»Warum hilfst du mir denn nicht? ... Bitte! ... Hilf mir! ... Mach, dass er damit aufhört!«


Der junge Mann schüttelte den Kopf, um den Schatten der Erinnerung aus seinem Gehirn zu vertreiben.

Er wollte diese Worte nicht wieder und wieder hören. Es war lange vergangen. Er wollte, dass die Träume aufhörten und er wollte die Stimme seines eigenen, jüngeren Ichs niemals wieder hören.

Er war inzwischen erwachsen, kein kleiner Junge mehr, der sich nicht zur Wehr setzen konnte. Und der Mann, dem er vertraut hatte, der ihn hätte beschützen sollen, war lange schon tot.

Der würde ihm niemals wieder Gewalt antun können.


Seufzend nahm er neben der Frau Platz, die an einem kleinen Tisch saß und an etwas strickte, das wie ein buntes Zirkuszelt aussah.

»Hallo, Mutter«, murmelte er mit matter Stimme und berührte ihre Hand mit seiner. Die Frau hob kurz den Kopf, verzog jedoch keine Miene.

Die Ärzte meinten, dies läge an dem Hirnschaden, den der Schlaganfall bei ihr verursacht hatte, doch der junge Mann wusste es besser. Sie verabscheute ihn. Ihren eigenen Sohn.

Denn in ihren Augen hatte er ihre Familie zerstört. Weil er sich jemandem anvertraut, einem Lehrer an seiner Schule gesagt hatte, was sein Vater ihm angetan hatte. Und aufgrund seiner Aussage war dieser festgenommen und eingesperrt worden und schließlich im Gefängnis gestorben.

Seine Mutter hatte ihm das nie vergeben können. Und sie hatte ihm nie geglaubt. In ihren Augen hatte er, ihr Sohn, gelogen, um Aufmerksamkeit zu erzielen.

Denn wie hätte es möglich sein können, dass ihr rechtschaffener und immer freundlicher Ehegatte nachts in das Bett seines eigenen Kindes schlüpfte, um ihm schmutzige und gotteslästerliche Dinge anzutun?! Ihr Sohn hingegen war schon immer ein frecher kleiner Lügner gewesen.

»Matthew«, nuschelte die ältliche Dame demnach nur und vertiefte sich wieder in ihrer Strickarbeit. Keinerlei Gefühl zeigte sich auf ihrem Gesicht und der junge Mann seufzte. Er fragte sich, warum er sich auch drei Jahre nach dem Schlaganfall seiner Mutter noch die Mühe machte, sie zu besuchen.

Sie würde ihm niemals vergeben, ihr den Mann weggenommen zu haben und sie würde ihm niemals glauben, dass er sich die Übergriffe nicht nur ausgedacht hatte.

Sämtliche Gefühle, die sie einst für ihren Sohn gehabt hatte, waren an dem Tag gestorben, als ihr Ehemann wegen Kindesmissbrauchs an der eigenen Haustür festgenommen worden war.

Würde Matthew sterben, würde es sie nicht rühren. So wie es sie bis heute nicht kümmerte, was ihr Mann ihm angetan hatte.

Matt blickte einige Minuten auf die Frau, die ihm das Leben geschenkt hatte. Die, die ihn einst so sehr geliebt hatte. Und die ihn nun hasste. Er erhob sich und seufzte erneut.

»Ich gehe, Mutter.«

Die Frau zeigte nicht mal ein kleines Zucken und Matt zog die Tür des Zimmers hinter sich zu. Er würde sie wohl niemals wiedersehen.

Kommentare

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    Bitterböse. Und bitter. Ein solches Erlebnis wünscht man niemandem. Und das völlige Zusammenbrechen all dessen, was einem hätte Halt geben sollen, erst recht nicht. Matt muss ohnmächtig gewesen sein und scheint es heute noch. Er ist in seiner kindlich treuen Liebe zur Mutter gefangen und kämpft trotz allem verzweifelt um die ihre, sodass er einfach nicht loslassen kann. Zumindest verstehe ich es so, da dein Text darüber leider keinerlei Aufschluss gibt. Wie mein Vorredner finde ich es schade, dass er so fragmentarisch ist. Etwas mehr Tiefe täte vor allem Matt sehr gut. So bleibt vieles im Dunkeln (und damit meine ich keine Details, sondern intrinsiche Motivationen und Emotionen) und der Leser muss sich (zu) viel selbst denken. Was ich gut finde, ist dass du beim Delikt selbst nicht ins Detail gehst und auch, dass man nichts weiter über den Vater erfährt. Mich würde interessieren, wie die Geschichte in deinem heutigen Stil aussähe.

  • Author Portrait

    mhm, ich denke mal, über konstruktive Kritik freust du dich sicher auch, also, ich finde die Thematik, welche der Text behandelt, mutig. Das heißt, mutig, sich dem zu widmen, da es wirklich schwer aufzubereiten ist. Ich denke, dass ist dir gelungen, du hast weder den Bogen überspannt, noch etwas abgemildert. Jetzt kommt allerdings mein, leider, großes "Aber". Der Text wirkt wie in wenigen Minuten herunter geschrieben, der Ausdruck ist an manchen stellen sehr überhastet und unkonzentriert. Auch die Handlung zwischen der Mutter und dem Sohn wirkt nicht wie das zentrale Thema, nicht einmal wie eine Rahmenhandlung, da einfach nichts passiert. In einem Moment, wundert er sich noch, warum er sie immer wieder besucht, dann heißt es ein paar Zeilen später, am Schluss, das sie sich wohl nie wieder sehen werden. Kann man machen, aber dann muss dazwischen auch etwas passieren, was es verändert, das es der zehntausendste böse, kalte Blick der Mutter war, reicht mir da nicht, das ist zu wenig, sowas ist er doch schon gewohnt. Fazit: Mutige Thematik, sehr gute Idee dahinter (insbesondere der Zweifel der Mutter, klasse Einfall) aber an der Umsetzung hapert es noch, also gut Platz nach oben.

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