Ist es das, was du Liebe nennst?

Schweigend standen Cassidy und ich uns gegenüber. Im Zimmer war es so still, dass ich problemlos eine umherschwirrende Fliege und meinen eigenen Herzschlag hören konnte. Wir starrten uns an; wir belauerten uns.
Jeden Moment konnte es zu einem Kampf kommen. Es war nur eine Frage der Zeit, wer von uns beiden ihn beginnen würde. Für meine Verhältnisse verhielt ich mich sehr ruhig, obwohl ich in meinen Händen das mir wohlbekannte Kribbeln fühlte. Ich…
Urplötzlich, ohne, dass ich reagieren konnte, rammte Cassidy mir seinen Ellbogen in die Rippen. Schlagartig blieb mir die Luft weg und ich taumelte. Ein dumpfer Schmerz breitete sich in meinem Brustkorb aus. Ich war zwar auf einen Angriff seinerseits vorbereitet gewesen, aber das er so schnell agieren und dazu ausgerechnet noch meine angeschlagenen Rippen; meine Schwachstelle erwischen würde, hätte ich nicht erwartet.
Ich atmete tief durch und versuchte den Schmerz zu verdrängen, als er mir ins Gesicht schlug. Obwohl der Schlag ziemlich schwach gewesen war, brachte mich diese Aktion zur Weißglut. Dafür, dass er eben noch strikt gegen eine Prügelei gewesen war, griff er mich nun ohne Reue an.
„Mehr hast du nicht zu bieten?“, zog ich ihn auf und überspielte mit Leichtigkeit, dass mich sein plötzlicher Angriff überrascht hatte.
„Ich dachte du hättest nach meinem Rippenstoß bereits genug.“ Überheblich grinste Cassidy mich an. Meine Mundwinkel wanderten automatisch nach unten.
„An deiner Stelle würde ich mir das Grinsen verkneifen, denn wenn ich mit dir fertig bin, dann wirst du es bereuen, mich geschlagen zu haben“, sagte ich tonlos. Daraufhin brach er in schallendes Gelächter aus.
Fassungslos schüttelte ich den Kopf. Cassidy wagte es tatsächlich über mich zu lachen. Mein Körper war vollgepumpt mit Hass, Zorn und Missachtung. Ihm würde das Lachen noch vergehen.
Unachtsam durch seinen Lachanfall, realisierte Cassidy erst spät, dass ich mich ihm näherte. Viel zu spät.
Verdutzt guckte er mich an, als ich ihm blitzschnell die Beine wegtrat und ihn zu Fall brachte. Mit einem Donnern kam er auf dem Boden auf. Über seine Lippen kam ein Geräusch, das sein Erstaunen verriet. Er wollte schon wieder aufstehen, doch ich stellte meinen linken Fuß auf seine Kehle und stoppte seinen Versuch sich aufzurichten. Zufrieden sah ich dabei zu, wie er seine Augen panisch aufriss, während er meinen Knöchel umfasste und verzweifelt darum kämpfte meinen Fuß wegzudrücken.
„Ist dir jetzt immer noch zum Lachen zumute, Cassidy?“, höhnte ich und erhöhte den Druck auf seinen Hals. Trotz meines Stiefels konnte ich seinen Kehlkopf spüren. Mit Leichtigkeit hätte ich ihn jetzt töten; seinem Leben ein Ende bereiten können. Für einen Moment kam ich in Versuchung meinem Verlangen nachzugeben und in mein altes Muster zu verfallen, denn meiner Meinung nach hatte Cassidy es verdient zu sterben, schließlich hatte er mich beleidigt und angegriffen, doch der ausschlaggebende Grund war der Kuss mit Holly.
Das Bild, wie Cassidy meine Freundin anfasste und sie zärtlich küsste, flackerte vor meinem geistigen Auge. Meine Eingeweide verkrampften sich und mein Hass nahm neue Dimensionen an.
Ich werde ihn töten. Ich werde ihn töten. Ich werde ihn töten. Diesmal war Holly nicht hier, um mich aufzuhalten und mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Wie hypnotisiert starrte ich ihn an und grinste diabolisch. Cassidy erwiderte meinen Blick. In seine Augen traten Tränen, die über seine Wangen liefen.
„Bit…bit…bitte“, flehte er mich mit seiner verbliebenen Luft an. Ich schnaubte.
Wie erbärmlich. Er konnte so viel betteln, flehen und heulen, wie er wollte. Ich würde ihn nicht laufen lassen.
Gerade wollte ich mit meinem Fuß erbarmungslos seinen Kehlkopf zerquetschen, als die Tür krachend aufflog und Holly, gefolgt von Daphne und Zack, ins Zimmer stürmte. In ihrer Verzweiflung hatte sie sich Hilfe geholt. Mir waren die drei egal. Ihr Auftauchen würde mich nicht daran hindern aufzuhören.
„Was tust du denn da?!“, kreischte Daphne erschüttert. Sie war schneeweiß im Gesicht.
Ich blendete ihr Geschrei aus, so, wie alles andere um mich herum. Meine Konzentration galt einzig und allein Cassidy. Ich nahm meinen Fuß von seiner Kehle und versetzte ihm einen Tritt in die Rippen. Er krümmte sich. Gleichzeitig sog er gierig Luft in seine Lungen. Viel Zeit zum Verschnaufen ließ ich ihm nicht.
Ich beugte mich zu Cassidy herunter, hob ihn hoch, aber nur um ihm einen Faustschlag zu verpassen, der seiner Nase ein ekliges Knacken entlockte und ihn wieder auf den Boden beförderte. Cassidy jaulte und fasste sich an die Nase. Ein Blutschwall quoll zwischen seinen Händen hervor und bahnte sich einen Weg über sein Kinn, bis zu seinem Hemd.
„Was ist denn in dich gefahren?“ Daphne eilte an mir vorbei zu ihrem Bruder. Sie kniete sich neben Cassidy und half ihm dabei sich aufzusetzen.
Jede Bewegung fiel ihm sichtlich schwer. Er zitterte heftig und schien seinen Körper nicht mehr unter Kontrolle zu haben.
Geistesabwesend zuckte ich mit den Achseln. Ich hatte kein Mitleid mit ihm, denn das alles hatte er sich selbst zuzuschreiben. Ich war nur sauer und zwar auf Holly, weil sie ihre Freunde geholt hatte, um mich aufzuhalten; um Cassidy zu retten.
„Alles okay?“, fragte Daphne besorgt ihren Bruder, der seine Hände heruntergenommen hatte. Cassidys Nase war stark angeschwollen und hatte sich verformt. Ich bemerkte Zack, der sich ebenfalls neben Cassidy niederließ. Er sah aus, als falle er gleich selbst in Ohnmacht.
„Ich…ich…glaube meine Nase ist gebrochen“, jammerte er und betastete seine blutende Nase, doch kaum hatte er sie berührt, da verzog er schmerzhaft sein Gesicht.
Als seine Schwester das hörte, hob sie ihren Kopf und ließ ihren Blick zu mir schnellen. In ihren grünen Augen spiegelten sich Verachtung, Unverständnis und Angst wieder. Diesen Ausdruck hatte ich bei ihr noch nie gesehen, denn Daphne hatte mich stets gemocht, aber der Angriff gegen ihren Bruder hatte alles verändert. Nun sah sie mich in einem ganz anderen Licht.
„Bist du verrückt geworden?“, fragte sie mich mit hochrotem Kopf.
„Warum greifst du meinen Bruder an und brichst ihm die Nase?“ Daphne war außer sich vor Zorn. Strähnen ihres dunkelbraunen Haares hingen wirr in ihrem hochrotem Gesicht. Als ich ihr keine Antwort gab, sprang sie auf und überließ es Zack, sich um ihren Bruder zu kümmern.
Sie kam zu mir herüber und funkelte mich böse an. Und dann, ohne ein weiteres Wort, gab sie mir eine saftige Ohrfeige. Ein lauter Knall erfüllte den Raum und hallte an den Wänden wider. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Holly erschrocken eine Hand vor den Mund schlug.
„Na, wie gefällt dir das, James?“, wollte Daphne herausfordernd von mir wissen, bevor sie mich schubste. „Wie fühlt es sich an, geschlagen und geschubst zu werden?“ Ihr Tonfall wurde immer aggressiver. Ihre Provokationen regten mich auf und gingen mir auf die Nerven.
Als Daphne ihre Arme nach vorne streckte, um mich ein weiteres Mal wegzustoßen, umfasste ich geschwind ihre Handgelenke. Sie wirkte perplex.
„Hast du wirklich geglaubt, dass ich mir das gefallen lasse?“, brüllte ich und drückte zu.
„AHHHHHH.“
Verängstigt und verzweifelt wand sich Daphne in meinem Griff. Sogleich standen Zack und Cassidy auf. Letzterer schien seine Schmerzen vergessen zu haben. Er wollte seiner Schwester, die in Gefahr war, zu Hilfe eilen.
Doch bevor einer der Beiden eingreifen konnte, mischte sich Holly ins Geschehen ein.
Entschlossenen Schrittes kam sie auf mich zu. Sie durchbohrte mich mit einem Blick, den ich zuletzt bei ihr gesehen hatte, als ich nach dem Tod ihrer Eltern mit ihr im Wald gewesen war.
Früher hätte mich nichts davon abhalten können weiterzumachen; meinen Zorn herauszulassen, aber irgendetwas in Hollys Augen brachte mich dazu Daphne loszulassen. Ich ließ meine Arme sinken und trat einen Schritt zurück. Etwas verstört flüchtete Daphne zu Cassidy, den sie zurückhalten musste, damit er nicht auf mich losging.
Derweil stellte sich Holly vor mich. Ihr Blick, der in mir ein Gefühlschaos ausgelöst und mich verunsichert hatte, war noch immer da.
„Raus hier, James“, stieß sie zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. „Sofort.“ Demonstrativ zeigte sie auf die Zimmertür. Ich wusste, dass sie es todernst meinte und dass an ihrer Entscheidung nicht zu rütteln war. Daher machte ich ohne Widerworte auf dem Absatz kehrt und verschwand.

Planlos streifte ich durch die Straßen von Saint Berkaine. Es war eine milde, sternenklare Nacht. Für ein Uhr morgens war die Stadt noch sehr belebt. Es war fast so hektisch und laut wie am Tage. Undefinierbare Gerüche lagen in der warmen Luft, die sich vermischten und mir den Verstand vernebelten. Es dauerte nicht lange, bis ich durch die pausenlose Bewegung leicht anfing zu schwitzen. Das Hemd klebte mir an der feuchten Haut und mein Herz pochte angestrengt gegen meine Brust.
Ich hatte keine Ahnung, was ich tun, geschweige denn, wo ich jetzt hingehen sollte. Es gab keinen Ort, an dem ich erwünscht war oder an dem ich mich geborgen fühlte. Ich war ganz allein auf dieser Welt. Ich war verloren. Selbst Holly wollte mich nicht. Sie hatte mich rausgeschmissen, nachdem ich Cassidy und Daphne angegriffen hatte. Ich gab ja zu, dass ich ihre Freundin nicht hätte anfassen dürfen, doch Cassidy zu verprügeln war mein gutes Recht gewesen. Ich hatte gedacht, dass Holly das verstehen würde, aber nein, wieder einmal war ich der Böse in der ganzen Geschichte und warum? Weil ich Cassidy seine gerechte Strafe für den Kuss gegeben hatte?
Empört schnaubte ich.
Ich fühlte mich verraten und hintergangen. Satt auf meiner Seite zu stehen, hielt Holly zu diesem Mistkerl. Dabei hatte sie ihn auch nicht von Anfang an gemocht. Als er mir an Halloween eine reingehauen hatte, hatte sie mich verteidigt und Cassidy sogar dafür gehasst. Was war geschehen?
Ich zermarterte mir das Hirn, um diese Frage zu beantworten, aber ich scheiterte.
„SCHEIßE!“, sagte ich plötzlich so laut, dass sich einige Leute nach mir umdrehten. Sie warfen mir Blicke zu, die mir verrieten, dass sie mich für einen Verrückten hielten, dem man besser aus dem Weg ging. Ich senkte den Kopf und ging weiter, immer darum bemüht, die Fremden um mich herum auszublenden.
Starr blickte ich ins Leere, ohne etwas wahrzunehmen. Mir ging es miserabel, denn eine Masse von Gedanken überflutete mich. Doch das war nicht alles. In meinem Kopf vernahm ich eine tiefe, dumpfe Stimme, die mein Inneres zum vibrieren brachte. Unentwegt flüsterte sie mir Worte zu. Worte, die ich nicht hören; die ich nicht wahrhaben wollte.
Dennoch konnte ich nichts gegen die Stimme tun; diese Stimme, deren Einfluss dermaßen stark und mächtig war, dass ein unvergleichlicher Schmerz meinen Körper überwältigte. Es fühlte sich an, als würde eine unsichtbare Kraft mich von Innen zerreißen. Ich musste stehen bleiben. Meine Knie schlotterten und meine Beine waren so schwach, dass ich keinen weiteren Schritt machen konnte. Mir schnürte sich die Kehle zu und ich konnte nicht mehr atmen. Ich musste hier weg. Unbedingt.
Der Gedanke an Flucht setzte sich in mir fest und beherrschte mich. Ich hatte keine andere Wahl, als loszurennen. Weg von dieser teuflischen Stimme. Weg von dem Schmerz, der wie brühendheiße Flammen um sich schlug und mir die letzten Kräfte raubte. Die einzige Möglichkeit zu überleben war zu flüchten. Wenn ich es nicht tat, dann würde ich sterben. Da war ich mir sicher.
Die Umgebung zog in einem schmutzigen Grau an mir vorbei. Die Straßenlaternen wirkten wie helle Blitze, die mich blenden wollten. Schwer atmend rannte ich weiter um mein Leben, immer schneller und schneller die Straßen entlang.
Ich sah niemanden mehr. Ich schien der einzige Mensch zu sein, der unterwegs war. Die Anderen waren einfach verschwunden und hatten mich allein gelassen. Allein mit der Stimme, die ich nicht abschütteln konnte. Sie saß mir im Nacken, dass spürte ich. Obwohl ich genau wusste, dass es kein Entkommen gab, beschleunigte ich meinen Schritt. Mein Körper rebellierte lautstark gegen die Dauerbelastung, die er nicht mehr tragen konnte.
Als mein Puls plötzlich so drastisch in die Höhe stieg, dass ich Angst hatte einen Herzinfarkt zu bekommen, gab ich auf und stoppte.
Schweißgebadet und zittrig lehnte ich mich an eine vergilbte, bröckelige Hauswand. Meine Beine hatten mich in eine enge, verwinkelte Gasse getragen. Es stank nach Abfall. Der Geruch von verfaultem Obst vermischte sich mit dem von Urin.
Mir war speiübel und alles drehte sich. Ich schloss die Augen. Ein Strudel tat sich auf, der mich ins Nichts zog; in ein schwarzes Loch, aus dem es kein Entrinnen gab. Mit dem Rücken rutschte ich an der Wand herunter und sank auf den verdreckten Boden.
Was passiert nur mit mir? Wieso quält mich diese Stimme? Was will sie bloß von mir? Warum…
Vergiss, Holly! Sie ist ein schwächliches, naives Mädchen, das nichts von der wirklichen Welt versteht. Bevor sie dich traf, lebte sie in ihrer eigenen, kleinen Fantasiewelt voller rosafarbener Wolken und lauter Zuckerwatte; eine Welt, die rein gar nichts mit der Realität zu tun hat. Für sie gab es niemals Hass, Streit oder Wut. Auch der Tod existierte nicht in ihrer Welt. Für Holly war er niemals greifbar. Erst du hast ihr gezeigt, wie die wirkliche Welt funktioniert. Sie wurde mit dem Tod konfrontiert und dadurch ist endlich ihre Seifenblase geplatzt, aber hat sie daraus gelernt? NEIN!!!!
Holly hat sich nicht verändert, obwohl sie selbst felsenfest davon überzeugt ist. Sie will stärker geworden sein? Das ist doch lächerlich, genauso wie ihre Versuche sich auf dem Maskenball gegen Patton zu wehren. Wochenlang hast du ihr Techniken zur Selbstverteidigung beigebracht; du hast sie trainiert. Und was war das Ergebnis deiner Bemühungen?
Holly hat versagt und du musstest für ihren Hochmut bezahlen; du musstest für ihren Fehler büßen und erneut alles in Ordnung bringen. Ihr Dank dafür waren nichts als Vorwürfe. Wie immer.
Sie benutzt dich bloß und du bist zu dämlich, um das zu kapieren. Sie braucht dich, um zu überleben. Du riskierst immer wieder dein Leben um ihres zu retten. Ihr ist es gleichgültig, ob du dabei verletzt wirst oder nicht. Holly glaubt, dass sie mit dir machen kann, was sie will. Sie nutzt es aus, dass du sie liebst und du dir für die Ermordung ihrer Eltern die Schuld gibst. Wie kannst du das nur zulassen?
Was ist aus dir geworden? Was ist mit dem James passiert, der nur sich selbst vertraut hat und ganz allein zurecht gekommen ist, huh? Das kann ich dir sagen. Aus dem furchtlosen Auftragskiller James Roddick ist ein wertloser, abgerichteter Hund geworden, der auf die Kommandos eines unbedeutenden Mädchens hört.
Sieh dich doch nur an! Du tanzt nach Hollys Pfeife. Sie hat dich unter Kontrolle; sie hat dich gezähmt. Für sie hast du dich gegen deine Natur gestellt. Dabei bist du dazu geboren zu kämpfen und zu töten. Tief in dir weißt du das und sehnst dich danach wieder das zu tun, was du am Meisten geliebt hast, mehr als dieses Mädchen.
Es war und es ist deine Bestimmung Menschen zu töten. Es ist das, was du am Besten kannst; wofür du geschaffen bist, aber was machst du? Du gibst dein bisheriges Leben auf und änderst dich. Du hast alles Mögliche getan, um deiner Freundin zu gefallen, aber das ist Holly nicht genug. In ihren Augen wirst du immer der seelenlose Killer sein, durch dessen Verrat ihr Leben zerstört wurde. Daran wirst du niemals etwas ändern können. Du wirst nie gut genug für Holly sein. Sie wird dich nie akzeptieren, genauso wenig wie deine Vergangenheit, weil sie dich hasst!!!
Jedes Mal, wenn sie dir sagt, dass sie dich liebt, lügt sie. Würde sie dich wirklich lieben, hätte sie niemals Cassidy, diesen Dreckskerl, geküsst.
Mach endlich die Augen auf! Holly hat dich schon längst abgeschrieben. Der einzige Grund, warum sie dich noch nicht verlassen hat, ist, dass sie dich als Beschützer braucht.
Holly hat dich in der Hand. Sie hat es tatsächlich geschafft dich zu einer liebeskranken Witzfigur zu machen. Kein Wunder, dass dich deine Ex-Kollegen verspotten und keinen Respekt mehr vor dir haben. Wer hat denn auch schon Angst vor einem Aufziehpüppchen? Richtig, niemand. Also musst du so werden, wie früher. Hol dir dein altes Leben zurück.
Hau ab und vergiss Holly! Lass sie sterben! Oder besser noch, töte sie selbst. Dann bist du mit einem Mal all deine Probleme los; dann bist du nicht länger für sie verantwortlich.
Los, töte sie! Töte sie! TÖTE SIE!!!
„SEI STILL!!!“, brüllte ich mit Tränen in den Augen. Ich presste die Hände gegen meine Ohren, in der Hoffnung, dass ich die Stimme dann nicht mehr hören würde. Mein Schädel dröhnte. Der Druck trieb mich beinahe in den Wahnsinn.
„Verschwinde aus meinem Kopf“, schrie ich verzweifelt, da ich mich der Stimme hilflos ausgeliefert fühlte. Wo kam sie her? Wieso war sie überhaupt aufgetaucht? Wie…?
Erneut konnte ich nicht mehr atmen. Ich schnappte panisch nach Luft, aus Angst sonst ersticken zu müssen. Die Stimme, die ich eben noch erfolgreich verdrängt hatte, kehrte unbarmherzig zurück.
Ich spürte, wie sie sich in meinen Verstand bohrte und versuchte von mir Besitz zu ergreifen.
Nein. Nein. Nein. Mit aller Macht kämpfte ich gegen die Stimme an. Lange hielt ich jedoch nicht Stand, da ich zu schwach war. Ich hatte einfach keine Kraft mehr.
Worauf wartest du noch? Geh zurück und töte Holly. Sie hat es nicht anders verdient.
„Lass mich in Ruhe!“ Eine Welle des Hasses schwappte über mich hinweg. Quälende Hitze befiel mich und trieb mir nur noch mehr Schweiß auf die Stirn. Mir wurde schwindelig.
Ein plötzliches, gedämpftes Klingeln, das aus meiner Hosentasche drang, verhinderte meinen Abstieg in die Bewusstlosigkeit. Mein Handy.
Obwohl mir mein Gefühl sagte, dass es Holly war, die anrief, war ich dennoch erleichtert. Der Anruf hatte mich im letzten Augenblick gerettet. Für wie lange die Stimme aus meinem Kopf vertrieben sein würde, wusste ich nicht.
Mit zittriger Hand zog ich mein Handy hervor und schaute auf den Display. Dort blinkte tatsächlich Hollys Nummer. Ich schob die Augenbrauen zusammen.
Was wollte sie nur von mir? Ich fragte mich, ob ich rangehen sollte oder nicht. Auf der einen Seite war ich noch wütend auf Holly, weil sie mich, statt Cassidy angeschnauzt und rausgeschmissen hatte. Auf der anderen Seite befürchtete ich jedoch, dass die Stimme zurückkam, wenn ich jetzt nicht ans Handy ging.
Dieser Gedanke veranlasste mich dazu, den Anruf anzunehmen. Ich stritt mich lieber mit Holly, als die Hasstiraden der Stimme erneut ertragen zu müssen.
„Ja?“ Mein Ton klang nicht gerade einladend. Ich wollte keinen Hehl daraus machen, dass sie momentan nicht gut auf mich zu sprechen war.
„Wir müssen reden, James“, sagte sie direkt heraus. Es fiel mir schwer sie zu verstehen, da am anderen Ende der Leitung laute Musik dröhnte. Die Party war im vollen Gange. Ungewollt kam bei mir die Frage auf, ob Cassidy noch da war.
„Worüber willst du mit mir reden, Holly?“
„Über das, was eben passiert ist“, antwortete sie wie selbstverständlich, so, als hätte sie mich niemals aus dem Haus geworfen. Ich schnaubte.
„Meinst du deinen Kuss mit Cassidy, meinen Ausraster oder die Tatsache, dass du mich aus dem Haus gejagt hast?“, zischte ich aufgebracht. Auch wenn ich mich dafür entschieden hatte mit Holly zu telefonieren, war ich sicherlich nicht dazu bereit ihrem Wunsch nachzukommen. Ich würde nicht zurückgehen und mich mit ihr unterhalten. Für nichts auf dieser Welt.
„Mir ist klar, dass du wütend bist…“
„Ach ja?“, unterbrach ich sie dreist. „Ist dir auch klar, dass du mich enttäuscht; dass du mich mit dem Kuss erniedrigst hast?“ Reflexartig ballten sich meine freie Hand zu einer Faust. Vergessen war in diesem Augenblick die Stimme, die mir, rückblickend gesehen und genauer betrachtet, aus der Seele gesprochen hatte. Aus einer Seele, die nicht wusste, ob sie gut oder böse sein wollte. Tagtäglich wurde ich in beide Richtungen gezerrt, weil sie sich nicht entscheiden konnte, welche Seite stärker war; welche Seite über die Andere triumphieren sollte.
Heute war wohl wieder die böse Seite an der Reihe sich zu zeigen. Sie hatte sich hervorgetan und wollte sich nicht so einfach verdrängen lassen, nachdem sie jahrelang ohne Konkurrenz existiert hatte. Sie war hinterhältig und manipulativ und kämpfte mit allen Mittel, um als Sieger in diesem Kampf hervorzugehen. Sie wollte sich ihre Position nicht von der guten Seite streitig machen lassen. Auf keinen Fall.
„Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe, James“, flüsterte sie traurig.
„Bitte komm nach Hause.“ Mit einem Mal bekam ich grundlos eine Gänsehaut, was mich ärgerte. Was fiel ihr ein mich einfach durcheinanderzubringen?
„Ich habe kein Zuhause, Holly!“, spie ich ihr entgegen. „In deinem Haus bin ich doch nur ein ungebetener Gast; ein Eindringling.“
„Sag das nicht, James“, flehte sie mich inständig an.
Nach diesen Worten herrschte erstmal Schweigen, dass hin und wieder durch Hollys leises Schniefen und Schluchzen unterbrochen wurde.
Schwer atmend und mit pochendem Herzen wartete ich. Auf was genau wusste ich selbst nicht. Aber vielleicht hoffte ich auch auf ein Zeichen, das mir sagte, was zu tun war. Sollte ich Hollys Bitte nachkommen oder lieber nicht? Sollte ich zurückgehen und mit ihr reden?
„Gib mir bitte die Chance mein Verhalten zu erklären“, krächzte Holly nach minutenlanger Stille. Es war nicht zu überhören, wie wichtig ihr eine Aussprache mit mir war. Trotzdem konnte ich mich nicht dazu durchringen Ja zu sagen. Zu sehr hatte sie mich verletzt und gedemütigt.
„Ich kann nicht zurückkommen. Nicht jetzt“, brummte ich. Ich brauchte Zeit. Zeit, um mir über einiges klar zu werden und mich zu beruhigen.
„Okay“, gab sie bekümmert nach, da ihr Plan, mich zu überreden, gescheitert war.
„Komm zurück, wenn du soweit bist“, fügte sie hinzu. Dann legte sie auf. Erleichtert atmete ich aus und ließ das Handy wieder in meiner Hosentasche verschwinden. Ich war heilfroh, dass das Telefonat zu Ende war. Es war mir immer schwerer gefallen ihr zuzuhören, ohne auszurasten; ohne, das Bild von Cassidy und ihr vor Augen zu haben.  
Du erwägst doch nicht ernsthaft eine Unterhaltung mit Holly, oder? Willst du dich wirklich wieder von ihr einlullen lassen? Das kann nicht sein!!! Geh zu Holly und zeig ihr endlich, wer das Sagen hat.
Als sich die Stimme erneut meldete, zuckte ich vor Entsetzen und Überraschung heftig zusammen. Ich machte einen kleinen Hopser und stieß mit dem Hinterkopf gegen die Hauswand.
„Mist!“ Ich rieb mir über die schmerzende Stelle. Wieso war diese grauenhafte Stimme noch nicht verschwunden. Wieso? Wieso? Wieso?
Sitz nicht so faul herum und stell dämliche Fragen. Geh lieber zu deiner Freundin und töte sie. Na los! Steh auf und tu das, was du schon vor langer Zeit hättest tun sollen.
„Halt deine Klappe! Halt dich aus meinem Leben raus“, knurrte ich aufgebracht und fletschte die Zähne.
„Du hast mir gar nichts zu sagen. Nicht mehr. Du hast schon lange genug mein Denken bestimmt. Jetzt ist endgültig Schluss.“
Was redest du denn da? Hast du völlig den Verstand verloren? Holly ist diejenige, die dich manipuliert; die alles dafür tut, um dich zu verändern. Sie formt dich nach ihren Vorstellungen. Du solltest…
„MIR REICHT`S“, schrie ich aus vollem Hals und schlug meinen Kopf immer und immer wieder gegen die Wand. Mich störten der Schmerz, der Schwindel und die Übelkeit nicht. Ich nahm jegliche Strapazen in Kauf, um die Stimme loszuwerden. Sie sollte keine Möglichkeit mehr haben sich in meine Gedanken und Gefühle einzumischen.
Es dauerte nicht lange, bis ich das frische Blut roch, das meine Haare verklebte und meinen Nacken und Rücken hinunterfloss. Vor meinen Augen drehte sich alles. Meine Hände waren leichenblass. Dazu kam, dass mein Körper wie verrückt bebte und die Übelkeit schlimmer wurde. So schlimm, dass ich lautstark würgen und mich letztendlich übergeben musste.
Heraus kam nur Flüssigkeit, die nach Bier stank. Seit Stunden hatte ich nichts mehr gegessen.
Als ich zitternd und mit den Kräften am Ende über meinem Erbrochenen hing, fühlte ich mich schwach und unbrauchbar. Was machte die Stimme nur mit mir? War das Böse in mir noch so stark, das es mich mit Leichtigkeit beeinflussen konnte? Wie mechanisch nickte ich.
Mit einem Mal realisierte ich, dass die Stimme niemals Ruhe geben; niemals aus meinem Kopf verschwinden würde. Immerhin repräsentierte sie einen Teil meiner Vergangenheit und die konnte ich nicht abschütteln. Ich seufzte und richtete mich langsam und vorsichtig auf. Mit einer Hand stützte ich mich an der Wand ab, auf der ich einen kreisrunden Blutfleck entdeckte.
Angestrengt keuchte ich. Ich war von oben bis unten vollgeschwitzt und mir war brühend heiß. Gedankenverloren fuhr ich mir über den Hinterkopf. Tiefrotes Blut benetzte meine Hände, lief durch meine Finger und tropfte auf den Boden. Schnell wischte ich mir das Blut an der Hose ab, bevor ich die Gasse verließ.

Das Haus lag im Dunkeln, denn kein einziges Fenster war beleuchtet. Die Stille, die die Straße befallen hatte, war schon fast unheimlich. Hollys Geburtstagsparty war vorbei. Kein Wunder, schließlich waren seit meinem Rausschmiss zwei Stunden vergangen.
Lautlos schlich ich durch den Vorgarten. Ich war zu ihrem Haus zurückgekehrt, obwohl mir nicht wohl bei dem Gedanken war, dass ich Holly gleich gegenüberstand. Noch immer war ich zornig und aufgebracht. Ich fragte mich, wie das Wiedersehen zwischen uns wohl ablaufen würde. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass das erste Treffen nach unserem Streit in einer Katastrophe endete. Nichtsdestotrotz übersprang ich leichtfüßig die Stufen der Veranda und trat an die Haustür.
Plötzlich ging flackernd die Lampe über mir an und die Tür wurde aufgerissen. Holly stand vor mir. Unverändert trug sie das blaue Top und den hellen Rock. Als ich sie ansah, wusste ich nicht, was ich von ihrer Miene halten sollte, denn in ihrem Gesicht waren unzählige Emotionen vereint: Sorge, Verzweiflung, Angst, Unsicherheit, Wut und vieles mehr.
Als sie mich mit großen Augen musterte und ihr das Blut auf meinen Klamotten auffiel, überwog eindeutig die Sorge um mich.
„Was ist passiert, James? Hast du dich verletzt? Wo kommt…“ Mit einer energischen Handbewegung schnitt ich ihr das Wort ab.
„Es ist alles in Ordnung, Holly. Mir geht´s gut“, meinte ich und gab somit Entwarnung. Meiner Freundin reichte meine Beteuerung nicht.
„Aber…aber das ganze Blut…“, stammelte sie und machte einen Schritt auf mich zu. Sie streckte ihre Hände nach mir aus, doch im letzten Moment hielt ich sie auf, indem ich ihre Handgelenke umfasste.
„Fass mich bitte nicht an“, ermahnte ich sie. „Ich weiß nicht, was ich sonst tue.“
Holly schluckte und senkte verlegen ihren Blick. Schlagartig trat ihre Besorgnis in den Hintergrund und die Gründe, weshalb wir uns gestritten hatten, gelangten in ihr Bewusstsein.
„Ich verstehe.“ Widerspruchslos nahm sie meine Entscheidung hin und zog ihre Hände weg.
„Ich habe mir bloß Sorgen gemacht. Ich dachte, deine Ex-Kollegen…“
„Mir sind weder meine Ex-Kollegen begegnet, noch habe ich jemanden umgebracht“, stellte ich klar. Hollys Kopf schnellte zu mir.
„James, ich hätte nie…“
„Natürlich hast du daran gedacht, dass ich in meiner Wut jemanden getötet haben könnte. Das passt doch zu einem Mann, der sich prügelt, die Freunde seiner Freundin bedroht und sich wie ein Wahnsinniger aufführt, oder?“, fragte ich zornig und knallte die Tür zu. Holly entgegnete nichts, was mich nur noch mehr auf die Palme brachte.
„Wieso sagst du nichts? Eben rufst du mich an und willst unbedingt mit mir reden und jetzt?“ Meine Stimme wurde zunehmend lauter.
„Ich bin hier und gebe dir die Chance alles zu erklären, also sprich mit mir!“ Holly wurde bleich und ihre Lippen zitterten. Sie schien unfähig ein Gespräch mit mir zu führen. Ich schnaubte, wandte mich ab und war im Begriff wieder abzuhauen.
„Warte“, kreischte sie panisch, während sie an mir vorbeihetzte und sich wie eine Mauer vor die Tür stellte.
„Du darfst nicht gehen. Wir müssen uns unterhalten, James.“
„Dann rede endlich“, forderte ich sie auf.
„Das werde ich. Versprochen“, flüsterte sie. Anschließend nahm sie ungefragt meine Hand und zog mich ins Wohnzimmer.
Dort konnte ich trotz der Dunkelheit den Haufen an Luftballons und die Torte auf dem Tisch erkennen. Holly setzte sich auf die Couch und schaltete eine kleine Stehlampe ein. Kurz blendete mich das grelle Licht und brannte mir in den Augen.
„Setz dich doch.“ Sie machte eine einladende Geste, doch ich schüttelte den Kopf.
„Ich stehe lieber.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust und hibbelte mit meinem rechten Bein. Holly klemmte sich die schwarzen Haare hinter die Ohren und räusperte sich, bevor sie anfing.
„Bestimmt willst du über den Kuss reden“, mutmaßte sie und vermied es mir ins Gesicht zu sehen. Ihr war es sichtlich unangenehm dieses Thema anzusprechen.
„Ich will wissen, wieso“, zischte ich und musste den Zorn unterdrücken, der in mir hochstieg. „Ich will wissen, wieso du Cassidy geküsst hast.“ Augenblicklich wurden Hollys Wangen rot und sie kniff ihre Augen zusammen.
„Es war ein unverzeihlicher Fehler ihn zu küssen“, wisperte sie. „Es tut mir leid.“
„Das ist nicht die Antwort auf meine Frage, Holly.“ Ich wurde ungeduldig. Sie sollte mich nicht weiter auf die Folter spannen. Gequält verzog sie ihre Miene.
„Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll“, druckste Holly herum. Wie immer, wenn sie nervös war, knabberte sie an ihren Nägeln herum.
Ich seufzte und ließ mich neben sie auf die Couch fallen. Sogleich hob sie ihren Blick und starrte mich mit ihren azurblauen Augen durchdringend an.
„Versuchs einfach“, grummelte ich, da ich es satt hatte von ihr hingehalten zu werden. Holly schluckte und biss sich auf die Unterlippe.
„Du hast ja bereits erzählt, dass du alles gehört hast, was Cassidy zu mir gesagt hat, als wir alleine waren“, begann sie mit zittriger Stimme.
„Jedes Wort.“ Ein bitteres Lächeln huschte über meine Lippen, was Holly sichtlich irritierte.
„Eigentlich wollte ich ihm nicht zuhören, weil mir von Anfang an klar war, dass er wieder versuchen würde mich davon zu überzeugen ihm eine Chance zu geben, aber…“
„Aber trotzdem hast du zugestimmt dich allein mit ihm in deinem Zimmer zu unterhalten“, vollendete ich ihren Satz. Geistesabwesend nickte sie.
„Warum?“
„Weil…weil…“
„Du hast keine Erklärung, oder?“, spottete ich. Mir war es egal, dass ich gemein zu ihr war.
Hollys Mund war nur noch ein dünner Strich, als sie meinen abfälligen Blick erwiderte.
„Vermutlich hatte ich Mitleid mit ihm“, sagte sie in einem merkwürdigen Ton, den ich nicht einordnen konnte.
Entnervt verdrehte ich die Augen. Holly und ihr Mitleid, eine Geschichte ohne Ende.
„Ich sehe dir an, dass du diesen Grund lächerlich findest“, meinte sie traurig. Meine Reaktion war ein einfaches Achselzucken.
„Na und? Reden wir nicht weiter darüber. Ich will bloß wissen, warum du ihn geküsst hast. Mehr nicht“, stellte ich klar.
Nach meiner Ansage nahm Holly sich ein Kissen, das auf der Couch lag, und knetete es mit den Händen.
„Als Cassidy davon geredet hat, dass ich sicher bei ihm wäre, da…“, sie suchte nach den richtigen Worten, „…da konnte ich einfach nicht anders.“ In ihren Augenwinkeln glitzerten die ersten Tränen.
Meine Miene wurde ausdruckslos. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Holly wollte mir allen Ernstes erzählen, dass sie keine andere Wahl gehabt hatte? Damit wollte sie sich herausreden?
„Sag doch was, James“, flehte sie mich verzweifelt an. Ich musste mich abwenden, da ich ihren Anblick nicht ertragen konnte.
„Was soll ich denn noch zu deiner jämmerlichen Ausrede sagen?“
„Ausrede? Das ist keine Ausrede. Cassidys Worte haben mir in diesem Moment Geborgenheit und Schutz gegeben“, rechtfertigte sie sich. Plötzlich wurde mir richtig schlecht.  
Holly fühlte sich sicher bei Cassidy. Er war ein Mann, der ein Symbol für eine normale Beziehung; ein normales Leben war. Ein Symbol für alles, wonach sie sich sehnte; was sie seit der Begegnung mit mir vermisste und was ich ihr nicht geben konnte.
Da hast du den Beweis: Holly liebt dich nicht! Das habe ich dir von Anfang an gesagt, aber du wolltest ja nicht auf mich hören.
„Rede nicht mit mir“, raunte ich. Diese verfluchte Stimme. Warum musste sie ausgerechnet jetzt wieder auftauchen?
„Wie bitte?“ Verwirrt legte Holly ihre Stirn in Falten. Sie dachte, dass ich mit ihr geredet hatte.
Sie hat Cassidy geküsst, weil sie ihn haben will. Sie liebt ihn und nicht dich. Für sie bist du doch nur überflüssig und wertlos. Also, töte sie endlich. TÖTE SIE!!!
Mein Herz raste und der Hass gegen die Stimme überrollte mich. Ich konnte nicht mehr. Ich hatte genug.
Wie von der Tarantel gestochen sprang ich auf. Und kaum hatten meine Füße den Boden berührt, da drehte ich durch. Ich trat um mich, warf Möbel um, riss Bilder von den Wänden und Bücher aus Regalen. Während meiner Raserei saß Holly mit verkrampftem Körper und offenem Mund auf der Couch und starrte mich ungläubig an. Sie wagte es nicht irgendetwas zu sagen oder mich aufzuhalten.
Nach wenigen Minuten hatte ich mich beruhigt und meine Emotionen wieder unter Kontrolle. Ich hörte auf. Schwer hob und senkte sich mein Brustkorb, als ich mich umschaute. Ich hatte ein Chaos angerichtet. Die Ordnung, die Holly nach der Geburtstagsparty geschaffen hatte, hatte ich mit einem Mal zunichte gemacht.
„Was ist denn in dich gefahren, James?“, wollte meine Freundin erschrocken von mir wissen. Sie war ganz weiß im Gesicht.
Sie hat dich niemals geliebt. Die ganze Zeit hat sie dir etwas vorgemacht, aber du begreifst das einfach nicht. Holly hat dich reingelegt. Du musst sie dafür bestrafen!
„Ich habe dir gesagt, dass du nicht mit mir reden sollst“, platzte es aus mir heraus.
„Aber ich habe doch gar nichts gesagt“, erklärte sie hitzig. Holly musste mich für geisteskrank halten.
Darauf entgegnete ich nichts. Ich hatte bereits genug Ärger mit der Stimme, da musste sich Holly nicht noch zusätzlich einmischen.
„Was ist los mit dir?“ Ich konnte Holly kaum verstehen, denn ein andauerndes Rauschen lag auf meinen Ohren.
Urplötzlich wurde mir schwarz vor Augen. Die Situation überforderte mich völlig, denn meine innere Stimme vermischte sich mit der von Holly. Somit wandelte ich unablässig zwischen Illusion und Realität hin und her.
Gut kämpfte gegen Böse, die alltägliche Problematik seit ich Holly vor einem Jahr begegnet war. Ich wünschte keinem Menschen auf dieser Welt dieses Gezerre, bei dem man sich unmöglich für eine Seite entscheiden konnte.
Nur am Rande bekam ich mit, wie Holly sich erhob und auf mich zukam. Etwas zögerlich schlang sie ihre Arme um meine Taille und sah zu mir herauf.
Stopp sie!!! Lass nicht zu, dass sie dich um den Finger wickelt. Sie will dich nicht. Sie liebt Cassidy. Sie benutzt dich nur. Vertrau ihr nicht!
Wie ein Blitz schossen das Misstrauen und der Zorn durch mich hindurch. Ich konnte mich dem Einfluss der Stimme; dem Einfluss des Bösen nicht mehr entziehen.
Daher packte ich sie brutal an den Schultern und stieß sie von mir. Holly strauchelte, fand im letzten Moment aber ihr Gleichgewicht wieder.
„Fass mich nicht an!“, brüllte ich voller Abscheu und zerschmetterte sie mit einem Blick. Ängstlich wich sie zurück, bis sie eine Wand im Rücken hatte. Ihr ganzer Körper bebte wie verrückt, während ein Schwall aus Tränen sich seinen Weg über ihre bleichen, eingefallen Wangen bahnte.
Gut gemacht. Endlich siehst du wieder klar und bist der alte James; der eiskalte Killer. Nun erledige sie. TÖTE SIE!!!
Die Stimme; die böse Seite in mir hatte Recht. Es war meine Aufgabe Holly zu töten. Dem Teil, der gegen den Mord an meiner Freundin rebellierte und versuchte mich umzustimmen, schenkte ich kein Gehör. Ich wusste, was ich zu tun hatte.
Tonnenweise Adrenalin floss durch meine Adern, als ich kehrtmachte und in Windeseile die Treppe in den ersten Stock nahm. Ich polterte in Hollys Zimmer und steuerte direkt ihren Schreibtisch an, doch kurz vor meinem Ziel wurde ich aufgehalten. Zarte, schmale Hände legten sich um meinen linken Oberarm und zogen mich zurück. Holly.
Ohne Rücksicht auf Verluste befreite ich mich aus ihrem Griff und beförderte sie unsanft aufs harte Parkett. Hinter mir vernahm ich einen kurzen, spitzen Schmerzenschrei. Unberührt ging ich weiter.
Aber Holly gab nicht auf. Sie blieb hartnäckig und rappelte sich wieder auf, als sei nichts gewesen. Erneut wollte sie mich festhalten, aber diesmal war ich schneller. Ich riss die Schublade ihres Schreibtisches auf, zog meine Waffe heraus, die ich aus dem Gebüsch geholt hatte und richtete sie auf meine Freundin.
„Keinen Schritt weiter“, schärfte ich ihr ein und zielte genau zwischen ihre Augen. Trotz der fehlenden Helligkeit würde ich sie treffen. Kein Zweifel, schließlich war ich für solche Situationen ausgebildet worden.
„Was hast du vor, James?“ Holly sprach frei von Angst oder Panik, was mich überraschte. Die Waffe schien sie nicht im Geringsten zu beunruhigen.
DRÜCK AB UND TÖTE SIE!!!
Mein Schädel war kurz davor zu explodieren. Noch vor wenigen Sekunden war ich mir absolut sicher gewesen, dass ich Holly umbringen würde; dass das Böse letztendlich wieder stärker war. Aber nun, da sie schutzlos vor mir stand, konnte ich mich nicht bewegen. Es schien, als sei ich festgefroren oder eine unsichtbare Kraft würde mich festhalten.
„Ich weiß es nicht“, antwortete ich nüchtern. Meine Kehle war staubtrocken.
„Dann kannst du die Waffe ja…“
„Ich lege die Waffe nicht weg“, knurrte ich aggressiv.
„Okay“, flüsterte Holly und hob beschwichtigend die Hände. Sie wollte mich nicht aufregen. Zumindest, solange die Waffe noch auf sie gerichtet war.
Stille.
Das einzige Geräusch, das ich vernahm, war das unerbittliche Ticken der Uhr, die über Hollys Schreibtisch hing. Je länger ich dabei zuhören musste, wie die Minuten dahin krochen, desto unruhiger wurde ich. Ich fing an zu schwitzen, so, wie in der Gasse. Ich konnte mich beim besten Willen nicht entscheiden. Sollte ich Abdrücken oder nicht? Traute ich es mir wirklich zu Holly, die Liebe meines Lebens, zu töten? Ich wusste nicht, was als nächstes passieren würde…
Mein Gedankengang fand ein abruptes Ende, als Holly sich in Bewegung setzte. Furchtlos und mit glühenden Augen ging sie auf mich zu, bis ihre Stirn gegen die Mündung drückte. Das Bild, das sich mir bot, kam mir unwirklich vor. Dennoch fuhr mir ein Schauer über den Rücken.
„Was soll das?“, fragte ich ungläubig. Obwohl ich derjenige mit der Waffe in der Hand war, fühlte ich mich hilflos und armselig.
„Ich beweise dir, dass du mir niemals etwas tun würdest und ich dir vertraue, James.“ Ihre Miene war sanft, als sie mit mir sprach. Trotz meiner vergangenen Ausraster, ihr und Anderen gegenüber, stand sie auf meiner Seite. Holly würde mich niemals aufgeben.
Und ich hatte nichts Besseres zu tun, als auf die Stimme zu hören und zu glauben, dass sie Cassidy, statt mich liebte. Wie hatte ich es bloß so weit kommen lassen? Ich hatte dem einzigen Menschen misstraut, der mich liebte, meine Hochs und Tiefs ertrug und mich mit all meinen Fehlern akzeptierte.
Plötzlich sah ich wieder klar. Es war, als hätte sich der dichte Nebel, der meinen Verstand umhüllt hatte, verflüchtigt. Die Stimme war verschwunden. Zumindest für diesen Augenblick. Zwar hoffte ich, dass sie nie mehr zurückkehren würde, doch ich wusste selbst, wie unrealistisch dieser Gedanke war.
„James?“ Mich traf ein intensiver Blick, der bis auf den Grund meiner Seele reichte. Holly schien zu spüren, dass in mir eine Veränderung vorging. Erst jetzt fiel mir auf, dass die Waffe unverändert auf sie gerichtet war.
Blitzschnell ließ ich meinen Arm sinken. Dann stolperte ich förmlich über meine eigenen Füße, als ich nach hinten wich und zusammensackte.

Kommentare

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    Hallo und vielen lieben Dank für dein lobendes Kommentar. Es freut mich, dass du meine Storys gespannt verfolgst und sie dir gefallen. Es ist schön, was von seinen Lesern zu hören :)

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    Heyho :) Ich wollte dir nur kurz die Rückmeldung dalassen, dass hier auf jeden Fall jemand ist, der deine Geschichte interessiert liest und sich freut, dass du hier veröffentlichst. Mir gefällt dein Schreibstil, gerade weil du Talent in den Bereichen hast, die mir selbst sehr schwer fallen. Spannung erzeugen, Action beschreiben, den Leser in die Szene werfen - das gelingt dir gut. Mach weiter so!

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