Kapitel 1: »Ihr seid spät.« (Teil II)

Die schroffen Wände der scheinbar bis ins Unendliche hinabklaffenden Schlucht rasten mit einer solchen Geschwindigkeit an der Feuerstochter vorbei, dass sie diese kaum noch zu erkennen vermochte. Das hinderte sie jedoch keineswegs an ihren nicht endenden, verzweifelten Bemühungen, irgendeinen der zahllosen, weit aus dem tiefgrauen Fels hervorstehenden Gesteinsbrocken zu erwischen, um sich daran festzukrallen, so ihren Sturz aufzuhalten und dabei vielleicht sogar dem dunklen Schatten unter ihr schneller zu entrinnen, als dieser glauben würde. Allerdings blieben tiefe Schnitte in Armen und Händen, die sie den an ihr vorüber rasenden messerscharfen Felsen zu verdanken hatte, und das aus jenen Wunden kriechende, auf ihrer weißgoldenen Haut bizarre Muster zeichnende Blut das einzig vorweisbare Ergebnis. Indes nahm Alaru weder den mittlerweile bis in jede noch so kleine Faser ihres Körpers pochenden Schmerz noch das immer größer werdende, feine und dunkelrote, sie langsam einspinnende Netz ihres eigenen Lebenssaftes wahr, vermochte sie sich doch gerade jetzt mit solchen Kleinigkeiten beim besten Willen nicht zu beschäftigen. Stattdessen wandte sie ihre sämtliche Aufmerksamkeit dem finsteren Etwas zu, welches nach wie vor ihren Knöchel fest umschlossen hielt und sie gnadenlos mit sich gen Boden zerrte, besann sich auf das bisschen Macht, welches ihr noch geblieben war, sowie auf die Hoffnung, dass diese ausreichen möge, und nahm das Wesen mit allem Feuer, das ihr zur Verfügung stand, unter Beschuss. Natürlich hatte sie längst erkannt, längst gespürt, was es mit dem Klumpen reinster Düsternis auf sich hatte, welcher nicht von ihr lassen wollte und der sich seine klebrigen, hartnäckig an ihrem Bein hinaufschiebenden, teerigen Finger an ihrem auf es zu sickernden, kochenden Blut versengte: Es war das Urböse höchstselbst.

Nodrogg.

Wie ein nachtschwarzer, Fleisch gewordener und zeitgleich dennoch nicht fassbarer, alles Licht zu verschlingen drohender Schatten von Hass, Gier und Tod hing es an ihr. Behielt sie unentrinnbar in seinem Griff, umschlang ihren Körper immer mehr, widersetzte sich mit sekündlich wachsender Leichtigkeit ihrem auf es herniederprasselnden Flammenregen und schien unaufhörlich zu lachen. Leise. Beinahe schon siegessicher. Zweifellos spürte es genau, wie die Feuerstocher mit jeder ihrer Attacken, jedem ihrer lodernden Geschosse, die sie ihm entgegen jagte, bloß immer schwächer wurde, was sicher nicht verwunderlich war, registrierte sie ihrerseits jene Tatsache doch noch um einiges deutlicher. Sie musste irgendetwas tun, musste es so schnell als möglich loswerden, musste weit weg von ihm. Um nichts in den Welten durfte sie ihm endgültig in die Fänge geraten, denn andernfalls wäre alles verloren und sämtliche Jahrtausende eines Daseins, nach welchem sie niemals verlangt hatte, umsonst gewesen. Jedwedes rechtschaffene Leben und alles Gute wären ein für alle Mal dahin, und das Einzige, was zurück bliebe, wäre nurmehr Finsternis und Leid.

Das konnte sie nicht zulassen.

Niemals!

Alaru schüttelte sich innerlich, biss die Zähne zusammen und bündelte abermals ihre bereits ob der Einflüsse des Urbösen in alle erdenklichen Richtungen abdriftende Konzentration. Wandte sämtliche ihrer Gedanken auf nichts anderes, als auf dessen Vernichtung. Wünschte sich ein letztes Mal, diesen vermaledeiten Anhänger des Bogenschützen gefangen zu haben und ...

Just in diesem Augenblick verpufften sämtliche Dinge, die ihr soeben noch durch den Kopf geschossen waren, mit einem dumpfen Aufschlag am Boden der Felsspalte. Und noch während sie voller Erstaunen realisierte, dass das abrupte Ende ihres Sturzes sie nicht etwa in ihre Einzelteile zerschmettert hatte, sondern sie noch immer in einem Stück vorhanden war, glitt etwas großes Weiches langsam unter ihr hervor und ließ sie erstaunlich behutsam zu Boden sinken. Sofort rappelte sie sich soweit es ihre geschundenen Glieder zuließen auf, verharrte schließlich halb liegend, halb sitzend, wo sie war und versuchte angestrengt, das sich einer dicken, feuchtwarmen Masse gleich hinter ihrer Stirn ausbreitende Gefühl nahender Bewusstlosigkeit fortzudrängen, welches träge von ihren Sinnen Besitz zu ergreifen und die Welt um sie herum hinter einem grauen Nebelschleier zu verbergen drohte. Als sie jedoch zu ihrer eigenen Überraschung wieder Herrin ihrer Selbst und ihr Blick tatsächlich langsam wieder schärfer wurde, wünschte sie sich für die Dauer eines halben Atemzugs nichts sehnlicher, als dem verlockenden Drängen der nur scheinbar erlösenden Dunkelheit geistiger Umnachtung doch besser nachgegeben zu haben. Denn in eben jenem Moment bäumte sich kaum einen Meter von ihr entfernt das Nodrogg auf und präsentierte ihr sein finsteres Antlitz in all seiner zweifelhaften Pracht.

Etwa drei Meter ragte das formlose, aus nichts weiter denn einer zähen, wabernden und mehr als nachtschwarzen Substanz reinster Bosheit bestehende Wesen vor ihr in die Düsternis der Felsspalte hinauf und schien dabei jeden noch so zarten Funken des flammenden Glühens der goldenen Ornamente auf ihrer Haut mühelos zu verschlucken. Gleichzeitig fühlte die Feuerstochter, wie sich sein Blick aus den nicht sichtbaren Augen tief in sie hinein bohrte, sich in ihr festsetzte. Sich auch in die kleinsten Winkel ihres Körpers zwängte und ihr neuerlich die Luft zum Atmen raubte, gerade so, als wolle es sie von innen heraus voller Genuss erdrücken. Sie wusste, dass ein schlichter Gedanke ihres Widersachers genügen würde, um genau das zur Vollendung zu bringen, und mit diesem Wissen kam die Panik wie ein Peitschenschlag über sie. Keuchend warf sie sich hin und her, rang nach dem Atem, welchen die wallende Masse vollkommener Niedertracht ihr durch ihre bloße Betrachtung streitig machte. Versuchte mit aller Macht, auf die Beine zu kommen, und sich deren beißendem Starren zu entziehen, aber es war und blieb sinnlos. Das Urböse wiederum hatte offenbar auf genau eine solche Gelegenheit gewartet, denn im selben Augenblick, in dem Alaru ihre Niederlage zu begreifen begann, stürzte es sich einem ausgemergelten Wolf gleich, und dennoch ohne das kleinste Geräusch zu verursachen, auf sie, glitt blitzschnell über ihren Körper, welcher mit einem Mal Tonnen zu wiegen schien, und hüllte sie in totale Finsternis. Nur den Bruchteil eines Wimpernschlags später grub es sich bereits tief hinab in all ihr Denken, all ihr Sein, nagte sich wie im Wahn durch ihre Nervenbahnen. Wühlte sich rasenden, spitzen Nadeln gleich durch ihr Innerstes, und rang der Feuerstochter solch jämmerliche, schmerzerfüllte Schreie ab, dass sogar das Nodrogg selbst einen winzigen Moment lang dem Glauben erlag, allein der Klang ihrer eigenen, schrillen und bebenden Stimme sei genug, um sogar die zarteste Faser ihres sterblichen Fleisches mit einem kreischend schallenden Schlag explodieren zu lassen.

Gib auf.

Seine messerscharfen Worte bohrten sich mit der verführerisch zischenden Stimme einer lockenden Schlange durch ihr rebellierendes Hirn, wo sie wie in einer klaffenden Wunde stochernd widerhallten. Worte einer gierigen Giftnatter, die es kaum mehr abwarten konnte, ihr brennendes, aus dem schier endlosen Leid tausender und abertausender ihrem Herrn schon zum Opfer gefallener Seelen gebrautes, todbringendes Serum in Alarus Adern zu pumpen und jedweden Funken Kampfeslust ein für alle Mal voller Freude zu zerschmettern.

Du bist schwach, mein Feuer.

Tiefer und tiefer hüllte es sie in die Düsternis seines teerigen Leibes ein, umkreiste sie wie ein Geier seine Beute, umgarnte sie wie ein Liebender sein zukünftiges Weib. Dann drückte es plötzlich zu, und die Giftnatter verwandelte sich jäh in den gnadenlosen Griff eines gewaltigen Totenwürgers, der nach nichts anderem trachtete, als sie mit einem kräftigen Ruck zu Staub zu zermalmen.

Sollen die Schmerzen aufhören?

Die Feuerstochter schrie. Es schien das Einzige zu sein, zu dem sie hier und jetzt noch fähig war, und wäre sie in der Lage gewesen, doch noch einen letzten klaren Gedanken zu fassen, so hätte sie sicherlich bezweifelt, dass sie damit jemals wieder würde aufhören können.

Nun, mein Feuer, wisperte das Nodrogg, dessen finsteres Grinsen inzwischen nicht mehr zu überhören war, du musst nur eines tun, damit dein Leid vergeht: Gib auf. Es ist so leicht. Gib dich einfach hin. Vergiss den Kampf. Vergiss die Welt. Vergiss dein Sein. Schlafe still in meinen Armen. Lass dich fallen. Sei mein und aller Schmerz zieht fort. Mein Feuer, ich bin deine süßeste Verführung. Ich bin alles, was du dir je erträumt hast und noch erträumen wirst. Nur ich schenke dir all das, was die Ältesten dir niemals angedeihen lassen werden. Du wirst meine Königin, meine Waffe. Überlasse mir deinen Verstand, überlasse mir deine Seele. Wer braucht sie schon, mein Feuer? Sie sind bloß Ballast. Sie machen dich schwach. Aber ich bin stark für dich. Ich kümmere mich um sie. Gib dich nur hin, mein Feuer. Gib einfach auf! GIB auf! GIB AUF!

»NIEMALS!«

Sie schrie so laut sie konnte. Die goldenen Ornamente auf ihrer Haut wurden heiß, heißer noch als jeder Lavaquell. Sie pulsierten, erst langsam, dann stärker und stärker, und mit einem Mal schoss ein Feuerstrahl aus ihnen hervor, fegte das Urböse mit einem lapidaren Handstreich von ihr fort und befreite ihren Geist. Das Letzte, was sie daraufhin noch hörte, war das schmierige Platschen, als ihr Widersacher gegen die Felswand geschleudert wurde. Und sein folgendes düsteres Kichern, während es dort an der Wand klebend zusah, wie eine lähmende Ohnmacht die Sinne der Feuerstochter mit sich nahm und sie in eine gnädig stumme Dunkelheit geleitete.


Kommentare

  • Author Portrait

    Wow! Sehr eindrucksvoll und extrem fesselnd!

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media