Kapitel 1: »Ihr seid spät.« (Teil I)

Das melodische Konzert eines leise zirpenden Orchesters tausender kleiner Grillen drang wie von weiter Ferne zu ihr heran und kitzelte in ihren Ohren, während ein warmer Westwind sanft über ihren Körper strich. Gleichzeitig spürte sie die letzten Sonnenstrahlen eines sommerwarmen Tages auf ihrer Haut, und ein wohliges Prickeln ließ ihre Nervenbahnen leicht erzittern, als ihre Sinne vorsichtig erwachten. Mit jener ersten Regung neuen Lebens spürte sie unter sich auch den angenehm kühlen, spiegelglatten Stein, auf dem sie lag, und sogleich bahnte sich das goldene Leuchten der Abenddämmerung zaghaft, aber dennoch bestimmend seinen Weg durch ihre sich behutsam öffnenden Lider. Augenblicklich sog sie die Lungen voller Luft, ein Reflex, dem ein kurzes Husten und Japsen und schließlich ihre ersten echten Atemzüge in dieser neuen und ihr zugleich so wohlbekannten Welt namens Orcumorra folgten. Dann endlich stand sie auf, erhob sich langsam zu ihrer vollen Größe - was nicht besonders viel war, doch schien dies in ihrem Fall nicht von Bedeutung - und begann zu sehen.

Begann zu sein.

Bernsteinfarbene Augen blickten sie an, als sich ihre Sehkraft schärfte. Volle Lippen formten sich zu einem Lächeln, und lange, feuerrote Locken wogten sanft zur Seite, um einen flüchtigen Blick auf die Vollkommenheit des nackten Körpers freizugeben, den sie zart umschmeichelten und der sich nun in dem glänzenden Fels vor ihr zeigte. Die ihn bedeckende helle und makellose Haut strahlte ihr dabei förmlich entgegen, wobei die bänderartigen Ornamente auf derselben in dem ihnen so eigenen, betörenden Gold bei jeder ihrer Bewegungen dezent schimmerten.

So stand sie da, nahezu regungslos und ein wenig verträumt, und betrachtete fasziniert ihr Spiegelbild in dem winzigen Teil des sich vor ihr erstreckenden, gigantischen und tiefschwarzen Spiegelgebirges. Jede ihrer Reinkarnationen war anders, und schön anzusehen waren sie bisher alle gewesen, doch jene hier war besonders. Sie war besonders auf eine Art und Weise, die sie noch nicht genau einzuordnen vermochte, doch diese eine war die Schönste von allen, das durfte sie fraglos und ganz ohne Arroganz von sich behaupten. Mit diesem Gedanken schenkte sie sich selbst ein kaum merkliches, anerkennendes Nicken und befand, dass es Zeit war zu taufen, was soeben auferstanden war. Und so gab sich die Feuerstochter, die Hüterin der Dimensionen der Wiederkehr, der Endgültigkeit und der Verdammnis, ihren Namen: Sie war Alaru.

»Ihr seid spät.«

Erschrocken ob des plötzlichen Klanges dieser fremden, tiefen Stimme hinter sich fuhr sie ruckartig herum. Dabei registrierte sie nur am Rande die leicht im Wind wogenden Wiesen, welche in einen tiefgrünen Wald gegenüber des Spiegelgebirges mündeten, während der süße Duft unzähliger Wildblumen flüchtig an ihr vorüber schlich und sie automatisch für den Bruchteil eines Wimpernschlags den Anblick der in der Ferne untergehenden drei Sonnen im Auge behielt. Derweil entging ihr das sechsäugige, schlangenartige Geschöpf mit den langen Reißzähnen und ausladenden, krallenbewehrten Flügeln - ein Draque -, welches suchend über den Wäldern kreiste, gänzlich. So sah die Feuerstochter auch nicht mehr, wie der etwa drei Meter lange, rot geschuppte Jäger geschickt in den dichten Wald hinein tauchte, um seine just erspähte, potenzielle Beute zu reißen. Doch selbst wenn sie dessen gewahr geworden wäre, hätte sie die Energie ihrer noch nicht vollends erwachten Sinne keinesfalls auf dieses Raubtier verwendet. Zweifelsohne war für die Betrachtung solcherlei Belanglosigkeiten später noch genügend Zeit, und so richtete sich ihre ganze Aufmerksamkeit nunmehr ausschließlich auf einen Mann, der unweit von ihr mit vor der Brust verschränkten Armen an dem spiegelnden Felsen lehnte. Dabei erweckte der leise in sich hinein grinsende Fremde für einen kaum die Dauer eines Atemzugs währenden Moment den Eindruck, als stünden gleich drei identische Menschen dort. Eine Illusion, deren Entstehung dem Gebirge sowie Alarus noch schwach vernebeltem Bewusstsein geschuldet war und die sich dank eines schnellen Blinzelns ihrerseits und ein bisschen Konzentration genauso rasch wieder verflüchtigte, wie sie zuvor bei ihr hatte Verwirrung stiften können. Egal, wie alt sie auch wurde, und egal, wie oft sie wieder auferstand, eines war und blieb sicher: An die kleinen Streiche, die ihr ihre Sinne noch für eine kurze Weile nach ihrer Ankunft in Orcumorra spielten, würde sie sich wohl niemals gewöhnen.

Jetzt allerdings fixierte sie den Blick des Fremden, dessen linkes, stahlblaues Auge ihr eine kleine Regung schenkte, während sein rechtes hinter einer ledernen Augenklappe verborgen blieb. Unterdessen zog er die Stirn unter seinem kurz geschorenen schwarzen Haar in Falten, hob die linke Augenbraue in die Höhe und versuchte merklich, seinen Blick nicht allzu lange auf ihr ruhen zu lassen. Die Feuerstochter nahm indes zufrieden wahr, wie sich die goldfarbenen Ornamente auf ihrer Haut erwärmten und ihr feuriges Glühen nach und nach stärker wurde. Denn auch wenn ihre Macht noch nicht vollständig zurückgekehrt sein mochte (wofür es noch an einer wichtigen Kleinigkeit fehlte), würde sie für die Beseitigung eines feindlich gesonnenen Menschen freilich ausreichen. Unter diesem Wissen hob Alaru ohne noch länger zu zögern grimmigen Blickes und mit einem bedrohlichen Funkeln in den Augen die linke Hand, über der sich sofort ein faustgroßer Feuerball manifestierte, um dort schwebend und unruhig zuckend auf ihr Kommando zu warten.

»Wer seid Ihr und was habt Ihr hier verloren?« knurrte sie düster, woraufhin die Worte ihrer dezent rauchigen Stimme einen Augenblick lang zwischen den Felsen widerhallten und die um sie herum immer heißer werdende Luft zu flimmern begann. Für Höflichkeiten war weder die passende Zeit noch der passende Ort. »Ich rate Euch, sprecht lieber schnell!«

»Glaubt Ihr etwa allen Ernstes, dass ich hier bin, um Euch zu töten oder dergleichen?«, sagte der Fremde gelassen, während ein amüsiertes, über seine Lippen huschendes Grinsen sein Gesagtes noch untermalte. Anschließend stieß er sich unter dem verhalten protestierenden Knirschen seiner in dunklen Grüntönen gehaltenen Lederkleidung von dem Felsen ab, zupfte den Revers seines knielangen, schweren und dunkelbraunen Leinenmantels zurecht und rückte Bogen samt Köcher auf seinem Rücken gerade. »Hätte ich das gewollt, dann hätte ich längst gehandelt, Herzchen. Immerhin hat es eine Weile gedauert, bis Ihr endlich aufgewacht seid.«

Alaru stutzte kurz und wunderte sich. Offenbar hatte dieser Mensch ein ziemlich lockeres Mundwerk, jedoch änderte das nichts an dem vertrauenswürdigen Eindruck, den er bei ihr hinterließ. Aber war sie inzwischen wirklich wach genug, um sich auf ihr eigenes Urteil auch verlassen zu können? Trotz der in ihr langsam aber sicher aufkeimenden Ahnung, wer er wohl sein mochte, beschloss sie, sich vorerst noch nicht allzu sehr auf ihre Intuition zu verlassen und stattdessen abzuwarten, was als Nächstes kam.

»Ihr seid schnell mit Euren Worten«, antwortete sie schließlich. »Seid Ihr auch genauso schnell mit Eurem Bogen?«

»Das wollt Ihr nicht wissen«, erwiderte der Fremde lachend und schüttelte den Kopf. »Nicht in Eurer jetzigen Verfassung.«

Bedeutungsvoller hätten seine Worte, die einen Moment lang reglos zwischen ihnen in der Luft zu stehen schienen, kaum sein können, und als sie nur Sekunden später endlich tief in ihr Bewusstsein vorgedrungen waren, bestand für die Feuerstochter nicht mehr der geringste Zweifel: Dieser Fremde wusste um sie Bescheid. Und auch wenn er ihr nicht von allein und noch viel weniger geradeheraus verraten hatte, in welcher Absicht er an diesem Ort verweilte, reichte ihr seine Antwort voll und ganz, um ihre Vermutung zu bestätigen. Zumal womöglich jeder andere sie spätestens jetzt angegriffen hätte oder geflohen wäre. Also ließ sie die Hand sinken, dabei den Feuerball geräuschlos verpuffen, und entspannte sich, woraufhin ihr der Fremde mit einem kurzen Lächeln zunickte. In der gleichen Bewegung holte einen alten Leinensack hervor, der bis gerade eben noch hinter ihm verborgen am Boden gelegen hatte.

»Mein Name ist Vesten«, sagte er und warf ihr, ohne auch nur einen einzigen Schritt näher zu kommen, mit einer geschmeidigen Bewegung den Sack vor die Füße. »Hier, Eure Kleider. Macht rasch, eine erkältete Feuerstochter können wir nicht gebrauchen.«

Sie zog ein ratloses Gesicht und bedachte ihr Gegenüber mit einem nicht weniger fragenden Blick, kommentierte sein Gesagtes jedoch nicht weiter. Stattdessen glitt sie in die Hocke, öffnete den Sack und zerrte ihre getreue, steingraue Lederkleidung hervor, die jedes Mal aufs Neue die alten Erinnerungen an ihre vergangenen Leben weckte, noch dazu dank eines magischen Überzugs jeder ihrer Reinkarnationen wie eine zweite Haut passte und sämtlichen Formen ihres Feuers seit jeher Stand zu halten vermochte.

»Mein Name ist Alaru«, sagte sie, während sie flink in die knappe Hose, das feste, enge Oberteil und die kniehohen Stiefel schlüpfte, und warf Vesten zwischendrin einen brummigen Blick zu. »Warum habt Ihr nicht gleich gesagt, dass Ihr ein Wächter seid? Ohne die traditionelle Robe seid Ihr beim besten Willen nicht als solcher zu erkennen, was mir in Anbetracht der Situation schon fast ein wenig zu mutig erscheint. Mal abgesehen davon, ist gerade jetzt alles andere als die rechte Zeit für irgendwelche Spielchen, wenn Ihr mich fragt.«

»Ach, naja ... Das ist wohl so eine Art Macke von mir«, antwortete er lachend und mit einem kurzen Schulterzucken, wurde jedoch sogleich wieder ernst. »Aber wo Ihr gerade von Zeit sprecht, diese ist heuer ziemlich knapp bemessen. Wie ich bereits sagte: Ihr seid spät. Sehr spät sogar.«

Mit diesen Worten setzte er sich in Bewegung, löste gleichzeitig ein Schwert samt Scheide von seinem Gürtel und drückte es Alaru rasch in die Hände, kaum dass er bei ihr angelangt war, weshalb sie ihm einen einigermaßen verwunderten, flüchtigen Blick zuwarf. Ganz augenscheinlich hatte er die Klinge gar nicht schnell genug loswerden können, was ihr im Gegenzug jedoch gerade recht kam, denn immerhin waren sie und ihre Waffe wahrlich lange genug voneinander getrennt gewesen. Und so brachte sie ohne noch länger zu zögern ihr treues, jahrtausendealtes Schmiedekunststück ans dämmerige Abendlicht, musterte mit vor Freude glänzenden Augen den schwarzrot schimmernden Griff, welcher von einem silberfarbenen Knauf und einer gleichfarbigen Parierstange flankiert wurde, und betrachtete liebevoll seine einer sanften Flamme gleich geschwungene Klinge. So lange, bis ihr Blick schließlich auf den in dem blank polierten Stahl der Schneide ruhenden Runen haften blieb, die sofort in einem wilden, rotorangenen Glühen erstrahlten, als sich ihre Hand fest um den Griff schloss. Es war abermals so unsagbar viele Jahre her, und dennoch erkannte es sie jedes Mal wieder, vergaß niemals, wer sie war. Genauso wenig, wie es jemals vergaß, wer es selbst war: Occludo, das brennende Siegelschwert, Ergebener und Gefährte der Feuerstochter. Jenes Schwert, welches nur in ihren Händen seine Bestimmung zu erfüllen vermochte.

»Wie spät bin ich genau?«, fragte sie, während sie nur mit Mühe ihre Augen von der glimmenden Klinge löste und sie zurück in ihre Halterung gleiten ließ, um diese sicher an ihrem eigenen Gürtel zu befestigen. Noch war Occludos Zeit nicht gekommen.

»Sieben Tage«, antwortete Vesten geradeheraus.

»WAS?« Alaru erstarrte und spürte, wie sich eine Welle kalten Schreckens durch ihren Körper ergoss, welche sie innerlich erzittern ließ.

Sieben Tage!

Spät war noch milde ausgedrückt, denn die Sonnen waren schon fast untergegangen! Dabei erwachte sie doch normalerweise sieben Tage vor dem Siegelbruch zu neuem Sein, und gewiss nicht erst irgendwann am Abend des letzten Tages, wenn kaum noch Zeit genug übrig bleib, um rechtzeitig vor Sonnenuntergang das Siegel zu erneuern und das Urböse Nodrogg für weitere einhundert Jahre in seinem gläsernen Gefängnis zu bannen. Aber jetzt ... Wenn heute tatsächlich der siebte Tag war, würde das Siegel mit dem Erlöschen des Tageslichts endgültig brechen, und dann ...

Die Feuerstochter hatte keine Gelegenheit mehr, ihre Gedanken, welche sie im Grunde genommen kaum zu denken wagte, zu Ende zu bringen, denn in diesem Moment verschwand die letzte der drei Sonnen lautlos am Horizont und die Nacht brach herein. Noch in derselben Sekunde begann das Spiegelgebirge hinter ihr und dem Bogenschützen unter einem dumpfen, alles durchdringenden Dröhnen von innen heraus zu beben, ließ die Erde unter ihren Füßen mit aller Macht vibrieren, und von jetzt auf gleich schloss ein tiefes, beinahe ohrenbetäubendes, die gesamte Luft um sie herum erfüllendes Grollen die beiden in seine gnadenlos zupackenden Pranken.

»Alaru!«, rief Vesten, griff sich an den Hals, machte eine ruckartige Bewegung und ließ eine kleine, gläserne Ampulle unter seinem Hemd hervorschnellen, die nun mitsamt der Kette, die er eben noch getragen hatte, in seiner Hand baumelte, wobei die im Herzen des Anhängers befindliche, lavaähnliche Flüssigkeit unruhig hin und her schwappte. »Fangt!«

Dann warf er ihr die Ampulle zu. Noch im Flug löste sich die Kette von dem Anhänger und prallte zwischen ihnen klirrend auf dem spiegelglatten Boden auf, während sich in dem schwarzen Fels die ersten tiefen Risse bildeten und rasch an Zahl gewannen. Derweil segelte der Anhänger einem winzigen Kometen gleich durch die immer dunkler werdende, tosende Abendluft direkt auf Alaru zu. Ihn fangen. Sie musste ihn einfach nur fangen, und alles wäre gut.

Wie ferngesteuert machte sie einen Satz nach vorne und ließ ihre Hand dem Fläschchen entgegenschnellen, so weit es eben möglich war. Sie hatte sie fast, ließ sich schon beinahe von ihren Sinnen vorgaukeln, wie sie den kochend-rauchigen Geschmack der warmen Flüssigkeit auf ihrer Zunge schmeckte. Wie sie streichelnd zart durch ihren Hals hinabglitt und in ihrer Mitte die ihr innewohnende Kraft einer gewaltigen Explosion gleich freigesetzt wurde, damit sie diese gänzlich in sich aufsaugen konnte. Doch zuerst musste sie diese Ampulle in die Finger bekommen, sie bloß festhalten, bloß ... Just in diesem Moment erschütterte ein heftiger Stoß die Erde, ließ die Felsen um sie herum unter tosendem Donnern erschauern, riss Alaru und Vesten gleichermaßen unsanft von den Füßen und schleuderte sie in entgegengesetzte Richtungen davon. Unterdessen schlug der Anhänger von des Bogenschützens Kette einem einsamen, nicht mehr zu rettenden Funken ähnelnd auf dem berstenden Felsboden auf, zerschellte in kleine, gläserne Splitter und verlor seinen Inhalt an den kalten, glatten Boden unter ihm. Im selben Augenblick rollte die Feuerstochter sich auf den Bauch und versuchte, die Flüssigkeit zu erreichen, welche sich ihrerseits bereits zu einem dünnen Rinnsal formte und auf sie zu eilte. Sie brauchte nur einen winzigen Schluck von jenem Elixier, jenem Trank, welcher aus der Quelle der brennenden Nemesis stammte, dem Hort der wahren Macht der Feuerstochter. Ein einziger Tropfen, ein feiner Hauch, mehr würde nicht nötig sein. Sie mussten einander doch schlichtweg nur noch erreichen!

Noch während sie verzweifelt mit ihrem eigenen Körper rang, um sich selbst auf die Beine zu bringen und endlich an das flüssige Feuer zu gelangen, nahm sie aus dem Augenwinkel wahr, wie Vesten sich längst aufgekämpft hatte und zu einem Sprint in ihre Richtung ansetzte. Allerdings kamen sie beide in ihren Vorhaben nicht sonderlich weit, denn plötzlich zerbarst das gesamte Spiegelgebirge unter einem lautstarken Knall in Milliarden und Abermilliarden sandfeiner Splitter. Die darauffolgende Druckwelle riss nur Sekundenbruchteile danach den Bogenschützen erneut von den Füßen und drückte Alaru mit aller Macht zu Boden, dabei sämtliche Luft aus ihren Lungen pressend, woraufhin ein heftiger Schwindel von ihr Besitz ergriff. Trotz dessen versuchte sie, keuchend und mit jeglicher ihr noch zur Verfügung stehenden Kraft wieder hochzukommen, aber es war vergebens. Das Einzige, was sie fertig brachte, war, die inzwischen schwer wie Blei erscheinenden Lider zu heben.

Durch den dichten Splitterregen sah sie mit langsam verschwimmendem Blick, wie das Elixier auf seinem Weg zu ihr abrupt stoppte und beinahe zeitgleich unter Tonnen von schwarzem Staub unwiederbringlich vergraben wurde. Sie sah auch, wie Vesten sich abermals hochstemmte, sah eine Armada von Draque aus den inzwischen zu klaffenden Felsspalten gewordenen Rissen am Boden aufsteigen und, angestachelt von des Nodroggs finsteren Energien, zum Angriff auf ihn übergehen. Ebenso registrierte sie, wie Vesten den Bogen zückte und die ersten der roten Jäger mit flinken Schüssen vom Himmel holte. Somit wusste sie es nun doch: Er war verdammt schnell. Und mindestens genauso zielsicher.

Schwer atmend und noch immer von einem magenumdrehenden Schwindel gepeinigt, setzte Alaru zu einem neuerlichen Versuch an, sich hochzudrücken, und dieses Mal gelang es ihr tatsächlich. Noch im Aufstehen glitt ihre Hand in Richtung Occludo, wobei sie alles daran setzte, sämtliche ihrer Gedanken statt auf das schwammige, sich fiepend in ihren Ohren festsetzende Hämmern unter ihrer Schädeldecke, auf Kampf und Vernichtung zu konzentrieren, als plötzlich etwas ihren Knöchel packte, sie unter einem kräftigen Ruck nach hinten weg zog und jäh von den Füßen holte. Erst ihr Kopf bremste ihren Sturz mit einem deftigen Schlag auf den steinharten Untergrund und sorgte dafür, dass sich um sie herum alles nur noch wilder drehte, während sie das nun aus einer langen, auf ihrer Stirn klaffenden Platzwunde über ihr Gesicht sickernde Blut überhaupt nicht bemerkte. Unterdessen riss das klebrige, an ihr hängende Etwas sie erbarmungslos weiter mit sich und strafte ihre folgenden kläglichen Versuche, sich an diversen aufgebrochenen Felskanten festzuklammern und ihm durch mehr ziellose denn hilfreiche Fußtritte zu entkommen, mit dem Stempel der Lächerlichkeit.

»VESTEN!«

Der Name des Bogenschützen beschrieb ihr sich in Gestalt eines panischen Schreis aus der Kehle lösendes letztes Wort, ehe sie in den Tiefen einer der nächstbesten Felsspalten verschwand.


Kommentare

  • Author Portrait

    Zuerst muss ich dir ein grosses Kompliment machen! Du schreibst wundervoll, sehr bildhaft und spannend! Man kann wirklich alles vor sich sehn, was du beschreibst! Nur ein kleiner Kritikpunkt wäre da noch: du schreibst teilweise enorm lange Sätze, was das Lesen ein wenig erschwert. Vielleicht könntest du versuchen, etwas mehr Punkte zu machen. Dennoch ist und bleibt deine Geschichte ein wahrer Lesegenuss! Toll gemacht! :-)

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