Joeys

Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Ich stand morgens auf, ging zur Uni, lauschte den Vorlesungen und schaute mir zu Hause mit Sarah irgendeinen schlechten Film an. Ich genoss diese Routine, immerhin waren die ersten Tage aufregend genug gewesen. Sogar die Hausarbeiten, die wir schreiben mussten bereiteten mir Freude, ich war glücklich. Mittlerweile träumte ich auch nicht mehr schlecht von Marco, ich würde ihn zwar nie wieder sehen wollen, aber ich konnte mich jetzt damit abfinden. Ich dachte auch viel über Prof Payne und seine Rettungsaktion nach, beschloss aber es auf sich beruhen zu lassen. In den Vorlesungen war er zwar nicht der sympathischste Mensch, wenn man allerdings seine Regeln befolgte konnte man viel von ihm lernen. Auf mich wirkte er immer etwas überheblich und arrogant, doch mit dieser Meinung stand ich allein da. Alle meine neuen Freunde schwärmten in einer Tour von ihm, sie schienen dieses enorme Ego gar nicht zu bemerken. Ich versuchte ihnen meine Sicht verständlich zu machen, sie hörten aber gar nicht zu.
Nach 3 Wochen Filme gucken am Abend hielt es Sarah nicht mehr aus. „Ich weiß du möchtest wegen deiner Erlebnisse auf keine Party mehr gehen, aber ICH kann nicht jeden Abend zu Hause bleiben!“, sagte sie mit einem Schreien in ihrer Stimme. Ich versuchte sie zu beruhigen: „Du musst wegen mir nicht zu Hause bleiben, geh ruhig aus und habe deinen Spaß, ich komme schon allein klar.“. Sie schüttelte kraftvoll ihren Kopf, wobei ihre blonden Locken engelsgleich mitschwangen. „Ich werde nicht ohne dich gehen!“, sagte sie und stemmte energisch ihre Hände in die Hüften. Ich ließ mich von ihr überreden, hatte jedoch keine Lust auf eine Party. Also einigten wir uns auf Kino und danach was trinken in einer Bar.
Diesmal ließ ich mich nicht von ihr stylen, immerhin fing damit die ganze Tragödie an. Ich zog eine nicht zu enge lange Jeans an und ein geblümtes Top mit einer Lederjacke darüber. Sarah sah natürlich wieder umwerfend in ihrem kurzen Rock aus, doch ich ließ mich diesmal nicht so leicht einschüchtern. Da das Kino ein Stück entfernt war nahmen wir das Auto. Ich wusste schon wer das Auto von der Bar nach Hause fahren musste und das war sicher nicht Sarah. Aber da ich ja sowieso nie wieder Alkohol trinken wollte, war das für mich in Ordnung.
Wir schauten uns irgendeinen überschwänglich romantischen Liebesfilm an und das Einzige, was ich denken konnte war: „Sowas passiert im echten Leben niemals, alles nur Fantasie!!!“. Ich war selbst ein bisschen erschrocken von meinem zynischen Denken, aber ich habe es den Schauspielern einfach nicht abgenommen.
Der Film war endlich vorbei und ich freute mich auf den zweiten Teil des Abends. Wir fuhren mit Sarahs Mini in eine von ihr ausgesuchte kleine Bar im Stadtzentrum. Hier wimmelte es nur so von jungen Leuten, die Spaß haben wollten. 
Nachdem wir endlich einen Parkplatz gefunden hatten, standen wir vor einer rustikalen Bar. Ich war überrascht, dass Sarah keine hippe Szenebar ausgesucht hatte, hier wirkte alles sehr still und friedlich. Über dem Eingang stand groß: „Joeys“. Sarah zog mich hinter sich her und schon standen wir mitten im Geschehen. Ich machte einen freien Tisch in der hinteren linken Ecke aus und wir setzten uns hin. Sarah bestellte für uns beide, ohne Rücksicht auf mein Alkoholverbot. Gleichzeitig scannte sie die Bar nach heißen Typen ab und wurde natürlich sofort fündig. „Der da drüben sieht doch ganz schnuckelig aus oder? Und der Freund könnte doch was für dich sein.“, schwärmte sie. Ich rollte mehr als offensichtlich mit meinen Augen und hoffte sie verstand die Botschaft. Doch da war es schon zu spät, die Jungs waren auf uns aufmerksam geworden, dank Sarahs schönsten Augenaufschwung und sie kamen zu uns herüber. „Hallo ich bin Danny und das ist mein Kumpel Jonah. Dürfen wir uns zu euch setzen?“. Ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen strahlte Sarah die Jungs an und sagte: „Ja natürlich ich bin Sarah und die hübsche Brünette neben mir ist meine Cousine Hailey.“ Ich lief blitzartig rot an und senkte meinen Blick Richtung Tischplatte, Gott war mir das alles peinlich. Jonah lächelte mich allerdings aufmunternd an, er verstand wohl warum ich so peinlich berührt war. „Und Hailey was machst du so in unserem wunderschönen Newcastle?“, fragte er mich um das Eis zu brechen. „Ich studiere im ersten Semester Psychologie, und du?“. Er antwortete: „Oh schön. Ja ich studiere auch, allerdings Medizin.“. Ich war beeindruckt, er musste ein ziemlich kluger Kerl sein. Auch Sarah und Danny verstanden sich ziemlich gut und redeten die ganze Zeit über irgendwelche Anwaltssachen. Danny studierte wohl auch wie Sarah Jura, wie passend. Wir unterhielten uns den ganzen Abend, Jonah war ziemlich interessant und ich hörte ihm gern zu. Nach dem dritten Cocktail (ja ich weiß ich wollte eigentlich nichts trinken) musste ich dringend mal auf die Toilette. Ich stand auf und ging auf die andere Seite der Bar, da erkannte ich Professor Payne in der Ecke sitzend, umgeben von gleich drei schönen Frauen. Ich wusste nicht warum, aber dieser Anblick versetzte mir einen Stich. Die Frauen klebten förmlich an seinen Lippen und ich fragte mich, was er ihnen spannendes erzählte. Wahrscheinlich redete er nur über sich selbst, aber das schien die Damen nicht zu stören. Ich schaute ihn eine Sekunde zu lang an, denn in diesem Moment rannte ich geradewegs einem Kellner mit vollem Tablett in die Arme. Da auch er nicht mehr ausweichen konnte, verschüttete er alle Getränke auf mich und die Gesellschaft von Professor Payne. Ich konnte mir ein schadenfrohes Lächeln nicht unterdrücken und auch Payne musste sein Lachen sichtlich zurückhalten. Leider fanden Misses Newcastle 1, 2 und 3 dieses Missgeschick gar nicht so witzig, sofort kreischten sie los: „Sag mal hast du sie noch alle? Das war ein nagelneues Chanel Kleid, das wirst du mir büßen Zicke!“. Bevor sie ganz ausflippte lief ich schnell in die Damentoilette und schloss mich in einer Kabine ein. Sie hatte so ein funkeln in ihren Augen gehabt, dass ich lieber nicht näher kennenlernen wollte. Ein paar Sekunden später kamen drei Paar Pumps in die Toilette gestampft und empörten sich lautstark. „Was fällt dieser eingebildeten Schnepfe eigentlich ein, wenn ich die in die Finger bekomme.“. Ich hörte wie sie mit Papiertüchern und Wasser versuchten die Flecken bestmöglich auszuwaschen, was bei Rotweinflecken jedoch sehr schwierig werden dürfte. Auch jetzt konnte ich mir ein Schmunzeln nicht unterdrücken. „Komm Celine, das wird sowieso nichts mehr. Lass uns nach Hause gehen, die kleine Göre schnappen wir uns ein anderes Mal.“ Celine schien diesem Vorschlag widerwillig zuzustimmen, denn ihre Schritte entfernten sich und die Toilettentür fiel mit einem quietschen ins Schloss. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich meine Luft angehalten hatte und atmete einmal tief ein und aus bevor ich die Kabine verließ. Im Spiegel betrachtete ich mein bekleckertes Blümchentop, auch hier war nichts mehr zu retten. Ich wusch mir die Hände und verließ die Damentoilette. Wenn ich die Story Sarah erzähle wird sie sich nicht mehr einkriegen. Als ich gerade rüber zu unserem Tisch gehen wollte, an dem sich Sarah auch problemlos mit zwei Jungs vergnügen konnte, hörte ich eine raue Stimme neben mir: „Miss Wilson, richtig?“. Ich hielt kurz inne als ich diese Stimme neben mir hörte, die Bilder aus der dunklen Gasse prasselten auf mich ein. Kurze Zeit später hatte ich mich wieder im Griff und antwortete: „Ja Hailey Wilson, ich bin in ihrem Psychologiekurs.“. Er schaute mich mit großen Augen an und ich konnte erkennen, wie er sich soeben an seine Rettungsaktion erinnerte. Ich konnte mich täuschen aber es sah tatsächlich so aus, als wären seine Wangen ein bisschen rosa geworden. Und ich dachte schon der Abend war nur für mich extrem peinlich gewesen. Er überlegte kurz was er sagen soll und entschloss sich dann mich zu fragen ob ich mich zu ihm setze, ich überlegte nicht lang und willigte ein. „Hat es ihr Top überlebt?“, fragte er mit einem spöttischen Lächeln im Gesicht. „Naja es hat bisschen was abbekommen, aber nicht so tragisch. Ihre Freundinnen hingegen waren sehr wütend auf mich, ich glaube sie hätten mich am liebsten in der Luft zerrissen.“, prustete ich los. Zu meiner Erleichterung fand er das genauso witzig wie ich und stieg in mein Gelächter ein: „Ja so kann man das sagen, die werden sauer, wenn man ihre teuren Markenkleider versaut.“. Es war merkwürdig mit einem meiner Professoren in einer Bar zu sitzen und sich freundschaftlich zu unterhalten. Ich versuchte zu schätzen wie alt er wohl war. Er kam mir noch sehr jung für einen Professor vor, ich schätzte höchstens 25. Wie hat er es nur geschafft mit so jungen Jahren promovieren zu dürfen? Ich fing an auf meiner Unterlippe zu kauen, was ich immer machte, wenn ich nervös war. Und als ob er Gedanken lesen konnte fragte er: „Sie brauchen nicht so nervös zu sein, ich bin ein ganz normaler Kerl wie alle anderen. Wenn es ihnen hilft dürfen sie gern Christian zu mir sagen solang wir nicht in der Uni sind.“. Sein Angebot überraschte mich, aber ich spielte mit: „Okay dann dürfen sie mich gern Hailey nennen, Miss Wilson klingt für meinen Geschmack ein wenig zu alt.“. Ich genoss es so ausgelassen mit ihm zu plaudern, er war privat ein völlig anderer Mensch. Wir unterhielten uns noch eine Weile über dieses und jenes, jedoch brannte mir eine Frage ganz besonders auf der Seele. „Woher kamen sie in dieser Nacht auf einmal? Ich habe sie zuvor nirgends gesehen und auf einmal waren sie einfach da. Und dann haben sie blitzschnell reagiert und mich auch noch aufgefangen bevor ich zu Boden gefallen bin, obwohl sie mindestens drei Meter entfernt standen, wie haben sie das gemacht?“. Mit dieser Frage hatte er definitiv nicht gerechnet, er schaute mich mit großen erschrockenen Augen an, so als hätte er gedacht ich hätte das vergessen. Aber wie hätte ich das überhaupt vergessen sollen? Das war die aufwühlendste Nacht meines Lebens. Als er sich wieder gefasst hatte, setzte er diesen überheblichen Blick auf, den ich so hasste. Er schaute mich unterkühlt an und sagte: „Ich weiß nicht was sie meinen. Ich war einfach zufällig in der Nähe und habe gesehen, wie ein Mädchen bedrängt wurde also habe ich eingegriffen. Und ich stand genau neben ihnen, als sie zusammengeklappt sind, da bilden sie sich wohl etwas ein. Es ist schon spät, ich habe morgen früh zeitig Vorlesungen. Gute Nacht.“. Und damit stand er auf, bezahlte am Tresen und ließ mich ohne einen weiteren Blick zurück. Was hab ich denn jetzt wieder falsch gemacht? Diese Frage wird mich wieder die ganze Nacht beschäftigen.

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