren. Ihr neuer Begleiter ist sofort zur Stelle.
"Es ist in Ordnung, sie verschwindet jetzt und alles wird wieder gut. Glaub mir, meine Tochter." 
Ich werde zum Ausgang gezwängt und aus dem Olymp geworfen. 
Die sanften Lichter werden jäh von mir weggeschnitten.
Die nun Ex-Göttin sitzt mit nassem Hosenboden auf noch nässerem Asphalt. Ein letztes Mal für diesen Abend ergebe ich mich einem herzhaften Lachanfall.
Das war' s dann wohl mit dem zweiten Mittwoch für mich.
Meine Mutter will nicht mehr mitspielen. 
Pfft. Keine drei Mal hat sie es mit mir aushalten können.
Dabei bin ich gut. Zuvorkommend. Wünschenswert.
Ich bin die perfekte Tochter.
Dieses Schiff hat mich sowieso gelangweilt.

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