Insasse 888, nein Name ist Ella

Insasse 888, mein Name ist Ela


Kapitel 1
Sterile Welt

Manchmal erdrückten die weißen Wände sie, doch es gab keine Alternative in ihrer trostlosen Welt. Sie konnte sich kaum noch an ihr altes Leben erinnern, dachte nur noch wenig an die wundervollen Farben in ihrem Garten, die Musik, die stets geliebte hatte oder die Gerüche, wenn sie oder ihre Mutter Kekse gebacken hatten. Alles vorbei seid dem Tag, an dem die Katastrophe ihrer aller Leben in dieses leere Dasein verbannte.
Schutzzone, nannte es ihrer Nachbarin, Gefängnis, traf ihre Lage schon eher. Endlose Flure aus weißem Stein, keine Bilder, keine Fenster. Die Sonne gab es in ihrer jetzigen Welt nicht mehr, die Oberen sagten, es sei gefährlich, sie zu betrachten.
887, ihre Nachbarin nannte es eine Verschwörung und die Leiterin ihrer Arbeitsgruppe verdonnerte sie zu einer disziplinar Strafe, als sie versuchte, ein Fenster zu finden.
Die morgendliche Sirene weckte 888. Ein neuer Tag begann. Weitere endlose Stunden in dieser monotonen Existenz, die die Oberen Leben nannten.

Die Stunden an der Maschine vergingen nur quälend langsam. Greifen, einpacken, zur Seite legen, greifen einpacken, zur Seite legen. Tagein, tagaus, Stunde um Stunde, Tag für Tag, wie lange sie hier schon arbeitete, war aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Ebenfalls fehlten ihr die Erinnerungen, daran wie sie in diese Tretmühle geraten war. Wo waren ihre Eltern? Ihre Schwestern? Ihre Freundinnen und wo war der Mann, den sie damals liebte? Ihre Erinnerungen an die Katastrophe waren lückenhaft und verschwommen. Sie versuchte stets, sich vor dem Einschlafen an ihr altes Leben zu erinnern, doch es war vergeblich. Nur Bruchstücke kamen an die Oberfläche und dann war es, als liefe sie vor eine gewaltige Betonmauer. Ein Hindernis aus Furcht, Schweigen und einem Ereignis, das so schrecklich sein musste, das es besser für alle Zeiten eingesperrt bliebe. Nicht einmal ihr alter Name war noch in ihren Gedanken, das neue Leben hatte ihr alles genommen, ihre Familie, ihr Zuhause, sogar ihre Identität. Hier war sie nur eine Nummer. 888, das Mädchen mit den vernarbten Händen.
Warum sie diese alten Verletzungen trug, konnte ihr niemand erklären. Es gab keine Freundschaften in dieser Anlage, kein Lachen, kein Zusammentreffen, um fröhlich zu sein. Nur die Mahlzeiten verbrachte man gemeinsam.

Greifen, einpacken, zur Seite legen. 888 blinzelte gegen das grelle Neonlicht. In ihrem Bauch schien eine Armee von tollwütigen Hunden einen Tanz aufzuführen. In ihrem Kopf herrschte dieses dumpfe Pochen und sie spürte, das ein weiteres Ereignis ihre Existenz erschüttern würde.
»Arbeite schneller, Mädchen. Noch ist keine Pause. Ihr hängt schon um 2000 Teile der anderen Gruppe hinterher. Auf der Liste sind wir um 3 Plätze gefallen. Sollten wir noch einen Platz tiefer rutschen, streiche ich dir das Abendbrot.«
»Ich fühle mich nicht so gut heute. Vielleicht sollte ich zur Krankenstation gehen?«
Die Leiterin schüttelte den Kopf, öffnete den Mund, doch die Sirene zum Mittag ließ sie innehalten.
888 stand langsam auf, wischte sich die Hände an ihrer weißen Hose ab und reihte sich in Schlange zur Mensa ein. Dutzende Frauen strömten in die Gänge. Leise, ohne Lachen oder aufgeregtes Geschnatter gingen sie mit gesengten Köpfen zum Mittag.

Das seltsame Gefühl im Magen verstärkte sich. 888 ballte die Hände zu Fäusten. Ich muss hier raus. Ich will die Sonne wieder sehen. Will hören, wie die Vögel zwitschern, Kinder lachen und wie es sich anfühlt auf einer Wiese zu liegen und in einer leichten Brise träumen. Wo ist nur mein altes Leben geblieben?, fragte sie sich zum wiederholten Male.
»Lauf schneller, 888 oder ich mach dir Beine!«
Sie drehte den Kopf und sah den obersten Aufseher. Ein Schauer glitt über ihren Rücken. Das Monster, wie sie ihn heimlich nannte, ging neben ihr. Sein kahlgeschorener Schädel glänzte, wie frisch poliert und sein diabolisches Grinsen verwandelte ihre Seele zu Eis.
Sie senkte den Kopf und ging schneller.

Am Tisch herrschte Disziplin und Stille. Ihre Hand führte die Gabel mit monotonen Bewegungen an den Mund. Sie kaute automatisch, schmeckte kaum, was sie da aß. Ein Gedanke huschte durch ihren Kopf und die Erinnerungen an den Geschmack von süßen Erdbeeren überflutete alle ihre Sinne. 888 hielt inne. Sie sah sich selbst in einem Café sitzen, ihre Freundinnen scherzten, ein Mädchen zeigte den anderen das Bild ihres neuen Freundes auf dem Display ihres Handys. Es würde gekichert und sie prosteten sich zu. Die Erinnerung verblasste, das Essen auf ihrer Zunge schmeckte pappig und fühlte sich an wie zäher Leim. Ihr Blick wanderte auf dem Teller hin und her. Matschiges Gemüse, in einem gräulichen Farbton. Soße wie Kleister, Kartoffeln, voller dunkler Stellen, hart wie ein Gummiball. Sie schüttelte angewidert den Kopf. Ich kann das nicht essen. Ich will das hier nicht mehr. Immer lauter wurden die Gedanken an eine Rebellion in ihrem Kopf.

Ihre Finger streichelten die Gabel. Ihr linkes Auge fixierte die Kartoffel auf dem Teller. Das Gemüse schien sie zu verhöhnen. Iß mich oder hau ab, schien es zu kichern. 888 ließ das Besteck aus den Fingern gleiten. »Ihr könnt diesen Mist selber essen«, murmelte sie in die Stille des Raumes.
Wie von allein griff ihre Hand nach der Kartoffel, hart, leicht schleimig und unansehnlich berührte die gelbliche Kugel ihre Haut. Ihr Arm hob sich und bevor sie sich bremsen konnte, flog die Kartoffel quer durch den Raum und traf eine der anderen Frauen.

»Ah! Was soll das?«
888 blickte sie an, sie kniff die Augenlider leicht zusammen, runzelte die Stirn und warf mit der nächsten Kartoffel nach der anderen.
»Drecksfraß! Könnt ihr behalten. Hört ihr? Ich will den ganzen Scheiß hier nicht mehr! Ich habe genug von eurem Loch! Ich will die Sonne sehen und frische Luft atmen!«
Einige der anderen Insassinnen murmelten zustimmend. Noch waren die Worte der anderen leise, doch bald griff der Funke der Rebellion um sich. Zwei der Frauen, die auch an 888´s Tisch saßen, fingen an, ebenfalls mit dem Essen zu werfen.

Bald herrschte Chaos im Speiseraum und die Sirene begann schrill zu heulen. Die oberen Wärter, stürmten in den Raum.
Mit Elktroschockern und Schlagstöcken brachten sie die aufgebrachte Meute zur Räson. Schreie und lautes Poltern erklang rund um sie herum. 888 drehte sich um ihre eigene Achse, um den Schlägen, der Wächter zu entgehen. Sie war gelenkig und biegsam wie eine Weidenrute. Sie sprang auf den Tisch und entging einem Schlag gegen die Kniescheibe. Sie trat nach dem Angreifer, erwischte ihn an der Schulter. Ein Salto rückwärts rettete sie vor dem elektrischen Schlag, der für sie vorgesehen war.

»888, sofort kommst du vom Tisch herunter!«
Der derbe Akzent des Wärters verursachte ihr ein Ziehen im Magen. Das Monster war ihr viel zu nahe gekommen. Würde er sie jetzt erwischen drohte ihr eine Prügelstrafe, und der Aufenthalt im weißen Loch, bis sie sogar vergessen würde wie man Worte verwendet.
»Nein!«, brüllte sie ihm entgegen und rannte geschickt durch die Menge davon. Er war dicht hinter ihr. Sie hörte ihn schnaufen und fluchen. Er fegte die anderen Frauen aus dem Weg, als wären diese nur Stoffpuppen.
»Ich kriege dich, Mädel und dann Gnade dir Gott!«
888 schlüpfte schneller durch die aufgebrachten Frauen. Manche versuchten sie festzuhalten, andere feuerten sie an. Sie rannte auf eine der weißen Türen zu, die alle gleich aussahen. Die Tür führte in den Flur zu den Arbeitsräumen, doch heute rannte sie dran vorbei. Hinter ihr lärmte das Monster.

»888!«
Nicht umdrehen, dachte sie panisch. Nicht anhalten, er bringt mich sonst um. Sie hörte die Wut in seiner Stimme, je mehr Vorsprung sie gewann. Rechts abbiegen, links abbiegen. Wieder eine Tür.
Verschlossen.
Langsam bekam sie Seitenstechen und ihr Atem ging keuchend. Doch die Angst vor dem Wärter putschte sie auf.
Die nächste Tür ließ sich öffnen. Ein weiterer Raum in einem strahlenden Weiß. Makellos und steril. Keine Bilder, keine Fenster. Tot und ohne Leben. Eine Sackgasse, schoss es durch ihren Kopf. Hektisch blickte sie sich um. Ihre Hände zitterten, das Rauschen in ihren Ohren war lauter als ihr Atem. Sie musste fort, schon hörte sie den Wächter auf dem Flur rennen.

Ein Lüftungsschacht fiel in ihren Blick.
Sie ging in die Knie, kroch hastig darauf zu. Zum Glück war sie dürr, wie ein kahler Baum. Ein Bild schoss durch ihren Kopf. Ein brennendes Haus. Der Baum davor ohne Blätter, mit Raureif bedeckt und gespenstisch anzusehen. Waren nicht Schreie zu hören aus dem Haus? Schatten an den Fenstern, die verzweifelt nach einem Weg in die Freiheit suchten? 888 schüttelte den Kopf, um die Bilder zu verscheuchen.
Sie riss an dem Gitter herum, wie durch ein Wunder war es bereits lose und nach einem wilden Zerren hielt sie es in der Hand.
Sie zwängte sich hinein und atmete den scharfen Geruch ein. Fäulnis, Kälte und Tod schlugen ihr entgegen.
Der plötzliche Gestank verschlug ihr den Atem.

Ein nie gekannter Schmerz schoss durch ihr Bein und sie schrie auf. Eisige Nadeln krochen ihr Bein hinauf. Spinnen, schienen auf ihr herum zu krabbeln. Vor ihren Augen tanzten schillernde Blasen.
888 steckte fest. Ihr Knöchel brannte wie Feuer. Ihr Blut schien sich in siedendes Lava zu verwandeln. In ihrem Kopf breitete sich ein Nebel aus, der sie schwindlig machte. Der Gestank verstärkte sich. Wie Knoblauch und schlecht geputzte Zähne. Nur weiter, weg von dem betäubenden Geruch. Ihre Fingernägel suchten nach einem Halt auf dem glatten Untergrund. Ihr Herz hämmerte, wie ein Presslufthammer. Wieder sah sie ein Bild. Ein Mann in einem Arbeitsanzug, lächelte ihr zu.
Sie schrie auf, als der Schmerz intensiver wurde. Der Gedanke an die Freiheit und an Sonne ließ sie weiter kämpfen. Nur vorwärts. Niemals aufgeben.

In ihrem Kopf fühlte sie sich leicht und schläfrig, der Schmerz überrollte sie in peitschenden Intervallen. Durfte sie sich kurz ausruhen? Die Augen schließen? Nur fünf Minuten schlafen und dann mit neuer Kraft weiter machen?

888 atmete langsam aus. Ihre Augenlider flatterten und ihre zitternden Hände kamen zur Ruhe. Einatmen, ausatmen. Nur ein paar Minuten ausruhen, das war ihr Plan.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media