IV

Sie saß in einer dunklen Ecke und zog gedankenverloren an ihrer Zigarette. Die Musik um sie herum schien sie kaum wahrzunehmen, genau so wenig die Menschen. Sie saß einfach da, und würdigte mich keines Blickes.
Ich setzte mich ihr gegenüber auf den klapprigen alten Stuhl.
"Wie heißt du?" fragte ich sie, während ich sie mit unverhohlener Faszination musterte.
"Namen sind Schall und Rauch", erwiderte sie geheimnisvoll und blies eine Rauchwolke in die Luft.
Ihre Stimme hatte einen angenehm tiefen Ton mit einer dunklen Färbung, war dabei aber doch so glatt und klar wie schwarzer Kristall. Beim Sprechen zeigte sie eine Reihe perlweißer Zähne hinter pechschwarzen Lippen. "Würdest du dich für Schall und Rauch nicht interessieren, wärst du nicht hier in diesem Loch."
Da schaute sie mich an, lächelte lasziv und drückte die Zigarette bedächtig auf dem Tisch aus.
"Ich gestehe, ich habe eine Schwäche dafür."
"Wie findest du die Band?", ich deutete ein Nicken in Richtung der Bühne an.
"Enttäuschend. Die neue Generation lässt die Atmosphäre und die Energie der ersten Welle vermissen."
Ich nickte  verständnisvoll.
"Ja, ich weiß was du meinst. Wusstest du, dass es hier angefangen hat? Dort auf der Bühne haben Svartr ihren ersten Gig gespielt, und in dem Haus gegenüber haben sie ihre Demotapes aufgenommen. "
"Was du nicht sagst", kommentierte sie meinen Satz mit der Andeutung eines überheblichen Lächelns um ihre Mundwinkel. Dann wandte sie ihren Blick auf die Schallplatte, die ich gegen den Stuhl gelehnt hatte.
"Die neue von Svartr?" fragte sie, und in ihre Augen trat ein sternengleicher Glanz, der das trübe Desinteresse in ihnen hinfort fegte.
Ich nickte knapp.
"Hast du sie schon angehört? Wie ist sie?"
Jetzt klang sie begeistert, beinahe aufgeregt.
"Hab sie gerade erst bekommen." Erwiderte ich kopfschüttelnd.

Daraus entspann sich ein angeregtes Gespräch über Svartr's Musik, ihre frühe Phase und ihre späteren Werke, sowie den Bands, die ihnen nacheiferten. Sie stellte sich als echte Kennerin heraus und als das Gespräch darauf kam, dass ich mit dem Besitzer des berühmten Plattenladens Helvetsgatan zusammen wohnte und die Musiker von Svartr bereits persönlich getroffen hatte, hing sie regelrecht an meinen Lippen. Im Gegenzug erfuhr ich, dass sie neu in der Stadt war und für ihr Studium hierher gezogen war.

Die Zeit schritt voran, die Kneipe leerte sich, die Band packte ihre Instrumente ein und wir waren noch immer in unser Gespräch vertieft. Als wir die Veränderungen um uns herum bemerkten, schaute sie auf ihre Uhr und stellte fest, dass sie ihre letzte Bahn verpasst hatte. Ich bot ihr an, die Nacht bei mir zu verbringen und nach kurzem Überlegen nahm sie das Angebot an.

Wir traten hinaus auf die verschneite Straße und die kalte Stille empfing uns mit offenen Armen. Die eisige Luft war Balsam nach der stickigen Hitze in der Bar. Wir standen vor dem Eingang und sahen unserem Atem beim Gefrieren zu, während wir uns abkühlten, bis wir zu frösteln begannen. Dann überquerten wir die Straße und blieben vor einer mit unzähligen Plakaten überklebten Glasfront stehen.
"Möchtest du dir den Plattenladen ansehen?" Fragte ich sie leise, um die andächtige Stille nicht zu stören.

Sie nickte und ich kramte Svens Schlüssel aus meiner Hosentasche hervor. Dann öffnete ich die Tür und wir traten ein ins Helvetsgatan, in das Reich der dunklen Klänge. Die Neonröhren an den Decken gingen flackernd an und erleuchteten den Laden, in dem sich alte Regale an Betonwände schmiegten, an die Poster geklebt und okkulte Symbole gemalt waren.

Sie ging fasziniert zwischen den Regalen hindurch, zog hin und wieder eine Schallplatte heraus und schaute sie sich an, bevor sie sie wieder zurück stellte. Schließlich blieb sie vor dem Plattenspieler neben der Kasse stehen und nahm einen der beiden Kopfhörer, die daran angeschlossen waren, in die Hand. Sie sah mit einem lächeln zu mir herüber und ich verstand. 

Ich legte die Platte von Svartr auf den Spieler und wir setzten uns mit den Kopfhörern auf das alte, zerschlissene Sofa neben dem Plattenspieler. Die Musik trug uns auf schwarzen Schwingen hinfort, über eisige, tiefschwarze Seen, triste Wälder und durch luftige Höhen. Wir hörten grollenden Donner und das leise murmeln eines Baches. Und als der letzte Ton verklang, da sahen wir uns an und begannen im gleichen Moment atemlos über unsere Eindrücke zu sprechen.

Sven hatte Recht gehabt, die Platte war ein typisches Svartr Album, bis auf den letzten Song. Ein langsames, melancholisches Stück, mit einem Keyboardteppich im Hintergrund. Es war anders als alles was diese Band je produziert hatte, aber anders als Sven konnte ich, diesem ungewöhnlichen Lied durchaus etwas abgewinnen.

Nachdem wir uns über diese Gedanken ausgetauscht hatten, saßen wir noch eine Weile schweigsam auf dem Sofa und teilten uns eine Zigarette, bis unsere Augen schwer und müde wurden. Ich löschte die Lichter und schloss die Tür zum Laden ab, dann stiegen wir durch das dunkle Treppenhaus zu der kleinen Wohnung im oberen Stockwerk.

Die Möblierung war spärlich: Eine weitere alte Couch, ein noch älterer Computer, ein Tisch, zwei Stühle, eine Staffelei samt Farbspritzern auf dem Boden und ein paar Kisten mit Schallplatten. Ich überließ ihr mein Zimmer, wünschte ihr eine gute Nacht und wollte mich zum Schlafen zu meinem Sofa zurück ziehen. Bevor sie die Tür schloss flüsterte sie:
"Mein Name ist Ravenna"

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