January - Jetzt oder nie 43

                

AVA 

»Ich weiß nicht woran es liegt. Ich erinnere mich vage an alles, aber es will einfach nicht funktionieren. Es fühlt sich nicht richtig an.« Ich ging, das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt, im Proberaum in Masons Keller auf und ab. Jamie hörte sich nunmehr seit 20 Minuten mein Gejammer darüber an, dass ich die Choreografie einfach nicht hinbekam. 

»Ava, du hast noch bis Ende Januar Zeit. Wenn wir hier fertig sind, helfe ich dir. Wir kriegen das hin. Hätte ich dich besser unterstützt und nicht die beleidigte Leberwurst gespielt, hätte ich deine Choreo gekannt. Es tut mir so leid.« Er hörte sich wirklich bedrückt an. 

»Ach was. Dich trifft doch keine Schuld daran, dass mein Kopf ein Sieb ist. Ich muss einfach hart trainieren in den nächsten Tagen.« 

»Wie läuft es denn mit Mason?« Schwer zu sagen wir es mit ihm lief. Seit unserem DVD-Abend ging er mir aus dem Weg. Er war nur unterwegs und verbrachte die letzten 3 Abende, sofern er überhaupt zuhause war, auf seinem Zimmer.  

»Wir streiten zumindest nicht mehr.« 

»Ich weiß nicht warum ich das sage, Ava, aber er ist einer von den Guten. Du hättest ihn im Krankenhaus sehen müssen.« Ich konnte mir denken, dass es Jamie nicht leicht fiel mir einen anderen Mann schmackhaft zu machen. In den letzten Tagen telefonierten wir täglich und lange und sprachen über alles was zwischen uns vorgefallen war. Er beteuerte immer wieder, dass spätestens seit meinem Unfall klar für ihn war, dass ich immer wie eine Schwester für ihn sein würde und er wollte das nicht kaputt machen. Ganz überstanden war die Sache noch immer nicht, sagt er, aber es wurde immer leichter. Ich war sehr froh, dass wir wieder so offen sprechen konnten. 

»Ich weiß....aber...naja.« Ich atmete tief durch bevor ich weiter sprach. »Wisst ihr schon was ihr an Weihnachten macht?« 

»Ja die Crew macht eine kleine Party an Heiligabend und an den andere Tagen arbeiten wir. Was ist mit dir?«  

»Naja, ich werde wohl auch arbeiten. Emily hat mir erzählt, dass Mason an heilig Abend zu ihnen runterfliegt, also hab ich das Haus für mich. Yayyy.« Mein gekünstelter Freudenausruf beeindruckte Jamie nicht im geringsten. 

»Und du bist sicher, dass du nicht herkommen willst?« 

»Ja, ganz sicher. Jamie, mir ist diese Choreo sehr wichtig und es wird noch so viele Feste geben, die ich feiern kann. Das ist keine große Sache.« Die Türe des Geräteraums öffnete sich und Mason kam, diesmal vollständig bekleidet, hinaus. 

»Ava, ich muss Schluss machen, ich muss hier.....naja ich muss weiter. Ich ruf dich morgen an.« 

»Ich hab morgen Geburtstag, solltest du also nicht anrufen werde ich dich hassen, das weißt du hoffentlich.« Jamie verstand meinen Humor. 

»Bye, Ava.« 

»Mach´s gut Jamie.« Ich legte auf und wand mich zu Mason. 

»Hey.« Ich lächelte schüchtern, denn ich wusste nicht wie ich mit ihm umgehen sollte. 

»Hey. Alles gut?« Er machte das erste Mal seit Tagen keine Anstalten den Raum sofort fluchtartig zu verlassen, sondern setzte sich auf die Bank, die an der Wand gegenüber der Polestange stand. 

»Ja. Ich wollte noch etwas trainieren.« 

»Störe ich?« 

»Nein....nein.« Er blieb auf der Bank sitzen und nickte mir nur zu. Scheinbar hatte er nicht vor das Gespräch weiter zu führen. 

 » Gut....ich mach dann mal weiter.« Eigentlich war es mir absolut unangenehm, dass er mir bei meiner neuerdings miserablen Leistung zuschauen wollte, aber es war sein Haus und sein Proberaum. Ich schaltete die Musik ein und begann irgendwo mitten in der Choreo. Da die Bank, auf der Mason saß, direkt gegenüber der Spiegelwand stand vor welcher ich trainierte, konnte ich sehen, dass er mich beobachtete. 

Bereits kurz nachdem ich begonnen hatte sagte er plötzlich »Das hast du früher aber immer anders gemacht.« 

Ich hielt in der Bewegung inne und sah ihn fragend an. 

»Wie bitte?« 

Mason stand auf und schlenderte langsam auf mich zu. Seine Miene war unergründlich und ich wusste nicht, ob er mir einfach sagen wollte, dass das was ich machte scheiße aussah, oder ob seine Bemerkung eine andere Bewandtnis hatte. 

»Na, du hast das vorher immer mehr aus der Hüfte gemacht. Und du hast dich nicht links, sondern rechtsherum gedreht.« Das machte durchaus Sinn. Die Schrittfolge wäre flüssiger wenn ich das so machen würde.  

»Woher weißt du das?« 

Mason sah mich zunächst mit gerunzelter Stirn an, doch dann wurden seine Züge weicher und seine Mundwinkel hoben sich ganz leicht.  

»Ich hab dir sehr oft beim Training zugesehen.«  

Blitze. Schon wieder. Die Erinnerung an all die Abende war da gewesen, aber jetzt war es das erste Mal seit dem Unfall, dass ich sie abrufen konnte. 

»Ich erinnere mich wieder. Du hast die Musik abgespielt.«  

»Richtig. Ich war aber ein sehr eintöniger DJ, du wolltest ja immer nur das selbe hören.« Jetzt lächelte auch er. Es war ein richtiges und ernstgemeintes Lächeln und es stand ihm so gut. 

»Jedenfalls« , setzte er an, »ich hab dir nicht NUR auf den Hintern und die Brüste gestarrt, sondern habe wirklich zugesehen. Ich glaube ich sehe dich Nachts im Traum noch immer tanzen.« Er sah fast verträumt aus und ich wusste nicht ob er mich noch wirklich ansah oder ob er die Bilder betrachtete, die sich gerade scheinbar in seinem Kopf abspielten.  

»Ist das dein ernst? Du kennst die Choreografie?« Mir fiel die Kinnlade runter. Das konnte einfach nicht sein.  

»Also vortanzen könnte ich sie dir nicht, aber ich weiß wie sie bei dir aussieht. Also´, ja ich kenne sie irgendwie schon.« Mason hatte wirklich keinen Schimmer wie glücklich er mich soeben gemacht hatte. Ich konnte meine Freude nicht zurückhalten und sprang ihm jubelnd in die Arme. Zunächst wusste er nicht so wirklich was er mit mir, kreischendem Bündel, anfangen sollte, doch Sekunden später schlang auch er die Arme um mich und erwiderte somit meine Umarmung. Seine Hände ruhten auf meinen Hüften und streiften das kleine Stück nackte Haut oberhalb meines Hosenbunds. Sie waren warm und kräftig und ich wünschte sie würden mehr tun, als auf meiner Haut zu ruhen. Ich wollte das er mich berührte, dass er mir zeigte das er mich wollte. Ich hob den Kopf, sah ihn direkt an und beugte meinen Kopf zu ihm herüber. Er stand da wie erstarrt und als ich leicht mit den Lippen über seinen Mundwinkel fuhr, war seine einzige Regung, dass er den Griff um meine Hüften verstärkte. Der feste Griff in mein Fleisch ließ mich aufkeuchen. Das Geräusch riss Mason aus seiner Starre. Er ließ mich los und trat einen Schritt zurück. Ich kam mir vor wie die letzte Idiotin. Am liebsten wäre ich heulend aus dem Raum gerannt. Mason sah mich einen Augenblick lang an, dann ging er zur Musikanlage und ging die Songs durch, bis das Lied begann zu dem ich vorhin trainiert hatte. Er setzte sich auf den Stuhl, den ich für´s Training nutze und atmete tief durch bevor er mich zu sich rüber rief. 

»Fangen wir an?« Er wollte ernsthaft mit mir trainieren. Auf der einen Seite war ich unglaublich dankbar, dass er mir helfen wollte. Andererseits verletzte es mich mehr als ich vermutet hatte, dass er mich zurückwies. Was erwartete ich auch? Ich wollte es schließlich so.  

»Klar. Danke.« 

 

 

»Na das war doch schon sehr nah dran.« Mason lächelte mir aufmunternd zu. Ja, er hatte mir wirklich sehr geholfen. Es war noch nicht perfekt, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich es ohne seine Hilfe nur annährend geschafft hätte an die ursprüngliche Schrittfolge heran zu kommen. 

»Ich weiß nicht wie ich dir danken kann. Jetzt hab ich zumindest einen groben Plan.« 

»Keine Ursache. Wenn ich wieder in New York bin, können wir gerne nochmal trainieren.« 

»Wenn du wieder in New York bist?« 

Mason holte sein Handy aus der Tasche und sah aufs Display. 

»Ja ich fliege morgen in der Früh zu Emily und Mia. Ich muss mich jetzt auch leider beeilen. Ein Koffer wartet darauf gepackt zu werden und später kommt mein Manager noch zum essen vorbei. Er würde sich freuen dich kennenzulernen. Wenn du dich noch ein wenig frisch machen möchtest....« Ich muss entgeistert geschaut haben, doch dann riss ich mich am Riemen und nahm die Einladung an. Mason tat so viel für mich, da konnte ich mich ein wenig zurecht machen um seinen Manager "Hallo" zu sagen. 

»Ich räume nur noch meine Sachen zusammen.« Ich begann alles dort hin zu räumen wo ich es her hatte, doch Masons Stimme stoppte mich. 

»Hast du nicht was vergessen?« Er stand bei der Musikanlage und ich sah mich um. Ich zuckte mit den Schultern um ihm zu bedeuten, dass ich nicht wusste wovon er sprach. 

Er legte eine neue CD ein und drückte die Playtaste. Leise Klaviertöne durchfluteten den Raum und verursachten mir augenblicklich eine Gänsehaut am ganzen Körper. 

John Legend sang etwas über eine Frau, aus der er nicht schlau wurde. Ich starrte Mason ungläubig an. Er lächelte mir traurig zu und drehte sich dann um, um den Raum zu verlassen. Ich stand die komplette Länge des Liedes wie angewurzelt mitten im Raum, nicht imstande mich zu bewegen oder die rasenden Gedanken in meinem Kopf zu stoppen. Plötzlich war jede kleinste Erinnerung wieder da. Eindrücke, Gedanken, Gefühle und Bilder wechselten sich ab und überwältigten mich. Jeder Gedanke an Mason war mit unendlicher Liebe und Wärme verbunden. Mein Herz schmerzte so sehr, dass ich es kaum aushalten konnte. Eine Last drückte so stark auf meine Brust, das mir das Atmen schwer fiel.  

Und dann lief der Film in meinem Kopf langsamer. Die Pressekonferenz, bedingungslose Liebe und mein Wunsch ihm zu sagen, dass ich genauso für ihn empfand. Das Auto, der Aufprall und die Angst, er würde nie erfahren was ich ihm zu sagen hatte. Die Schmerzen, die Dunkelheit und die Stimme, die immer da war. Die Hand, welche die meine hielt. Er, der mich im Arm hielt und für mich sang. 

Mason, für den ich die Augen wieder öffnete. 

»Oh Gott.« Ich rannte durch den Flur und dann die Treppen hoch, rief nach Mason, doch ich konnte ihn nirgends entdecken. Vor seiner Zimmertüre stand ein gepackter Koffer. Ich hämmerte an die Türe und rief so lange seinen Namen, bis er die Türe mit besorgtem Gesichtsausdruck öffnete. Er war frisch geduscht und trug eine dunkle Anzughose und ein weißes Hemd. Seine Haare waren noch feucht und seine blauen Augen leuchteten mich an.  

»Ava, um Gottes Willen was ist passiert?« 

»Ich muss dringend mit dir...« Die Türklingel unterbrach mich jäh.  

»Oh man Ava. Sorry aber da musst du jetzt durch.« Er ging um mich herum und stieg die Treppe herunter. Ich folgte ihm bis zum Treppenabsatz und sah wie er die Eingangstüre öffnete.  Lautes Gemurmel ertönte und dann tauchte nicht Masons Manager auf, sondern Jamie, Katy und einige andere Crewmitglieder wie Ben und Tom. Jamie sah mich zuerst, kam breit grinsend auf mich zu und umarmte mich.  

»Überraschung Liebes. Wir sind alle für ein paar Stunden hergeflogen, um mit dir in deinen Geburtstag reinzufeiern. Wenn du dich noch umziehen willst, solltest du dich beeilen, gleich geht die Party los. «  

Ich fühlte mich grauenhaft. All die lieben Menschen saßen stundenlang in einem Flugzeug, nur um mit mir meinen Geburtstag zu feiern, doch ich empfand nichts als Bedauern. Bedauern, weil diese Feier mich viel zu lange davon abhalten würde Mason Scott zu sagen, dass ich ihn liebte. 

Kommentare

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    sag es! jetzt! verdammt xD

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    Wow! Sooo schön! Einfach nur toll!

  • Author Portrait

    Wahhhnsinnn!

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