Jagd und Meute

Der Horizont schimmerte in einem tiefen Rot. Die gemächlich vorbeiziehenden Wolken zeichneten fantasievolle Fabelwesen und erstrahlten in behaglichen goldfarben. Ein Schwarm schwarz befiederter Vögel zog über ihren Köpfen hinweg und wechselte ohne erkennbare Gründe stetig die Flugrichtung. Vermutlich trieb es sie weiter nach Südwesten, hinab an die Küste.
Der kommende Tag würde wie der vergehende ein Schöner und Angenehmer werden, so versprach es die Bauernregel. Abendrot - Gutwetterbot, Morgenrot mit Regen droht. Es sollte den Jungs ein spannender und aufregender Tag werden, wäre da nicht der Ausflug in die Burg Bestlins gewesen.

Ihr Umfeld nahmen Veyed und Kayden in gegenwertiger Situation nur am Rande wahr. Sie hockten angespannt unter einer ausladenden Linde, derer Wurzelwerk vor langer Zeit ausgewaschen und ihnen nun ein vorgefertigtes Versteck bot. Im Rabengehölz wuchsen ausnahmslos Laubbäume. Zumeist Eichen und Buchen, nur einzeln und gelichtet blieb ein kleiner Bestand an Linden und Haselnuss gewachsen. Das mittlerweile spärlich durch das dichte Blätterwerk einbrechende Licht verlieh den Schatten mehr Macht und vertrieb vorzeitig den Tag. Wo zuvor grünes Gras zu sehen war, trieb nunmehr ein dunkler, haariger, Schemen sein Unwesen. Dickes und vorhängendes Astwerk glich im vorgeschobenen Zwielicht Klauen einer langarmigen Bestie. Zum Glück der jungen Burschen waren die Winde noch nicht kräftig genug, um die Schattenwesen nach ihnen greifen zu lassen.
Nur selten fand ein verblichener Sonnenstrahl den Weg bis hinab auf den Grund, sodass es den Anschein hegte, dem Wald gierte es.

Beobachtern würden die beiden, unter dem Baum, kauernden Gestalten als armselig und abgewetzt erscheinen. Ihre Kleidungsstücke, Hände und Gesichter waren vollkommen verdreckt und verschlissen. Nicht minder weniger Kratzer gingen tief genug, um zu bluten.
Ihre Brust hob und senkte sich im Einklang mit ihren nach Luft gierenden Lungen.
»Haben wir sie abgehängt?«, erkundigte sich Kayden japsend. Dessen Worte, obwohl leise gesprochen, Veyed zucken ließen.
»Sch«, mahnte dessen Bruder, der abrupt die linke Hand hob. Seine rechte verkrampfte sich um ein Stück hervorstehende Wurzel, als wolle er diese zerquetschen. Im Dunkel zeichnete sich der Widerschein vereinzelter Lichter.
Unweit ihres Versteckes knackte es. Das Brechen eines trockenen Astes tönte in ihren Ohren wie das bersten eines Baumes. Jenes Baumes, unter welchem sie sich verbargen.

***

»Sucht ihr Mistviecher!«
»Halt doch ´es Maul. Ohne Spur habens auch die Hunde nischt, wonach se suchen solln.«
Vermutlich Ersterer grunzte und spukte. »Ach ...«
»Schnauze jetzt«, brüllte eine bassmonotone Stimme. Eine Fackel schwang zischend nach vorn und beschien zwei mit der Nase am Boden tapsende Hunde. »Sie haben was, bewegt euch.«
Einer der Treiber sah missmutig auf und schwenkte seine drei Leinen wie eine Peitsche. »Da hast dene Fährte. Wolln wa mal sehn, ob de mehr hast als nur ne große Fresse.«
Abermals spuckte einer aus, direkt vor den Füßen seines Widersachers, stieg vom Rücken seines Pferdes und postierte sich provokant vor dem Treiber. Ganz nah drängte er auf und dessen breiten Schultern verdeckten die seines um einen Kopf kleineren Begleiters. »Red weiter du Wicht. Ich habe Lust dir deine vorlaute Zunge herauszuschneiden.«
Angesprochener hob die in der linken Hand haltenden Leinen und neigte allenfalls den Kopf zu ebendiesen. Lächelnd entblößte er seine Zähne und streckte ungeniert die Zunge heraus. Er zuckte mit der Schulter. »Kein Knoten.«
Das spärliche Licht bekundete undeutlich seinen Kleidungsstil und verbarg mehr, als das es zeigte. Er kleidete sich anders als die übrigen zwei Treiber.
Echos bellender Hunde erscholl und wurden von nachkommenden sogleich erwidert.
»Heia, hey.« Eilig galoppierten acht Pferde an ihnen vorüber, die sich ebenso rasch wieder entfernten. Sie jagten den Kläffern nach, die endlich einer verwertbaren Spur folgten. Nur einer der Tiere hob erneut die Nase und wagte sich in den alten Wasserlauf hetzend entlang. Noch bevor das Gerinne endete, an einem Abfall direkt in einem Knick, fand eben jener sein räudiges Ende. Er rutschte davon, als er noch versuchte, seinen Fehler zu korrigieren, und stürzte in die Tiefe.
Eine Wand so Hoch wie der Aussichtsturm der Burg entlockte dem überraschten Vierbeiner ein quälendes lang gezogenes Jaulen, bis der deutlich widerhallende Aufschlag diesem ein jähes Ende bereitete.
»Das Grinsen wird dir verg...« Seine Augen weiteten sich und sein Augenmerk richtete sich nach links, wo seine Hand bereits unbewusst unter der Achsel klemmte. »Was ...«
Der Treiber verzog die Mundwinkel und schnaubte. »Du hast recht, mir vergeht in der Tat das Grinsen.«
Sein Widersacher sackte auf die Knie und ihm entrückte der Blick. Die gesamte linke Körperhälfte war rötlich braun durchtränkt und Blut trat sämig seinen Finger hindurch.
»Drei, zwei, eins ...« Er kippte vornüber und ein Einzelner - sein letzter - Hauch entwich seinem Halse.
»Kleiner Schnitt, große Wirkung.« Der Treiber wischte seinen, für einen Dolch zu lange Klinge, noch dazu gebogen, an dem Leichnam ab, sah sich um und verschmolz mit den Schatten der umstehenden Bäume.

***

Jemand oder etwas kam ihnen auf die Schliche. Abermals brach ein vermutlich abgestorbener und trockener Ast unter der Last des sich nähernden. Erschrocken griff Kayden an seines Bruders Schulter und drückte zu.
»Au«, keuchte dieser für seine Ohren viel zu laut und klatschte auf die Finger, die ihn immer noch Schmerzen durch die Schulter jagten. So Jung und drahtig er auch sein mochte, hatte einen derart festen Griff, welcher gestandenen Männern gerecht wurde.
Veyed vernahm es als Erster, seine Augen weiteten sich und er begann aufgeregt zu schlucken. Mit der Rechten schien er nach etwas Greifbaren zu suchen. Seinem jüngeren Bruder hingegen stellten sich die Härchen an den Armen auf, ein ihm nicht fremdes Zeichen. Furcht durchströmte seinen Körper.
Der Mund stand ihm offen und sein Unterkiefer mahlte auf Luft von links nach rechts. Er hörte sein eigenes Blut in den Ohren rauschen.
In rascher Abfolge atmete jemand oder etwas ein und aus. Der Weg des Suchenden führte ihn von der einen zur anderen Seite und einmal um den Baum herum. Der Widerschein der sich nähernden Fackeln wurde rastloser und die Hunde begannen aufgeregt Laut zu geben. Rufe gesellten sich zu dem Gebell. Aufs Neue erklangen jene Laute, die sie anhörten, wie hecheln und dieses kam unaufhaltsam näher.
Ein fremdes Geräusch mischte sich hinzu, eines, welches sie noch nie zu Gehör bekamen. Es klang, wie das Kreischen eines Meißels, der auf dem Amboss kratzte. Lang gezogen, schrill und ... mahnend. Erschrocken beide auf.
Durch getrübte Augen blickte er zerschlagen zu seinem kleinen Bruder und atmete schwer. Er flüsterte und ihre Blicke trafen sich, sie wussten, es war vorbei.

***

Mit weit gespreizten Schwingen glitt ein ungleiches Paar auf den Böen der hohen Lüfte und überflogen wiederkehrend das Rabengehölz.
Fachkundige Beobachter würden den größeren der beiden auf nahezu drei Ellen Spannweite einschätzen, den kleineren hingegen immerhin noch mit zweien.
Gemeinhin dürfte keines dieser Tiere überhaupt am Himmel zu sehen sein, schon gar nicht zu zweit in unmittelbarer Nähe einander. Diese galten wenn nicht ausgestorben, so doch als vertrieben. Sie zogen nicht unbestimmt des Weges oder überflogen das Gehölz. Sie suchten, sie beobachteten, sie waren auf der Jagd.
Ihre überaus feinen Sinne und ihr scharfer Blick vermochten Dinge zu erkennen, die ein Mensch nicht oder nur erschwert sehen konnte. Sie realisierten selbst die geringsten Bewegungen. Aus hohen Gestaden stoben sie annähernd zeitgleich mit eng anliegenden Flügeln hinab in die Tiefe. Ungebremst schnellten sie in die Baumkronen und durchbrachen das oberste Blattwerk, als sich ihre gesamte Spannweite zeigte und sich aus einem Sturzflug ein gezielter Angriff erwies. Der größere des ungleichen Paares öffnete den nach unten geformten Schnabel und stieß einen lang anhaltenden schrillen Schrei aus. Seine Augen leuchteten im fahlen Licht eisblau und noch etwas war in ihnen. Etwas Unsagbares, etwas was nicht sein konnte, nicht sein durfte. Sein kleinerer Begleiter, ebenso imposant anzusehen, war zu flink und wechselte um es näher beurteilen zu können zu schnell die Flugrichtung, um deren Ziel von der Seite her zu bedrängen.
Ihre Achtsamkeit richtete sich in alle Richtungen. Dieser befremdliche Schrei, ungezählte schwarze Vögel, die panisch auseinanderstoben und vor Schreck aufschreiende Bälger.
Nahe einer riesigen Linde sahen sich zwei der Soldaten des hiesigen Lords aufmerksam um, da einer der Hunde sich für diesen unsäglich zu interessieren schien. Ausgerechnet das mitgeführte Jungtier, machte sich bemerkbar und eilte mit gesengtem Kopf und peitschender Rut drum herum. Einer der beiden hob den linken Zeigefinger und wies nach oben, nachdem er den Ursprung dieses seltsamen Geräusches erfasste. »Verdammt was soll das?«, ereiferte dieser sich und zog hastig den Kopf ein.
Der Angriff erfolgte bis auf den Schrei geräuschlos und so war der Schrecken um so lebhafter. Sein Pferd warf das massige Haupt wiehernd von der einen zu der anderen Seite, stieg und machte einen Satz voran. Ihm blieb keinerlei Zeit sich sorgsam festzuhalten und sprichwörtlich aus dem Sattel katapultiert. Hart stieß er mit dem Steiß auf, der ihm einen Schwall Schmerzen durch Brust und Rücken einbrachte. Ein unangenehm klingender Jauchzer entwich seiner Lunge, noch bevor er aufgrund des Schwunges hinten überkippte und mit dem Hinterkopf auf eine hervorstehende Wurzel auftraf. Benommen blieb er mit Armen wie Beinen von sich gestreckt liegen, sein Pferd hingegen stürmte davon.
Der Zweite jedoch vermochte es, unter Auferbieten jeglicher Mühen, sein Gleichgewicht zu halten. »Brrr. Ruuhhiig - ruuhhiig.«, versuchte er es stupide unter Kontrolle zu halten. Weit gefehlt, hatte er nicht mit dem kleineren Vogel seitwärts gerechnet.
Der Falke schnellte ungesehen heran, drosselte abrupt seine Fluggeschwindigkeit und malträtierte mit weit gespreizten Krallen die Flanke des Zossen.
Dessen Reiter sah verständnislos zu und versuchte den Angreifer mit der bloßen Hand fortzuscheuchen und fing sich einen schmerzhaften Biss ein. »Verdammt, heia.« Er schnalzte, peitschte die Zügel und trat in die Fersen.

***

Ein Hund postierte sich mit gesengtem Kopf vor ihrem Versteck und musterte die beiden aus kleinen runden Knopfaugen. Seine Rute wedelte derweil frohen Mutes von links nach rechts. Manchmal sah es aus, als würde diese sich im Kreis bewegen.
Sie sahen nicht wer oder was diesen seltsamen Schrei verursacht haben musste, jedoch schienen die aufgetauchten Soldaten nun selbst in Bedrängnis geraten zu sein.
Veyed saß bereits mit den Füßen vorausgestreckt auf dem Hosenboden und versuchte sich vergebens weiter nach hinten zu schieben, lediglich Kayden änderte seine angespannte Haltung. Ihm stahl sich ein Lächeln auf die Lippen, als er begann seine rechte Hand voraus zu strecken. »Bist du von Sinnen, das Vieh zerreißt dich.« Flüsterte sein Bruder, doch Kayden schüttelte den Kopf und beugte sich furchtlos unter der ausgewaschenen Wurzel hervor. Er sah sich um, führte seine Bewegung zu Ende und kraulte dem Hund hinter den Ohren. »Nix wie weg, der Wald steht uns bei.«
Nachdem Kayden vollends im Freien kniete und den Vierbeiner widererkannte, umarmte er diesen kurzerhand und drückte sein Gesicht auf das seine. »Wir kennen uns doch«, stellte er nüchtern fest. »Du bist der Faulpelz aus der Schmiede.«
Noch immer lächelnd sah er zurück unter die Wurzel, zu seinem verängstigten Bruder, der nach wie vor dort kauerte und gedankenverloren ins Nichts blickte. »Veyed komm endlich, wir müssen weg«, bettelte er und sah sich rasch um.
Rufe und der Klang harter Hufe auf festen Grund ermahnten zur Eile. Nachdem Veyed noch immer nicht reagierte, schob er kurz entschlossen den Hund ins Versteck. »Hohl ihn.«
Unbedacht gehorchte dieser, kroch unter den Baum und leckte dem angstvoll dreinschauenden das schmutzige Gesicht. Dieser schüttelte die Benommenheit von sich und wehrte den Schlecker mit den Händen ab. »Hey, lass das. Ist ja gut, geh weg. Kay!«
»Los raus jetzt, sie kommen«, drängte er und klopfte mit der Rechten zweimal auf seinen Oberschenkel. Gebeugt stand er da und sah abwechselnd von links nach rechts - dorthin wo er wusste, dass die Bäume wieder Lichter wurden und die freie Wiesenfläche folgen würde.
Sie rannten, kaum das Veyed und ihr neuer Freund aus ihrem Versteck krochen. Ohne sich umzublicken, trugen ihre schmerzenden Füße und Beine sie näher an den Rand des Gehölzes und hinaus ins Freie. Eine weitreichende Wiese, die bisweilen niemand wagte zu bebauen, bestellen oder zu besiedeln. Ihre unmittelbare Nähe zum ›flüsternden Wald‹ hielt noch jeden fern, auch wenn ein breiter Bach den Grenzverlauf des Waldes markierte.
Hinter ihnen vernahmen sie das fortwährend aufholende Getrappel von Pferden und lauter werdendem Gebell. Trotz ihres Vorsprunges und der bereits bewältigten Strecke wagten sie es kaum zu hoffen, den berittenen Soldaten langfristig zu entkommen. Im Schutze des Gehölzes konnten sie sich für kurze Zeit verkriechen, wenn ihnen die Reiter zu nahe kamen. Hier auf freier Fläche hingegen, noch dazu mit wetteifernden Hunden, ein aussichtsloses Unterfangen. Dennoch, sie mussten es wagen.

Kaum das die Verfolger den Rand des Waldes erreichten und kein Baum mehr ihr Blickfeld verdeckte, begann die Hatz aufs Neue.
»Da vorn. Da Laufen sie!«
»Bleibt stehen ihr verdammten Blagen!«
»Verdammt, wir reißen euch die Beine raus, bleibt stehen!«
Sie liefen trotz übereifriger Mahnungen unaufhörlich weiter, war ihnen bewusst, würden sie tun wie geheißen.
Veyed gestattete sich einen kurzen Blick über die Schulter hinweg und verlor unmittelbar das Gleichgewicht. Sein Fuß verfehlte festen Grund und geriet in ein für ihn unsichtbares Hasenloch.
Mit ausgestreckten Armen stürzte er, der länge nach, dem Boden entgegen und schlitterte einen guten Schritt weit mit dem Gesicht voran. Ihm blieb nicht einmal Zeit einen begleitenden Schrei auszustoßen, um auf sich aufmerksam zu machen - lediglich ein Röcheln entwich seinem Halse. Kayden hingegen lief weiter und stockte erst, als ihr neuer Weggefährte kläffte und sich umwandte. Mit rasselndem Atem blieb nun auch er stehen und sah vornübergebeugt dorthin, wohin der Hund rann und fluchte. Er spuckte japsend aus und schaute hinüber zum hoffentlich rettenden Waldrand. »Scheiße verdammt.«

Er rutschte selber aus, als er Anlauf nahm, um Veyed zur Hilfe zu eilen. »Veyed!«
Gerufener hob mühsam den Blick und gab sich sichtlich Mühe sein linkes Bein aus einem Loch zu ziehen. Unbeholfen trat er auf und sackte sogleich wieder zusammen.
»Veyed, bitte!«
»Ich kann nicht«, flüsterte dieser und empfing aus dem Hintergrund Hohn und Gelächter.
Er biss die Zähne aufeinander und erhob sich abermals, stützende Hände griffen unter seine Achseln und erkannte Kayden.
»Komm schon, wir packen’s«, versuchte er ihn aufzumuntern und sah immer wieder zurück, wo die Männer mit ihren Hunden am Waldesrand ausharrten.
Worauf bloß warteten die Soldaten? Dass sie sich sicher fühlten, es tatsächlich schaffen zu können?
»Bleib lieber liegen, macht es dir doch nicht so schwer!«
»Sollen wir absteigen und euch zu Fuß holen kommen?!«
»Lass mich hier Kay. Lauf einfach weiter«, presste dessen Bruder durch aufeinander gepressten Zähnen hervor.
Anstatt auf ihn zu hören, beschleunigte dieser die Schritte und zog ihn humpelnd hinter sich her. »Einen Dreck werde ich. Komm jetzt.«
»Dann warten wir eben vorm beschissnen Wald auf euch!«
»Wess, Artax ... fass!«

Nicht nur die Hunde nahmen ihr Gebell wieder auf, auch die Soldaten brüllten siegessicher, als sie ihre Reittiere antrieben.
Der Bach verlief unmittelbar vor den ersten Bäumen des gemiedenen Forstes und dürfte während der Erntemonate nicht breiter sein, als ein gutes Pferd zu springen vermochte. Nur die Mutigsten wagten sich vor langer Zeit in diesen, um an vorbezeichneten Orten Holz zu schlagen. Jene beteuerten immer wieder, dass der Wald es war, der ihnen erlaubte, sein Reich zu betreten. Er war es auch, der ihnen den Weg wies und ermahnte, die Menge der zu schlagenden Bäume nicht zu überschreiten.
Unmittelbar vor dem Bach schrie Veyed auf und stieß seinen Bruder von sich. Er ließ sich fallen und umklammerte mit verzerrtem Gesicht sein Bein. Weinen schaukelte er sich vor und zurück. Das linke Hosenbein war der Länge nach bis zum Knie eingerissen und zeigte eine großflächig und stark blutende Abschürfung. Das Knie selber, so sah Kayden erst jetzt, schien irgendwie verdreht.
Tränen liefen ihm die Wangen hinab und schluchzte. »Veyed los doch, bitte.« Er den rechten Arm und zeigte zu den Bäumen des ›flüsternden Waldes‹. »Schau, da ist Wald. Onkel Alric wollte, dass wir dort hineingehen. Bitte komm.«
»Ahh, das tut so weh.« So hatte er seinen Bruder noch nie erlebt. Er jammerte und sein Blick schmerzte ihm im Herzen. »Geh, lass mich hier. Hau endlich ab!«

Er war nicht bei Sinnen, entschloss er. Trat hinter seinen Bruder und griff ihm unter die Arme.
Wie im Rabengehölz zuvor gehört, tönte wieder dieses lang gezogene Kreischen. Kayden sah auf und öffnete vor Erstaunen den Mund, er verfolgte ihren Flug hinein in die Wipfel des Waldes.
Wind frischte auf und eine Böe umspielte sein zausiges Haar. Der seichte Luftzug säuselte um sein Ohr und trug fremd klingende Worte an sein Gehör.
Tretet ein. In meinen Armen fühlt euch behütet und geborgen. Betretet meinen schützenden Wall.
»Das, das war der Falke«, besann sich Veyed und schien zu mindest für den Augenblick seine Schmerzen vergessen zu können.
Verwundert sah er zu seinem jüngeren Bruder, auf den er aufpassen sollte und nicht anders herum. Er sah hinüber zu ihren gefährlich nahekommenden Verfolgern und versuchte in den großen Bäumen und den mahnend dunklen Schatten dazwischen etwas zu erkennen. Kaydens Blick war entrückt und stierte unentwegt dorthin.
Abermals erklang der verlockende Ruf.
In meinem Schutze dürft ihr leben. In meinem Schutze dürft ihr gedeihen.
»Kay, was ist.«
»Hörst du es?«
»Was verdammt? Kay wir müssen uns ergeben.« Er hatte Angst und wollte den Wald um alles in der Welt meiden. Ihr vierbeiniger Freund beugte sich knurrend nieder, seine Rute hielt er steil aufgerichtet.
Angesprochener hob die Brauen und wendete den Kopf hinüber zu den Soldaten des Lords und entschied. »Nein.«
Ungeahnte Kräfte halfen ihm, Veyed aufzuhieven. Er schob sich mit seinen Schultern unter seine Achsel und hielt ihn mit festem Griff aufrecht. Er zog ihn mehr, als das er eigenständig ging oder humpelte. Das verletzte Bein schien angeschwollen und er schaffte es nicht, es zu belasten. Schritt für Schritt nährten sie sich der Baumreihe und mit jedem getanen holte der Feind um die vielfachen auf.
Das kühle Nass des Baches wusch die Wunde und kühlte sie sogleich. Es prickelte unangenehm und pochte schmerzhaft. Den Weg bis ans andere Ufer würde er noch schaffen, so schwor er sich. Hauptsache Kay würde es schaffen.
Etwas flog nur wenige Fuß an ihnen vorbei und klatschte nutzlos ins Wasser. Ein Pfeil trieb auf der Oberfläche und ergab sich der seichten Strömung.
»Bleibt stehen oder der Nächste trifft!« Zur Erinnerung pfiff ein Weiterer heran und platschte ebenso ziellos neben sie. Nur noch wenige Schritte und sie konnten Hand an die Rinde der ersten Bäume legen.
Lasst euch nicht verfehlen, traut auf eure Herzen und Verstand. Tretet ein in meine schützende Umarmung.
»Hörst du es? Wir müssen weiter.«
»Kay, die schießen auf uns.«
Im blieb jedoch keine Möglichkeit, sich von seinem Bruder zu entfernen. Sein Bein ließ keinerlei Gegenwehr zu, noch hatte er die nötige Kraft sich zu widersetzen. Zu gegebener Situation war nicht er der Ältere, sondern der Hilfsbedürftige und Kayden zog ihn unaufhaltsam mit sich.
Stur, den Blick nicht weichend, zog er ihn weiter. Weiter in die näher rückenden Schatten der vor ihnen aufragenden Bäume. Bäume jenes Waldes, der gemeinhin als zu meiden, und nicht uneingeladen zu betreten galt.
Hinter ihnen hörten sie drohendes Gebell und plätschern, als die aufholenden Hunde ins Wasser sprangen. Kurz darauf durchdrang markerschütterndes Aufjaulen das anstrengende Getöse und rauschen in den Ohren.

***

»Hinterher! Schnappt sie!«
»Wess, Artax ... los! Fass!«
»Schwärmt aus, holt sie von diesen Bäumen weg!«
Die zwei Jagdhunde waren als Erste am Bachbett und sprangen. Nur noch wenige ausladende Schritte sollten sie von den Jungen trennen und die Hatz ein für alle Mal beenden. Schade nur, dass die Burschen nicht unverletzt zur Burg gebracht werden würden.
Die Hunde erreichten kaum die Oberfläche des Wassers, als der Erste mitten im Satz zur Seite geschleudert wurde. Ein aus der Schulter ragender Pfeil traf mit solcher Wucht, dass er den Verlauf des Sprunges umlenkte.

Artax sprang voraus und flog gleichauf nahezu einen ganzen Schritt seitwärts. Klagende Laute entwichen seinem Maul.
Wess hingegen landete wie berechnend auf den Pfoten. Ein weiterer beherzter Sprung würde es ihm erlauben seine Fänge in eines der Beine seiner Beute zu schlagen. Sein Oberkörper zog sich geschmeidig zurück und belastete die Hinterläufe. Bereits im Ansatz zum Sprung wurde auch dieser mordlüsterne Köter herumgerissen. Ein weiterer Pfeil, ein Zweiter und dann ein Dritter, ragten aus Brust und Hals.
»Los, los! Holt die Bastarde aus diesen beschissnen Wald!«
Zwei Begleiter des offensichtlichen Rädelsführers fielen ähnlich wie die Hunde. Getroffen rutschten sie leblos aus dem Sattel und die restlichen Verfolger wendeten noch vor dem Bachufer ihre Pferde.

Am Rande des Rabengehölzes führten drei Reiter ihre Tiere den Waldrand entlang. Der vordere hob den rechten Arm. Der Ruf eines Kauzes hallte im Wind.

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beta
Feenstaub

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