IX. Requiem

In den Nächten von Freitag auf Samstag und Samstag auf Sonntag schlief Anouk sehr unruhig. Einige Male wurde sie von dem eigenartigen Pochen an ihrer Haustür geweckt, welches sie zuvor am Freitagabend gehört hatte. Es blieb nur für eine minimale Zeitspanne. Zwei Pochgeräusche hintereinander, dann wieder Stille.
Jedes Mal, wenn sie nach dem Rechten sah, natürlich immer mit einer Taschenlampe bewaffnet, die sicherlich mehr wog als eine übliche 2 Kilo Hantel, offenbarte ihr Türspion gähnende Leere. Die Nachbarn schliefen zu diesem Zeitpunkt längst und in der Wohnung gegenüber lebte seit circa drei Monaten keiner mehr.
'Vielleicht ein Geist', witzelte Anouk wenig amüsiert vor sich hin. Es musste eine Möglichkeit geben bei Verstand zu bleiben, also redete sie sich ein, dass alles, was geschah, nur in ihrem Kopf stattfand. Das hatte sie sich sogar schon für das bedrängende Treffen mit Moritz, am Abend, im Rheinpark weißmachen wollen.
Darum verschenkte sie an die Geräusche vor ihrer Haustür gar keine Gedanken. Es war sicherlich nur das Holz, welches sich aufgrund der nächtlichen Kälte zusammenzog oder die Tür knarzte, weil sie schon alt und morsch war. Das würde es ganz bestimmt sein.
Sie hatte sich also wieder hingelegt und seelenruhig weitergeschlafen, denn die übernatürlichen Phänomene verminderten sich von Nacht zu Nacht. Allerdings hat sie seit Freitagabend keine Nachricht mehr von Internal Realism erhalten, geschweige denn hatte er im Forum einen weiteren Post hinterlassen. Nichts.
Scheinbar war er beschäftigt oder verlor schnell das Interesse an Anouk.
Dabei befolgte sie zwanghaft seinen Rat.
Sie hatte die Medikamente abgesetzt. Es fiel ihr sehr schwer, denn am Abend hatte sie sich selbst daran zu erinnern, keine Tabletten zu schlucken. Seit Jahren war sie, nicht zuletzt von ihren Eltern, darauf gepolt worden sie einzunehmen, weshalb sie es meist automatisch tat. Dies musste sie sich nun geduldig abgewöhnen.
Sie vertrug den Entzug besser als erwartet. Keine furchterregenden Halluzinationen, kein Zittern oder sonstige Nebenwirkungen. Anouk hatte stets angenommen bei Medikamentenentzug völlig schizophren und paranoid zu werden, aber sie zweifelte nach und nach daran, überhaupt krank zu sein.
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Es war Montagmorgen und Anouk war erstaunlich gut gelaunt und zuversichtlich.
Der Weg zur Universität machte ihr keinerlei Umstände, weder physisch ... noch psychisch.
Sie konnte die Menschen im Zug völlig furchtlos anschauen, verkroch sich nicht in der hintersten Ecke ihres Sitzplatzes oder schaute nervös aus dem Fenster, erfüllt mit der Angst von jemandem angesprochen zu werden. Nein, an diesem Montagmorgen ging es Anouk sehr gut.
Sie stieg aus der Straßenbahn und lief über das feuchte, und zum Teil sehr glitschige, Laub. Dabei machten ihre Schuhsohlen, jedes Mal, wenn sie den Bordstein berührten, Geräusche.
Am heutigen Tage ließ sie sich für den Fußmarsch zur Universität wesentlich mehr Zeit und behielt ihren Blick weitestgehend geradeaus.
Dass alles an diesem Morgen wunderbar schien, trübte ihren Optimismus nicht. Sie zauderte keine Minute mit ihrem einwandfreien Gemüt. Dafür wünschte sie sogar dem Postboten einen guten Morgen, der sie verdutzt anstarrte als er auf seinem viel zu großen Fahrrad an ihr vorbei fuhr.
Sie konnte die ganze Welt umarmen.
Kurz vor dem Unigelände gelangte Anouk an eine kleine Kreuzung, an der sie, wegen einer roten Ampel, warten musste. Sie ging immer denselben Weg, außer heute. Montags fuhr der Zug anders und ließ sie eine Station früher raus, weil er dann eine andere Strecke entlang fuhr. Anouk hatte nie nachvollziehen können, warum der Verkehr in diesem Gebiet so kompliziert geregelt war, falls er es denn überhaupt war. Verspätungen, Verzögerungen. Man musste mit allem rechnen, wenn man öffentliche Verkehrsmittel nutzte.
Gespannt auf die heute Vorlesung von Professor Grigorjew wippte Anouk vor und zurück. Sie schaute das rote Ampelmännchen an und einige Momente die Autos, die vorbeifuhren.
In den Fenstern der Autotüren spiegelte sich die Kreuzung, samt Anouk und einer Frau, die neben ihr wartete und auf ihr Smartphone starrte. Sie kam uninteressiert rüber, als wollte sie mit ihrer Körperhaltung 'Was tue ich hier eigentlich?' sagen.
Eine große Lücke zwischen zwei Karossen tat sich auf und Anouk fragte sich, wann die Ampel wohl endlich umspringen würde.
Da rauschte ein schwarzer Chevrolet über die Kreuzung. Das Auto sah edel aus, teuer und ausgezeichnet gepflegt. Deswegen konnte Anouk sich auch besonders gut im reflektierenden Metall erkennen, weniger in den getönten Scheiben des Fahrzeugs.
Sie riss entsetzt die Augen weit auf als sie die vollständige, gespiegelte Kreuzung erblickte. Alles schien normal, nur weit rechts von ihr, in ihrem Augenwinkel wahrnehmbar, schaute ihr die Frau, die mit ihr an der Ampel wartete, mit herausragenden Augen und unverdecktem Gebiss in ihr verstörtes Antlitz. Die Haut war fahl, die Struktur ihres Gesichtes knochenartig und mager. Dicke, muskelähnliche und blutrote Verklumpungen ragten aus ihrer Haut und überzogen ihr gesamtes Haupt.
Plötzlich fuhr Anouk herum und wich von der Frau zurück.
'Sie... sie ist', Anouk schluckte heftig. Die Frau, die ihre ursprüngliche Gestalt angenommen hatte, schielte beleidigt zu ihr herüber und motzte ungeniert: "Was gibt’s 'n da zu glotzen?"
Dann lief sie eilig über die Kreuzung, da die Ampel inzwischen auf Grün stand und fluchte gedämpft. Nein, sie zischelte eher.
Anouk blieb an der Kreuzung stehen und träumte verängstigt vor sich hin. War ihre gute Laune von jetzt auf gleich wieder im Morgennebel verpufft? War es die Müdigkeit, die ihr Bewusstsein beeinträchtigte? Die nächste Welle von Autos zog an ihr vorbei und der Geruch von Benzin und Kautschuk erfüllte ihre Sinne.
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Der Vorlesung folgte Anouk sporadisch, der Morgen plätscherte vor sich hin und das, was sie im Moment lieber tun wollte als alles andere auf der Welt, war sich in ihrer sicheren Wohnung zurückzuziehen. Doch die Vorlesung dauerte noch eine geschlagene halbe Stunde und Professor Grigorjew hatte keine weiteren Überraschungen in dieser Lesung eingeplant. Heute war er theorieverankerter als sonst und die 90-minütige Ausführung über die Blutversorgung des Körpers zog sich mehr als zäher Kaugummi.
Anouk hatte aufgegeben sich zu konzentrieren. Sie stützte den Kopf auf ihrer linken Hand ab und zeichnete etwas auf ihrem College-Block.
Sie zeichnete ...
die Frau von der Kreuzung.
"Na, wer kann mir erklären, warum dieser Prozess nach dem immer gleichen Muster abläuft?", fragte der Professor auf einmal in die Runde und keiner schien sich freiwillig dafür melden zu wollen.
'Bestimmt der hochintelligente Herr Kaminsky', dachte sich Anouk und löcherte ihre Zeichnung mit dem Bleistift. Argwöhnisch musterte sie den Sitzplatz von besagter Person und...
Er war nicht da.
Sie ließ den Stift fallen, ihre Sitznachbarn zuckten zusammen und folgten ihrem Blick.
"Frau Ludwig, wollen Sie uns etwas mitteilen?", fragte Professor Grigorjew mit erwartungsvoller Miene.
Anouk wechselte den Blick. Hin und her. Hin und her zwischen dem Professor und dem leeren Sitzplatz. Anschließend schüttelte sie vollkommen überzogen mit dem Kopf.
"Sind Sie sicher?", versicherte er sich. Die Studenten schauten Anouk an. Sie konnte erkennen, dass jedes Augenpaar in diesem Raum auf sie gerichtet war.
Anouk nickte daraufhin, genauso überzogen wie sie den Kopf geschüttelt hatte.
Es verwirrte sie fast, dass das Fallenlassen eines Stiftes die vollständige Aufmerksamkeit der Studenten auf sie zog.
"I-ich habe vielleicht doch, ähm ...", sprach sie heiser. "D-der Stuhl dahinten. Er ... er ist leer."
Professor Grigorjew spähte zum leeren Stuhl oben, rechts in der letzten Reihe.
"Das stimmt wohl, Frau Ludwig", erst kicherte er, dann lachte er und prustete los, "sie haben eine ausgezeichnete Auffassungsgabe. Sie sind spitzfindig. Denn zu bemerken, dass der Stuhl leer ist, ist eine interessante Beobachtung. Zumal der Stuhl immer leer ist."
Immer leer? Er war immer leer?
Sie entschied sich keine weiteren Einwände zu erheben, wollte allerdings liebend gerne im Erdboden versinken, nachdem der Professor sie grandios aufs Korn genommen hatte. Der Augenblick war zu peinlich, um wahr zu sein.
"Na gut. Ich merke, dass Ihre Aufmerksamkeitsspanne vorüber ist. Beenden wir die Vorlesung an dieser Stelle", sagte der Professor vergnügt und ordnete die Dokumente auf dem Pult.
Wie konnte der Stuhl leer sein, wenn doch jeden Tag Moritz auf ihm saß?
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Ihr Aufenthalt in der Universität war vorüber. Nicht nur in Anbetracht der Uhrzeit, sondern auch im Hinblick auf ihre mentale Verfassung. Die Begegnung mit der Frau, dann der leere Stuhl. Sie sehnte sich schließlich doch nach ihren Tabletten. Ohne sie fühlte sie sich hilflos, angreifbar und verunsichert.
Da kam ihr eine Idee. Wie konnte sie sich wohl besser über den leeren Stuhl erkundigen, als bei dem Betroffenen? Vielleicht würde es ihr die Unsicherheit nehmen.
Das Display leuchtete auf und Anouk suchte in ihrer Kontaktliste nach Moritz' Nummer. Sie konnte sie nicht finden, also ging sie noch einmal genauer durch die einzelnen Namen, aber außer der Name ihrer Tante befand sich unter dem Buchstaben 'M' kein weiterer Kontakt.
Anouk wurde stutzig, weshalb sie lieber gleich bei der Nachrichten-App nachschaute.
Der Chat zwischen Moritz und ihr war gelöscht worden. Es gab kein Backup und scheinbar keine Anzeichen darauf, dass die beiden sich jemals Nachrichten geschickt hatten...
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Es war kalt auf dem Campus. Sie konnte ihren Atem in der Luft verdampfen sehen. Kleine kondensierte Wasserwölkchen schwebten vor ihrem Mund her und lösten sich rasch wieder auf.
Sie fragte sich auf dem Nachhauseweg, ob jemand an ihrem Smartphone gewesen ist. Vielleicht sogar Moritz selbst? Aber das war gar nicht möglich. Der Zeitraum, in dem er sie niedergerungen hatte und die Möglichkeit gehabt hätte ihr Smartphone zu manipulieren, wäre nicht einmal einen Wimpernschlag lang gewesen. Zumal Anouk die Gedanken an das grausige Aufeinandertreffen im Park bereits so weit verdrängt hatte, dass sie kleinere Details zu dem Vorfall vergessen hatte. Sowas ging bei ihr recht schnell.
Etwas unbeholfen folgte sie dem brüchigen, rissigen Gehweg zur Straßenbahnstation. Teile der Fahrbahn waren verwüstet und von Schlaglöchern überhäuft. Auf dem Weg wucherten Moos, Gras und Disteln. Noch eine Weile und die Vegetation hätte sich den Asphalt erkämpft.
Es war ihre Einbildung. Sie war es. Immer.
Sie bereitete ihr die furchteinflößendsten und unangenehmsten Halluzinationen, die ein Mensch je erlebt haben musste. Und doch speicherte Anouk es in ihrem Kopf als bloße Illusionen oder Übermüdung ab. Man konnte behaupten, Anouk war geübt darin paranormale Phänomene zu erleben und zu verarbeiten.
Aber, dass ihr der Entzug der Tabletten auf verspätete Weise Eins auswischen würde, war ihr vorerst nicht bewusst gewesen.
Sie fühlte sich an die Situation aus der Vorlesung erinnert, während sie sich stückchenweise weiter durch Köln Süd bewegte.
Die Studenten hatten sie mit fragendem Blick angesehen, dann mit Verachtung. Sie hatte sich elendig gefühlt. Und genau das, tat sie jetzt auch.
Löchernd, beobachtend, verfolgend.
Erst ein Obstverkäufer an der Ecke gegenüber, dann eine alte Dame mit ihrem Hund und schließlich ein junger Mann, der einige Meter entfernt vor ihr stand.
Er stand dort. Seelenruhig, mit seinem verzerrten Grinsen im Angesicht.
Mit einem Mal kamen alle Erinnerungen zurück. Erinnerungen an jenen Abend.
Der Obstverkäufer, die alte Frau, der junge Mann.
Sie alle hatten eines gemeinsam: Ihr Gesicht. Oder sollte es eher heißen: Sein Gesicht?
Nun kamen immer mehr dazu. Anouk trat auf der Stelle, musterte mit stockendem Atem ihre Umgebung. Träumte sie? War das ein Traum? Sie konnte es nicht sagen. Alles wirkte so echt, aber so falsch. So wirklich, so unwirklich. So real... so surreal.
Ein kleines Kind, zwei Passanten, ein Lieferant, eine Schülergruppe, die über die Straße lief und urplötzlich stehen blieb.
Sie starrten sie an, mit Grinsen und funkelnden Augen. Wie Wachsfiguren löcherten sie Anouk mit ihren eingefrorenen, kantigen Gesichtszügen.
Nur der starke Herbstwind wehte durch die Stadt und erzeugte dabei einen säuselnden Ton. Ein geisterhaftes Pfeifen, das aus dem Himmel hinab in Anouks Ohren widerhallte.
Er wirbelte die Kleidung der statuenähnlichen Menschen auf, zerzauste ihr Haar, ließ Strähnen über ihre grotesken Züge tanzen.
Doch sie blieben stehen...
Das Starren ließ Anouk verstummen. Sie wollte etwas sagen, wollte vielleicht schreien, aber kein Laut entwich ihren trockenen Lippen. Trotz der Kälte kämpfte sich ein heißer Schweißtropfen ihre Schläfe herab und versiegte in ihrem Mantelkragen.
"Anouk!", eine schauerlich klingende Stimme fegte durch die geisterähnliche Umgebung.
Es passierte binnen weniger Sekunden. Die Haut ihrer Mitmenschen...
Das hatte sie vorhin schon gesehen. Sie, sie nahmen bestienartige Züge an. Die Haut begann sich langsam, aber sicher abzuschälen, platzte an einigen Stellen auf und hinaus traten diese widerlichen, muskelfasrigen, dunkelroten Wülste, die sich über den Körper der Menschen hinweg zogen. Sie hatte es gesehen. Bei der Frau an der Kreuzung.
Aber etwas war anders. Es wirkte wie ein Prozess, der fortlief und noch nicht vollendet war.
Anouk konnte es bei allen Menschen beobachten, die sie umgaben.
Der kleine Junge, der die Hand seiner Mutter festhielt, die Mutter und die Schülergruppe. Die Statuen regten sich nicht. Sie waren, so schien es, nur leere Hüllen, die sich auf unerklärliche Weise verformten.
Nach und nach nahmen sie wieder menschlichere Züge an. Zerrbewegungen, verschwommene Antlitze und der große Schrecken war vollbracht.
"Anouk!", die Stimme kehrte zurück und langsam drehte Anouk ihren Kopf zurück ... und sah, was vor ihr stand. Oder eher gesagt, wer.
Im Gegensatz zu den anderen Menschen, hatte er sein verschmitztes Lächeln verloren und öffnete die, zuvor zugekniffenen, Augen. Eine blutunterlaufene Sklera. Selbst aus der Distanz konnte Anouk es erkennen. Blutrote, schimmernde Lederhaut der Augen. Die Pupillen ... der Mann hatte keine.
Stille. Sie wurde weiter beobachtet, von den schreckenhaften Schemen, welche Säulen gleich auf Straße und Gehweg verharrten. Der Prozess war abgeschlossen. Ihr Aussehen war fehlerfrei 'überspielt' worden. Sie sahen nun alle aus wie er. Ausnahmslos.
"Anouk!", ein letzter, hysterischer Aufschrei und der Mann hob die Arme an. Er lehnte sich vor. Und rannte los.
Anouk packte die Panik, ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken. Er war schnell, so übermenschlich schnell.
Vielleicht, nein, hoffentlich hatte sie noch eine Chance. Sie hastete erst rückwärts, bevor sie unbeholfen umkehrte und vor dem rasenden, bestialischen Mann ohne Pupillen davon preschte.
Alles um sie herum verschwamm in ein Gemisch aus Farben und Gesichtern, die sie mit ihren Blicken verfolgten, aber der Einzige, der ihr tatsächlich folgte, war der Mann mit den blutroten Augen.
Schwer atmend bog sie in viele unterschiedliche Gassen ein. Sie nutzte jede Gelegenheit, um die Richtung zu ändern, ließ sich durch nichts aufhalten, sprang über Kisten, Erhebungen und Wegbegrenzungen. Kurz riss sie den Kopf herum und ehe sie wieder rechtzeitig geradeaus blicken konnte, stolperte sie über eine Holzkiste und landete in einem Haufen Müllsäcke. Hier war eine Sackgasse.
Ein klagendes Geräusch, eine Mischung von Weinen, Wimmern und Hecheln überkam sie und sie kauerte sich, wie ein Igel, zusammen zwischen den Müllsäcken. Es würde nicht lange dauern, da hatte sie der Mann gefunden. Sie zitterte am ganzen Körper und konnte unter dem Tränenschleier nicht einmal genau erkennen, wo sie war.
Sie war allein.
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Anouk hatte es schließlich geschafft, sich innerhalb einer geschlagenen Stunde, zu ihrem Wohnblock durchzukämpfen. Erst hatte sie ängstlich in ihrem Versteck aus Müllsäcken und Holzkisten ausgeharrt, aber der Verfolger musste sie verloren haben.
Darum wanderte sie durch die einsamen Gässchen und hielt sich tunlichst von der Hauptstraße fern, bis sie erkannte, dass alles seinen gewohnten Lauf nahm.
Niemand schien sie zu bemerken und die verrückt funkelnden Gesichter waren wohl nur wieder ein fürchterliches Trugbild gewesen.
Sie hatte zwar aufmerksam auf Unstimmigkeiten geachtet, verhielt sich in der Straßenbahn jedoch unauffällig und wollte um keinen Preis noch einmal Aufsehen erregen. Nein, diesmal verschwendete sie nicht einen einzigen Blick für die anderen Fahrgäste bis sie an ihrem Wohnort ankam.
Sie war wie paralysiert als der Zug anhielt. Schlimme Dinge geschahen jeden Tag, Halluzinationen hatte sie immer, aber keine war so grauenhaft gewesen wie diese. Sobald sie sich wohlbehalten in ihrer Wohnung befand, würde sie wieder ihre Tabletten einnehmen. Das schwor sie sich bei Gott, an den sie eigentlich nicht glaubte.
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Das Treppenhaus war ganz dunkel. Anouk setzte langsam ihren Fuß auf die erste Stufe, dann schluckte sie stark und stürmte mit lärmenden Sohlen in den obersten Stock.
Alles war in Ordnung und auch das Licht im Flur ging an. Integrierte Bewegungserkennung.
Dann kam sie an ihre Haustür und musste dieselbe Entdeckung machen, wie bereits vor einigen Tagen. Der Haustürschlüssel steckte im Schloss.
Wieso passierte das? Hatte tatsächlich irgendwer einen zweiten Schlüssel zu ihrer Wohnung? Es war sicherlich nicht ihr Vermieter. Der würde niemals unangekündigt die Wohnung betreten. Jedenfalls hoffte Anouk dies.
Mit zittriger Hand griff Anouk vorsichtig nach dem Schlüssel, drehte ihn im Schloss und öffnete mit einem leisen Klicken die Tür. Sie drückte die knarrende und quietschende Tür zur Seite und schaute aus sicherer Distanz in den Flur hinein. Als die Sache mit dem Schlüssel das letzte Mal passiert war, trat sie dem Geist ihrer Mutter entgegen.
Dieses Mal war sie sich ziemlich sicher darüber, dass jene Einbildung eher vom Tablettenentzug kam und der Schlüssel vielleicht nicht einmal in der Tür steckte.
Missmutig trat sie ein, legte ihre Tasche auf den Boden im Flur und hängte den Mantel an den Haken an der Wand. Neben das Foto ihrer Familie.
Sie nahm es kurz darauf in die rechte Hand und betrachtete es genauer. Trauer überkam sie. Ihre Mutter war vor etwa zwei Jahren an einem Gehirntumor gestorben und hatte eine sehr lange Zeit daran gelitten. Es tat Anouk im Herzen weh, wenn sie daran dachte, dass ihre Mutter ihr hin und wieder sogar in fremden Zungen unverständliches Kauderwelsch entgegen geschrien hatte, als sie sie im Krankenhaus besuchte. Der Arzt meinte, dass der Gehirntumor immer schneller und weiter streuen würde und den Geist ihrer Mutter mehr und mehr ausmerzen würde.
Irgendwann brachte Anouk es nicht mehr über das Herz sie zu besuchen, weshalb ihr Vater und sie eines Morgens nur noch einen Anruf aus dem Krankenhaus erhielten. Sie versuchten Abschied zu nehmen, aber Anouks Vater hatte den Tod seiner Frau bis heute nicht verarbeitet. Er war immer noch der Meinung, dass seine Frau gar nicht tot wäre. Infolgedessen zog Anouk von zuhause aus und suchte sich in Köln, wo sie bald ihr Studium der Biochemie begann, eine Bleibe.
Sie schaute auf und blinzelte mehrfach. Hatte es etwas mit ihr zu tun?
War Anouk vielleicht gar nicht schizophren? Hatte sie die Prädisposition ihrer Mutter geerbt?
Es wurde ihr langsam klar, dass sie diese Möglichkeit jahrelang verdrängt hatte. Sie wollte wohl nicht wahrhaben, dass sie möglicherweise tatsächlich krank war. Nicht psychisch krank, aber ... anders.
Plötzlich sah sie etwas in ihrem Augenwinkel vorbeihuschen. Einen Schatten am Ende des Flurs, der in Richtung der Küche verschwand.
Der Schlüssel.
Natürlich. Es steckte doch ein Schlüssel in der Tür, als sie ankam. Und sie hatte geglaubt, er wäre gar nicht wirklich dort gewesen.
Irgendetwas oder irgendjemand musste sich in ihrer Wohnung befinden.
Diese Erkenntnis ließ Anouk erschaudern. Irgendetwas oder irgendjemand war in ihren sicheren vier Wänden.
Sie stellte leise das Foto zurück, ohne ihren Blick von dem Fleck zu richten, wo sie den Schatten erspäht hatte und griff nach dem nächstbesten Gegenstand auf der Kommode, der sich als gläserne Blumenvase herausstellte, in der die vertrocknete Chrysantheme weiter vor sich hinwelkte. Unnachsichtig warf sie die bräunliche, verdorrte Blume auf den Teppich und hielt die Vase in beiden Händen fest.
Lautlos schlich sie durch den Flur, versuchte um die Ecke zu schielen und legte die Blumenvase dicht an ihren Körper.
Mit einem Sprung schaltete sie das Licht in der Küche an und wandte sich, den Gegenstand in ihren Händen sicher vor sich, im ganzen Raum herum bis ihr Blick wieder auf den Flur fiel, aus dem sie gekommen war.
Wut- und zugleich angsterfüllt rief sie nach mehrmaligen Luftholen: "Wer auch immer du bist, raus aus meiner Wohnung!" Der zornigen Bitte folgte keine Resonanz.
Bis ein dumpfer Schlag aus dem Flur zu hören war. Dem ging Anouk nach und richtete nervös die Vase wieder vor sich.
Sie erkannte den Fotorahmen, den sie auf die Kommode gestellt hatte, auf dem Fußboden.
Nachdem sie überprüft hatte, dass niemand in unmittelbarer Nähe war, ging sie in die Hocke und hob das Bild auf. Außer sich ließ sie es wieder aus der Hand gleiten, denn es war nicht das Bild, welches sie eben betrachtet hatte. Es zeigte zwei Personen: Ihre Eltern. Doch sie war nicht mehr zu sehen.
"Auf die Stirn nimm diesen Kuss!", kreischend verlor Anouk das Gleichgewicht und warf sich selbst gegen die Wand als von oben herab jemand zu ihr sprach.
'Das ist nicht möglich', dachte sie starr und zog sich an der Wand hoch.
"Und da ich nun scheiden muss", setzte die Gestalt fort in einer überirdischen, dissonanten Stimme. Dieses Wesen, welches dort vor ihr aus dem Nichts aufgetaucht war, war also der Eindringling. Doch das konnte nicht sein.
Es konnte einfach nicht sein.
'Nein', ihre Gedanken kreisten, sie schob sich zurück in die Weite des Flurs.
Jedoch kam sie nicht weit und stieß mit dem Rücken an eine andere Gestalt. Sie fuhr herum und erkannte dieselbe Kreatur, die vor ihr stand, noch ein weiteres Mal hinter ihr. Sie sprach in einer ebenso disharmonischen, aber tieferen Stimme: "So bekenne ich zum Schluss dies noch: Unrecht habt ihr kaum."
Die beiden Figuren waberten in einem komischen Licht. Sie flackerten und tanzten fast vor Anouks Augen. Ihr Atem ging schneller als sie den zwei Gestalten in die blassen Gesichter schaute. Sie besaßen tiefblaue Augen und dunkelbraunes Haar, das an einigen Stellen kantig geschnitten war.
"Die ihr meint, ich lebte Traum", sprach dieses Mal eine dritte Stimme zu ihr, in einem ähnlichen Tonfall und wie aus einer nahezu vollkommen anderen Welt zu stammen schien.
Die Drei flimmerten und flirrten, so hell und so dunkel, durch den düsteren Flur und begannen Anouk einzukesseln. "Doch, wenn Hoffnung jäh entflohn", sprach die erste Gestalt, die sich weiter aufbäumte als ohnehin schon. Die Zweite stimmte ein: "In Tag", dann die Dritte: "In Nacht" und wieder die Erste: "In Vision".
"Hört auf", befahl Anouk heiser, "lasst mich in Ruhe!" Brüllte sie, jammernd und hielt sich den Kopf, nachdem sie die Blumenvase scheppernd zu Boden fallen lies. Diese rollte über das matte Holz und stoppte am Fuß der ersten Gestalt.
"Oder anderm", entgegnete die Erste. "Sinn", setzte die Zweite fort. "Und Wort", fügte die Dritte hinzu. Anouk hielt es nicht aus. Sie stieß sich von der Wand ab und hastete über den Teppich, vorbei an zwei der drei flimmernden Figuren, die sie auch vorbei ließen. Sie ließen sie vorbei, ja, doch sie ließen nicht von ihr ab. Als Anouk über den Fußboden schliff und beinahe dabei stolperte, riefen die drei, synchron, wie aus einem Munde: "Ist sie darum weniger fort?"
Anouk setzte ihre Füße auf und warf sich mit voller Macht gegen die Haustür, während sie die Klinke herunterdrückte. Sie wollte fort laufen. Raus aus der Wohnung, weg vom diesem Albtraum. Doch wie es schien, konnte sie dem Albtraum nicht entkommen. Es ließ sie nicht. Sie ließen sie nicht!
Das merkte sie sofort als sie mit den Händen voraus wieder ...
am Anfang des Flurs landete. Irritiert schaute sie zurück und sah nur die geschlossene Tür ihres Schlafzimmer hinter sich. Es lag nämlich ziemlich genau gegenüber von der Eingangstür der Wohnung und nur der Flur trennte die Türen voneinander.
Was war das? Eine besonders schlimme Halluzination?
Geknickt polterte Anouk auf dem Fußboden, schlug mit den Fäusten mehrfach auf ihn ein und wollte nicht aufstehen. Da hörte sie aus einer Ecke, die näher war, als sie glaubte, wieder eine Stimme: "Schaun und Scheinen ist nur Schaum". Ein spitzer Schrei entwich ihr, woraufhin sie die Hand auf ihren Mund legte und schwerfällig aufstand.
"Nichts als Traum in einem Traum!", sprach wieder eine Stimmte, diesmal hinter ihr und erschreckend tief und wiederhallend.
Anouk drehte sich nicht um, aber ihre Zähne klapperten. Sie hatte keine Kontrolle mehr über ihren Körper und begann stärker zu zittern.
Sie wollte das nicht länger hören. Sie wollte diesen Stimmen, diesen Kreaturen, entfliehen.
Anouks Beine schienen von selbst loszulaufen und einen weiteren Versuch zu starten die Haustür zu öffnen, um ins Treppenhaus zu gelangen.
Wieder schlug der Versuch fehl. Wieder landete sie am Anfang des Flurs und die Gestalten standen in den Türrahmen der angrenzenden Räume. Sie rannte durch den Flur, öffnete die Haustür immer wieder, landete im Flur, öffnete die Haustür ein weiteres Mal, landete im Flur und immer aufs Neue warteten in den Türrahmen die wabernden Figuren, die zu ihr sprachen: "Mitten in dem Wogenbrand, steh' ich an gequältem Strand, und ich halte in der Hand Körner von dem goldnen Sand. Wenig, dennoch ach, sie rinnen durch die Finger mir von hinnen. Weinen muss ich, weinend sinnen! Ach, kann ich nicht fester fassen, um sie nicht hinwegzulassen? Ach, kann ich nicht eins in Hut halten vor der Woge Wut?" Sie hörte wie die Worte an ihren Ohren geradezu vorbeizogen, so schnell lief sie mittlerweile.
Auf diese Zeilen, folgte nur noch, schwindend und verblassend: "Ist all Schaun und Schein nur Schaum - Nichts als Traum in einem Traum?"
Nach einigen erfolglosen Versuchen, änderte sich der Flur und die Stimmen verrauchten für einige Sekunden. Jetzt fiel Anouk auf, dass nicht mehr die Kreaturen in den Türrahmen standen, sondern ... andere Wesen.
"Wir versuchen es lieber mal mit Risperidon", entgegnete einer dieser Menschen. Halb an ihm vorbei, musterte Anouk den Mann. Es war ihr Arzt, Doktor Majewski. Doch wie konnte das bloß sein?
Dann drang eine andere Stimme, vom gegenüberliegenden Türrahmen an ihr Ohr und sprach: "Tu das nicht, Anouk. Das ist doch, was sie wollen!" Ein besorgtes, betagtes Gesicht. Ihre Mutter.
Sie gelangte in den 'nächsten' Flur.
"Es tut mir leid, die Sache ist mir über den Kopf gewachsen", sagte der Mann mit der sanften Stimme. Er wechselte seine Erscheinung. Mal stand ihr Ex-Freund dort, dann Moritz, dann wieder der Mann, den sie liebte.
"Meine Lieben, Sie werden heute Zeugen davon, wie wir einen Hirntod kurieren!", schlug ihr eine freudige Männerstimme mit russischem Akzent entgegen. Professor Grigorjew drehte seinen Kopf zu Anouk und verfolgte ihren hoffnungslosen Versuch davon zu laufen mit einem manischen Lachen.
Der nächste Flur, die nächsten Türrahmen.
"Ich liebe dich, Anouk", sagte einer von ihnen. "Du Miststück", brüllte ein anderer von der Seite. "Du elende Lügnerin, du kleines Biest", tönte es wieder aus dem ersten Türrahmen und binnen weniger Sekunden änderte sich die Laune des jungen Mannes. "Anouk!", riefen sie geeint und hämisches Kichern verließ ihre Münder. Ein Mann, Moritz, so viele Gesichter auf einmal.
Dann, plötzlich, stieß Anouk ein letztes - allerletztes - Mal die Haustür auf und flog, vom Schwung von den Füßen gerissen, geradewegs aus dem Flur heraus, wobei sie auf ihn zusprang. "Du verstehst es nun", sagte er, während ihr Gesicht immer näher auf ihn zukam. Und als sie auf den Boden aufprallte, entgegnete er mit ferner, blecherner Stimmlage: "Es ergibt Sinn."
Es herrschte Ruhe. Nichts als Ruhe. Endlose Ruhe.
Sie regte sich nicht. Anouk lag nur dort, lautlos und still, auf dem eiskalten Boden und hatte den Kopf nach unten gerichtet.
Es fühlte sich an, so meinte sie, als ob sie seelenruhig schliefe. Eine tiefe Gelassenheit, keine Angst mehr, keine Panik, alles fort.
Es war so still, dass nicht einmal das Ticken einer Uhr die Stille erfüllte.
Keine Stimmen, keine Trugbilder, nichts vernahm sie.
Nur, nach einer Ewigkeit, aus der Ferne. Da hörte sie ein leises Rufen. Es hörte sich an wie ein Mann und dort, da war noch etwas. Sie hörte ein schwaches Geräusch, das in regelmäßigen Abständen Töne von sich gab.
Jemand sagte ihren Namen, jemand legte seine warme Hand auf ihren kaltgefrorenen, rumorenden Kopf. Sie nahm die Wärme in sich auf, ließ die Kälte entweichen.
Sie schlief ein. Endlich. Sie wünschte sich, bevor sie in einen Zustand der vollkommenen Ruhe abdriftete nur eines: Würde sie nur endlich die Luft zum Atmen haben. Würde sie doch endlich frei sein.
Das, nur das, wünschte sie, während sie dort lag...

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