Kapitel 1

Michael saß, so wie jeden Tag seit seiner Pensionierung, in dem quietschenden Schaukelstuhl seines Großvaters, auf der ebenfalls quietschenden, hölzernen Veranda seines Hauses, im kühlen Schatten, und ließ seinen Blick über die Wüste gleiten. Die Sonne verbrannte das Land täglich aufs neue, doch ließ sie auch die Schönheit erblühen, die dieser Gegend so eigen war. Die Kakteen, die ihre Blüten zur Schau stellten und der Wasserarmut trotzten. Die fetten, faltigen Echsen, die sich auf flachen Felsen sonnten und die Gelassenheit und Gleichmütigkeit eines Gletschers ausstrahlten. Die Heuschrecken, die verteilt in den wenigen Sträuchern saßen und ihre monotone Melodie zum besten gaben. Sein Kaffee, welcher neben ihm auf einem kleinen Tischchen mit Glasplatte stand, dampfte friedlich vor sich hin, obenauf trieben kleine Marshmallows wie Eisberge in der heißen, tiefschwarzen Flüssigkeit. Sie hielten dabei allerdings bedeutend länger durch als ihre realen Vorbilder auf den Meeren dieser Welt, welche man höchstens als Eiswürfel bezeichnen konnte. Das Sternenbanner zuckte sich nicht an seiner Fahnenstange, sondern hing leblos vom Dach der Veranda herab, wie schon seit Wochen. Kein Lüftchen hatte sich mehr geregt und die alte Fahne in Bewegung versetzt, deren einstige Schönheit inzwischen, ausgebleicht und zerrissen, nur noch ein Schatten ihrer selbst war. Der alte Mann polierte geistesabwesend den Lauf seiner Winchester, als, wie aus dem nichts heraus ein Geländewagen um eine Hügel herum rauschte und dabei eine mächtige Staubwolke aufwirbelte, dann direkt auf sein Haus zu hielt und gut 20 Meter davor scharf bremste. "Verfluchte Elektrokarren, die Scheißdinger hörst du auch einfach nie. So eine Fickschüssel wird mich nochmal über den Haufen fahrn", knurrte Michael, stemmte sich aus seinem Stuhl hoch und entsicherte unauffällig seine Model 101. Aus dem schwarzen Fahrzeug mit den getönten Scheiben stiegen zwei Männer. Einer mit zum Zopf gebundenen, langen schwarzen Haaren und dem unverkennbaren Gehabe eines chinesischen Agenten, Michael kannte sich da aus. Der andere hatte einen dunklen Teint, sehr kurze, schwarze Haare und trug einen sehr teuren italienischen Anzug. Als letztes stieg noch eine Frau aus, mit einem Afro, auf den einige der alten Black Panther neidisch gewesen wären. Sie war schlank und ziemlich fit, so dass sich unter ihrem Tactical Suit ihre Muskeln beeindruckend abzeichneten. Michael seufzte auf, wie nur ein alter Mann aufseufzen kann, der zu viel dieser Martial-Arts-Poserscheiße gesehen hatte, um zu wissen, das es nur Schauspiel war. Wie die Trommler oder Dudelsackspieler, die vornweg in den Kampf marschieren. Er rückte seine Cap aus der Stirn heraus und hängte die Daumen in seine Hosenträger, als er die  Veranda hinab stieg. "Mister Mao und Mister Ceasar. Was treibt euch denn, in diese gottverlassene Gegend? Müsstet ihr nicht in irgendeiner Fabrik die Arbeit von großen Amerikanern stehlen? Und wer is die Raubkatze, die ihr da mitgebracht habt? Ich hoff doch, sie wird nen alten, weißen Grundbesitzer wie mich nicht platt machen wollen, oder, Kätzchen?", sagte er und spuckte dabei leidenschaftlich in den Wüstensand. Er fischte eine Zigarette aus einer Hosentasche und steckte sie sich an. Der Mann im italienischen Anzug schüttelte nur den Kopf, als er auf Micheal zu lief. "Ach, Mister Washington. Immer dieser Rassismus, ich dachte, dass hätten wir geklärt. Ich bin enttäuscht, wirklich, sehr enttäuscht. Aber trotz allem...", er machte eine kurze Pause als er vor Micheal zum stehen kam und das Grinsen in seinem Gesicht augenblicklich erstarb. "Zum Geschäftlichen, bitte." Der alte Mann zog kräftig an der Selbstgedrehten und blies den Rauch genüsslich in das Gesicht des Italieners, der angewidert den Kopf abwand. "Hat euch meine Info etwa nicht gereicht? Ist doch gut gelaufen in San Francisco. Wollt ihr den guten, alten Uncle Sam etwa noch weiter ausnehmen? Reicht euch noch nicht, was ihr unter eure gierigen Griffel bekommen habt?", knurrte er böse und zog wieder an der Kippe. Mister Caesar lachte auf und trat einen Stein beiseite: "Nein, Michael, das reicht noch lange nicht. Uncle Sam liegt verprügelt auf dem Boden. Und jetzt heb' einfach seine Brieftasche auf. Denn sonst..." er schnippte mit dem Finger vor Michaels Nase. Dieser hatte die Winchester schon zur Brust gehoben und wollte gerade abdrücken, da hatte sich Miss Luxemburg schon zur Seite gerollt und in schneller Folge drei Kugeln aus ihrer Glock abgegeben. Der alte Mann blickte auf seine Brust und das daraus hervorquellende Blut. Ungläubig betastete er die Wunde und sackte dann einfach zusammen. "Herrje, Michael. Wir hätten dich vielleicht warnen sollen!", Mister Mao kam nun auf den sterbenden Mann zu und hockte sich neben ihn "Aber sei es drum. Ich hätte sogar fast Mitleid für dich empfunden. Aber...", er machte eine Pause, nahm Michael die Kippe ab und drückte sie auf dessen Hand aus "Auch nur fast." Sie fuhren zwei Stunden durch die Wüste und warfen dann den Leichnam einfach aus dem Wagen. Marco wischte sich noch das Blut ab, während Nian und Gerda die Unterlagen durchgingen, die sie aus dem Haus des ehemaligen CIA-Agenten hatten mitgehen lassen, bevor sie es angezündet hatten. Größtenteils waren es Versicherungsunterlagen, Unterhaltszahlungsaufforderungen und Briefe eines gewissen Doktor Wagner, der sich scheinbar um Michaels Gesundheit sorgte. "Ich hab was", rief Gerda fröhlich "Berichte zur Iran-Contra Affäre. Scheinbar waren da noch viel mehr involviert, als nur die, die sie an den Pranger gestellt haben!" Nian zuckte nur mit den Schultern und antwortete gelangweilt: "Unwichtig. Such nach Aktuellem. Verdammt, wie viele Kinder hatte der Typ den? Kein Wunder das er uns soviel verraten hat. Der musste mehr Unterhalt im Monat zahlen als ich im Jahr verdiene." Nach einiger Zeit meldete sich wieder Gerda: "Wie wär's damit. Zugangsdaten zu einem Lager der US-Army. Irgendwo in Florida. Helium für militärische Nutzung. Sind die so verzweifelt, das sie wieder Luftschiffe bauen wollen?" "Setz es auf die Liste. Helium ist rar. Das geht direkt an alle großen medizinischen Einrichtungen", warf Marco ein. "Mutterländer oder Hegemonialstaaten?", fragte Nian. Marco zuckte nur mit den Schultern während er den SUV durch einen kleinen Canyon lenkte: "Das entscheiden nicht wir. Verteilung von Ressourcen ist Teil des Oberkommandos." Das Oberkommando. Eine Kooperative der INTCEN, des europäischen Nachrichtendienstes, sowie des Guojia Anquan Bu, des chinesischen Ministeriums für Staatssicherheit, und des Zhong Chan Er Bu, des chinesischen Militärnachrichtendienstes. Mit eingebunden waren noch der kanadische CSIS und andere, kleinere Nachrichtendienste der Hegemonialstaaten Chinas und Europas, hauptsächlich aus Südamerika und dem pazifischen Großraumes. Seit fünf Jahren, also seit dem Beginn des Zusammenbruchs der Vereinigten Staaten, operierten die offiziell befreundeten Supermächte EU und China in Nordamerika und rissen sich unter den Nagel, was die einstige Weltmacht noch besaß und nicht abtreten wollte. Es lief fantastisch. Ein Konzern nach dem anderen wurde aufgekauft oder musste in die Knie gehen. Die militärische Macht der Staaten war gebrochen und hatte sich in unendlich vielen Kleinkriegen auf dem ganzen Globus selbst zerrieben. Eine Zeitenwende war angebrochen. Nun führte wieder die alte Welt das Zepter. Und anstatt sich gegenseitig im Wettrüsten und Ausspionieren langsam zugrunde zu richten, hatte man die Welt aufgeteilt und regierte sie zusammen, freundschaftlich. Marco, Nian und Gerda waren ein Paradebeispiel für diese Vereinigung. Zusammen hatten sie schon die ein oder andere Operation mit Informationen versorgt und sie so erst ermöglicht. Marco grinste in die Sonne, welche durch die Windschutzscheibe herein fiel und die Klimaanlage des Wagens schwer zu schaffen machte. Gerda und Nian warfen sich gegenseitig Brocken von Infos zu, die sie dem CIA-Veteran abgeluchst hatten, als Marcos altes Smartphone klingelte. Er hätte sich ein neues gekauft, aber die waren unbezahlbar, da der Vorrat an seltenen Erden, ganz vornweg Indium, zur neige ging. Er ging ran und meldete sich wie gewöhnlich. "Hallo Marco, Dominic hier. Wie ist es gelaufen?", eine etwas kratzige Stimme antwortete ihm. "Ganz gut, Boss. Das heißt, wir haben alle Infos, die der Alte besaß, beisammen. Nur musste diese Koryphäe des alten Amerika Gerda erschrecken. Wir haben ihn den Geiern hinterlassen." am anderen Ende der Leitung seufzte jemand und schlug leicht auf eine Armatur. "Vollidioten! Warum das? Konntet ihr euch nicht einmal, nur dieses eine Mal, zurückhalten? Michael war vielleicht ein Arschloch, aber er hätte uns sicher mehr erzählen können, als irgendwelche Akten oder was auch immer ihr aus seinem Nest mitgehen lassen habt", Dominic atmete tief durch und machte eine Pause, Marco war klug genug abzuwarten. "Na gut. Macht euch auf den Weg nachhause. Ich sehe euch im Hauptquartier", dann legte er auf. Marco knurrte und Nian warf ihm einen besorgten Blick zu. Gerda zuckte nur mit den Schultern und blätterte die nächste Akte durch. eine Echse sprang erschrocken von ihrem Stein auf und flitzte durch die sonnen geflutete Ödnis der Wüste davon, als der Weg nur knapp an ihr vorbeirauschte und eine mächtige Staubwolke hinterließ.

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