Kapitel 1: »Ihr seid spät.« (Teil III)

Von einer Sekunde auf die andere war die noch junge Nacht erfüllt von mehr als einhundert Draque, die allesamt in den Höhlen unter dem Spiegelgebirge ihre Nester gehabt haben mussten und aufgescheucht von dem der Explosion des Gebirges vorangegangenen Erdbeben aus den mittlerweile überall verteilten, nach wie vor zahlreicher werdenden, weit aufgeplatzten Felsspalten geströmt waren. Und kaum dass die roten Jäger an die Oberfläche gelangt und hoch in die Lüfte aufgestiegen waren, nahmen zwei von ihnen, zu kopfloser Raserei angetrieben durch des Urbösen deutlich spürbare Anwesenheit, das erste Ziel ins Visier, welches ihnen vor die je sechs Augen kam: Vesten. Selbiger hatte seinerseits jedoch längst den Bogen gezückt und holte die schuppigen Raubtiere vom Himmel, noch bevor sie überhaupt selbst richtig verstanden, wer oder was ihre Beute eigentlich werden sollte. Taumelnd und kreischend trudelten sie gen Boden, prallten krachend auf dem immer mehr im sandigen Splitterregen des nicht mehr existenten Gebirges verschwindenden, steinernen Boden auf, und taten an Ort und Stelle ihren letzten Atemzug. Das plötzliche Dahinscheiden der beiden Jäger blieb allerdings von drei weiteren ihrer Artgenossen nicht unbemerkt, sodass die aufmerksam Gewordenen augenblicklich kehrt machten; zweifellos in der Absicht, entweder blutige Rache zu üben oder schlichtweg ihre beinahe dauerhaft hungrigen Mägen zu füllen. Allerdings war auch der Bogenschütze auf der Hut und schickte blitzschnell seine Pfeile auf den Weg, die begleitet von einem feinen Pfeifen durch die immer dicker zu werden scheinende Luft schossen, mit erstaunlicher Leichtigkeit die ihnen aufgetragenen Ziele erreichten und sie binnen eines halben Herzschlags dahinrafften. So gingen auch Draque Nummer drei, vier und fünf, ob des Entsetzens über den eigenen, mehr denn überraschend über sie hereinbrechenden Tod zornig quiekend, zu Boden, als plötzlich ein lauter, verzweifelter Schrei an des Bogenschützens Ohren drang, der seinem Namen alles andere als unähnlich war. Sofort fuhr er herum, ließ seinen Blick hektisch durch das um ihn herum sein Unwesen treibende Chaos eilen und erstarrte, als er die Besitzerin jener Stimme, die gerade noch nach ihm gerufen hatte, entdeckte und selbige just in dieser Sekunde in die Tiefen eines der frischen Abgründe gerissen wurde.

»ALARU!«

Natürlich wusste Vesten nur zu gut, wie zwecklos es war, sich ihretwegen die Kehle aus dem Leib zu brüllen und damit nicht nur wertvollen Atem, sondern ebenso wertvolle Zeit zu vergeuden. Doch trotz dessen konnte er nicht umhin, ihren Namen noch zwei weitere Male in die Nacht hinaus zu schreien, während er die ihn für den Bruchteil einer Sekunde fest umklammert haltende Starre abschüttelte und drauflos hechtete. So schnell er es vermochte, bahnte er sich behände und fast schon mühelos wirkend seinen Weg über sämtliche sich ihm in den Lauf schiebenden Felsspalten hinweg, fokussierte jeden einzelnen seiner gerade noch wild durcheinander tanzenden Gedanken einzig und allein auf die Rettung der Feuerstochter und brachte die wenigen Meter, die noch zwischen ihm und dem Ort ihres abrupten Verschwindens lagen, dazu, in kochendes Wasser geworfenem Eis gleich dahin zu schmelzen. Nur Augenblicke darauf setzte er bereits zum Sprung über den scheinbar letzten, ihn von seinem Ziel trennenden Abgrund an, als er mit der vollen Wucht seines eigenen Schwungs gegen den linken Flügel eines draqueschen Nachzüglers prallte, der ausgerechnet jetzt aus eben jener Felsspalte gekrochen kommen musste. Der rote Jäger presste sogleich einen wütenden Schrei hervor, schnappte aber erfolglos in Richtung dessen, was mit einem Male in seiner Linken hing, ließ kurz und kräftig die betroffene Schwinge nach vorne zucken und schleuderte den Bogenschützen von sich. Dieser segelte einen guten Meter durch die Luft, woraufhin er sich eine deftige Annäherung mit dem Untergrund später zweimal überschlug und noch ein viel zu gut gemeintes Stück durch den schwarzen Staub weiter rutschte, ehe er schließlich durch einen hinter ihm in die Höhe ragenden Gesteinsbrocken reichlich unsanft gestoppt wurde. Keuchend nach Atem und Orientierung ringend verharrte er, wo er war, registrierte nur am Rande das auf ihn zustürzende Raubtier, zwang sich endlich taumelnd auf die Füße und schaffte es im wahrsten Sinne des Wortes nur um Haaresbreite, den gierigen Reißzähnen seines Angreifers zu entgehen - der trotz nicht vorhandener Beine und der Tatsache, dass er sich lediglich mit Hilfe der drei langen, fingerartigen und krallenbewehrten Auswüchse mittig jedes Flügelknochens fortbewegen konnte, verflucht schnell war.

Abermals kullerte er über den Boden, wo er einige neuerliche, unfreiwillige Überschläge später mit einem dumpfen Knall rücklings in einer flachen Düne landete, die sich an dieser Stelle in dem schweren, schwarzen Gebirgsstaub eingenistet hatte und seinen hastigen Versuch, sich wieder aufzurappeln, noch im Keim erstickte. Ob er es nun wahrhaben wollte oder nicht, dieses Mal war die Zeit schlichtweg gegen ihn, denn noch bevor er wiederum oben und unten sortiert hatte, war der Draque über ihm, riss das Maul auf und trieb den seiner Art so typischen, kratzenden Schrei begleitet vom fauligen Gestank seines dampfenden Atems dem unter ihm Liegenden mitten ins Gesicht. Der darauffolgenden Übelkeit gelang es unterdessen nur für den Hauch eines Augenblicks, von Vesten Besitz zu ergreifen, hatte dieser doch längst alle Hände voll damit zu tun, den ihn immer tiefer in den weichen Boden drückenden Jäger abzuwehren, der jetzt alles daran setzte, den Kopf dieser widerspenstigen Beute zwischen seine bei jedem missglückten Biss schallend aufeinander krachenden Kiefer zu bekommen.

Der Bogenschütze stemmte sich mit sämtlicher ihm noch verbliebenen Kraft gegen den von scharfkantigen, festen Schuppen geschützten Bauch des Roten und gab sich gleichzeitig dem Versuch hin, ihm einige derbe Tritte in den Leib zu verpassen, musste jedoch zu seinem Leidwesen feststellen, dass er damit keineswegs die gewünschte Wirkung erzielte. Ganz im Gegenteil schien er so den Draque nur noch mehr anzustacheln, und als wäre seine Lage nicht ohnehin bereits schwierig genug, überdeckte der pausenlos von dessen langen Reißzähnen auf ihn herabsickernde Speichel mittlerweile einem klebrigen, dunkelgelb gefärbten Tuch gleich des Bogenschützen Gesicht; ein dem Fresshunger des Monstrums geschuldeter Nebeneffekt, der langsam aber sicher begann, ihm nachhaltig die Sicht zu nehmen. Er musste etwas tun. Etwas, das dafür sorgte, dass er nicht innerhalb der nächsten Minuten auf Nimmerwiedersehen im Magen dieses vermaledeiten Ungeheuers verschwinden würde. Binnen Sekundenbruchteilen jagten ihm hunderte Möglichkeiten durch den Kopf, doch jede Idee war genauso wenig hilfreich wie das geifernde, gierige Biest, gegen dessen Attacken er kaum mehr anzukommen vermochte. Bis ihm wie aus dem Nichts die möglicherweise rettende Szenerie klar vor Augen stand.

Ja, das war es!

Wenn es ihm irgendwie gelang, an einen der nach wie vor im Köcher auf seinem Rücken ruhenden Pfeile heranzukommen und diesen dem schuppigen Jäger mitten in die wutverzerrte Fratze zu stoßen, würde der darauf unweigerlich folgende Schmerz mit etwas Glück dafür sorgen, dass dem Vieh wenigstens für einen kurzen Augenblick der Appetit verging. Und genau das - so er denn schnell genug zu Werke ging - konnte ausreichen, um endlich auf die Füße zu kommen und dem ganzen Theater mittels eines flinken, gezielten Schusses ein dauerhaftes Ende zu setzen. Allerdings lag es auf der Hand, dass er nurmehr genug Energie für einen einzigen Versuch würde aufbringen können, was ihm nicht zum ersten Mal bewusst machte, wie nah Leben und Tod doch beieinander lagen. Wie auch immer, die Chance lag offen vor ihm. Er musste sie bloß ergreifen. Mit diesem Gedanken löste er ruckartig den linken Arm von der bebenden Brust des Draque, ließ ihn nach oben schnellen und ... Das jene rasche Bewegung untermalende metallische Aufblitzen über seinem Handgelenk ließ ihn erst zögern, dann zweifeln, dann sich erinnern.

Verdammt!, schoss es ihm durch den Kopf. Warum erst jetzt, du verfluchter Narr!

Es brauchte nicht einmal den Moment eines halben Wimpernschlags, um den Bogenschützen seinen zuvor gefassten Plan verwerfen zu lassen. Anstatt sein letztes Quäntchen Energie für das eher verzweifelte Vorhaben des Ergatterns eines Pfeiles zu vergeuden, entlud er alles, was noch in ihm steckte, in einem letzten, heftigen Tritt gegen den Draque, der beinahe zeitgleich laut aufjaulte, erschrocken zurück wich und sein Opfer mit überraschtem Blick aus den kleinen, giftgrünen Augen anstarrte. Vesten, der keinen Gedanken auf die Tatsache verwendete, dass er offensichtlich endlich eine empfindliche Stelle getroffen hatte, langte derweil ohne zu zögern nach dem stahlfarbenen Armreif, welcher sein linkes Handgelenk zierte, drückte auf eine der drei in dem Metall eingelassenen, winzigen Tasten und registrierte breit grinsend die daraufhin aufleuchtenden, nicht minder kleinen blauen und grünen Lichter.

»Rheyva!«, brüllte er in einer Lautstärke, die ausgereicht hätte, um gegen einen gewaltigen Sturm anzukommen. »Hol mich hier raus, Mann!«

Kaum einige Sekunden später wechselte das durchgehende Glühen der Lämpchen zu einem rhythmischen Blinken. Ein hohes, sich dem Pulsieren der kleinen Lichter anpassendes Piepsen gesellte sich hinzu, welches sich trotz des Getöses um ihn herum in sein Trommelfell schnitt. Sein Puls raste schneller und schneller. Der Draque bäumte sich auf, setzte zum Sprung an. Der Bogenschütze riss reflexartig die Arme vor das Gesicht, als das Raubtier sich auf ihn stürzte, ihn unter sich begrub und anstatt ihm den Kopf abzubeißen, die Krallen in seiner rechten Schulter versenkte. Die Lichter rasten. Vesten schrie auf vor Schmerz. Das Piepsen verschmolz zu einem einzigen, hohen Pfeifen. Der Draque kreischte vor lauter Raserei. Ein elektrisches Knistern brachte die Luft um sie herum zum Flimmern, es folgte ein kurzes, dumpfes Donnern, und noch bevor es ganz verklungen war, hatten sich beide Kontrahenten in Luft aufgelöst.

Kommentare

  • Author Portrait

    Spannend, spannend! Wohin es die beiden Kontrahenten wohl verschlagen hat?

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