Kapitel 1

Ein gewöhnlicher Tag im Leben des Jesse King

 

Jesse



„Jesse, wo bleibst du bloß? Du bist ja schlimmer als jede Frau!“, Cassies glockenhelle Stimme und ihr alle für sich gewinnendes Lachen dringen an sein Ohr. Aber er versucht sich keinesfalls angesprochen zu fühlen. Er weiß doch schließlich gar nicht, was sie meint. Er hat gerade einmal rund fünfundvierzig Minuten im Bad verbracht und jeder, der ihn etwas näher kennt, – und das tut seine Freundin gewiss – der weiß, dass das für Jesses Verhältnisse ein absolut humaner Zeitraum ist. Als der Fünfundzwanzigjährige dann aus dem Badezimmer tritt, hört er das klackende Geräusch der zufallenden Badezimmertür gar nicht richtig, so gefesselt ist er von Cassies Aussehen. Sie hat eine Top Figur, hatte sie schon immer, aber in diesem eng anliegenden, pinken Kleid, das ihre wundervollen Kurven noch einmal betont, ist sie absolut ein Engel. Sie lächelt ihn strahlend an, ist sich voll und ganz bewusst, dass sie umwerfend aussieht und seine gesamte Aufmerksamkeit in diesem Moment nur ihr gilt.

„Wow…“, entfährt es ihm ein wenig atemlos. „Ich dachte, du willst zur Uni. Von einer Party war nicht die Rede.“ Er ist tatsächlich, auf eine äußerst positive Art und Weise, völlig überwältigt von diesem Anblick. Wenn sie nicht sowieso seine Freundin wäre, dann würde er sie wohl spätestens jetzt auf Knien anflehen. Sie kichert nur und erwidert: „Naja, ich dachte, ich putze mich mal heraus. Schließlich bleiben mir nur noch wenige Wochen an der Uni. Nachdem Wintersemester bin ich fertig und außerdem wollte ich dich schon die ganze Zeit nach deiner Meinung zu meinem neuen Kleid fragen, aber da du jetzt sabbernd vor mir stehst, gehe ich davon aus, dass ich gut aussehe“, sie grinst, nachdem sie ihren Satz beendet hat und er zieht sie spielerisch, aber mit sanfter Gewalt, zu sich.

„Was heißt hier sabbernd? Ich glaube, ich habe mich verhört.“ Sie wird bereits warm von seinen Armen umschlossen und lehnt sich schon in die Berührung, als er beginnt  sie gnadenlos durchzukitzeln, woraufhin ein leichter Aufschrei ihrerseits und ein halbherziger Protestversuch folgen. Die beiden albern noch eine Weile herum, bis ihre Blicke kurz zur Uhr wandern. Verdammt, nun sind sie wirklich spät dran. Wenn sie sich jetzt nicht beeilen, wird Cassie ihr Kolloquium verpassen. Alles nur wegen des blöden Kleides, wehe jemand sagt ihm je wieder, er würde Zeit verschwenden! Der junge Mann mit dem rotblonden Haar parkt seinen kleinen, grünen Smart nahe des Campus - an dem er selbst die ersten vier Jahre studiert hat -  und so langsam kann man auch Cassie ansehen, wie aufgeregt sie wirklich ist. Sie tut zwar immer so, als sei das ganze Studium für sie keine große Sache und als sei sie sich völlig sicher, ihre Scheine ohne größere Probleme zusammen zu bekommen, aber er kennt seine Freundin nun einmal besser. Sie ist unglaublich aufgeregt. Allein die Tatsache, dass sie in den letzten Wochen fast jede Nacht durchgelernt hat - was zugegeben auch ihn ein paar Mal um den Schlaf gebracht hat – zeigt, wie viel Angst sie wirklich vor all diesen Prüfungen und Hausarbeiten hat. Denn zu ihrer Schulzeit, die die beiden gemeinsam an der Fairfield-High verbracht haben, lernte sie stets auch nie mehr als unbedingt nötig. In dem Fall passt der Spruch „Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss“ wie die Faust aufs Auge.

Beruhigend legt Jesse ihr eine Hand auf den Oberschenkel. „Hey, du schaffst das schon.“ Sie kaut nervös auf ihrer Lippe, lächelt ihn dann aber an. „Klar, warum auch nicht?“, meint sie in einem gespielt lockerem Tonfall. Ihm fiele da schon der ein oder andere Grund ein weshalb, aber das muss er ihr ja nicht auch noch auf die Nase binden, stattdessen nickt er nur und erwidert ein kurzes „Eben“.

Beim Aussteigen aus dem Auto wird er schlagartig daran erinnert, dass sie Mitte November haben, denn ein kräftiger Herbstwind fegt durch die Bäume, die braunen und roten Blätter tanzen nur so umher  und dicke Regentropfen benetzen die Erde. Vielleicht brauchte man gar keine Jacke von ihrem Apartment bis zur Tiefgarage, in der sein Wagen geparkt war. Schließlich ist beides der Bequemlichkeit halber miteinander verbunden, aber jetzt ist Jesse froh, seine graue Herbstjacke zu tragen. Ganz im Gegensatz zu Cassie, die ohne eine Jacke nur in ihrem hauchdünnen Kleid da steht.

„Nicht das richtige Outfit für den Herbst, hm?“, neckt er sie, gibt ihr aber im gleichen Atemzug seine Jacke, damit sie zumindest etwas vor Wind und Wetter geschützt ist. Außerdem bekommt er prompt zu hören, dass sie ihm mit diesem Kleid ja wohl auch einen Gefallen getan habe und wo sie recht hat, hat sie recht. Am Haupttor zum Campus verabschieden sie sich mit einem kurzen Kuss voneinander und er schaut ihr noch eine Weile hinterher, während sie zu einem der Universitätsgebäude hastet, auf dem Weg zu ihrem Hörsaal.

Was er jetzt allerdings machen soll, ist ihm nicht so ganz klar. Denn seine ersten Vorlesungen an diesem Tag beginnt erst in zwei Stunden, der einzige Grund für ihn, hierher zu fahren, war Cassie, die ja heute ihr Kolloquium hat. Nachhause fahren lohnt sich allerdings auch nicht, weshalb er abermals in seinem kleinen Auto sitzt und seinen zehnminütigen Weg durch den New Yorker Straßenverkehr beginnt, um zur First Avenue, genauer gesagt, zur School of Medicine an der First Avenue zu gelangen, wo er in etwas mehr als sechs Monaten seinen Abschluss machen wird. Er befindet sich schließlich im letzten Jahr seines Medical Doctors.

Gelangweilt schlurft er die Flure eines der vielen Gebäude des Gebäudekomplexes, der zur Uni gehört, entlang. Sein Ziel ist nun die Bibliothek. Zum Glück muss der Medizinstudent dafür nicht wieder raus in den Regen. Zwar steht die Bibliothek am anderen Ende des Campus, aber einige der Universitätsgebäude sind über weite Flure mit kompletter Glasfront verbunden, so auch diese beiden. Der Weg ist zwar etwas länger, als wenn man querfeldein geht, aber dafür bleibt man mit Sicherheit trocken. Zum Glück! Denn das Letzte, das er jetzt will, ist eine unfreiwillige Dusche.

Als er die große Flügeltür aus Ebenholz öffnet, die den Blick ins Innere der Bibliothek verwehrt, fährt er fast zusammen, so laut ist das quietschende Geräusch, das diese von sich gibt. Komisch. Bisher ist es ihm noch nie aufgefallen. Aber vermutlich liegt das an dieser unglaublichen Stille, die sonst nicht auf den Gängen herrscht. Heute scheint die Universität wie leer gefegt. Woran das liegt, vermag er nicht zu sagen, aber ohne Cassie wäre er ja schließlich auch nicht hier.

Ganz alleine ist er aber dennoch nicht, denn Mrs. Norton strahlt ihn schon von ihrem Schalter aus an, noch bevor er überhaupt ganz drinnen ist. Man sieht in Filmen ja oft diese Schreckschrauben von Bibliothekaren, die bei jedem kleinen Räuspern gleich an die Decke gehen, aber so ist sie definitiv nicht. Vielmehr ist sie die gute Seele dieser heiligen Hallen, die einem mit Rat und Tat zur Seite steht. Auch wenn sie nur zwei Mal die Woche hier anzutreffen ist, die restlichen Tage kümmern sich studentische Hilfskräfte – zu denen auch Jesse selbst zählt – um alle Belange der Studenten. Ein großer Teil der Bücherausleihe funktioniert auch automatisch, viele Auskünfte ebenso. Aber dennoch, im Ernst, diese Frau kennt deinen Stundenplan für das kommende Semester, noch bevor du ihn selbst kennst. Vielleicht hätte sie Wahrsagerin werden sollen, obschon er sie hier ja nicht missen mochte. „Hallo Jesse, so früh schon da?“

„Ach, ich habe Cassie nur abgesetzt. Sie hat doch heute eine mündliche Prüfung und nun ja, es lohnt sich einfach nicht für zwei Stunden nach Hause zu fahren. Da habe ich mir gedacht, ich leiste Ihnen ganz uneigennützig Gesellschaft, da Sie hier ja so allein sind“, erwidert er schelmisch.

Das wird von ihr sogleich mit einen Lächeln quittiert. „Natürlich, ich arme alte Frau komme sonst noch um vor Einsamkeit“, sagt sie mit todernstem Gesicht, aber in einem ausgesprochen erheiterten Tonfall. „Außerdem kann ich hier gerade ganz gut zwei starke Arme gebrauchen und da du ja so hilfsbereit bist…“ Sie zeigt mit einer kurzen Geste auf einen Stapel alter Bücher, die in Kisten einsortiert sind  „Räumst du die noch für mich ein? Ansonsten liege ich nämlich bald doch noch mit einem Hexenschuss daheim im Bett.“

„Für Sie doch immer, Mrs. Norton“, erklärt er in allerfeinster Schwiegersohn Manier und beginnt sich an den Kisten zu schaffen zu machen, die in der Tat recht schwer sind. Sie plaudern so über dies und jenes, Gott und die Welt. Sie fragt ihn nach Cassies weiteren Plänen, ob er sich schon etwas für Cassie und ihr Neunjähriges ausgedacht habe und was er sich wohl für die Zukunft erhoffe. Im Gegenzug interessiert er sich dafür, wie ihre letzte Chemotherapie gelaufen ist - sie kämpft nun schon eine Weile gegen den Krebs - was ihre Kinder so machen und wie ihr der Urlaub in Spanien gefallen hat. Sie berichtet ihm stolz, dass sie zum zweiten Mal Großmutter geworden ist. Eine Sekunde lang stellt Jesse sich vor, was seine Mutter wohl für eine Großmutter wäre, verwirft diesen Gedanken allerdings gleich wieder. Schließlich ist seine Mum doch noch ein Stückchen jünger als Mrs. Norton.

Seine kleine Schwester Lilly ist erst acht. Außerdem will er jetzt noch sicher keine Kinder, dafür ist er einfach noch zu jung. Auch wenn man mit Mitte zwanzig bekanntlich schon auf die Dreißig zugeht. Aber Mrs. Norton, mit ihren rosigen Wangen, der rundlichen Statur, die eine Oma eben hat, und dem passenden Alter mit ihren Mitte sechzig, die fügt sich für ihn perfekt in das Bild ein, welches er von einer Großmutter hat.

Vielleicht, weil er selbst ja keine hat. Die Mutter seines Vaters hat die Familie verlassen, als dieser noch ein kleiner Junge war und die seiner Mutter ist früh verstorben. Überhaupt scheint der Tod momentan einen Schleier über die Familie seiner Mutter zu ziehen. Opa Will liegt mit einer starken Lungenentzündung im Krankenhaus und Onkel Henry, der jüngere und einzige Bruder seiner Mum, ist vor einigen Wochen an einem Herzinfarkt gestorben.

Jesse hat ihn gerne gemocht und sehr geschätzt. Er war ein offener, fröhlicher Mensch, aber er hätte offen gestanden auf den kleinen Supermarkt verzichten können, den er ihm vererbt hat. Er weiß, Henry hatte eben keine eigenen Kinder und er will sich ja auch nicht beschweren. Nur weiß er mit seinem Erbe so gar nichts anzufangen. Die verwertbaren Lebensmittel haben sie - seine Mutter und er - direkt an die Food Bank weitergegeben. Jetzt stellt sich nur noch die Frage was aus dem nun fast leer stehenden Gebäude und dem übrig gebliebenen Mobiliar werden soll. Seiner Mum würde es wohl nicht wirklich passen, wenn er den kleinen Markt jetzt einfach verkaufen würde.

Jesse ist auf seinem Platz, inmitten all der Bücherregale tatsächlich sehr in seine Aufzeichnungen der letzten Anatomievorlesung vertieft, als die gute Mrs. Norton so freundlich ist, ihn daran zu erinnern, dass er jetzt eine Vorlesung hat. Die Frau kennt jeden Stundenplan! Da Cassies restliche Vorlesungen nur etwas früher enden als seine für diesen Tag, haben sie sich für den Nachmittag in einem kleinen Café, namens Sue’s, verabredet.

Es regnet noch immer unaufhörlich, als der junge Mann durch die Lowood Avenue dorthin eilt. Das nächste Mal muss er unbedingt einen Regenschirm ins Auto legen. Das wäre ausgesprochen praktisch. „Hey Schatz!“ Cassie begrüßt ihn freudig mit einer Umarmung und einem seichten Kuss auf die Wange, auch wenn sie riskiert dabei nass zu werden. Sie hat sich einen schönen Platz am Fenster ausgesucht und er setzt sich gleich zu ihr. Er fragt sie im selben Moment nach ihrem Kolloquium, in dem sie sich nach seinen Vorlesungen erkundigt und augenblicklich beginnen beide zu lachen.

„Also?“, erwartet er gespannt ihre Antwort.
„Nun…, ich denke es ist ganz gut gelaufen. Zumindest kann ich mich keiner Aufgabe entsinnen, die ich nicht beantworten konnte. Aber ich bin natürlich trotzdem gespannt. Gott, ich meine, bald bin ich eine Lehrerin. Ich kann es kaum erwarten!“ Sie lächelt ihn so zufrieden an, dass er gar nicht anders kann als dieses Lächeln zu erwidern. Sie hat Recht, sie braucht sich eigentlich keine Sorgen machen. Er zweifelt nicht im Geringsten an ihr.

„Und wie waren deine Vorlesungen nun?“, fragt Cassie ihn. „Ach, die waren eigentlich wie immer. Du weißt schon, ganz viel Anatomie und Biologie, von der du gar nichts hören möchtest, glaub mir. Für mich hoch interessant, für dich eher, sagen wir ich denke nicht, dass du jemals in die Situation kommen wirst, jemandem ein Körperteil amputieren zu müssen“, sie verzieht das Gesicht und er muss unweigerlich grinsen.

„Siehst du? Ich hatte Recht. Jedenfalls kann nicht jeder das Glück haben in vier Jahren fertig studiert zu haben“ Dabei zuckt er einmal spielerisch mit den Augenbrauen und sie muss lachen. Sie meint, er habe es sich ja schließlich so ausgesucht und dass sie schließlich auch nicht jünger als er sei, obwohl sie nur halb so lange studiert habe. Er sieht davon ab sie darauf hinzuweisen, dass sie nach dem Schulabschluss auch ein Jahr im Ausland verbracht und drei Jahre am Community College verschwendet hat, dann bestellen sie sich Kuchen. Das Sue’s bietet den besten Schokoladenkuchen weit und breit. Natürlich hat sie Recht und er ist ohne Zweifel zufrieden. Er würde nichts anders machen. Es ist gegen 22:00 Uhr am Abend, Cassie und er liegen eng aneinander geschmiegt im Bett und er möchte um keinen Preis der Welt aufstehen, als ihm einfallt, dass er seiner Mum versprochen hat sich Onkel Henry‘s Supermarkt noch diese Woche einmal anzusehen. Verdammt. Morgen ist Samstag, da kommt er ja doch wieder zu nichts. Er muss morgen im Restaurant um die Ecke kellnern und am Sonntag sind sie mit Kommilitonen aus der Uni verabredet und dann ist die Woche ja auch schon wieder rum.

Seine Freundin schaut ihn an, als sei er von einem anderen Planeten, als er ihr erklärt, dass er jetzt unbedingt noch einmal zum Supermarkt fahren muss und den Schlüssel vom Brett nimmt, der ihm vor gut einer Woche ausgehändigt wurde. Doch sie protestiert auch nicht wirklich, weiß sie doch, dass er sich sowieso nicht umstimmen lässt und schüttelt den Kopf, als er ihr anbietet mitzukommen.

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