In den Straßen von Venedig

Die Glocken der Basilica di San Marco empfingen mich mit ihrem sanften Klang als ich aus der Dunkelheit auftauchte. Wachsam sah ich mich um und lauschte in die dunkle Nacht hinein, doch alles was ich vernahm war das Bellen von Hunden, das Rauschen des Wassers im nahen Canale Grande und mein klopfendes Herz.

Ein Windhauch ließ mich frösteln. Zitternd zog ich meine schwarze Lederjacke enger an mich und hastete unbemerkt die kleine Seitenstraße in der ich appariert war entlang. Mir blieb nicht viel Zeit. Ich musste mich beeilen. Vor allem musste ich es schaffen unbemerkt bis zur Villa Foscarini zu gelangen die in der Corte Foscara lag. Schattengleich huschte ich über die spärlich von alten Straßenlampen beleuchtete Brücke und bog geschwind in die Campo San Moisè.

Nach all den Jahren in London waren mir die Straßen meiner Heimatstadt immer noch seltsam vertraut. Venedig war keine pulsierende Stadt wie London. Die Ruhe mit der mich die Stadt empfing war es die ich in der Ferne immer vermisst hatte. In ihr fühlte ich mich seltsam geborgen.

Nur noch wenige Meter trennten mich von meiner Vergangenheit. Ich schritt die letzten Meter der San Moisé Straße entlang. Auf der anderen Straßenseite lag die gespenstisch beleuchtete Kapelle, nach der die Gasse benannt war, im Halbdunkeln. Zögernd bog ich in die völlig schwarze Seitenstraße die mich meinem Ziel näher brachte.

Ich hatte Dunkelheit schon immer gefürchtet. Diese alles verschluckende Schwärze ließ mein Herz vor Panik schneller schlagen. Die hohen gotischen Häuserfassaden der Innenstadt von Venedig ließen kaum oder spärlich Licht in die kleinen Gassen fallen.

Ich schluckte meine Angst hinunter und eilte weiter durch die Gasse. Am Ende der Gasse blieb ich in der Dunkelheit verborgen stehen. Mir Gegenüber auf der anderen Seite des kleinen Platzes ragte die mehrstöckige gotische Villa Foscarini in die Höhe.

Die schwarze große Holztür, mit silbernem Türklopfer und hohem Torbogen, wurde vom Lichtkegel einer Straßenlampe erhellt.

Wie erstarrt stand ich in der Dunkelheit und konnte mich nicht mehr bewegen. Dort hinter dieser Tür verborgen, dessen Mauern für normal sterblich und jedem nicht Träger des Wolfskopfs auf seinem Unterarm wie eine Ruine aussah, lag meine Vergangenheit. Hinter diesen Mauern hatte ich bis zu meinem elften Lebensjahr gelebt. Bis zu dem Tag als ich mit meiner Mutter nach London geflüchtet war. Geflüchtet vor meinem tyrannischen Großvater, dem Familienoberhaupt der Foscarini, einer Familiendynastie die weit über den Italienischen Grenzen bekannt war.

Drei Jahre war er nun schon Tod. Im Prigione di Felon vor den Toren von Venedig auf einer Insel im Bacino di San Marco, dem Zauberergefängnis von Italien, war er gestorben. Als Verräter. Als Unterstützer des Dunklen Lordes, Lord Voldemort.

Nun war ich die Erbin.

Man nannte uns die Zauberermafia, ‚La Famiglia Foscarini‘. Immer wenn ich mit meiner Mutter im ‚vicolo di magia‘, der Gasse mit den magischen Geschäften hier in Venedig, unterwegs gewesen bin, hörte ich die Leute tuscheln. Alle hatten Angst vor uns denn sie wussten, sollte mein Großvater erfahren das einer von ihnen sich nicht angemessen oder respektvoll uns gegenüber benahm, würde derjenige ganz schnell von der Bildfläche verschwinden. ‚Il patrono‘ wie mein Großvater genannt wurde, war gnadenlos. So dachten auch alle dass ich und meine Mutter das wären. Als wir an meinem elften Geburtstag in einer Nacht und Nebelaktion verschwanden, dachte die gesamte Zaubererschaft von Venedig und den umliegenden Gebieten wie Mestre, Cavallino und Tessera, dass er uns umgebracht hätte. Aber wir waren geflohen. Vor unserer Familie und deren Häschern. In London hatten wir uns ein neues Leben aufgebaut, abseits unserer Heimat. Niemand aus meiner Familie hatte je Italien verlassen. Es war für meinen Großvater ein riesengroßer Verrat seitens seiner jüngsten Tochter gewesen. Mittels Eule teilte er uns seine Enttäuschung und die damit verbundene Verdammung mit. Ich sehe heute noch die Erleichterung auf dem Gesicht meiner Mutter vor mir.

Gedankenverloren war ich auf die Tür des Stadtdomiziles meiner Familie zugesteuert. Nur noch drei Stufen trennten mich von meiner Vergangenheit. Ich nahm all meinen Mut zusammen und machte einen Schritt vorwärts.

„Isabella Maria Foscarini. Was für eine Überraschung,“ ertönte eine schnarrende Stimme in Italienisch hinter mir.

Erschrocken fuhr ich herum. Von meinen Erinnerungen überwältigt hatte ich vollkommen vergessen wo ich hier war. Venedig war auch nach dem Tod meines Vaters und dem damit verbundenen Fall des Kartells immer noch ein gefährliches Pflaster. Meine Hand wanderte blitzschnell in die Tasche meiner Lederjacke und umklammerte damit meinen Zauberstab. Immer bereit zu kämpfen.

„Alessio Mateo Rinaldi. Was machst du hier um diese Uhrzeit?” schnauzte ich den Mann mir gegenüber in Italienisch an als ich ihn erkannte. Ich entspannte mich ein wenig.

Laut lachend trat der Mann aus der Dunkelheit ins spärliche Licht der Straßenlampe. „Oh bella. Hast du vergessen das wir heute eine Versammlung haben?”

Ich knirschte mit den Zähnen. „Nein.“

Wie könnte ich auch: Ich hatte sie schließlich selbst einberufen. Bevor ich in London aufgebrochen war hatte ich eine Eule an alle meine Verbündeten in allen Ecken Italiens geschickt. Ich seufzte.

„Was ist passiert?“ fragte er mich besorgt.

„Etwas das unser Aufmerksamkeit erfordert,” flüsterte ich und lies meinen Zauberstab wieder los.

Alessio biss sich auf die Unterlippe. Er hatte mich verstanden und nickte nur. So war es schon immer zwischen uns gewesen: Er verstand mich auch ohne viel Worte.

„Wie schlimm ist es? “

„Das kannst du dir gar nicht vorstellen,” antwortete ich ihm wahrheitsgetreu. „Gehen wir rein ins Haus.“

Ich drehte ihm den Rücken zu und stieg die letzten zwei Stufen zur Haustür hoch. An der schwarzen Ebenholztür angekommen, zog ich meine Jacke aus. Darunter trug ich nur ein schwarzes Top. Als die Kälte meine nackten Arme berührte erschauderte ich für einen kurzen Moment. Ich hob meinen rechten Arm an dessen Unterseite der Kopf eines schwarzen Wolfes prangte.

„Cum sodalis domus, precibus ego ut aditus,” (Als Mitglied des ehrenwerten Hauses, erbitte ich um Einlas) rezitierte ich mit fester Stimme.

Der silberne Wolfskopf des Türklopfers erglühte Golden. Ein Klacken ertönte. Rauch trat aus den Spalten der Tür als sie sich greinend öffnete.

„Danke ehrenwertes Haus,“ ertönte eine belustigte Stimme hinter uns.

„Das darf nicht wahr sein,“ murrte ich zu mir selbst.

 „Es ist aber wahr,“ spöttelte Alessio belustigt.

Langsam drehte ich mich um als ich auch schon in eine Umarmung gezogen wurde.

„Bella.“

„Mirco,“ quetschte ich hervor.

„Okay Mirco. Schluss jetzt,” ertönte eine weibliche Stimme hinter uns. Wenige Sekunden darauf erschien Aurora Greco, eine gute Freundin von mir, neben mir.

„Auf was warten wir eigentlich? Gehen wir doch hinein,“ ungeduldig schob sie mich in den Hausflur.

Als meine Füße über die Schwelle traten gingen alle Lichter an und der lange Flur war hell erleuchtet. Porträts von Generationen von Foscarinis beäugten uns misstrauisch während wir eilends an ihnen vorbeihuschten.

„Guten Abend euch allen. Wie geht‘s euch? Alles klar?” hörte ich hinter mir die Stimme von Mirco. Ich verdrehte genervt die Augen. Das war wieder so typisch von ihm.

„Halt die Klappe Mirco,“ maulte Alessio verärgert.

Ein empörtes tuscheln ging durch die Bilder.

„Die Verräterin ist zurück,“ drang es an meine Ohren.

„Hör nicht darauf,“ zischte mir Aurora ins Ohr während sie mich weiter Richtung Esszimmer schob. Ich stolperte voran über den schwarzen edlen Teppich bis wir vor der schweren Flügeltür standen.

„Na los: Mach schon auf.“

Seufzend trat ich vor und berührte die Handgriffe auf dem hin sie sofort aufschwang. Ich blieb einen Moment stehen und räusperte mich. Es wurde still hinter mir im Flur.

„Willkommen im Hause Foscarini,“ begrüßte ich feierlich meine Freunde und trat in den großen Saal.

Kommentare

  • Author Portrait

    Schöne Art, Venedig zu beschreiben. Ich bin mir nur nicht ganz sicher, ob du dir damit einen Gefallen tust, die Dialoge in Italienisch zu schreiben. Ich denke mir, die meisten hier sind dieser Sprache eher nicht mächtig. Das reißt einen beim Lesen raus und man ärgert sich, dass man den genauen Wortlaut nicht versteht. Vielleicht lieber auf Deutsch schreiben und hinzufügen, dass die Person das vertraulich in italienisch gesagt hat (wobei man sich das denken kann, denn sie sind ja immerhin in Italien :) )

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media