Kapitel 1


Ich sitze auf der Couch und starre an die gegenüberliegende Wand. Die Tür zum Badezimmer geht mit einem lauten Knall auf und Jeremy kommt herein. Caleb sitzt auf seinem Bett und versucht die Matheaufgaben zu lösen ohne einen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Sam, der neben mir sitzt, sieht von seinem Buch auf und beobachtet Jeremy, der wild auf und ab tigert. Keiner sagt ein Wort. Irgendwann läuft er wieder zur Tür. Ich denke schon, er will wieder gehen, aber er schmeißt die Tür zu, dreht sich um und atmet durch.

„Sagst du uns heute auch mal was los ist?“, fragt Caleb.

„Mein Bruder ist ein Arsch!“, sagt er in einem ruhigen Ton, obwohl sein Gang gerade das genaue Gegenteil signalisiert hat.

„Ach, das ist ja was ganz Neues“, erwidert Caleb. Er sieht wieder auf seine Aufgaben und legt die Stirn in Falten. Man kann förmlich die Rädchen in seinem Kopf rattern hören.

„Brauchst du Hilfe?“, frage ich. Als Antwort seufzt er und schlägt das Buch zu.

„Nein. Ich gebe für heute auf! Heute Nacht träume ich bestimmt von Brüchen.“ Er steht auf und legt seine Sachen ordentlich auf den Schreibtisch. Es gibt nichts Schlimmeres für ihn als Unordnung. Im Gegensatz zu Sam, seinem Stiefbruder. Sam ist das genaue Gegenteil, er fühlt sich wohl, auch wenn er im größten Chaos sitzt. Caleb bleibt neben Jeremy stehen.

„Los sag schon! Was hat er angestellt?“, will er wissen.

„Er hat Besuch! Weiblichen Besuch!“ Ich muss auflachen und ernte gleich einen bösen Blick. „Gegen den Besuch an sich habe ich ja nichts. Auch nicht, dass es ein Mädchen ist.“ Jetzt lacht Sam neben mir auch. „Wirklich!“, beharrt Jeremy.

„Und was ist dann das Problem?“, bohrt Caleb weiter.

„Wenn er alleine sein will, könnte er es sagen. Ich würde gehen. Ich akzeptiere und respektiere seine Privatsphäre. Aber nein! Er fängt an, mit ihr herumzufummeln.“ Sam, Caleb und ich sagen nichts dazu. Keith, Jeremys Bruder, ist zwei Jahre älter als er und bringt alle Nase lang Mädchen mit nach Hause. Offiziell zum Lernen, aber was er wirklich treibt ist offensichtlich. Zumindest für uns. Jeremy regt sich jedes Mal einen Moment darüber auf, beruhigt sich aber schnell wieder, sowie auch jetzt. „OK. Jetzt geht es wieder.“

„Freut mich, wenn ich dir helfen konnte“, sagt Sam. Jeremy kommt rüber, küsst ihn und setzt sich auf die Lehne der Couch.

„Was liest du?“, erkundigt sich Jeremy. Die beiden sind seit sechs Monaten ein Paar. Ihre Eltern wissen nichts von den beiden. Caleb und ich sind die einzigen, die von ihrer Beziehung wissen. Und so soll es auch bleiben. Jeremys Familie und die Familie von Caleb und Sam wohnen im selben Haus. Jeremy teilt sich sein Zimmer mit seinem Bruder, sowie Sam und Caleb auch. Die beiden Zimmer sind durch ein Bad miteinander verbunden.

„Erde an Morgan“, Jeremy schnippt mit den Fingern vor meinem Gesicht um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Alles klar?“, fragt er. Ich hatte eine lange Nacht, daher nein, es ist nicht alles klar.

„Nein“, mehr sage ich nicht. Ich hätte nicht herkommen sollen. Mir ist mehr danach ins Bett zu kriechen und mir die Decke über den Kopf zu ziehen. Die Welt wird sich auch ohne mich drehen. Aber ich habe es einfach nicht mehr zu Hause ausgehalten.

„Deine Mutter“, sagt Sam in einem mitfühlenden Ton.

„Ja, aber ich will nicht darüber reden. Kann ich einfach nur hier sitzen? Ihr müsst mich nicht beachten. Ich kann nicht nach Hause.“ Ich versuche ihn beruhigend anzulächeln.

„Wenn du willst kannst du dich hinlegen. Ich leihe dir mein Bett.“ Caleb, der wieder auf seinem Bett sitzt, schlägt einladen neben sich auf die Bettdecke und grinst mich frech an. Wie immer versucht er mich aufzumuntern, indem er mit mir flirtet.

„Aber ohne dich!“, sage ich.

„Wo bleibt denn da der Spaß?“, erkundigt sich Caleb.

„Mit mir wirst du jedenfalls keinen haben“, sage ich lustlos.

„Hmm, so schlimm“, stellt Sam fest. „Noch nicht einmal Lust auf einen kleinen Schlagabtausch mit Caleb.“ Er sieht von mir zu seinem Bruder, der aufsteht und zu uns rüberkommt.

„Na los“, Caleb deutet mit dem Kopf auf sein Bett. „Leg dich hin.“

„Wirklich?“, frage ich unsicher nach. „Es macht dir nichts aus?“

„Quatsch.“ Er steht jetzt direkt vor mir und beugt sich zu mir runter. „Wenn ich jemanden in mein Bett lasse, dann dich.“ Er zwinkert mir zu. Jetzt flirtet er schon wieder. Mittlerweile ist er meinem Gesicht so nahegekommen, dass sich unsere Nasen fast berühren. Ich sehe ihm wohl einen Moment zu lange in die Augen, denn neben mir räuspert sich jemand.

„Sollen wir euch alleine lassen?“, fragt Sam etwas genervt. Er sieht mich interessiert an. Ich merke, wie ich rot werde, springe von der Couch auf und gehe zu Calebs Bett. Ich bin schon seit ich denken kann mit den dreien befreundet. Früher kam ich nach der Schule mit Max, meinem Zwillingsbruder, hierher. Da unsere Mutter einen Vollzeitjob hatte und unser Vater auch mehr unterwegs war als zu Hause, brauchten wir jemanden der sich mittags um uns kümmerte. Alice, Calebs Mum, hat das übernommen. Vor vier Jahren, als wir elf waren, hatte mein Bruder einen Unfall. Auf dem Nachhauseweg wurde er angefahren und starb noch an der Unfallstelle. Er war alleine unterwegs. Ohne mich. Danach änderte sich mein Leben schlagartig. Meine Mutter konnte nicht mehr arbeiten gehen. Sie lag die ersten Monate nur im Bett und litt unter schweren Depressionen. Das ging sogar so weit, dass mein Vater sie in die Psychiatrie einwies, weil er nicht mehr weiterwusste. Im ersten Jahr habe ich oft auf Sams und Calebs Couch geschlafen. Meine Eltern konnten lange nicht mit der Situation umgehen. In solchen Zeiten war ich froh, dass ich die drei hatte.

Momentan geht es meiner Mum wieder schlechter. Mein Dad ist keine große Hilfe. Er behauptet immer öfter, er müsste arbeiten. Aber auch abends? Ich habe schon lange den Verdacht, dass er eine Affäre hat. Oft frage ich mich, warum er es meiner Mutter nicht einfach sagt und verschwindet. Schlimmer wie jetzt kann es für keinen von uns werden. Gestern Morgen bin ich von lauten Geschrei aufgewacht. Meine Mutter hatte einen Nervenzusammenbruch, wie schon so oft. Sie geht abends ins Bett und es geht hier gut. Dann wacht sie am nächsten Morgen auf und es ist, als wäre Max erst gestern gestorben. Als wären die letzten fünf Jahre nie passiert. Mein Vater hat sich so gut er konnte um sie gekümmert und ich bin so schnell ich konnte in die Schule abgehauen. Die letzten Wochen waren ein auf und ab. Ihre Stimmungen schlugen oft so schnell um, dass ich Mühe hatte, noch mitzukommen. Über den Tag verteilt hat er ihr gestern Medikamente gegeben, die sie beruhigen sollten, sie ruhigstellen sollten. Heute Nacht wurde sie dann wach und so fit, dass sie sich lautstark streiten konnten. Wir haben Glück und unser Haus liegt ein Stück abseits, so dass die Nachbarn nicht mitbekamen, wenn mal wieder die Fetzen flogen. Ich lag die halbe Nacht wach. Und heute Morgen war es das Gleiche wie gestern. Aufstehen und so schnell wie möglich verschwinden.

Ich krabble auf Calebs Bett und rolle mich zusammen. Eigentlich würde ich lieber in Sams Bett. Ich gebe es zu, ich habe eine kleine Schwäche für ihn. Aber Jeremy war zuerst da und wer zuerst kommt malt zuerst. Ich öffne kurz die Augen und beobachte Jeremy, der gerade über etwas lacht, dass Caleb gesagt hat. Ich seufze und sehe wie Sam mich ansieht. Wie lange sieht er mich schon an? Nach einem Moment schließe ich wieder die Augen und höre den dreien bei ihren Diskussionen über Gott und die Welt zu. Worüber 15jährige Jungs eben reden. Langsam dämmere ich weg.

„Morgan“, höre ich eine vertraute Stimme sagen. Ich öffne wieder die Augen und sehe direkt in Sams grüne Augen. Ein paar Sekunden verschlägt es mir die Sprache. „Mum will wissen, ob du mit uns zu Abend isst.“

„Nein“, ich setze mich im Bett auf. Draußen dämmert es bereits. „Ich gehe nach Hause.“

„Sicher? Du kannst noch bleiben. Das weißt du.“ Ich nicke ihm zu während ich meine Schuhe anziehe.

„Ich muss nach meiner Mutter sehen. Ich bin mir nicht sicher ob mein Vater zu Hause ist.“ Ich schnappe mir meine Jacke und Tasche als Caleb hereinkommt.

„Ich sehe, du isst nicht mit uns“, stellt er fest. „Ich könnte einen netten Tischnachbarn gebrachen. Jemand weibliches, also dich.“ Er grinst mich schief an.

„Was stimmt denn nicht mit mir?“, fragt Sam.

„Also Sammy, wenn du das erst fragen musst“, verächtlich zieht er die Braue nach oben.

„Ich heiße Sam!“ Der Namensstreit zwischen den beiden wird wohl nie ein Ende finde.

„Das weiß ich doch, Sammy.“ Er legt beruhigend seinen Arm auf Sams Schultern, der nur den Kopf schüttelt.

„Ich würde den Arm da wegnehmen“, rate ich Caleb.

„Warum? Habe ich deine Gefühle verletzt Schätzchen?“ Er macht einen Schritt auf mich zu. Da die Tür offen ist, kann ich nicht so sprechen, wie ich gerne möchte. Ich mache gehe auf ihn zu, bis ich direkt vor ihm stehe.

„Nein“, flüstere ich ihm zu. „Aber ich verrate Jeremy, dass du seinen Freund angebaggert hast.“ Er sagt kein Wort, sieht mich nur an. Dann zuckt er die Achseln, dreht sich um und geht. Dass er sich so schnell geschlagen gibt, dachte ich nicht. Sam bringt mich noch zur Tür und ich mache mich auf den Weg nach Hause.

 

Als ich nach Hause komme ist es dunkel, es brennt kein einziges Licht. Ich schleiche nach oben ins Schlafzimmer meiner Eltern. Wie ich erwartet hatte, liegt meine Mum schlafend im Bett. Auf dem Nachttisch stehen, wie immer, ihre Tabletten gegen Schlafstörungen und Depressionen. Wie lange sie wohl schon schläft? Hat Dad sie dazu gebracht, etwas zu essen? Oder ist er einfach gegangen? Wie lange ist er schon weg? Er hat schon länger durchgehalten, als ich dachte. Spätestens nach 24 Stunden ist er normalerweise weg. Dreckiges Geschirr, das darauf hinweisen könnte, ob sie etwas gegessen hat, kann ich keines entdecken. Ich laufe in die Küche. Manchmal hinterlässt mir mein Vater eine Nachricht, damit ich weiß ob und wann sie etwas gegessen hat. Auf dem Esstisch liegt ein Zettel und Geld.

Lass sie schlafen. Es war kein guter Tag.

Ach ja? So schlau war ich auch schon. Ich lasse beides liegen und gehe zum Kühlschrank. Wie erwartet ist er leer, deshalb das Geld. Ein Zeichen, dass ich mir etwas zu essen bestellen soll. Wenn mein Leibgericht nicht Pizza wäre, würde ich mich aufregen. Aber es gibt schlimmeres. Allerdings hatte ich gerne Nudeln gegessen. Oder ein Schnitzel. Ich sehe auf das Geld. Er hätte mir ruhig mehr dalassen könne, dann hätte ich morgen wenigstens Lebensmittel kaufen können. Jetzt haben die Geschäfte natürlich zu. Ich bestelle mir meine Pizza und räume, während ich auf den Boten warte, das Wohnzimmer auf. Einen Moment überlege ich meine Hausaufgaben zu machen, höre aber ein Poltern von oben. So schnell ich kann, laufe ich die Treppe nach oben. Meine Mutter sitzt an die Wand gelehnt auf dem Boden. Sie starrt benommen vor sich hin. Mein Vater hat es mit den Beruhigungsmitteln wohl besonders gut gemeint. An der Tür klingelt es. Ich streiche meine Mum sanft über den Kopf, damit sie weiß, dass ich da bin. Die Pizza lege ich erst einmal zur Seite. Zuerst muss ich meine Mum wieder ins Bett bekommen.

„Mum“, sage ich leise zu ihr. Als ich ihr wieder auf die Beine helfe, verfluche ich meinen Vater. Sie riecht, als hätte sie seit Tagen kein Wasser mehr gesehen. Macht der Mann überhaupt irgendetwas? Ich bugsiere sie ins Bad und bekomme sie heil in die Wanne.

„Weißt du, was mir heute passiert ist?“, frage ich sie. Eigentlich nichts. Meistens erfinde ich irgendwelche Geschichten. Ob sie mir zuhört, weiß ich nicht, sie antwortet meistens auch nicht. Ich wasche ihr die Haare, während ich ihr erzähle, ich hätte heute Babykätzchen gesehen und mit ihnen gespielt. So ein Schwachsinn! Ich kann Katzen nicht ausstehen. Aber meine Mum mag sie. Frisch angezogen setze ich sie im Schlafzimmer an ihren Schreibtisch.

„Hast du Hunger?“ Keine Reaktion. „Dad hat mir Geld dagelassen. Ich habe Pizza bestellt.“ Ich küsse sie auf die Stirn und bete, dass morgen wieder ein guter Tag ist. Mit der, in der Mikrowelle aufgewärmten, Pizza setze ich mich neben sie und füttere sie. Ich stelle mir vor, wie sie mich früher gefüttert hat. Für einen Moment habe ich ihr lachendes Gesicht vor Augen, aber ich bin gleich wieder im hier und jetzt. Manchmal stelle ich mir mein Leben vor, wie es sein würde, wenn Max noch am Leben wäre. Ich könnte ein ganz normaler Teenager sein. Meine Mutter würde am Wochenende für uns kochen. Früher hat sie das immer gemacht. Als Ausgleich, dass sie unter der Woche so viel gearbeitet hatte.

Ich sehe auf den Teller. Sie hat das ganze Stück aufgegessen. Ich bin richtig stolz. Ob auf mich oder meine Mutter weiß ich allerdings nicht. Sagen wir, es war Teamwork. Ich bringe sie wieder ins Bett und räume die Küche auf. Mit zwei Stückchen kalter Pizza gehe ich in mein Zimmer, in dem das reinste Chaos herrscht. Ich kicke meine Schultasche, die mir im Weg liegt, in die nächste freie Ecke und lasse mich aufs Bett fallen. Auf dem Rücken liegend starre ich an die Decke. Ich überlege Jeremy anzurufen. Mit seiner ruhigen Art schafft er es meistens, die Traurigkeit in meinem Leben zu vertreiben. Ich sehe auf die Uhr. Nein. Zu spät. Kate, seine Mutter, würde mir was erzählen, wenn ich um die Uhrzeit anrufe. Ich ziehe mich um und gehe schlafen. Mit viel Glück schläft meine Mutter heute Nacht durch und mein Vater bleibt über Nacht bei seiner Freundin.


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