January - Jetzt oder nie 27

AVA

 

»Wenn du weiterhin so viel trainierst, hast du bald nur noch einen Klumpen Pflaster anstelle von Füßen.« Katy kam gerade in den Probenraum, als ich mir Pflaster Nummer fünf auf eine blutende Stelle am Fuß klebte. Die letzten 4 Tage bestanden aus Training, duschen, essen und schlafen. Ersteres nahm mehr als die Hälfte davon ein. Hauptsache ich musste nicht an IHN denken.

»Katy, mit dir hab ich heute gar nicht gerechnet. Sag nicht wir waren verabredet?«

Sie kam zu mir herübergeschlendert. Ihr blondes Haar, das aussah wie gesponnenes Gold, hatte sie zu einem hohen Zopf zusammengebunden. Sie trug eine alte, verwaschene Jeans und ein Tanktop. Ihr Outfit ließ darauf schließen, dass sie geradewegs vom Set kam, denn so schlicht gekleidet bekam man sie sonst nie zu Gesicht. Es musste sich also um die Kleidung ihres Film-Ichs handeln.

Sie winkte lässig ab und zeigte mir ihr perfektes Lächeln.

»Nein alles gut. Mason hat die letzten Tage nur leicht einen an der Klatsche. Kent hat den Dreh heute vorzeitig beendet, weil es keinen Sinn hatte.«  Nur schwer konnte ich mir vorstellen, dass Masons geistige Abwesenheit mit mir zu tun hatte obwohl ich insgeheim hoffte, er litt genauso wie ich. Das wäre nur fair.  

»Seit wann ist er denn so seltsam?«

»Hm, schon die ganze Woche. Seit Montag glaub ich.«

»Oh… Ähm naja wer weiß was er hat.« Ich wollte nicht näher darauf eingehen, sonst hätte ich mich noch verraten. 

Katy runzelte die Stirn. Das hatte nichts Gutes zu bedeuten.

»Schätzchen, nichts für ungut, aber du bist mindestens eine so schlechte Schauspielerin, wie ich eine Tänzerin bin. Und jetzt raus damit.«

»Womit? Nein ehrlich…« Mein Handy klingelte und rettete mich somit aus Katys Fängen.  

»Moment ich muss kurz schauen….oh es ist Jamie.« Ich war eine Sekunde zu spät und er hatte bereits aufgelegt. Als ich mein Handy genauer betrachtete, sah ich, dass ich etliche SMS von Jamie und ein paar von meiner Mom hatte. Jamie hatte mir zig Mal geschrieben ich solle ihn anrufen. Bevor ich eine weitere SMS öffnen konnte, klingelte mein Handy bereits wieder.

»Jamie, was ist los?«

»Ava, ich bin schon am Flughafen. Hast du heut irgendwelche Zeitungen gelesen oder ins Internet geschaut?«  

»Nein, ich hab den ganzen Tag trainiert. Wieso, was ist passiert?«  

»Ich komme diese Nacht um ca 4 Uhr in NY an. Würde ich dich bitten, bis dahin auf dein Zimmer zu gehen und jegliche Medien zu meiden, würdest du das dann tun?«

»Nein…das weißt du. Also raus mit der Sprache.«

»Okay Ava,  aber mach nichts Unüberlegtes und geh bitte sofort auf dein Zimmer.«

»Raus damit jetzt.« Ich war ziemlich laut geworden und Katy sah mich besorgt an.

»Du und Mason, ihr seid in nahezu jedem Promiblättchen zu sehen.«

»Nein…das ist ein schlechter Scherz oder?« Katy kam zu mir und legte mir ihre Hand auf den Rücken.

»Leider nicht. Ich habe dich sofort erkannt. Es wurde irgendwo draußen aufgenommen. Ava du weinst auf diesem Bild. Was war da los? Ich breche diesem Wichser jede Rippe zweimal.«

In den letzten Tagen damit fertig zu werden, mich nachts in den Schlaf zu weinen und mein Zimmer auf Zehenspitzen zu betreten und verlassen um ihm aus dem Weg zu gehen war die eine Sache. Das nun aber das ganze Land wusste, wie es mir ging und sich wahrscheinlich über meine Naivität lustig machte, war eine Nummer zu groß für mich.

»Ich…..ich kann nicht…« flüsterte ich. Katy nahm mir mein Handy aus der Hand und wechselte ein paar Worte mit Jamie. Als sie auflegte ging sie zu meiner Tasche und schnappte sich alles was im Raum von mir rumlag.

»Komm wir gehen jetzt deine Sachen packen, du kommst erstmal mit zu mir.«

Der CD Player lief noch und als ich mich umdrehte stand ein kleines Mädchen in der Türe. Auf den zweiten Blick konnte ich auch den Kabelbinder-Gorilla erkennen. Er sah mich entschuldigend an. Eigentlich hätte ich ihn angeschrien, da mir bisher jede Gelegenheit dazu fehlte, doch das kleine blonde Mädchen strahlte mich so sehr an, dass ich für einen Moment meine Situation vergaß und zu ihr rüberging.  Mr. Gorilla schenkte ich keinerlei Beachtung.

»Gefällt dir die Musik?« Die kleine tippelte von einem auf den anderen Fuß.

»Jaaaa. Was machst du hier drin? Meine Mom erlaubt nie, dass ich soooo laut Musik höre aber bei meinem Onkel darf ich alles.« Gott, war sie süß.

»Da hast du aber einen tollen Onkel. Tja, ich tanze hier und da das mein Beruf ist, darf ich ganz offiziell so laut Musik hören. Aber natürlich nur hier drin, weil der Raum dafür ausgestattet ist.«

»Ich will auch tanzen. Bringst du es mir bei?« Der Gorilla hielt sein Handy auf die Kleine gerichtet, scheinbar machte er ein Foto.

»Ava, ich glaube wir müssen…« Katy war sichtlich angespannt.

»Ja Katy, du hast recht… ich sollte dieser jungen Dame hier unbedingt ein paar Schritte beibringen.« Die kleine klatschte begeistert in die Hände.  

»Ich such uns mal Musik, oder hast du einen Wunsch.«  

»Nööööööö.«

Ich steckte mein Handy in die Station und schaltete einen Dance Mix von Easy Love von den Jackson Five ein.  

»Okay. Aufstellen bitte.« Die Kleine kam zu mir rüber und machte meine Bewegungen genau nach.
»Wir schütteln die Arme aus… und jetzt im Kreis drehen. »Ich nahm sie bei den Händen und wir drehten uns um die eigene Achse. Ihr hübsches Lachen hatte was ansteckendes und es kam mir so vertraut vor. Sie war einfach zuckersüß.

»Und jetzt….wackeln wir mit dem Popo…«  

Wir tanzten und lachten so lange, bis der letzte Ton des Liedes verklungen und wir außer Puste waren. Gorilla machte tausende Fotos und grinste von einem Ohr zum anderen. Katy hatten wir nach der Hälfte des Liedes angesteckt und sie gesellte sich zu uns.  

»Yeah, gimme five.« Die kleine klatschte meine Hand ab.

»Vielen Dank für dieses tollen Tanz liebe…..na wie heißt du eigentlich.«

»Mia….und du?«  

»Ich heiße Ava….und weißt du was echt lustig ist? Mein zweiter Vorname ist auch Mia.« Mia sah mich skeptisch an.

»Ava Mia?« Ich musste lachen. Mich hatte ewig niemand bei meinem vollen Namen genannt.

»Was soll ich sagen? Meine Mom mochte kurze Namen und wer hat schon zwei Vornamen die jeweils nur 3 Buchstaben haben?«

»Du bist lustig.«

Der Gorilla räusperte sich und steckte sein Smartphone in seine Hosentasche.

»Miss Moore, ich möchte mich nochmal entschuldigen,« Ich winkte ab, da ich nicht mehr darüber nachdenken wollte.

»Mia, wir müssen los sonst macht deine Mom sich Sorgen.«

»Okay, schade. Danke Ava Mia für das Tanzen. Ich zeig das, was ich gelernt hab, gleich sofort meinem Onkel und meiner Mom.«

»Mach das „nur Mia“. Hab noch einen schönen Tag.« Und danke, dass du mich kurz vergessen lassen hast.

 

 

****

 

»Glaub mir süße, du willst nicht all das lesen, was diese Blödmänner sich aus der Nase ziehen. Wenn es nach denen ginge, würde ich hier gerade mit einer Line Koks abhängen oder Gruppensex mit 3 Männern haben. Die Presse verkauft nicht die Wahrheit, sondern das, was die Leute lesen wollen…« Mit den Worten nahm Katy mir mein Handy auf dem Weg zu Tiefgarage ab.

Als wir den Proberaum am Nachmittag verlassen hatten, war bereits das komplette Hotel von Journalisten umzingelt. Katy wies ihren Chauffeur an, uns in der Tiefgarage abzuholen und zu ihr nach Hause zu bringen. Auf diese Art und Weise hatten Mason und ich das Hotel auch immer unauffällig zum Joggen verlassen können. Um mein Hab und Gut hatte Max sich gekümmert und mir eine Stunde zuvor vorbeigebracht. Jetzt saß ich wie ein Häufchen Elend bei Katy zuhause.

»Und die letzten Wochen hast du das alles mit dir herumgetragen und mir kein Wort gesagt?« Katy drückte mir eine Tasse Tee in die Hand. Wir hatten es uns, beide im Pyjama, auf ihrer überdimensional großen Couch gemütlich gemacht. Lediglich der Kamin und ein paar Kerzen erhellten das riesige, modern eingerichtete Wohnzimmer. Die letzte Stunde hatte ich mir all meine Probleme mit Mason und Jamie vom Herzen geredet. Es war so gut, diesen ganzen Ballast kurzweilig nicht alleine schultern zu müssen. Katy hörte mir einfach nur zu und das bedeutete mir sehr viel.

»Ich wollte nicht jeden mit meinen Problemen vollquatschen…. Danke, dass du das alles hier für mich tust. Ich wäre ohne dich aufgeschmissen.«  

»Ich mache das wirklich gerne. Freunde sind in der Branche leider sehr spärlich gesät. Ich wäre früher froh gewesen jemanden zu haben der mir zur Seite steht.«Sie nahm meine Hand in ihre.

Als „The Imperial March“ ertönte, erschrak ich.

»Oh nein Katy, das ist Mason.«

»Willst du mir ihm reden?« Ich schüttelte den Kopf. Wieder stiegen mir die Tränen in die Augen. Katy schnappte sich erbost mein Handy.

»Was willst du, Arschloch? … Sie will nicht mit dir sprechen, was ich ihr übrigens nicht verübeln kann……. Nein…….nein…. Ich denke auf die Idee hättest du früher kommen sollen….Ich sag es ihr. Sollte sie Interesse haben, meldet sie sich. Ich würde mir jedoch an deiner Stelle  keinerlei Hoffnungen machen…. Bla,bla… Jetzt sieh zu, dass deine Manager den Karren aus dem Dreck ziehen.«  Für Katy war das Telefonat damit beendet.

»Was wollte er?«

»Er meinte es täte ihm leid, was da durch die Presse ginge und dass er mit dir reden wollte. Er will dir was sagen, meint er.«

»Oh ja, bei all den Nettigkeiten die Mason von sich gibt, will er mir sicher sagen, dass ihn meine Existenz auf dem von uns beiden bewohnten Planeten stört…« Traurig pflückte ich nichtvorhandene Fusel von meinem Pulli.

»Sollte es dich irgendwie freuen, er hörte sich nicht gut an. Aber das hat er nicht anders verdient. Lass dich nicht wieder von ihm einlullen.«

»Katy, er ist einfach ein guter Schauspieler. Ich bin so unglaublich dumm gewesen nur einen Augenblick zu glauben, dass er und ich….«

»Halt die Klappe. Das ist nur dumm, weil er dich nicht verdient hat. Mach dich nicht kleiner als du bist. Und ich meine damit nicht deine schlumpfartige Körpergröße. «

»Du bist doof.« sagte ich mit gespielter ernster Miene.

»Gibst du mir mein Handy jetzt wieder? Ich würde gerne ins Bett gehen und meine Mom vorher noch anrufen, damit sie sich keine Sorgen mehr macht.«

»Aber lass die Finger…..« Sie hielt mir das Handy hin.

»….von den Internetseiten….ja Chef.« Mit meinem Smartphone bepackt, trottete ich in Richtung Gästezimmer und war einfach froh bei Katy zu sein.


Kommentare

  • Author Portrait

    endlich mal eine gute freundin :D

  • Author Portrait

    Ich bin schon voll die Tussi, die wissen muss, wies weitergeht...!

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Feenstaub

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