Jagd durch die Nacht

Jagd durch die Nacht

Varek

›Ich muss diese Stadt verlassen‹, ging es mir immer wieder und wieder durch den Kopf. Ich musste fliehen, wenn ich nicht verrückt werden wollte. All meine Instinkte pulsierten. Meine Aura hatte sich dunkel, fast schwarz verfärbt und mein Inneres raste. All die verdrängten Schatten meiner Vergangenheit stoben wie aufgeschreckte Fliegen durch meinen Verstand und streckten ihre zu Krallen geformten, unsichtbaren Hände nach dem letzten Funken Hoffnung in mir aus. Ich hatte sie gefunden, um sie wieder zu verlieren.
Ein Gedanke, den ich, obgleich ich wusste, dass es richtig war, beinahe nicht ertragen konnte.
Sechs lange Jahrhunderte hatte ich nach dem einen Wesen gesucht, das in der Lage war, meine Seele zu retten, ehe sie vollends zu Grunde ging. Und nun wusste ich mit absoluter Sicherheit, dass es keine Erlösung für mich gab. Niemals mehr.
Mit wehendem Umhang stand ich vor dem heruntergekommenen Gebäude, indem ich noch vor wenigen Sekunden Zeuge dessen geworden war, wie die Frau, deren Seele mich so aus der Fassung brachte, in die Arme eines Mannes gestürzt war, der nicht weniger unmenschlich war, als ich selbst. Ein Engelswesen.
Sein Gestank und seine leuchtende Aura hatten mich gezwungen, den Raum zu verlassen, selbst wenn die leisen Stimmen hinter meiner Stirn verlangten, dass ich zurückkehren und um Kadras Seele kämpfen sollte. Diese leise, wispernde Stimme, die an meinem Verstand nagte, und mir wieder und wieder zuraunte, dass sie mir gehören sollte. Dass ich sie mir holen und in Sicherheit bringen musste, weil ich als Einziger dazu in der Lage war.
Doch wenn es mir so klar und logisch erschien, wieso war es dann so unmöglich, vernünftig zu sein?
Ein heftiger Schmerz ließ aus heiterem Himmel meine Handgelenke brennen. Ich schob den linken Ärmel meines Umhangs zurück, um einen Blick auf das gut sieben Zentimeter breite rabenschwarze Eisenband zu werfen, das fest verschlossen darum lag. Der darin eingewobene Bannspruch erwachte langsam und unnachgiebig. Die unsichtbaren Schriftzeichen, die sich hinter ihm verbargen, bildeten erste hauchfeine Umrisse der Symbole, die die Bannformel bildeten.
Doch noch gelang es mir, seinen Ruf zu ignorieren. Aber ich wusste, bis zum Ende des Tages würde ich seinem Schreien erliegen und an einen Ort zurückkehren müssen, an dem er schwächer war, und mich in Ruhe ließ.
Ich schloss die Augen und massierte mit Mittel-und Zeigefinger der rechten Hand meine Schläfen. ›Denk nach, Varek‹, raunte ich mir selbst zu. ›Und denk schnell. Dir läuft die Zeit davon.‹
Während dort unten die Frau, die ich liebte, im Körper einer Anderen den Leib eines Himmelswesen liebkoste, ging mein Leben mehr und mehr verloren und niemand außer mir wusste, dass es in sieben Tagen vorüber sein würde. Ich, der nie hatte Krankheit und Schmerz erleiden müssen, der nie gestorben war und nie irgendein Leben bedauert hatte, würde mich aus diesem verabschieden müssen. Für immer.
Der Gedanke nagte an meinem Ego und das Gefühl, versagt zu haben, wurde durch die Tatsache gestärkt, dass ich sie endlich gefunden hatte.
Fluchend wandte ich mich ab, zerriss mit einem Schritt die Schleier zwischen den Welten und trat auf der anderen Seite wieder hinaus. Meine Umgebung hatte sich vollkommen verändert. Die Straße war verschwunden und die Lagerhalle, in deren Keller Kira zurückgeblieben war, war einem Raum gewichen, der für kurze Zeit meine Heimat gewesen war.
Vorüber. Aber ich wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis jene, die mir auf den Fersen waren, hierher finden würden. Und zu ihr. Meine Fährte führte meine Feinde geradewegs auf Kiras Spur. Und zu Kadra.
Letztes Mal hatte ich den Dämon entkommen lassen, der sie beinahe getötet und mir Kadra erneut weggenommen hätte. Diesmal war ich vorbereitet. Ich gab Kira mein Wort, ich würde sie und Kadra wieder in Sicherheit bringen, und ich wusste, ich würde es halten.
Mein Blick flog über das zerwühlte Bett, in dem Kira die Nacht verbracht hatte, bis zu dem unbequemen Holzstuhl. Mit knirschenden Zähnen ließ ich mich darauf nieder und lehnte mich zurück. Meine sensiblen Instinkte hatten die Anwesenheit des Dämons schon lange, ehe er den Entschluss gefasst hatte, Kiras Duftspur zu folgen, wahrgenommen. Ich wusste, dass er auf dem Weg hierher war. Ich konnte ihn riechen. Genauso, wie ich sie noch immer an den Wänden und Fenstern und der stickigen Atemluft riechen konnte, die schwer im Raum zirkulierte.
Gestern, als ich ihren unterdrückten Hilferuf wahrgenommen hatte, war es genau wie früher gewesen. Sie rief und ich kam.
Doch als ich die Straße betreten hatte, war nicht Kadra dort gewesen, sondern das zerbrechliche, sterbliche Wesen, in dessen Seele sie sich verirrt hatte. Und irgendwie hatte ich das Bedürfnis verspürt, dieses zarte Wesen vor einem grauenhaften Tode zu bewahren. Emotionen gehörten nicht unbedingt zu meinen Stärken und ich wusste, es war niemals gut, ihnen nachzugeben, doch gestern hatte ich keine Wahl gehabt. Mein Trieb, dieses eine Mal nicht davonzulaufen, sondern mich diesem Dämon entgegen zu stellen, war so viel stärker gewesen, als meine Vernunft. Und wohin hatte es mich geführt? Zurück an den Ort, an dem ich sie mit meinen bloßen Händen Prellung für Prellung geheilt hatte. Wieso war ich hier, wenn es mich nicht kümmern durfte, ob sie lebte oder nicht? Ich war hier, weil es eben doch eine Rolle spielte.
Der Geruch des Dämons intensivierte sich. Der gesichtlose Jäger kam näher. Er hatte meine Spur aufgenommen. Ich schlug die Lider hoch und ließ den Kopf in den Nacken fallen, um den Augenblick in vollen Zügen genießen zu können.
Jeder Zentimeter meines Körpers war angespannt und zugleich wie betäubt von Kiras Duft, der schwer über den Kissen hing. Dass eine Frau hier gewesen war, in einem Raum mit mir, hatte es in Hunderten von Jahren nicht ein einziges Mal gegeben.
Auf dem Gang knirschten die morschen Holzdielen. Er war hier. Mein Verfolger wiegte sich in trügerischer Sicherheit.
Der genussvolle Augenblick verflog und meine Jagdinstinkte erwachten mit Nachdruck zum Leben. Ich spürte den Dämon auf, als er vor der Tür stand. Mein Geruch hatte ihn an diesen Ort gelockt. Und ich wusste genau, weshalb er hier war. Als die Tür knirschend einen Spalt weit aufschwang und ein blasser Lichtstrahl bis kurz vor meine Füße fiel, flackerte ein Lächeln über meine Lippen. Meine Muskeln schrien vor Tatendrang. Ich ließ die Bestie, die auch nach tausend Jahren noch in mir rumorte, von der Leine.
Blitzschnell, so schnell, wie nur ein Dämon sein konnte, dessen Macht tausend Jahre hatte wachsen können, war ich an der Tür, packte den Dämon und schmetterte ihn durch den Raum an die gegenüberliegende Wand. Putz und Staub rieselten vom maroden Gerüst des Hauses. Dann setzte der Dämon zur Flucht an, doch ich war schneller. Ich erschien direkt vor ihm, streckte die Hand aus und schlang fünf feine, aber äußerst kraftvolle Finger um seine Kehle, um ihn mit einem einzigen Hieb rücklings an die Wand zu nageln.
Dass der Dämon in menschlicher Gestalt vor mich getreten war, wurde ihm nun zum Verhängnis. Als er versuchte, seinen Körper aufzulösen, in das rauchige Schattenwesen, dass er war, gelang es mir, die zur Faust geballte Hand in sein Inneres zu rammen und die letzten Fetzen seines sich auflösenden Herzens zu packen. Ein heiseres Keuchen kam über die Lippen des verkleideten Schattenwesens, das in Gestalt eines jungen Mannes, Mitte zwanzig, zu mir gekommen war. Die unechten, grünen Augen funkelten, als sie in meinen lasen, dass er heute noch sterben würde.
Durch das Eindringen meiner Hand in seinen sich auflösenden Körper hatte ich ihn gezwungen, in diesem Zustand zu verharren. Gefangen zwischen seiner Optik als Mensch und der des Schattens, der er eigentlich war. Gebunden an ein einzig optisch vorhandenes Herz empfand er in dem Augenblick, als ich eben dieses mit der Faust zu drücken begann, denselben Schmerz wie ein Mensch, dem man das Herz bei lebendigem Leibe aus der Brust riss.
Er schrie auf, bis ihm die Luft in den Lungenflügeln versiegte, hob die Hände, um sie panisch um meinen eisernen Griff zu legen und hatte aufgegeben, noch ehe ich zweimal blinzeln konnte.
»Also«, begann ich sanft, als seine Gegenwehr angesichts der Tatsache, dass ich ihm mit einer kleinen Bewegung mehr Schmerz bereiten konnte, als er zu ertragen im Stande war, gänzlich erloschen war. »Wir zwei werden uns ein wenig unterhalten müssen. Je schneller du mir gibst, was ich will, desto schneller lasse ich dich gehen. Hast du mich verstanden?«
»Besser du tötest mich gleich«, fauchte der Dämon mit dünner werdender Stimme. Ich lockerte meinen Griff um seine Kehle, ließ jedoch die Hand in seinem Inneren dort, wo sie war. »Von mir erfährst du nichts!«
Ich drängte alle Gedanken zurück, jedes Verständnis für Moral. Gnade fand in dieser Situation keinen Platz in meinem Verstand.
»Das werden wir sehen«, gab ich zurück und zwang die mir innewohnende Zauberkraft in jene Hand, die tief in seiner Brust steckte. Meine Gedanken wanderten hinüber in seinen Leib, in seine Seele, in sein Innerstes. Ich zwang das Blut aufzuhören, durch seine Adern zu fließen, seine Nervenbahnen dazu, zu verrotten und sein Herz langsam aber sicher dazu, so langsam zu schlagen, dass ich ihn mit einem einfachen Zauber langsam von Kopf bis Fuß in Stein verwandeln konnte.
Unter meinen Fingern begann sein Körper fest zu werden, hart und unbelebt. Seine Muskeln verwandelten sich in Stein und schmiegten sich eng an die Hauswand, bis er bis zur Brust gänzlich mit ihr verwachsen war. Erst dann zog ich meine Hand zurück und wischte das daran klebende Blut an seinem Hemd ab.
»Ich weiß, wer du bist und wer dich schickt. Sag mir, ob sie hier ist. Was hast du ihr gesagt?«, raunte ich ihm zu. »Sag mir, wie weit sie von hier fort ist und ich töte dich, bevor mir diese Situation entgleitet.«
Das blasse Gesicht des Jungen verzog sich zu einem erschöpften Lächeln. Mein Zauber hatte das Blut in seinen Adern erstarren lassen. Sein Gesicht wirkte nun bleich, fast schon bläulich, seine Lippen waren weiß, wie erfroren und sein Blick dunkel, aber klar. Das Lächeln auf seinen Lippen hatte etwas an sich, das ich mochte und obwohl ich wusste, dass er mein Feind war, tat es mir beinahe leid, ihn vernichten zu müssen. Doch mir blieb keine Wahl. Sollte er entkommen, war ich verloren und Kadra dem Tod geweiht.
»Ist sie hier?«, fuhr ich energischer fort. Schnell hob ich den linken Arm und schüttelte ihn, bis unter dem herabsinkenden Ärmel das Eisenband sichtbar wurde, auf dem sich nun deutlich die drei Symbole meines Bannes abzuzeichnen begannen. »Weiß sie etwas von dem Mädchen, das du verfolgt hast?«
»Verrotte in der Hölle«, murmelte der Dämon, den Blick fest auf mich gerichtet.
»Gnade dir Gott, dass ich dich dorthin nicht mitnehmen werde«, fauchte ich und trieb meine Faust zum zweiten Mal in sein Inneres. Diesmal nahm ich sein Herz und drehte es, so lange, bis ich spüren konnte, wie der Druck in seinen Herzkammern ins Unermessliche stieg und er kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren. »Also?«
»Ja«, hörte ich ihn murmeln. Sein Wille brach wie ein Streichholz entzwei. Ich wusste es, denn dem Ausdruck in seinen Augen war ich schon hunderte Male begegnet und jedes Mal endete es gleich. Ganz egal, wie stark sie sich fühlten und wie edel ihre Ziele waren, wenn man sie ein einziges Mal mit einem Schmerz konfrontierte, den sie nicht ertragen konnten, brachen sie alle ein.
Und ich wünschte, es wäre mir damals ähnlich gegangen.
Sein Kinn sank ihm auf die Brust, sodass ich nun beide Hände brauchte. Eine, um den Bann aufrechtzuerhalten und die Zweite, um sein Gesicht anzuheben. »Was weiß sie?«, knurrte ich ihm zu.
»Alles. Mein Tod hat keinen Nutzen für dich, denn sie ist dir bereits bis in diese Stadt gefolgt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie dich findet.« Während er lächelte, floss ein dünner Blutfaden aus seinem Mundwinkel über sein Kinn hinab.
»Weiß sie von dem Mädchen?«
»Sie weiß alles über dich und sie wird dich und die Kleine finden und zu Staub zermahlen. Für jedes Jahr, das du fortgelaufen bist, wartet ein kleiner Tod auf euch. Du wirst nichts dagegen tun und nicht mehr fortlaufen können. Diesmal nicht. Du kannst euch nicht beide retten.«
»Ja, du hast vielleicht Recht. Aber ich kann es versuchen.« Ich ließ seinen Kopf sinken und zog mich zurück. Meine Hand umfasste den klopfenden Muskel in seiner Brust und schnitt ihn mit einem einigen Ruck vom Rest seines Körpers ab.
Langsam hob ich den Blick und sah, wie sein Körper zu Staub wurde, in sich zusammenfiel und sich mit einem letzten Stöhnen in einen unscheinbaren Aschehaufen am Boden verwandelte. In meiner Hand vollführte sein geliehenes Herz einen letzten Hüpfer, zog sich zusammen und blieb stehen.
So wie mein Eigenes.

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