Kapitel 1: »Ihr seid spät.« (Teil IV)

Auf der anderen Seite Orcumorras, und somit hunderte Kilometer von den Ereignissen am Spiegelgebirge entfernt, hockte ein hochkonzentriert auf einem Stück dickem Draht kauender, schlaksiger, aber dennoch alles andere als schwächlich wirkender Mann an seinem morschen Holztisch. Letzterer nahm den Großteil der eigentlich recht geräumigen Wohnstube ein, in der er stand, war jedoch trotz seiner enormen Ausmaße unter dem Durcheinander aus Metallteilen, Drähten, Kabeln, Schraubendrehern in allen erdenklichen Größen und zig anderen technischen Gerätschaften und Baustücken kaum mehr zu erkennen. Nur wenig besser erging es den nahezu vollständig mit zahlreichen Regalbrettern verhangenen Zimmerwänden, die sämtlich von einem beinahe genauso üppigen wie chaotischen Potpourri ähnlicher Dinge verdeckt wurden. Ja, selbst die einzige zwei Fenster aufweisende Seite der Stube war nicht gänzlich verschont geblieben, hatte sie doch fünf große, nichts anderes als verzerrte, auf schwarzem Grund unablässig hin und her zuckende weiße Schriftzeichen zeigende Bildschirme zu tragen. An deren jeweiliger Unterseite waren etwa handbreite, flache Kabel befestigt, die allesamt durch einen schmalen, knapp über dem Fußboden in die hölzerne Wand geschlagenen Schacht ins Freie verschwanden. Draußen angekommen schlängelten sie sich auf kürzestem Wege durch einen breiten Grasstreifen, um schließlich nach knapp zwei Metern in einer komplizierten Anlage zu münden, die mittels eines im direkt neben ihr verlaufenden Fluss platzierten, Elektrizität produzierenden Wasserrades angetrieben wurde.

»Au!«, durchschnitt plötzlich die ansonsten so angenehm beruhigend wirkende Stimme des sich selbst stets als Technomagier bezeichnenden Mannes fluchend die zuvor nur vom leisen Rauschen der Bildschirme untermalte Stille des Raumes, während er den Schraubendreher, mit dem er eben noch hantiert hatte, jäh in die kleine, frei geschobene Fläche alten Holzes vor sich rammte. »AU! Verflucht noch eins!«

Gleichzeitig widerstand er nur schwerlich dem Impuls, mit der Faust auf die seinen linken Unterarm einnehmende Apparatur einzuschlagen, aus welcher gerade elektrische Entladungen in Form kleiner, bläulich-weißer Blitze hervor schossen und gnadenlos seinen Arm traktierten. Lieber biss er die Zähne zusammen, langte hastig mit der Rechten nach einer schmalen Zange und beförderte, sich dabei selbst nachdrücklich zur Vorsicht mahnend, einen winzigen, silbrig schimmernden Draht hervor, woraufhin die nadelscharfen, mehr denn reichlich schmerzhaften Stromschläge begleitet von einem erleichterten Seufzer seinerseits augenblicklich stoppten.

»Heureka«, stieß er leise hervor, sich schon das nächste Werkzeug - eine Art improvisiertes Lötgerät - schnappend.

Nur wenige Handgriffe später ließ er sich abermals seufzend - und mit inzwischen wieder entspanntem Blick - rücklings gegen die Lehne seines knarrenden, aus dicken Ästen zusammengezimmerten Stuhls sinken und strich sich einige vorwitzige Strähnen seines knapp schulterlangen, dunkelblonden Haares aus dem Gesicht. Dabei bekaute er nun sichtlich erfreut noch etwas fester seinen Draht, grinste den offen stehenden Deckel der frisch reparierten Manschette an und versetzte selbigem mit einem spitzbübischen Glitzern in den dunkelgrünen Augen einen Klaps, sodass er unter einem leisen Klicken in seine Arretierung fiel und das auf ihm befindliche Feld voller nicht einmal fingernagelgroßer Tasten wieder sichtbar wurde.

Die „Virga“. Ein elektrisches Gerät, mit dessen Hilfe er seine kleinen wie großen Wunder vollbrachte; wenn auch meistens mehr schlecht als recht, obwohl er das nie wirklich zugegeben hätte. Nun, jedenfalls kam der Titel des Technomagiers, den er sich schon vor langer Zeit selbst verliehen hatte, dank der Apparatur keinesfalls von Ungefähr, und mit den kleinen Justierungen, die er soeben an ihr vorgenommen hatte, sollten seine Zauber eigentlich ab sofort noch mal um ein Ganzes länger an Bestand und Wirkung aufweisen als zuvor, was ihm ein leises Kichern entlockte. Wenn er sich nur die bei Weitem noch nicht ausgeschöpften Möglichkeiten ausmalte, die er noch aus der Magischen herausholen konnte, so er denn nur lange und hart genug daran arbeitete, geriet er in freudige Verzückung.

»Ein kleiner Test«, murmelte er schließlich, spuckte den Draht irgendwo in die unendlichen Abgründe des auf dem Tisch gesammelten Wirrwarrs und fuhr sich mit der Hand über den Dreitagebart. »Das wäre doch jetzt genau das Richtige.«

Seine Worte waren noch nicht gänzlich verklungen, als plötzlich diverse grüne und blaue, unter dem Tastenfeld der Virga angebrachte kleine Lichter hektisch zu blinken begannen (welch ein Segen, dass er es geschafft hatte, das lästige Piepsen zu beseitigen), woraufhin ihn eine verzerrte Stimme aus dem Gerät heraus anschrie.

»Rheyva! Hol mich hier raus, Mann!«

Einen Herzschlag lang erstarrte der Angesprochene und stieß einen leisen Fluch aus, während er in Gedanken seine Magische darauf verwettete, dass am Spiegelgebirge irgendetwas verdammt schief gelaufen sein musste. Nur einen weiteren Herzschlag später rasten seine Finger wie ferngesteuert über die kleinen, metallenen Tasten auf dem Gerät an seinem Arm, wodurch sich binnen Sekundenbruchteilen der über den Tasten sitzende, schmale und dunkle Bildschirm mit einem Sammelsurium grüner Runen füllte, welche die kleinen Lichter veranlassten, immer schneller und schneller zu blinken. Unterdessen schlossen sich die an der Wand aufgehängten Monitore in Form eines statischen Rauschens und Knisterns der Reaktion der Lämpchen an. Das dezente Zucken der weißen Schriftzeichen steigerte sich zu einem wilden, nahezu hypnotisch anmutenden Tanz, welcher durch ein feines, die kleine Wohnstube erfüllendes Summen untermalt wurde, das mehr und mehr anschwoll, am Ende in einen kurzen, dröhnenden Donner gipfelte, und nur einen Wimpernschlag später materialisierte sich etwas mitten im Raum. Dann gab es plötzlich einen heftigen Knall, Rheyva wurde in eine Ecke geschleudert, der alte Tisch zerbarst in seine Einzelteile, und morsches Holz, Werkzeug, Drähte und Metall regneten durch das Zimmer. Zeitgleich fegte irgendetwas Rotes knapp über ihn hinweg, gefolgt von einem zweifellos schmerzerfüllten Schrei, der sich, vereint mit einem lautstarken Brüllen, unter die stickige Luft in der Stube mischte.

Der Technomagier wagte seinen Augen kaum zu trauen, nachdem er die Reste eines mitsamt seinem Inhalt von der Wand auf ihn hinabgestürzten Regals zur Seite befördert hatte und erkannte, was sich nun definitiv uneingeladen in der Wohnstube seiner Hütte tummelte: Es war ein Draque. Und irgendwo unter diesem rasenden Riesenvieh musste Vesten stecken, dessen laute Flüche nur allzu deutlich an Rheyvas Ohren drangen. So schnell seine zitternden Knie es zuließen, kämpfte sich Letzterer wieder auf die Beine, wobei abermals seine Finger hastig über die Virga glitten und sogleich neue Runen auf ihrem Bildschirm sichtbar wurden.

»Rigesco!«, schrie er den Zauber hinaus, der augenblicklich einen durchsichtigen, bläulichen Strahl aus der Magischen löste. Blitzschnell bildete dieser eine Energieblase um den Draque herum und legte sich anschließend einem hauchfeinen Schleier gleich dicht über ihn. Der Jäger erstarrte mitten in der Bewegung, und bis auf das Zischen feiner, elektrischer Blitze und Funken, die aus zwei zerstörten Monitoren sprühten, sowie einem leisen Stöhnen aus der Richtung, in der Rheyva den Bogenschützen vermutete, war es von einer Sekunde auf die andere in der gesamten Hütte totenstill.

»HAEVERFLOX!«, durchbrach der Technomagier unvermittelt die nur dem Schein nach friedliche Stille und trat einige Male so fest mit dem Fuß auf den Boden, dass die alten Holzdielen ungehalten knarrten. »Schwing deinen Hintern hier hoch, aber hurtig!«

Gemeinsam mit seinem letzten Wort flog bereits die Stubentür auf und prallte staubend gegen einen im Weg liegenden Haufen aus Holz und Kabeln, woraufhin ein vielleicht achtzig Zentimeter hohes, drahtiges und wüstenfuchsähnliches Wesen in aller Seelenruhe das Zimmer betrat, um nur unweit der Pforte stehen zu bleiben. Interessiert ließ es die Blicke aus seinen runden, dunkellilafarbenen Augen durch den in völligem Chaos liegenden Raum schweifen, während die beiden großen und spitz zulaufenden Ohren auf seinem Kopf unablässig in alle Richtungen horchten. Gleichzeitig erschien ein kaum merkliches, amüsiertes Grinsen auf seinem Gesicht, das die dort in dem mittellangen, seinen gesamten Körper bedeckenden, anthrazitfarbenen und zum Bauch hin in helles beige übergehenden Pelz befindliche und sich an Armen wie Beinen wiederholende schwarze Fellzeichnung dezent verzerrte. Haeverflox, seines Zeichens ein Hassenichgesehn (eine Bezeichnung, die man durchaus wörtlich nehmen durfte, konnte seine Art doch normalerweise bei Bedarf unsichtbar werden), klopfte sich anerkennend nickend mit der linken Hand auf die unter einem zerknitterten, hellen Hemd versteckte Brust, während er die rechte lapidar in die Tasche seiner abgetragenen, dunklen Leinenhose schob. Unterdessen schwang sein ebenfalls mit der altbekannten, schwarzen Maserung und im Gegensatz zum Rest seines Fells nochmals mit etwas buschigerem Haar versehener Schwanz, welcher in etwa so lang war sein Träger hoch, neugierig hin und her, und lugte ihm zu guter Letzt über die Schulter, ganz so, als verschaffe er sich lieber seinen eigenen Überblick.

»Nett«, bemerkte er schließlich mit einer ob seiner geringen Größe überraschend tiefen Stimme und tat im selben Moment einen wie beiläufig wirkenden Schritt zur Seite, als hinter ihm ein weiteres Regal endgültig genug von der Wand hatte und zu Boden krachte. »Hast aufgeräumt, wie ich sehe.«

»Mir ist echt nicht zum Scherzen zumute, Flox«, antwortete Rheyva ungehalten und deutete sichtlich nervös auf den Draque. »Zumindest nicht, solange das Vieh da noch in meiner Hütte steckt und ich keine Ahnung habe, wie lange der Zauber es noch lahmlegt.«

Haeverflox musterte den roten Jäger prüfend - dessen Schwanz just in diesem Moment kräftig zur Seite zuckte -, fuhr sich mit der Hand über seine spitze Schnauze und sah wieder zu dem Technomagier hinüber, der ganz offensichtlich nicht vorhatte, seine vermeintlich sichere Ecke zu verlassen, bevor die Luft wieder rein war.

»Ich dachte, du modifizierst das Ding da«, erwiderte er, zog skeptischen Blickes eine Augenbraue in die Höhe, deutete mit der Hand auf die Magische und mit seiner Schwanzspitze auf den geschuppten Räuber, dessen Flügel inzwischen dezent zu beben begannen. »Nach Verbesserung sieht das allerdings nicht aus, wenn du mich fragst.«

»Ich bin noch in der Testphase«, murrte Rheyva und zuckte ratlos mit dem Schultern. »Und so wie es aussieht, sind die Parameter immer noch zu ungenau. Außerdem ...«

»Freunde! Holt endlich dieses Ding von mir runter!«

Die plötzlich von irgendwo unter dem Draque dünn hervordringende Stimme Vestens sorgte dafür, dass Haeverflox ehrlich verwundert und - was äußerst selten vorkam - sogar einen winzigen Moment lang sprachlos in selbige Richtung starrte, wonach ein neuerliches, dieses Mal nicht mehr zu übersehendes Grinsen von seiner Mimik Besitz ergriff.

»Ich bin ja hier schon einiges gewohnt, aber das überrascht mich jetzt wirklich«, kicherte er. »Wie kommt denn unser Meisterschütze da drunter? Ich dachte, der wäre gerade auf Mission?«

»Flox!«, platzte es wie aus einem Munde mahnend aus Technomagier und Bogenschützen hervor, dicht gefolgt von einem quer durch das Zimmer schießenden Stuhl. Seine unfreiwillige Flugeinlage hatte das Möbelstück dem langsam wieder munter werdenden roten Jäger zu verdanken, welcher seinerseits mit einem tiefen, wütenden Grollen seine nicht unbedingt besser gewordene Laune deutlich machte.

»Ja, ja, schon gut. Kein Grund, maulig zu werden.«

Mit diesen Worten löste das Hassenichgesehn eine einfache Lederpeitsche von seinem Gürtel und näherte sich des Technomagiers ungebetenem Besucher.

»Heb den Zauber auf, Rhey.«

»Sicher?«, fragte selbiger, dabei mit einer Mischung aus Skepsis und Panik vorsichtig zu dem schnaubenden und knurrenden Raubtier hinüberäugend.

»Nun mach schon.«

Der Technomagier tat wie ihm geheißen, tippte kurz auf der Virga und sagte: »Expedire

Das blaue Energiefeld verschwand praktisch im gleichen Moment, und noch bevor das wieder befreite Raubtier sich aufbäumen und abermals auf den Bogenschützen stürzen konnte, ließ Haeverflox einmal die Peitsche knallen, was ihm prompt die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Draque einbrachte, der ihn nunmehr aus seinen sechs düster funkelnden Augen stumm anstarrte.

»Komm, Roter, gehen wir ein bisschen an die frische Luft«, sagte das Hassenichgesehn völlig unbeeindruckt, drehte mit geradezu stoischer Ruhe auf dem Absatz um und stapfte durch die Tür ins Freie. Sein neuer Freund zögerte bloß einen verschwindend kurzen Augenblick, ehe er ihm willig folgte, dabei die halb offen stehende, einem Wesen seiner Größe den ohnehin schon engen Weg nach draußen noch zusätzlich erschwerende Zimmertür aus den Angeln riss, sie achtlos zur Seite und fast auf Rheyva schleuderte und sich zu guter Letzt mühsam durch die Tür zwängte, um schließlich vom Dunkel der Nacht verschluckt zu werden.


Kommentare

  • Author Portrait

    Du hast wirklich originelle Ideen. Das Hassenichgesehen gefällt mir! :-)

beta
Feenstaub

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