IV.2 - Von Katzen und Mäusen

Nachdenklich starrte Hermine am Montagmorgen zu Professor Slughorn. Er hatte für das kommende Wochenende erneut zu seinem Clubtreffen eingeladen, was wiederum sie daran erinnert hatte, dass sie seit Ende September nicht mehr an den Salon, den sie regelmäßig hatte veranstalten wollen, gedacht hatte. Zu viel war geschehen, die Zeit schien nur so dahin zu rasen.

Neben ihr rührte Tom konzentriert in ihrem gemeinsamen Kessel. Wieder einmal waren sie zu Gruppenarbeit gezwungen worden, da die Tränke, die im siebten Jahr auf dem Lehrplan standen, zunehmend gefährlicher und aufwändiger wurden. Offensichtlich wollte ihr Professor sicher gehen, dass zwei Paar Augen die Herstellung überwachten. Hermine hatte zu Beginn der Doppelstunde ein Grinsen unterdrücken müssen, als sie gehört hatte, dass sie heute den Vielsafttrank beginnen würden. In ihrer eigenen Schulzeit hatten sie den im Unterricht nie behandelt und dass er auch hier erst im siebten Jahr durchgenommen wurde, erfüllte sie mit Stolz.

Sie hatte darauf bestanden, dass sie ihren Kupferkessel benutzten statt des Kessels von Tom, der wie gewöhnlich aus Zinn bestand. Als sie ihm erklärt hatte, dass die Brauzeit der ersten Phase des Vielsafttranks durch einen Kupferkessel soweit reduziert wurde, dass sie auch den zweiten Schritt der ersten Phase bereits in dieser Doppelstunde beenden könnten, hatte er jedoch zustimmend genickt.

„Schritt eins ist fertig“, verkündete Tom, nachdem er seinen Zauberstab über den Kessel geschwenkt hatte.

„Ab jetzt also sechzig Minuten“, nickte Hermine und drehte das Stundenglas um.

„Da werden wir nur knapp vor Ende der Doppelstunde fertig.“

Sie nickte ein weiteres Mal: „Wenn wir die Zutaten von Schritt zwei jetzt vorbereiten, sollte das kein Problem sein. Wir müssen die Blutegel und die Florfliegen-Paste nur hinzugeben und dann für dreißig Sekunden erhitzen.“

Wieder einmal konnte Hermine einen harten Zug um Toms Mundwinkel herum wahrnehmen. Er war der Lieblingsschüler von Slughorn und ganz offensichtlich schmeckte es ihm nicht, dass sie so selbstbewusst im Tränkebrauen war. Ehe er etwas Entsprechendes sagen konnte, versicherte sie ihm: „Ich habe den Trank in meiner anderen Schule schon einmal gebraut, Tom.“

„Ich habe doch gar nichts gesagt“, erwiderte er kühl.

Hermine rollte bloß mit den Augen: „Ich habe doch gesehen, wie du schon wieder wütend geworden bist. Du kannst nichts dafür, dass du den Trank noch nie gebraut hast. Es ist doch völlig selbstverständlich, dass ich mit meiner Erfahrung einen Wissensvorsprung habe.“

Toms Mund verzog sich zu einer grimmigen Linie. Obwohl sie ihn hatte besänftigen wollen, hatte sie am Ende ihre Worte doch bewusst so gewählt, dass sie Tom seine Niederlage noch stärker unter die Nase reiben konnte. Innerlich schüttelte sie den Kopf über sich selbst. Sie trieb ein gefährliches Spiel, ihn so zu reizen, doch sie konnte sie nicht helfen.

Irgendetwas in ihr sehnte sich danach, bestraft zu werden.

„Tom, mein Lieber, wie sieht es bei Ihnen aus?“, unterbrach Professor Slughorn in jenem Moment die unangenehme Stille zwischen ihnen.

Sofort war das ausgesucht höfliche Lächeln auf Toms Lippen: „Ich denke, wir kommen gut voran. Wir haben den Kupferkessel von Hermine genutzt, so dass wir noch vor Ende dieser Doppelstunde den zweiten Schritt von Phase eins beenden können.“

„Oh, das war sehr aufmerksam von Ihnen!“, lobte ihr Lehrer enthusiastisch: „Dann können Sie am Mittwoch ja bereits mit Phase zwei beginnen, wie schön.“

Hermine imitierte das Lächeln von Tom: „Sie müssten nur nach achtzehn Stunden einen Stasis über den Kessel legen. Ich würde das normalerweise selbst machen, aber es wäre vermutlich keine gute Idee, wenn ich morgen früh um sechs Uhr bei Ihnen im Büro stehe, nur damit ich den Trank einfrieren kann.“

Slughorns Augen weiteten sich, während Tom neben ihr kaum merklich den Kopf schüttelte. Eilig versicherte ihr Professor: „Aber selbstverständlich, Miss Dumbledore, ich übernehme das für Sie. Das ist doch gar keine Frage, das mache ich doch immer so.“

„Vielen Dank“, schmeichelte Hermine mit einem breiten Lächeln. Wie erwartet entfernte Slughorn sich daraufhin hastig von ihrem Tisch.

„Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie spielend leicht du den guten Slughorn aus dem Konzept bringen kannst“, murmelte Tom leise, doch Hermine meinte, Belustigung aus seiner Stimme heraushören zu können.

Ebenso leise gab sie zurück: „Ich bitte dich. Wenn schon die Erwähnung, dass ich so früh am Morgen in seinen Gemächern auftauchen könnte, so eine Reaktion verursacht, ist das wohl kaum meine Schuld.“

„Du musst ihn aber natürlich extra darauf hinweisen“, beharrte Tom, während er sich dem Zerstampfen der Florfliegen widmete.

Jetzt musste Hermine doch kichern: „Es ist einfach zu schön zu sehen, wie steif hier alle sind. Ich vermute ja, das liegt nur daran, dass ihr alle insgeheim sehr schmutzige Gedanken habt und jede noch so kleine Andeutung ausreicht, damit eure Fantasie mit euch durchgeht.“

„Was meinst du mit ihr?“

„Ihr Briten“, erklärte Hermine, obwohl sie in Wirklichkeit auf das Jahrzehnt angespielt hatte.

„Willst du den Vorurteilen gegenüber Amerikanern tatsächlich noch mehr Nahrung geben?“, hakte Tom nach, den Blick immer noch konzentriert auf die kleine Schüssel mit Florfliegen gerichtet.

„Glaubst du denn an diese Vorurteile?“

Jetzt schaute er sie doch direkt an: „Bisher hast du jedenfalls nichts getan, um die Vorurteile zu widerlegen“, flüsterte er, ehe er sich vorbeugte und mit noch leiserer Stimme hinzufügte, „so bereitwillig, wie du in mein Bett kommst.“

Sie hasste sich dafür, dass ihr Herzschlag sich unwillkürlich beschleunigte. Bilder von ihr und Tom in intimen Posen schossen durch ihren Geist, Bilder, die ihr gefielen, die sie erregten.

„Wenn du mich so ansiehst“, raunte er mit dunkler Stimme, „fällt es mir schwer, nicht über dich herzufallen.“

Hermine holte tief Luft und rückte ein Stück von ihm ab. Sie wusste, dass seine Aussage nur den Sinn hatte, sie noch weiter zu verunsichern, immerhin hatte Tom weit mehr Kontrolle über seine körperlichen Bedürfnisse als er in Momenten wie diesen vorgab. Trotzdem löste es den gewünschten Effekt aus: Sie fühlte sich begehrt von ihm. Was vor gar nicht so vielen Wochen noch abstoßend gewesen wäre, trieb nun ihre Erregung voran.

Triumphierend grinsend wandte Tom sich wieder seinen Fliegen zu. Hermine hingegen blickte starr in den Kessel, der zwischen ihnen stand. Ungebeten wanderten ihre Gedanken zu Harry und Ron. Würde sie ihnen jemals erzählen können, was hier im Jahr 1944 geschehen war? Würde sie es überhaupt irgendjemandem jemals erzählen können? Sie war hier, um Voldemorts Schwäche zu finden, doch der Junge, der gerade neben ihr stand und gewissenhaft seine Schulaufgaben erledigte, war nicht Voldemort.

Wie sie es zu Dumbledore am Vortag gesagt hatte: Dieser Junge wäre vielleicht noch zu retten. Sie wollte seine Taten – oder ihre eigenen – gar nicht entschuldigen oder relativieren, aber gerade im Vergleich zu dem Monster, das er eines Tages werden würde, war dieser Junge noch so viel menschlicher. Er hatte im Leben nie eine Chance gehabt und bei allem Selbstmitleid, in dem er sich so gerne badete, hatte er nicht aufgegeben, im Gegenteil. Er machte sich nicht kleiner, als er war, sondern wurde angetrieben von dem Bedürfnis, der Welt zu beweisen, dass sie ihm Unrecht getan hatte.

Unwillkürlich dachte sie an ihr erstes Jahr in Hogwarts zurück. Daran, wie sie Ron und ihren anderen Mitschülern hatte helfen wollen, weil ihr das Lernen leicht fiel und den anderen nicht. Sie erkannte sofort, was die anderen falsch machten, und wusste, wie es zu korrigieren war. Aber statt ihr zu danken, hatte Ron nur über sie gelästert. Wäre das anders gewesen, wenn sie keine Muggelgeborene gewesen wäre? Oder wenn sie ein Junge gewesen wäre? Selbst Professor Snape hatte ihr zunehmend Hass entgegen gebracht, weil sie alle Antworten kannte und sich nicht scheute, das zu zeigen. Wäre das anders gewesen, wenn sie ein Draco Malfoy gewesen wäre?

Tom ließ sich das nicht gefallen. Er hatte Schutz gesucht hinter der Maske der Höflichkeit und einen Weg gefunden, als brillant, aber bescheiden zu gelten, während er in Wirklichkeit allen nur Verachtung entgegen brachte. Er scheute sich nicht davor, seine intellektuelle Überlegenheit zu zeigen. Hermine wünschte sich, sie wäre ein wenig mehr wie er.

Es brauchte einige Sekunden, ehe ihr aufging, was sie da gerade gedacht hatte.

Verzweifelt stützte sie ihren Kopf auf ihren Händen ab. Sie konnte nicht einmal schockiert über ihren Gedankengang sein, denn sie spürte, sie meinte das ernst. Harry und Ron würden sie niemals verstehen. Niemals.

Eine warme Hand legte sich auf ihren Rücken und ließ sie aufschauen. Tom starrte sie eindringlich an. Als wäre er ein Rettungsanker auf stürmischer See hielt sie sich an seinem Blick fest.

„Komm heute Abend zu mir“, flüsterte er ihr zu, ohne Spott, ohne Arroganz.

Ein Stein fiel Hermine vom Herzen. Tom Riddle verstand sie tatsächlich. Sie musste nicht aussprechen, was sie brauchte, er verstand sie wortlos und war bereit, ihr zu geben, wonach sie sich sehnte.

 

oOoOoOo

 

Orion konnte nicht anders, als immer wieder zu Tom hinüber zu starren. Oder besser gesagt: zu Tom und Hermine. Es war ein gewöhnlicher Abend im Gesellschaftsraum, er saß an einem der Tische und kontrollierte den Zaubertränke-Aufsatz, den er morgen abgeben musste, aber etwas war anders. Er konnte nicht genau den Finger darauf legen, doch er spürte deutlich, dass zwischen Tom und Dumbledores Nichte etwas anders war.

Möglicherweise bildete er sich das auch nur ein. Möglicherweise störte ihn einfach die Art, wie Tom hin und wieder seine Hand auf ihren Rücken legte. Wie er sie mit einem ungewohnt freundlichen Lächeln bedachte. Wie sie ihn nicht mit Abscheu, sondern mit Erwartung anschaute.

Möglicherweise war er einfach nur eifersüchtig.

Seine Gefühle für Tom waren unverändert, obwohl er seine Nähe gemieden hatte. In der Enge des Gemeinschaftsraums jedoch war es beinahe unmöglich, ihm vollständig aus dem Weg zu gehen, und wann immer der Schulsprecher ihm einen Blick zuwarf, klopfte sein Herz schneller. Am liebsten würde er immer den Raum verlassen, wenn Tom ihn betrat, doch er wusste, das wäre nicht nur unhöflich, sondern würde langfristig auch seine Beziehung, seine besondere Stellung mit ihm ruinieren.

Es war schon spät am Abend, außer ihm und Tom und Hermine waren nur noch drei andere, ältere Slytherin wach. Lestrange und Avery waren in ein leises Gespräch vertieft, während Nott konzentriert in einem Buch las. Orion beschloss, seinen Aufsatz so schnell wie möglich zu Ende zu korrigieren, um nicht länger dem Anblick von Tom ausgesetzt zu sein.

Ein weiterer, beinahe unfreiwilliger Blick in dessen Richtung ließ Orion erstarren. Irgendwie war in den letzten Minuten der Rock von Hermine hochgerutscht, sodass ihr Oberschenkel sichtbar wurde. Toms Hand lag dort wie selbstverständlich, sein Daumen bewegte sich geringfügig, während seine andere Hand mit den Locken seiner Freundin spielte.

Er sollte wegschauen. Es war nicht anständig, ein Pärchen beim Liebesspiel zu beobachten, doch er konnte die Augen nicht abwenden. Die helle Haut des entblößten Oberschenkels regte Gefühle in ihm, die er kaum kannte. Plötzlich wünschte er, er wäre an Toms Stelle und könnte sie berühren. Gewiss war ihre Haut zart und warm. Die zarte Röte, die ihre Wangen zierte, war einladend und ihre leicht geöffneten Lippen voller Versprechen.

Entsetzt senkte Orion den Blick. Wie konnte er so über Toms Freundin denken? Und warum dachte er überhaupt über irgendeine Frau so nach? Hatte er sich nicht gerade erst selbst eingestanden, dass er sich zu Männern hingezogen fühlte? Wie verkommen war er, dass er offenbar unlautere Gedanken über alle Menschen hegte? Zitternd ballte er seine Hände zu Fäusten. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Es war nicht richtig, dass er so fühlte und dachte.

Rasch blickte er zu Rufus und Humphrey hinüber, fürchtete, dass sie sein lüsternes Starren bemerkt hatten. Doch zu seiner Erleichterung war das Gegenteil der Fall. Sie hatten ihre gedämpfte Konversation unterbrochen und schauten selbst hochkonzentriert zu Hermine und Tom hinüber. Mehrmals leckte sich Humphrey über die Lippen, während Rufus einen kalkulierenden Ausdruck auf dem Gesicht trug und sich nachdenklich das Kinn rieb.

Nur Peter Nott schien unberührt von den Geschehnissen um ihn herum. So sollte ein wahrer Gentleman auf diese Situation reagieren: Selbst wenn er wahrnahm, was geschah, war es seine Pflicht, so zu tun, als würde er nichts bemerken. Das junge Pärchen verdiente seine Privatsphäre, es schickte sich nicht, offen zu starren. Vielleicht sollte er besser gehen.

Doch auch das kam nicht in Frage, ging Orion sofort auf. Wenn er jetzt aufstand und seine Sachen packte, würde unwillkürlich alle Aufmerksamkeit auf ihm liegen. Alle würden daran erinnert, dass sie sich nicht alleine in diesem Raum befanden und er würde jeden einzelnen von ihnen in eine unangenehme Situation bringen. Er musste hier bleiben und warten, bis irgendjemand anderes den ersten Schritt tat. Am besten Tom und Hermine.

Verzweifelt bemühte Orion sich, seine Konzentration wieder auf den Aufsatz zu lenken, doch die Bilder von Hermines entblößtem Oberschenkel und ihrem leuchtenden Gesicht gingen ihm nicht aus dem Kopf. Ein leises Seufzen ließ seinen Blick wieder zum Sofa hinübergleiten. Tom hatte sich über Hermine gebeugt und küsste sie, während sie mit geschlossenen Augen und in den Nacken gelegten Kopf genoss.

Bevor er sich kontrollieren konnte, entwich Orion ein Stöhnen.

Entsetzt versuchte er, so zu tun, als würde er über seinen schwierigen Aufsatz stöhnen, doch es war bereits zu spät.

Tom hatte ihm einen kurzen, amüsierten Blick zugeworfen und setzte den Kuss mit einem amüsierten Grinsen fort. Tränen brannten in Orions Augen. Er war eine Schande für seine Familie. Was nutzte ihm reines Blut, wenn er obszöne Gedanken hegte, nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer? Unfähig, sich der Situation noch länger auszusetzen, packte er seine Sachen und stürmte aus dem Gemeinschaftsraum.

Das vielstimmige Lachen der älteren Jungen verfolgte ihn auf dem Weg zum Schlafzimmer.

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