Interview

„Andy, komm schon! Der Typ von der Zeitschrift ist da.“
Ja.
Das habe ich auch mitbekommen.
Seufzend rapple ich mich auf und schließe, nachdem ich noch einen prüfenden Blick in den Spiegel geworfen habe, meine Zimmertüre hinter mir und ziehe den Schlüssel ab.
Ich habe keine Lust auf dieses Interview, denn ich weiß, was mir bevor steht.
Sie werden mich fragen, was das vorgestern auf der Bühne sollte.
Als ich abgehauen bin.
Und ich werde lügen, wie schon so oft zuvor.
Und niemand wird mir etwas anmerken, wie ebenfalls schon so oft zuvor.
Ich könnte heulen.
Am liebsten möchte ich mich in meinem Bett vergraben und einfach liegen bleiben.
Nicht mehr aufstehen, bis die Welt vergessen hat, wer ich bin.
Ich befürchte nur, dass das nicht gehen wird.

Die Anderen sind schon vorausgegangen.
Wir treffen uns in der Lobby des Hotels mit einem Journalisten von irgendeiner Rockzeitschrift.
Und ich freue mich kein Bisschen.
Früher habe ich Interviews immer genossen.
Ich habe es geliebt die Botschaft hinauszuposaunen, die wir mit unserem ausgeflippten Style und unserem Musikstil in die Welt hinausschreien wollen.
Aber seit ich mir eingestanden habe, dass ich Ash liebe, habe ich Angst, dass irgendwer etwas merken könnte.
Dass meine Maske aus Lügen und Verheimlichung langsam zu bröckeln beginnt.
Interviews sind für mich zu einer Qual geworden.
Vor allem, weil ich verteufelt aufpassen muss, weil mich alle ohnehin für schwul halten.
Ich streite ja auch nicht ab, dass ich es bin, ich möchte es nur nicht an die große Glocke hängen.
Meine sexuellen Vorlieben gehen schließlich niemanden etwas an.
Ich habe genauso das Recht, wie alle Menschen, einige Geheimnisse der Öffentlichkeit vorzuenthalten.

Als ich endlich unten in der Lobby aufschlage, registriere ich sofort den genervten Blick unseres Managers.
Dann dreht er sich zu dem Journalisten um und die Beiden beratschlagen wo er uns interviewen kann, denn die Lobby erscheint beiden unpassend, da hier so viele Leute durchrennen.

Mir ist schlecht, als ich mich zwischen Jake und Jeremy auf das Sofa fallen lasse.
„Hey.“
„Hey.“, gebe ich zurück.

Ich denke an letzte Nacht zurück.
Ich weiß, dass ich geweint habe und Ash versucht hat mich zu trösten.
Irgendwann hat er mich dann aufgehoben und in mein Zimmer getragen und auf das Bett gelegt.
Dann wollte er gehen, doch ich habe ihn zurückgehalten.
Wollte, dass er bleibt und mich nicht alleine lässt.
Also ist er geblieben.
An mehr kann ich mich nicht mehr erinnern, weil ich dann wohl eingeschlafen sein muss.
Mein Blick trifft auf Ashs wunderschöne Augen und für einen Moment glaube ich mich in ihnen zu verlieren.
Scheiße!
Ich kann nicht mehr lange Versteckspielen.

Unser Manager kommt auf uns zu.
Er winkt den jungen Journalisten zu sich.
„Also Leute, das ist Bill Parker.“
Während alle unserem Manager lauschen, der erklärt, wo wir interviewt werden, sehe ich in Bills Richtung.
Und ich nehme das Grinsen war, das sich auf dem Gesicht des Journalisten ausgebreitet hat.
Er freut sich anscheinend darüber uns interviewen zu dürfen.
Herzlichen Glückwunsch.

Wenig später sitzen wir alle um einen Runden Tisch in einer ruhigen Ecke eines kleinen Cafés.
Bill blickt mit seinen blauen Augen in die Runde und an mir bleiben sie haften.
Augenblicklich werde ich ein wenig nervös, aber zu meiner Verwunderung beginnt Bill einfach nur ganz lockere und lässige Fragen zu stellen, wie sie jeder Journalist gestellt hat, dem wir bisher Rede und Antwort stehen mussten.
Langsam entspanne ich mich wieder einigermaßen.
Aber als ich glaube alles überstanden zu haben, fixiert mich Bill noch einmal.
Scheiße!
„Die Frage, die mir aber schon seit Beginn dieses Interviews auf der Zunge liegt und deren Antwort mich brennend interessiert ist eigentlich, warum Sie bei ihrem letzten Konzert so panikartig die Bühne verlassen haben, Mr. Biersack.“
Mein Herz rutscht mir in die Hose.
-Weil ich Ash liebe und es nicht ertrage ihn anzusehen und dabei zu wissen, dass er mich niemals lieben könnte.
Weil das, was ich fühle unrecht ist.
Weil es verboten ist und weil ich dennoch nichts an meinen Gefühlen ändern kann.
Und weil ich zu diesem Zeitpunkt beschlossen habe, allem ein Ende zu setzen. Darum!-
Das würde ich Bill gerne an den Kopf werfen, aber ich kann nicht.
Ich darf nicht.
Verzweifelt springe ich auf und fege mit einer einzigen Handbewegung alles vom Tisch, was mir in die Quere kommt.
Ein Wasserglas fällt zu Boden und zerbricht.
Zettel fliegen.
Ich habe mir die Handfläche an einem Splitter aufgeschlitzt, der auf dem Tisch liegen blieb.
Blut tropft auf den weißen Tisch und mischt sich mit meinen dunklen Tränen, die mir über die Wangen hinablaufen und meine Schminke verwischen.
Alle starren mich entgeistert an.
Ash ist aufgesprungen und will auf mich zu rennen, doch unser Manager hält ihn fest.
Er hat wohl Angst, ich könnte auch ihm wehtun.
„Ihr habt doch alle keine Ahnung! Bitte! Lasst mich einfach in Ruhe!“, schreie ich.
Dann drehe ich mich um und stürze aus dem Lokal.

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