Kapitel 1

~ Sieben Monate später ~

Zögernd betrat der junge Mann die Terrasse des kleinen Cafés, welches nur ein paar Meter vom Strand entfernt lag. Er ließ den Blick über die unzähligen Menschen schweifen, die sich bei dem schönen, wenn auch kalten, Wetter hier auf einen Kaffee getroffen hatten. Es war Mitte April und trotz des frischen Windes, der von der See herüberwehte, war es überraschend mild und viele hatten das ausgenutzt, um an diesem Wochenende hier nach Weybourne in Norfolk, England zu kommen.

Er selbst hatte andere Gründe als das Vergnügen, um hier zu sein. Er, Christopher Mcforest, war mit seinem potenziellen Arbeitgeber, Graf Viktor Draganesti, verabredet.

Dieser suchte ein »Mädchen für alles« für seine drei Pferde. Der junge Mann liebte diese Tiere und brauchte außerdem dringend einen neuen Job. Also hatte sein Kumpel, dessen Boss einen Gemischtwarenladen hatte und regelmäßig Lebensmittel an den Graf auslieferte, diesem die Telefonnummer Chris’ gegeben, damit Viktor diesen kontaktieren konnte, falls die Stelle noch zu haben war.

Nun stand Christopher hier, auf der Terrasse des Cafés, und wartete.


»Mr. Mcforest?«

Langsam drehte der Angesprochene sich um und sah in die blauen Augen eines jungen Mannes.

»Ja, der bin ich«, gab Chris leicht irritiert zurück.

Da er zwei Tage zuvor mit dem Grafen telefoniert hatte, war er sich sicher, dass es der Blonde vor ihm auf keinen Fall sein konnte, denn die Stimme seines Gegenübers klang ganz anders. Außerdem war er definitiv viel zu jung.

»Gut! Ich bin Luca, Luca Summerson. Der Graf erwartet Sie im Café. Ich soll Sie zu ihm bringen«, sagte der junge Mann schmunzelnd, drehte sich um und machte sich auf den Weg zum Eingang des Gebäudes, an das die Terrasse angrenzte. Chris folgte ihm.

Luca führte ihn zu einem der ruhigeren, hinteren Tische. Dort saß ein dunkelhaariger Mann um die Ende Zwanzig, der ihnen erwartungsvoll entgegen sah.

»Mr. Mcforest, nehme ich an. Graf Viktor Draganesti. Luca wollte es sich nicht nehmen lassen, Sie zu mir zu bringen. Ansonsten hätte ich Sie natürlich persönlich draußen in Empfang genommen.«

Chris ergriff die dargebotene Hand seines Gegenübers. »Kein Problem, Graf. Es ist mir eine Freude, Sie persönlich kennenzulernen.«

Viktor deutete auf die freien Sitzgelegenheiten. »Bitte, nehmen Sie Platz, Mr. Mcforest.«

Sich auf einen der beiden Stühle niederlassend, ließ Chris den Blick zwischen Luca und Graf Draganesti hin und her schweifen.

»Sie suchen also Arbeit?«, fragte Viktor und als Chris nickte, fuhr er fort, »Sie sagten am Telefon, dass Sie Erfahrung mit Pferden haben. Inwiefern?«

In die braunen Augen seines Gegenübers blickend, erwiderte Christopher: »Ich habe eine Ausbildung als Bereiter gemacht und mit Pferden hab ich schon seit meiner Kindheit zu tun. Ich bin mir aber auch nicht zu fein, die Stallarbeit zu übernehmen oder sonstige Jobs. Hauptsache, ich hab etwas zu tun und keine Zeit, zu viel nachzudenken.«

Der Graf lehnte sich zurück und musterte ihn schmunzelnd. »Ich habe auf meinem Landsitz hier in Weybourne derzeit drei Pferde, die sich über Bewegung und Pflege freuen würden und einen Stallmeister kann ich außerdem gebrauchen. Der alte war ein fauler Hund. Hat die Tiere sträflich vernachlässigt. Sie würden bei mir auf dem Anwesen wohnen und wären in allem ziemlich auf sich gestellt, denn ich bin nur ein paar Wochen im Jahr da. Die einzigen Personen, die außer Ihnen durchgehend vor Ort wären, wäre der Gärtner, der ein- bis zweimal die Woche für ein paar Stunden kommt und mein Verwalter, der gleichzeitig für die Sicherheit des Geländes und natürlich der Bewohner zuständig ist und der, wie Sie, auf dem Gelände wohnt. Sie hätten also Ihre Arbeit, ein Dach über dem Kopf inklusive Verpflegung und, wenn Sie wollen, sogar Gesellschaft.«

Chris strich sich eine dunkelblonde Strähne aus dem Gesicht. »Die Gesellschaft interessiert mich weniger. Ich bin ganz gerne alleine. Der Rest hört sich prima an.«

»Nun gut, dieses Treffen hier hatte für mich nur den Sinn, einen ersten Eindruck von Ihnen zu bekommen. Ich würde sagen, Sie schlafen eine Nacht darüber, machen mir einen Lebenslauf fertig und kommen dann morgen Nachmittag bei mir in Millstream House vorbei. Dann zeige ich Ihnen alles. Und wenn es passt, dann können Sie gerne sofort anfangen.«
»Lebenslauf? Moment ...«, Christopher nahm seinen Rucksack und zog einen Hefter heraus, den er dem Grafen reichte, » ... alles dabei. Lebenslauf und Bewerbungsschreiben.«

»Sehr vorbildlich«, erwiderte dieser, nahm die Unterlagen entgegen und gab diese an Luca weiter, »ich werde mir die Sachen in Ruhe anschauen, wenn ich zu Hause bin. Wir müssen uns jetzt allerdings auf den Weg machen, denn leider habe ich noch etwas zu erledigen, das nicht warten kann. Ich hoffe, Sie morgen auf meinem Anwesen begrüßen zu dürfen.«

Damit erhob Viktor sich und Luca tat es ihm gleich.

Auch Chris stand auf: »Ich werde da sein, Graf.«

Er reichte beiden die Hand, verabschiedete sich und sah ihnen dann nach, als sie das Café verließen.

Die erste Hürde schien genommen. Sein Lebenslauf würde schon passen, darüber machte er sich keine Gedanken. Ein wenig besser gelaunt als noch vor ein paar Stunden, machte er sich auf den Weg nach Hause ...


Nach einer unruhigen Nacht stand er am nächsten Vormittag gegen zehn Uhr auf und verschwand erst einmal unter der Dusche. Er hatte am Abend noch seinem Kumpel Bericht erstattet und mit diesem eine Flasche Wein geleert, während sie ein wenig herumgesponnen hatten ... über eine glückliche, unbeschwerte Zukunft für Chris, nach all dem Elend, das er durch hatte.

Nachdem er ein leichtes Frühstück zu sich genommen hatte, machte er sich schließlich auf den Weg nach Millstream House.

Der junge Mann lenkte seinen silbernen Kombi auf den etwas abseits gelegenen Landsitz zu und parkte ein Stück neben dem Eingangstor, welches sich über zwei Meter in die Höhe reckte und aus kunstvoll geschmiedeten Eisenstäben bestand, die nach oben hin in einer pfeilartigen Spitze endeten.
Das hatte Chris schon oft bei solchen Anwesen gesehen und sollte das Herüberklettern Fremder verhindern oder es zumindest erschweren. Dieses Kunstwerk aus schwarzem Metall setzte sich rechts und links des Tores in einem hohen Zaun fort. Der untere Teil der Umzäunung bestand aus einer zirka 80 Zentimeter hohen Mauer und der obere aus eben diesen geschmiedeten Stangen.

»Gut gesichert«, murmelte Chris, stieg aus, nahm seinen Rucksack aus dem Kofferraum und ging hinüber zu dem zweiflügeligen Portal. Er drückte auf den Klingelknopf, der sich in dem rechten Mauerstück befand, in den der eine Teil des Tores eingelassen war, und wartete.

Nach einer Weile klingelte er noch einmal, aber nichts rührte sich. Es vergingen weitere zehn Minuten, ohne dass etwas passierte.

Seufzend setzte der junge Mann sich schließlich in Bewegung und fing an, das Gelände zu umrunden, um nach einem Neben- oder Hintereingang zu suchen. Aber der anfängliche Zaun ging nach einigen hundert Metern in eine dichte, hohe Hecke über, was die Chance auf einen anderen Zugang auf nahezu Null reduzierte. Chris wollte die Suche gerade aufgeben, als ihm eine schmale Lücke in der Einfriedung auffiel. Gerade breit genug, dass er hindurch passen würde.

Einen Moment zögerte der junge Mann, dann schob er sich seitlich durch den Spalt und fand sich kurz darauf auf dem Gelände des Grafen wieder.

»Scheiße«, fluchte er, denn die Hecke hatte ihm ein paar Risse in seinen Sachen beschert, sowie einen blutigen Kratzer auf einer Wange.

»Scheiße ist das richtige Wort für deine Lage.« Eine dunkle, brummige Stimme drang von rechts an sein Ohr ...

~

Es hatte nach Regen ausgesehen, als der Verwalter von Millstream House, Henry Lehmann, sich aufgemacht hatte, um seine alltägliche Mittagskontrollrunde auf dem Anwesen zu machen. Das Gelände war sehr weitläufig und normalerweise hatte der Sicherheitschef ein Quad zur Verfügung, um diese Aufgabe schneller zu erledigen. Doch dieses hatte vor Kurzem endgültig den Geist aufgegeben und so blieb ihm nur der Fußmarsch. Da er diesen Job schon einige Jahre machte, kannte er allerdings die Ecken, die er unbedingt im Auge behalten und andere, die man nicht dreimal am Tag anlaufen musste. Er hätte eins der Pferde für seine Runden nehmen können, aber Henry traute diesen Tieren nicht und so kam diese Option nicht für ihn in Frage.

»Verdammtes Wetter«, brummte er mit einem Blick zum Himmel, wo sich dunkle Wolkenberge auftürmten, und er beschleunigte seine Schritte. Es konnte jeden Moment anfangen zu regnen und er hatte keine Lust, nass zu werden. Mit seinem Jagdgewehr über der Schulter stapfte er an der über zwei Meter hohen Hecke entlang, die fast das gesamte Anwesen einfriedete, als er ein Stück weiter vor sich eine Bewegung auf dem Rasen wahrnahm. »Was zum Teufel ...«

Da kletterte doch tatsächlich so ein Bengel durch das Buschwerk auf das Grundstück ... der einzige Abschnitt, wo eine Lücke war und die hatte er entdeckt.

Der Wachmann knurrte unwirsch und sprintete zu der Stelle, wo ein junger Mann mit dunkelblonden Haaren gerade seine Jacke betrachtete und laut fluchte. Er war so mit seinen Klamotten beschäftigt, dass er Henry gar nicht wahrnahm, bis dieser neben ihm stand und die Waffe auf ihn richtete.

~

Chris fuhr wie elektrisiert herum und sah in die Mündung eines Jagdgewehrs.

»Was ... was zur Hölle ...? Nimm das Ding aus meinem Gesicht«, er musterte sein Gegenüber, das ihn fast um einen Kopf überragte.

»Das werde ich bestimmt nicht tun. Was glaubst du, was du hier machst? Du hast hier nichts zu suchen, Bürschchen. Das ist Hausfriedensbruch«, damit stupste der dunkelhaarige Mann Chris mit dem Gewehrlauf an, »beweg dich. Da geht‘s zum Ausgang.«
»Spinnst du? Hör auf mit dem Mist. Ich hab nen Termin mit Graf Draganesti und habe am Haupteingang geklingelt. Es hat aber niemand aufgemacht. Also nimm die Knarre weg und zeig mir einfach, wie ich von hier zum Haus komme.«

»Ja, sicher, du hast nen Termin mit dem Graf! Warum weiß ich da nichts von?«, braune Augen fixierten Chris.
»Vielleicht, weil du nicht so wichtig bist, wie du glaubst, Großmaul?«, erwiderte dieser spöttisch grinsend.
»Das reicht jetzt, du kleiner Hosenscheißer. Beweg deinen Arsch vorwärts. Ich werde dich jetzt vom Gelände entfernen. Und für dich Mr. Lehmann!«, schnaubte der Andere und schubste Chris unsanft nach vorne.

»Halt ja deine Finger bei dir, Mr. Lehmann. Lehmann, wasn das für ein Name?«

»Braucht dich nicht zu interessieren, du Penner. Geh voran jetzt«, ein weiterer unsanfter Stoß des Wachmanns beförderte Chris einen Meter nach vorne. Er kam ins Stolpern und fast wäre er auf seiner Nase gelandet.

»Arsch«, grummelte er unwirsch und ging weiter.


Nach zehn Minuten Fußmarsch, bei dem sie kein weiteres Wort gewechselt hatten, kam endlich das schlossartige Herrenhaus des Grafen Draganesti in Sicht. Ein breiter Kiesweg führte etliche Meter vom Eingangstor des Grundstücks in einem weitläufigen Bogen zu dem aus bräunlich-rotem Backstein errichteten Gebäude, an dessen linke Seite sich einige hohe, uralte Tannen schmiegten, sowie einige noch kahle Bäume hinter dem Haus, deren Spitzen weit über das Dach hinausragten. Chris fragte sich unwillkürlich, wie alt diese wohl sein mochten. Verstohlen ließ er den Blick über das Herrenhaus schweifen und stellte fest, dass, außer einem Fenster im unteren Geschoss, nirgendwo Licht aus dem Gebäude fiel - und das, trotzdem der Himmel durch die dichten, schwarzen Wolken so dunkel war, dass es schon beinahe Abend sein konnte, obwohl es erst früher Nachmittag war. Von dem schönen, sonnigen Wetter des Vortages war nichts geblieben.

Henry trieb Chris die breite Steintreppe zum Eingangsportal des Hauses hoch und als sie die zur Hälfte hinter sich gelassen hatten, öffnete sich dieses und ein dunkelhaariger, hochgewachsener Mann trat heraus.

»Das ist Sebastian Romanescu, der Butler des Grafen. Jetzt bin ich dich gleich los«, knurrte der Wachmann und schob Christopher weiter. Zu Sebastian gewandt sagte Henry: »Den da hab ich erwischt, als er durch die Hecke geklettert ist. Behauptet, er habe einen Termin bei Graf Viktor. Angeblich hat er geklingelt und keiner hat geöffnet.«

»Ich ... verdammt noch mal, hör auf mich hier rumzuschubsen ... Ich habe auch einen Termin und es ist auch richtig, dass auf mein Klingeln keiner reagiert hat«, Chris sah dem Butler in die dunklen Augen, »mein Name ist Chris, Christopher Mcforest. Ich habe mich gestern mit Graf Draganesti unten im Strandcafé getroffen und wir haben vereinbart, dass wir uns heute hier treffen, um die letzten Einzelheiten zu besprechen und damit ich mir alles anschauen kann. Es war zwar nicht richtig, durch die Lücke in der Hecke zu klettern und dafür entschuldige ich mich hiermit auch, aber ...«

Sebastian schmunzelte und unterbrach den jungen Mann: »Der Graf hat Sie mir angekündigt. Leider hat unsere Klingel wohl einen Kurzschluss, den Mr. Lehmann sicher gleich beheben wird. Kommen Sie, Mr. Mcforest, ich werde Sie zu Graf Viktor bringen.« Damit hielt der Butler Chris die Tür auf und dieser betrat das Gebäude.

Zurück blieb ein wütender Henry, der den beiden einen Moment nachschaute, sich dann umdrehte, die Treppe wieder hinunterstieg und sich auf den Weg zum Eingangstor machte, um die Klingel zu überprüfen.

»Verdammt! Da hat dieses Frettchen doch tatsächlich die Wahrheit gesagt«, brummte er und befestigte den Draht, der sich vom Kontakt gelöst hatte, wieder, »wie steh ich denn jetzt da? Trotzdem kann er nicht einfach durch die Hecke klettern. Das ist und bleibt unbefugtes Betreten. Ach, wozu mach ich mir überhaupt Gedanken über so 'nen Hippie? Haare bis zu den Schultern. Soll sich mal nen ordentlichen Schnitt verpassen lassen. Fehlt nur noch, dass der auf Männer steht. Dann streik ich aber.« Damit schulterte der Wachmann wieder sein Gewehr und setzte seine Runde über das Gelände fort.









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