In die fütternde Hand beißen

Und an dieser Stelle schreibe ich über meine Eltern. Man kann mir hier eines aber ganz sicher nicht vorwerfen: Dass ich negativ über sie schreiben würde. Nein, ich schreibe nur das auf, was ich gehört, gesehen und schlussendlich dabei gefühlt habe. Was es mit mir gemacht hat und wie es war. Wie gesagt beschönige ich hier nichts oder mache es schlimmer als es tatsächlich war. Es ist und bleibt die pure Wahrheit!

Ich saß auf dem Krankenhausbett und starrte gegen die Milchglasscheibe, die das Patientenzimmer und den Flur abteilte. Es ist schwer das jetzt einfach so zu schreiben, denn der Augenblick war brutal, als hätte jemand meine Welt in mehrere Teile zerspringen lassen. Denn meine Eltern kamen zur Tür rein.

Und alles, was ich vorweg hörte, war die unbeteiligt klingenden, lustlose Stimme einer Pflegerin, die meinte 'Du hast Besuch'. Da stürmten sie hinein als hätten sie mich ein halbes Jahr nicht gesehen, weil ich an der Front gewesen wäre. Als wär ich schon totgeglaubt.
Ich wollte an dieser Stelle fragen, ob das Personal im Gegensatz zu den Patienten, eher den Verstand verloren hätte. Gestern hieß es noch, wenn ich meine Eltern nicht sehen wollte, dann musste ich das auch nicht. Und heute ließ man sie ohne Umschweife in die Geschlossene Station? Damit vertraute man meinen Eltern wieder mehr als mir und überging meine Bedürfnisse. Ganz zu schweigen von meiner mentalen Verfassung. Mein Vertrauen in die Klinik hatte sich damit sowieso in Luft aufgelöst...

Es jagte mir einen Schauer über den Rücken als mein Vater mich vom Bett riss und mich an sich drückte, vollkommen aufgelöst, zitternd und... er weinte. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich ihn hatte weinen sehen. Und es war das erste Mal seit einem Jahrzehnt, dass ich irgendwo das Gefühl hatte, ihm dennoch wichtig zu sein, weil er nicht wie meine Mutter reagierte, sondern mich einfach nur auf's Bett hievte und mich festhielt.
Es war meine Mutter, die mich mental komplett fertig machte. Sie verschränkte die Arme, warf mir einen bösen Blick zu und schlich gleich darauf um das Bett herum, um den Namen auf dem Zettelchen an der Lehne zu lesen. 'Herr?', sprach sie. 'So nennen die dich hier also schon? Das hast du ja klasse hinbekommen!' Ich wurde von jetzt auf gleich mit all den Gedanken und Gefühlen überrollt, die ich gestern versucht hatte von mir fern zu halten. Das Problem, von dem ich versuchte Abstand zu gewinnen, war plötzlich mit einem Schlag hier in diesem Zimmer. Also habe ich geweint und geschrien. Mein Vater hat versucht mich zu beruhigen, obwohl er selbst mit den Tränen kämpfte. Es war das Furchtbarste, was ich je gesehen hatte. Mein Vater wie er weinte, wegen mir, über mich, mit mir, jedenfalls war ich der Grund.

In den letzten Jahren waren meine Eltern zumeist die einzigen Bezugspersonen, die ich an meiner Seite hatte, in direkte Nähe. Das hieß, was immer sie wollten, ich habe es gemacht. Was immer sie nicht wollten, habe ich eben nicht gemacht. Ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob ich es tun oder nicht tun wollte. Dieses Verhalten war nach Ende meiner Schulzeit sogar noch wesentlich eindringlicher geworden. Wieso sollte ich die Hand beißen, die mich fütterte, wenn sie die einzige Hand war, die ich hatte? (Und ich dachte prompt an diesen Song von Nine Inch Nails... You're keeping in step in the line. Got your chin held high and you feel just fine,
'cause you do what you're told. But inside your heart it is black and it's hollow and it's cold. Just how deep do you believe? Will you bite the hand that feeds? Will you chew until it bleeds? Can you get up off your knees? Are you brave enough to see? Do you want to change it?)

Das Szenario wurde immer gruseliger. Meine Mutter drohte mir an, ich solle doch gefälligst die Kosten für den Aufenthalt übernehmen, so wie ich den Karren in den Dreck gefahren hatte. Ich sollte die Kosten für mein Vergehen tragen und würde laut ihr damit jetzt schon Schulden machen und zusehen müssen, wie ich die wieder beglichen bekäme. Interessanterweise hat mein Vater mich dafür in Schutz genommen und meinte, dass es nicht um die Kosten ginge, sondern um mich.
Aber wenn ich ganz ehrlich war, ging es nie tatsächlich um mich. Das waren leere Worte, ein Leckerbissen, den man mir hinhielt und wegzog, wenn ich versuchte danach zu schnappen. Allerdings hatte ich zu diesem Zeitpunkt wirklich den Eindruck mein Wohlergehen läge meinem Vater mehr am Herzen als meiner Mutter, und das erschreckte mich zutiefst.
Denn der, der mich auf gleiche Weise überwachte und dann wieder ignorierte, das war immer mein Vater gewesen. Es fühlte sich oft an als würde er die Zügel mal stramm ziehen und mal ganz locker lassen. Und sobald ich versuchte auszubüchsen, zog er nur fester und fester. Ich liebte ihn und hatte gleichzeitig Angst vor ihm. Und er gab mir immerzu das Gefühl etwas Furchtbares getan zu haben und mich gleichzeitig bedingungslos zu lieben. Wie war das überhaupt möglich?

Und warum ging es nie um mich? Sie boten mir einen Kompromis an, nein, eigentlich hatte ich den vorgeschlagen. Ich dürfte eine Psychotherapie machen, das hätten sie ja auch ohne Konflikte zugelassen. Natürlich, dachte ich. So wie bei uns immer alles ohne Wenn und Aber vonstatten ginge. Meine Mutter warf mir vor, dass ich es ja nie wieder versucht hätte. Liebe Mama. Es gab eine Zeit, da war ich noch voller Hoffnung, habe das Gespräch mit dir gesucht und dir unzählige Briefe geschrieben. Persönlich, emotional, sachlich, wissenschaftlich. Es war wirklich alles dabei. Und was hast du getan? Du hast abgeblockt, du hast mit Drohungen und Vorwürfen geantworten, damit wie schlecht es dir dadurch ginge. Ist dir mal aufgefallen, dass es dir mehr um dich ging als um dein Kind? Und du hast von mir erwartet, dass ich nochmal frohen Mutes zu dir käme und wir das Problem ganz solidarisch hätten klären können? Glaubtest du das tatsächlich...?

Denn auch an dieser Stelle durfte ich wieder nicht an mich selbst denken. Ja, ich dürfte eine Psychotherapie machen, aber sie würde sofort beendet werden, wenn der Verlauf der Psychotherapie mit einem 'Herrn' vor meinem Namen endete.
Also, wer kann mir beantworten, was eine Psychotherapie bringt, wenn man das eigentliche Problem nicht ansprechen darf? Richtig... absolut gar nichts!

Kommentare

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    Boah, das sind ja unglaubliche Abgründe! Du hast den Mut und die Kraft gehabt, mal an dieser Schicht zu kratzen, welche deine Eltern "fürsorglich" über euer Familienleben gelegt haben. Daß sie nun heftig reagieren - jedes auf seine Weise - erscheint mir klar. Denn nun wackelt das ganze Gebilde, welches sie wohl schon viele Jahre hätscheln, ohne hinzusehen. Vor allem, ohne DICH zu sehen, DICH WAHRZUNEHMEN. Ich frage mich, ob hier nicht eine Familientherapie angezeigt wäre... Absolut unverständlich ist mir, weshalb deine Eltern Zutritt zu dir bekamen. Da lief etwas gründlich schief. Ich hoffe, du kannst das mit der Hausärztin noch besprechen, daß sie für dich noch abklärt, wie das geschehen konnte. Daß dein Vertrauen erschüttert ist, verstehe ich sehr gut. Ich hoffe, du findest einen Weg/eine Institution, in welche du richtig Vertrauen haben kannst. Denn das brauchst du jetzt unbedingt!

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    Tut mir leid, ich weiß, ich habe eigentlich gar kein Recht mehr, mich an dich zu wenden und dir das zu sagen aber... , und das hört sich jetzt vielleicht auch ziemlich hart an.. aber... ich hasse deine Mutter!

beta
Feenstaub

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