January - Jetzt oder nie 6

Angrenzend an die Hotelbar führte ein schmaler Gang direkt in den hoteleigenen Club. Laute Musik dröhnte aus allen Ecken, grelle Lichter wirbelten durch den Saal und unheimlich viele Menschen tummelten sich auf der Tanzfläche, sowie an den unzähligen Bars, die sich in allen Winkeln des Clubs befanden. Jamie führte mich durch die Menge und begrüßte gefühlt jede zweite Person im Raum. Unter Ihnen befanden sich einige Tänzer aus Chicago, welchen er ebenfalls ein Engagement für den Film verschaffen konnte.

Wie aus dem nichts stand plötzlich eine blonde Schönheit vor uns. In ihrem weißen Paillettenkleid blieb nichts der Phantasie überlassen und Ihre Beine schienen doppelt so lang zu sein, wie meine. Sie kam mir bekannt vor, jedoch konnte ich nicht sagen woher. Überschwänglich, ohne mir Beachtung zu schenken, begrüßte sie Jamie und drängte sich an ihn, sodass ich einen Schritt zurücktreten musste. Die beiden sprachen so leise und vertraut miteinander, dass ich mich fragte, ob sie sich überhaupt durch den Lärm hinweg verstanden. Beim näheren Hinsehen erkannte man jedoch, dass nicht viele Worte benötigt wurden, denn die Blonde grabbelte unentwegt an Jamie rum und ihm schien das sehr gut zu gefallen. Ich bemühte mich weiterhin nett zu lächeln, kam mir als das dritte Rad am Wagen aber schnell überflüssig vor. Es war nicht direkt Eifersucht die in mir aufkeimte. Viel eher war ich es nicht gewohnt, von Jamie links liegen gelassen zu werden. Normalerweise hätte ich mich auf eine witzige Art und Weise bemerkbar gemacht, entsann mich jedoch schnell eines Besseren, da mein Gesprächsversuch vorhin im Flur mir immer noch nicht die Gewissheit gegeben hatte, dass wirklich alles beim Alten war zwischen uns.

Ein Gutes hatte dieses Aufeinandertreffen, denn war ich mir vorher nicht wirklich sicher was das zwischen Jamie und mir zu bedeuten hatte, so wusste ich jetzt dass es einfach eine Anreihung von Zufällen und keine wirkliche Anziehung zwischen uns war. Es machte mir nichts aus, dass er so vertraut mit dieser Frau war. Vielmehr erkannte ich ihn nur nicht wieder, schließlich hatte er mir nie von ihr erzählt.

Für mich gab es nun drei Möglichkeiten. Stehen bleiben und weiterhin lächeln – eher nicht. Mir taten jetzt schon die Wangenmuskeln von meinem gekünstelten Grinsen weh und ich machte dem Joker wahrscheinlich ordentliche Konkurrenz. Möglichkeit Nr. 2: Ich ging zurück auf mein Zimmer. Das wäre Kent gegenüber jedoch unfreundlich gewesen und außerdem sah ich in diesem neuen Kleid super aus. Blieb nur noch eine Wahl. Ich straffte die Schultern und machte mich auf, um das einzig richtige in einer solchen Situation zu tun. Ich steuerte die Bar an.

 

»Harten Tag gehabt?« hörte ich eine Stimme hinter mir, die mir vage bekannt vorkam. Meine Vermutung bestätigte sich, als ich mich umdrehte und Kent erblickte. Aber er war nicht allein. Mason Scott himself war bei ihm und musterte mich mit ernsten Blick. Ich musste ja einen tollen ersten Eindruck machen, hier allein an der Bar mit einem Drink in der Hand und einem miesmutigen Gesichtsausdruck.

»Darf ich dir Mason vorstellen? Mason, das ist Ava Moore. Sie ist die Freundin von Jamie von der ich dir vorhin erzählt habe und wird ihn mit den Choreos sowie der Organisation unterstützen.« Kent sah Mason etwas tadelnd an, jedoch hielt ich mich nicht lange daran auf, da ER vor mir stand.

Oh mein Gott, konnte mich mal wer kneifen. Die Person, die ich in diversen Filmen regelmäßig anschmachtete, wurde diesem fleischgewordenem Traum in natura nicht gerecht. Er überragte mich, mit meinen 1,69cm um mehr als einen Kopf. In seiner dunklen Jeans, dem weißen Shirt und dem schwarzen Sakko darüber sah er aus wie aus dem Modekatalog entsprungen. Und diese Muskeln…sie zeichneten sich durch sein Shirt ab und jeder, der seinen letzten Film gesehen hatte wusste, dass sich darunter ein Waschbrettbauch befand, den Michelangelo persönlich nicht schöner hätte in Stein meißeln können.

Ich brachte nicht mehr als ein schüchternes Lächeln hervor, als er mir die Hand hinstreckte und immer noch so ernst dreinblickend ein »Freut mich« murmelte. Seine Hand war rau, nicht wie die eines Schauspielers, sondern eher wie die eines Mannes der täglich mit seinen Händen arbeitete. Sofort kam mir der Blockbuster aus dem letzten Jahr in Erinnerung mit welchem er seinen großen Durchbruch gefeiert hatte. Vor "Violet" war er nur eingefleischten Serienjunkies als Inspektor in einer CrimeSerie bekannt, aber seit der Verfilmung eines Bestsellers, lagen ihm nun die Herzen aller Frauen zu Füßen. Der Cosmo stieg mir langsam zu Kopf und ein hysterisches Lachen entfloh meinen Lippen. Mason schaute mich skeptisch an, runzelte die Stirn und seine blauen Augen brannten sich bis zu meiner Seele durch. Noch bevor ich diesen Blick interpretieren konnte, drehte er sich zu Kent und flüsterte ihm etwas ins Ohr woraufhin dieser nickte und Mason sich entschuldigen ließ. Mason Scott hatte mir die Hand geschüttelt, ich würde sie wohl nie mehr waschen können. Nüchtern betrachtet, sah die Situation etwas anders aus. Zwar war ich durch die Tatsache, einen berühmten und unglaublich gutaussehenden Hollywoodstar kennengelernt zu haben noch immer etwas high, jedoch war mir nicht entgangen, dass seine Freundlichkeit, zumindest mir gegenüber, nicht geschauspielert war, denn sie war überhaupt nicht vorhanden. Eigentlich war er als Strahlemann Hollywoods bekannt. Naja heute hatte er wohl einen schlechten Tag. An mir konnte es doch nicht liegen, ich hatte ihn schließlich nie zuvor getroffen.

 

Ich widmete mich noch 4 weiteren Cosmo´s an der Bar und unterhielt mich mit den unterschiedlichsten Menschen die Hollywood in den letzten Jahren hervorgebracht hatte. Katy, die Hauptdarstellerin des Films, für den ich ab dem nächsten Tag arbeiten sollte, schien sehr nett zu sein und ich mochte sie auf Anhieb. Sie sagte sie freue sich bereits darauf ein paar nette Moves an der Stange von mir zu lernen. Katy Easten war bereits als Teenager in Hollywood jedem ein Begriff. Sie spielte immer das brave Mädchen von nebenan. Wie sie nun eine Stripperin verkörpern wollte, erschien mir noch fraglich.

Viel Zeit um jemanden besser kennenzulernen und über die üblichen Floskeln hinaus zu kommen, hatte hier jedoch niemand. Spätestens nach 5 Minuten musste mein jeweiliger Gesprächspartner weitere Leute begrüßen und jemand neues stellte sich mir vor. Mehr und mehr fühlte ich mich fehl am Platz. Ich hatte nie Probleme damit irgendwo die Neue zu sein und kam immer gut mit den unterschiedlichsten Menschen aus. Das hier war jedoch eine völlig neue Welt. Ich fühlte mich allein und war enttäuscht, dass Jamie mich hier den Wölfen zu Fraß vorgeworfen hatte. Ich suchte nach einem Grund für sein Verhalten und vermutete nach der Aktion heute Nachmittag, dass er vielleicht einfach etwas Zeit für sich brauchte. Oder für den Blondschopf.

Gegen 21 Uhr beschloss ich ihn zu suchen, um Bescheid zu geben, dass ich auf mein Zimmer gehen würde und um mich zu erkundigen wann wir uns am nächsten Tag für das Training trafen. Es war keine leichte Aufgabe, mich durch das Gewühle der Menschen zu drängen. Die Musik war lauter geworden und die Bässe hämmerten aus den Boxen. Diese Räume hier sahen alle völlig gleich aus und ich hatte Mühe mich nicht zu verlaufen. Als ich ihn eine viertel Stunde später noch immer nirgends erblickte, schickte ich ihm eine SMS und ging Richtung Aufzug. Ich drückte die 33 für meine Etage und während der Aufzug sich in Bewegung setzte, fiel mir ein Knopf mit der Beschriftung Dachterrasse auf. Da es eine schöne Sommernacht war, beschloss ich mir die Terrasse anzusehen und ein paar Minuten frische Luft zu tanken. Die Aufzugtüren öffneten sich Sekunden später wieder und mir wehte eine angenehme Brise entgegen.

Die Terrasse lag komplett im Dunkeln und wurde lediglich durch Lichterketten, welche über das komplette Dach gespannt waren, ein wenig erhellt. Mir bot sich ein phänomenaler Ausblick über die Dächer New Yorks. Ich ging zur Brüstung, atmete tief durch und genoss die nächtliche Hektik der Stadt die mir auf dieser Höhe zu Füßen lag. Hier oben war es so friedlich. Ich schaute hinunter zur Straße und sofort machte meine Höhenangst sich bemerkbar. Wie dumm von mir das zu vergessen. Plötzlich drehte sich alles. Okay das war wohl ein Cosmo zu viel. Ich geriet ins Wanken und hielt mich an der Brüstung fest, als mich gleichzeitig zwei starke Arme von hinten umfassten.

»Ist es hier so schlimm, dass sie sich aus der 54. Etage stürzen wollen?«

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich drehte mich um und schaute in ein paar eisblaue Augen.

»Mason, äh…nein. Schlimm ist es eigentlich nicht. Vielleicht etwas neu und aufregend. Ausschlaggebend waren wohl ein paar Cosmopolitans gepaart mit Höhenangst. « Ich lächelte schüchtern.

Sein Blick schien mich zu fesseln. Schon wieder. Wie machte er das. Wie hypnotisiert starrte ich ihn an. Es kam mir vor, als hätten wir Stunden dort gestanden ohne dass einer von uns etwas sagte. Sein Haar war etwas länger als man es aus seinen Filmen kannte. Genau die richtige Länge um sich mit beiden Händen darin zu vergraben, wenn er mit dem Kopf zwischen meine Beine wanderte…..Oh Gott was dachte ich mir nur. Erst jetzt merkte ich, dass ich scheinbar aufgehört hatte zu atmen und schnappte nach Luft.  Dann war der Augenblick verschwunden. Sein Blick, der gerade noch offen und auf eine gewisse Weise interessiert war, verdüsterte sich. Seine Hände, die bis eben auf meinen Hüften ruhten, nahm er ruckartig zurück, als hätte er sich verbrannt.

»Ich hoffe jedenfalls, dass sie grundsätzlich zum Arbeiten und nicht für ihr Vergnügen oder wegen des kostenlosen Caterings hier sind.« War ich betrunken oder hatte er das gerade wirklich gesagt?

»Bitte was? Natürlich trinke ich während der Arbeit nicht. Kent hatte uns eingeladen und…«

 »Miss Moore, ich weiß nicht was sie hier vorhaben, aber ich lege großen Wert auf Professionalität und an dieser scheint es bei Ihnen zu mangeln.« unterbrach er mich barsch. Ich hoffte wirklich, dass ich zu viel getrunken und er das gerade nicht wirklich gesagt hatte. So konnte man sich wohl in den Hollywoodlieblingen täuschen. Er war scheinbar nichts weiter, als ein eingebildeter Schnösel.

»Entschuldigen Sie bitte, Mason. Ich weiß, dass ich in Ihren Augen hier bei diesem Filmdreh oder sogar auf dieser Erde ein Nichts bin, aber das ist noch lange keine Ausrede mich so unverschämt zu behandeln. Ich werde einen verdammt guten Job machen und der beginnt eben erst morgen. Ich hatte einen echt miesen Tag heute also belassen wir es dabei. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.«

Damit hatte ich es ihm gegeben und klopfte mir für diese Ansprache innerlich auf die Schulter. Ich machte einen seitlichen Schritt um an ihm vorbeizugehen und war schon fast beim Aufzug angelangt, als er leise noch etwas sagte. »Für sie immer noch Mr. Scott. Und professionell waren sie bisher wohl nur in der horizontalen.«

Ich stoppte abrupt, drehte mich um und sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an.

»Was sagten Sie da?«

 »Naja Miss Moore, ich wohne im Apartment neben Ihnen und die Wände sind dünn. Wenn es Ihre Definition ist einen guten Job zu machen indem sie es mit dem Choreographen treiben, dann sind sie hier definitiv am falschen Filmset.« Wutentbrannt und mit dem unguten Gefühl wahrscheinlich schon vor meinem ersten Arbeitstag gekündigt zu werden, stapfte ich auf ihn los und gab Mason Scott eine schallende Ohrfeige.

Kommentare

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    So ein Arschloch. Aber ich glaube es gibt viele von genau der Sorte! Ich hab mich entschlossen, die ganze Story zu lesen. will wissen was noch kommt!

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    Was für ein A****! Geschieht ihm recht! d(^-^)b *frauenpower*

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    also die ohrfeige gehört ihm echt D: toll geschrieben!

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    die Ohrfeige hat er sich verdient :p

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    Eine Frage hätte ich nun doch noch: ist das was über die Grösse des Traummannes stand er sei 1.69 gross, war da möglicherweise nicht 1.96 gemeint? Sonst eine heisse, interessante Geschichte. Bin gespannt auf mehr! 5/5

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