Kapitel 1

“Valentina! Bleib stehen“, rufe ich laut und laufe hinter meiner dreizehn-jährigen Schwester her. Wieso muss sie mir mein Handy immer wieder wegnehmen? Als wir am Treppenabsatz angekommen sind, bleibt sie wenige Meter von mir stehen. “Mom sagt, dass du nicht so oft am Handy sitzen sollst“, erwidert sie und hält mein Smartphone hinter ihren Rücken. Ich verdrehe die Augen:“Du bist doch nur neidisch, weil Mom und Dad dir noch kein Handy erlauben.“ Daraufhin verschränkt sie die Arme vor der Brust und macht langsam einige Schritte von mir weg. Ich weiß, dass sie plant wieder weg zu rennen. Da habe ich wohl einen wunden Punkt getroffen. Ich hatte als ich dreizehn war nämlich bereits ein Handy. Ich hadere kurz mit mir, doch dann strecke ich meine Hand aus, um sie davon abzuhalten wieder weg zu laufen. Als sie bemerkt, was ich vorhabe, werden ihre Augen ganz groß und sie versucht panisch weg zu laufen. Sie hat Angst davor, was ich als Nächstes tun werde, da sie weiß, dass unsere Eltern es mir strikt verboten haben. Ich richte meine Hand auf sie, woraufhin meine Schwester plötzlich erstarrt.

“Raven!“, ruft jemand hinter mir plötzlich streng. Ich erschrecke mich und lasse meine Hand sinken. Sobald meine Hand nicht mehr auf Valentina gerichtet ist, beginnt sie sich wieder zu bewegen und schreit laut:“Mom! Raven hat es schon wieder gemacht.“ Ich fahre herum. Dort hinter mir steht meine Mom mit verschränkten Armen. Ich schaue sie erschrocken an:“Mom. Ich dachte, dass du noch im Garten bist und Dad hilfst.“ Sie schüttelt wütend den Kopf:“Und ich dachte, dass wir dir verboten hatten deine Kräfte zu benutzen.“ Ich schaue zu Boden und deute dann hilflos auf das kleine Biest hinter mir:“Das war nur Notwehr. Sie hat mir mein Handy weggenommen.“

Jetzt schaut meine Mutter nicht nur mich, sondern auch meine Schwester, streng an:“Das ist aber auch nicht okay, Valentina. Gib deiner Schwester bitte ihr Handy wieder.“ Ich drehe mich zu meiner Schwester um, die mir das Handy trotzig in die Hand drückt und an mir vorbei in den Garten stapft. Schnell stecke ich das Mobiltelefon in meine Hosentasche, damit Valentina es nicht wieder unbemerkt in die Finger bekommen kann.

Nun wendet sich meine Mutter mir zu. Sie setzt sich auf die Treppe und deutet neben sich. Damit fordert sie mich freundlich auf, mich neben sie zu setzen, lässt aber auch keine Ablehnung zu. Ich setze mich auf die Aufforderung hin, hin und schaue sie entschuldigend. “Du sollst deine Kräfte nicht benutzen, Raven. Und besonders nicht an deiner Schwester“, sagt sie. Ich seufze:“Ich weiß, aber manchmal treibt sich mich einfach in den Wahnsinn. Ich wollte sie wirklich nicht verletzen, Mom.“ Sie nickt:“Ich weiß. Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass ihr euch streitet und manchmal ist eine Schwester echt anstrengend, aber dann muss du wenigstens versuchen dich zu beherrschen und die Vernünftigere von euch sein.“ Innerlich verdrehe ich die Augen. Wieso muss ich immer die Vernünftigere sein? Nur weil ich drei Jahre älter bin? Das ist nicht fair. “Würdest du es bitte versuchen?“, bittet sie. Ich gebe nach und nicke:“Ja, ich werde es versuchen!“ “Danke, Schatz“, sagt sie freundlich:“Kommst du jetzt mit in den Garten und isst ein paar Würstchen mit uns?“ Ich nicke freudig. Mhm, Lecker, ich liebe Würstchen!

Ich erhebe mich von der Treppe und gehe nach draußen, um mich zu den Anderen zu setzen. Mom ist mir dicht auf den Fersen. Ich liebe diese warmen Sommerferientag, an denen man draußen mit der Familie im Garten sitzt und einfach nur Spaß hat. Das ist einer der schönsten Abende in diesen Ferien. Leider beginnt schon bald wieder die Schule und sowas wird es nicht mehr so oft geben.

Das feuchte Gras spüre ich unter meinen Füßen, nachdem ich meine Schuhe ausgezogen habe, weshalb ich mir ein leises Lachen verkneifen muss. Ich bin unter den Füßen ein wenig kitzlig. “Willst du ein Würstchen, Raven?“, fragt mein Vater, der am Grill steht. Ich nicke:“Klar! Danke, Dad.“ Ich setze mich an den gedeckten Tisch und warte einige Sekunden. Dann legt er mir eine Wurst auf den Teller:“Ich hoffe die ist gut so.“ Ich wende sie kurz und nicke dann:“Ja, danke die ist perfekt.“ Ich nehme eine Gabel und ein Messer. Mit diesen Werkzeugen bewaffnet, beginne ich zu essen. Als ich das erste Stück fast im Mund habe, klingelt es an der Tür. Wir schauen uns verwirrt an. Wer klingelt am Sonntagabend bei uns? Da verbringen doch die meisten Leute ihre Zeit mit der Familie oder einfach zuhause. “Wer kann das sein?“, fragt Dad. Ich zucke mit den Schultern. Mom legt ihr Besteck auf die gelbe Serviette neben ihrem Teller und erhebt sich vom Stuhl:“Ich geh schon.“ Mit diesen Worten verschwindet sie im Haus, um die Tür zu öffnen. Ich drehe mich um und schaue Mom hinterher. Auch mich interessiert wer da ist.

Nach etwa einer halben Minute kommt sie mit einem Brief in der Hand wieder. Ich bin ziemlich gut darin zu schätzen, was die Meisten manchmal etwas merkwürdig finden. Wie komisch! Welcher Postbote trägt denn an einem Sonntagabend noch Post aus. Als meine Mutter wieder an den Tisch zurückgekehrt ist, reicht sie mir den Brief über den Tisch hinweg.

Ich ziehe eine Augenbraue hoch, nehme ihn und werfe einen Blick auf die Beschriftung auf dem Umschlag. Er ist für mich. Wieso ist er für mich? Ich bekomme nie Post. Es gibt leider keinen Absender, weshalb ich den Umschlag mit meinem Messer aufschlitze. Heraus schießt ein vergilbtes Papier, welches in der Luft vor mir schwebt. Ich schaue mich meine Eltern fragend an. Dad zuckt mit den Schultern und Mom deutet auf den Brief. Ich beginne laut vorzulesen:“Liebe Raven Walsh! Uns ist zu Ohren gekommen, dass sie über magische Fähigkeiten verfügen, was sie zu einer perfekten Schülerin für unsere Schule macht. Deshalb würden wir uns freuen, wenn sie sich zu Beginn des neuen Schuljahres am Londoner Bahnhof auf Gleis 24 einfinden würden. Von dort aus werden wir sie dann zu unserer Schule für außergewöhnliche Kinder der “Supernatural Academy“ bringen. Wir freuen uns schon auf sie. Mit freundlichen Grüßen! Professor Greenhouse.“ Als der Brief zu Ende ist, verstumme ich fassungslos. Erst verstehe ich gar nicht, was ich da gerade gelesen habe, doch dann ist es glasklar. Ich wurde gerade auf eine Schule für außergewöhnliche Kinder eingeladen. Ich bin mir fast komplett sicher, dass diese Einladung etwas damit zu tun hat, dass ich kein Mensch bin, denn das bin ich, auch wenn man es mir nicht äußerlich ansieht, nicht. Ich bin ein Elementarhexenhybrid. Meine Mutter ist eine Hexe und mein Vater ein Elementarhexer.

Eigentlich ist sind ja beides Hexen, aber jede Elementarhexe kann nur ein Elemente kontrollieren und kann im Gegensatz zu einer normalen Hexe keine Magie praktizieren. Ich kann jedoch beides tun. Von meinem Vater habe ich die Macht geerbt Feuer, Eis und Wasser zu beherrschen und dank meiner Mutter kann ich auch normale Magie praktizieren, die bei zu all dem Überfluss aber noch viel Stärker ist als die von normalen Hexen. Darauf bin ich ziemlich stolz, doch deshalb lassen meine Eltern mich auch nicht zaubern. Abgesehen von Notfällen. Dann ist es erlaubt.

Als ich fertig gelesen habe, fliegt das Papier in den Umschlag zurück und welcher sich daraufhin wieder verschließt. Meine Mutter legt ihre Hand auf meine:“Schatz?“ “Ja“, sagt ich noch ein wenig überrumpelt. “Dein Vater und ich haben erwartet, dass das eines Tages passieren würde…“, sie macht eine Pausen:“…und wollen, dass du diese Schule besuchst. Dort wirst du lernen dich selbst und deine Kräfte zu kontrollieren, wodurch das Leben für uns alle sicherer wird. Dann würden wir auch dein Verbot aufheben können.“ Es tut mir weh, dass sie mich für eine Gefahr hält, doch ich kann sie auch verstehen. Bei mir besteht nämlich immer die Gefahr, dass ich eines Tages zu wütend werde und alles um mich herum zerstöre. “Ja, vielleicht hast du ja Recht. Ich werde es mir überlegen, okay?“, antworte ich ein wenig niedergeschlagen. Sofort ist die Freude des heutigen Abends verschwunden. Das hatte ich nicht erwartet und ich kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen, wie ich mich entscheiden werde.

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