Kapitel 1

Regungslos stand ich in der Mitte des Raumes. Es war dunkel hier. Nur Dämmriges Licht lies Schatten in den Raum fallen. Meine Augen waren geschlossen. Meine Ohren waren in dieser Dunkelheit mein wichtigstes Instrument. Ich lauschte konzentriert auf die Geräusche um mir. Jeder Muskel in mir war angespannt, ich war jederzeit bereit zu kämpfen. Mein Brustkorb hob und senkte sich im ruhigen Rhythmus meines Atems. In der Stille des Raumes hörte ich mein Herz ruhig und gleichmäßig schlagen. In meiner linken Hand hielt ich einen Bogen aus schwarzem Ebenholz fest. Auf meinem Rücken spürte ich das Gewicht des Köchers in dem sich genau zehn schwarze Pfeile befanden. An meinen Oberschenkeln spürte ich die Kälte der zwei Klingen die dort befestigt waren. Der Stoff der Bandagen, mit denen ich die Dolche an meinen Beinen befestigt hatte, kratzte an meiner Haut. Ich trug schwarze hautenge Jeans und doch spürte ich die Rauheit der Bandagen. Doch ich ignorierte es.

Es gab nur eines was Wichtig war: Meinen Angreifer zu hören.

Den dieser war gut. Sogar sehr gut. Taylor, mein Trainingspartner, hatte die Gabe sich an seine Gegner heran zu schleichen wie eine Katze. Er war leichtfüßig und flink wie eine Hauskatze, doch zeitgleich tödlich wie ein Tiger. Mit ihm zu trainieren war eine Herausforderung, denn er verlor selten einen Schaukampf. Seltener als ich und das hieß viel. Wir waren die Jahrgangsbesten. Ich spürte die Blicke unserer vier Mentoren auf mir. Sie beobachteten uns geschützt hinter einer verspiegelten Glasfront obwohl unsere Waffen nicht echt waren. Alle Waffen in diesem Raum waren Illusion. Alles hier war Illusion. Nur ich und Taylor nicht. Wir waren das einzig reale und gefährliche hier.

Seit zehn Jahren waren wir nun auf der Krieger Akademie. In diesen Jahren wurde mir alles beigebracht was eine Kriegerin braucht: Mut, Scharfsinn, ein gutes Gespür und Opferbereitschaft. Das waren die vier Grundeigenschaften der Engelskrieger. Zu denen würden auch ich und Taylor gehören, sobald wir die Abschlussprüfung hinter uns haben. Morgen war es so weit.

Ein leises Geräusch hinter mir riss mich aus meinen Gedanken. Blitzschnell öffnete ich meine Augen, schnappte mir einen Pfeil aus dem Köcher, spannte ihn in die Sehne und drehte mich um. Mit zum Zerreißen gespannten Nerven suchte ich meine Umgebung ab. Nichts. Keine Spur von Taylor.

Verärgert über meine eigene Dummheit drehte ich mich wieder um. Das Buch lag immer noch aufgeklappt auf dem Lektoren Pult. Ich atmete beruhigt auf. Meine Aufgabe war simpel: Pass auf das Buch der Engel, auch 'liber is angelus' genannt, auf. Doch das klang einfacher als es ist. Überhaupt wenn der Gegner etwas Katzenhaftes an sich hat. Ruhig atmend trat ich näher an das Buch. Die Absätze meiner Stiefel klackten auf dem Steinboden und hallten an den hohen Steinernen Wänden wieder. Während ich einmal um das mit Goldenen Ornamenten und Runen geschmückte Pult ging suchte ich aufmerksam meine Umgebung ab.

Der Raum war eine Große Halle mit vielen Säulen und glich damit dem inneren einer Katholischen Kirche, dem Kirchenschiff. Der Rest war kalter Stein. Keine Bänke, Tische oder Pulte. Nichts. Nur Stein. Ich stand auf einem Plateau in der Mitte des Raumes, wo von oben herab ein Lichtkegel von Mondlicht das Pult beleuchtete. Ein großes Bleiglasfenster mit der Darstellung der vier Erzengel ließ das Licht herein. Es war die einzige Lichtquelle des Raumes. Heute war Vollmond und ich sah fasziniert auf meine von Mondlicht beleuchteten Schwarzen Flügeln die golden glitzerten.

Die Flügel der Engel, die je nach dem zu welcher Art man gehörte eine andere Färbung hatten, werden nur im Mondlicht sichtbar. Engel hatten weiße Flügel, Erzengel Goldene, Todesengel oder gefallene Engel hatten schwarze Lederflügel wie ein Drache. Halbengel hatten schwarze Federflügel mit goldenem Schein.

Ich bin ein Halbengel. Meine Mutter war ein Engel und mein Vater ist ein Erzengel, der höchste von allen. Somit waren meine Flügel schwarz wie ein Rabe mit Goldenem Schein durchzogen. Sie glitzerten im Licht des Mondes als wären sie mit Goldstaub bedeckt.

Die Tochter von Erzengel Michael zu sein, dem Engel der Krieger, war nicht immer leicht. Von mir wurde viel erwartet, genau wie von meinem Perfekten Bruder. Nur das er die Erwartungen aller erfüllte, wogegen ich einfach immer falsch lag. Würde ich diese Prüfung nicht schaffen, wäre ich erledigt: Dann bräuchte ich meinem Vater nicht mehr unter die Augen treten. Ich musste sie einfach bestehen.

Eine Bewegung im Schatten einer Säule lies mich aufhorchen. Schnell zückte ich Pfeil und Bogen. Mit angehaltenem Atem ließ ich die Säule nicht mehr aus den Augen. Keine Regung. Langsam ließ ich meine Arme sinken. Hatte ich mich von einem Schatten an der Nase herumführen lassen?

Ein Räuspern hinter mir lies mich zusammenzucken. Blitzschnell wandte ich mich um und hob meinen Bogen. Etwa zehn Meter vor mir stand Taylor, lässig an eine Säule gelehnt. Seine braunen Dreadlocks hatte er zurückgebunden und seine gepiercte Augenbraue spöttisch hochgezogen. Er trug wie üblich ein schwarzes Shirt, dazu schwarze Jogginghosen und Sneakers. Taylor war nur um ca. fünfzehn Zentimeter größer als ich und doch behandelte er mich wie ein kleines Kind das man nicht ernst nehmen konnte. So war es auch heute. Gelangweilt sah er auf meinen Bogen.

„Na, Rastamen? Keine Lust mehr hier herumzuschleichen?“ stichelte ich. Taylor hatte das unerklärliche Talent mich mit seiner bloßen Anwesenheit zu nerven.

Ein spöttisches Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Ich habe nur keine Lust mehr dir beim Träumen zuzusehen, kleiner Rabe.“ entgegnete er mir mit seiner ruhigen leisen Stimme. Schelmisch grinste er mir entgegen.

Genervt warf ich meinen Bogen auf die Steinfliesen und zog einen meiner Dolche. „Erstens: Nenn mich nie wieder Kleine,“ zischte ich bedrohlich während ich auf ihn zuging und meinen rechten bewaffneten Arm kampfbereit hob. „Und zweitens: Ich habe nicht geträumt. Meine Aufgabe war es das Buch zu bewachen und das habe ich getan.“

Ein breites Grinsen entstand auf Taylors Gesicht. „Das hast du super gemacht, Raven. Ich stehe hier seit ungefähr zehn Minuten und das einzige was du gemacht hast ist deine Flügel zu bestaunen und vor dich hin zu träumen. Du hast nicht einmal bemerkt das ich direkt vor dir stand,“ spottete er und trat einen Schritt auf mich zu. Er stand nun nur noch knapp zwei Meter vor mir.

„Ich habe nicht meine Flügel bestaunt. Ich weiß wie sie aussehen. Vielleicht hast du mich mit dir selbst verwechselt,“ knurrte ich. Eine Trainingseinheit mit Taylor würde eine Herausforderung werden, dass hatte ich schon vorher gewusst. Nicht nur, dass wir die besten Kämpfer unseres Alters waren, sondern auch, da wir es keine zehn Minuten im selben Raum aushielten ohne uns zu beleidigen. „Wie lustig, Raven. Wir wissen doch beide das ich von uns beiden der bessere Kämpfer bin. Aber sich mit Platz zwei zu begnügen kennst du ja schon,“ Taylor grinste selbstgefällig. Er wusste genau, dass dies mein Schwachpunkt war: Das Gefühl immer Zweitklassig zu sein.

„Nimm das zurück.“ Meine Stimme zitterte vor Wut.

„Und wenn ich es nicht tue? Was dann? Läufst du dann zu deinem Daddy?“ höhnte er weiter und trat siegessicher näher. Er stand jetzt genau wie ich auf dem Podium und seine Schneeweißen Flügel leuchteten wie mit silbernen Fäden durchwoben im Mondlicht. Ein Atemberaubender Anblick.

„Wie kannst du es wagen so von einem Erzengel, deinem Herrn, zu sprechen. Bist du vollkommen übergeschnappt, Tay?“ entgegnete ich verwundert.

Taylor zuckte gelangweilt mit seinen Schultern und zog sein Schwert von seinem Rücken. „Ich gehöre nur mir, Raven. Keinem anderen,“ murmelte er und hob sein Schwert. „Willst du nun kämpfen?“

Für einen Moment wusste ich nicht was ich entgegnen sollte. Solche Aussagen waren verpönt, denn wir waren dazu erzogen uns nicht über andere zu stellen und zu gehorchen. Der bloße Gedanke daran bereitete mir Magenschmerzen. Ich hoffte nur das unsere Mentoren es nicht gehört hatten.

„Was ist nun? Willst du mich weiter betrachten oder machen wir es endlich?“ riss mich Taylor's Stimme aus meiner Starre.

„Was?“ quietschte ich und wusste für einen Moment nicht von was er sprach.

Er brach in schallendes Gelächter aus. „Ich sprach vom Kämpfen, Süße. So selbstverliebt bin ich nun auch wieder nicht um dich vor unseren Mentoren über dich herfalle.“

Ich spürte wie die Hitze in meine Wangen stieg. Oh Gott, ich musste aus schauen wie eine Kampftomate.

„Nur in deinen Wildesten Träumen, Tay.“ knurrte ich, schenkte ihm ein schiefes Lächeln und hob meinen Dolch kampfbereit.

Taylor wischte sich mit einer Hand über das Gesicht. „Ach, Rav. Du schaffst mich. Jetzt weiß ich wie du deine Kämpfe gewinnst: Deine Gegner fallen vor Lachen einfachen um.“

Ich bebte inzwischen vor Wut. Was dachte sich dieser Aufgeblasene Idiot eigentlich?

„Glaubst du wirklich ich lasse sie so einfach abhauen? Du kannst von Glück sagen das ich noch nicht über dich hergefallen bin,“ zischte ich bebend.

Taylor spielte inzwischen lässig mit seinem Schwert. „Mann, du musst es wirklich nötig haben.“

„Du eingebildetes Arschloch. Denkst, du seist so unwiderstehlich und alle würden dir zu Füßen liegen. Aber eins kannst du mir glauben: Ich werde niemals vor dir im Dreck kriechen, Taylor,“ fauchte ich und machte kochend vor Wut auf meinen Absätzen kehrt.

Das Training war mir nur noch egal. Ich wollte raus aus diesem Raum. So weit wie möglich weg von diesem Arroganten Mistkerl der mich gerade vor allen blamierte. Suchend sah ich mich um. Wo war nur bloß der Ausgang aus diesem Verdammten Loch. Ein Ruck ging durch meinen Körper, brachte mich aus dem Gleichgewicht und ich fiel vorn über auf meine Schnauze. Zitternd stütze ich mich auf meine Arme und drückte mich hoch, so dass ich im Vierfüßler Stand war. Meine Knie und mein Rücken schmerzten. Vor meinen Augen tanzten schwarze Punkte.

„Wie war das nochmal? Du wirst mir nie zu Füßen liegen? Was machst du dann gerade da unten?“ erklang die schadenfrohe Stimme von Taylor.

Die aufgeschürften Stellen an meinen Handflächen brannten. Doch die Schmerzen waren nichts gegen die Scham vor meinem größten Gegner im Dreck zu liegen. Er stand nicht weit von mir entfernt auf meiner rechten Seite, wie ich aus den Augenwinkeln bemerkte. Mit meiner ganzen Kraft schwang ich mich auf und rammte ihm mein Bein in die Kniekehlen und sprang dabei selbst auf die Beine. Mit einem dumpfen Knall landete er auf dem Steinboden, Dabei fiel ihm sein Schwert aus der Hand und landete mit einem lauten Klirren auf dem Boden. Ein leises stöhnen entfuhr ihm. Würdevoll und Stolz ging ich an ihm vorbei, hob das Schwert hoch und trat mit erhobenem Schwert auf ihm zu. Das Schwert lag schwer in meiner Hand. Taylor wollte sich gerade aufsetzten als ich ihm drohend die Klinge an die Kehle hielt,

„Ich schätze, ich gewinne das Training gerade gegen dich. Das mache ich gerade,“ erwiderte ich kalt.

In diesem Moment hörte ich ein klacken. Verwundert wandten ich und Taylor unsere Köpfe. Nicht weit von uns entfernt öffnete sich verborgene Tür in der Steinwand und die Illusion rund um uns verschwand. Überglücklich ließ ich den Arm, der eben noch das Schwert gehalten hatte, sinken und trat durch die Tür. Von der plötzlichen Helligkeit geblendet kniff ich die Augen zusammen. Als ich sie vorsichtig öffnete nahm ich Schemenhafte Gestalten war die auf mir zutraten.

„Glückwunsch. Du hast das letzte Training für dich entschieden, Raven.“ hörte ich die aufgeregte Stimme von Rover, meinem Mentor, als ich in die Helligkeit des Überwachungszimmers trat. Es stimmt: Ich hatte es geschafft. Es war zwar knapp, aber ich hatte das Training mit Taylor für mich entschieden. Auf Unkonventionelle Art und Weise. Ich spürte wie eine starke Hand meine nahm und sie schüttelte.

„Nun kann morgen nichts mehr schiefgehen. Du schaffst das mit links“ hörte ich die tiefe Stimme von Mortimer jubeln, meinem zweiten Mentor. Als sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten verebbte das Hochgefühl von gerade eben als ich Jaxson, Taylor's Mentor, geknickt in der Ecke des kleinen rechteckigen Zimmers sitzen sah. Ein flaues Gefühl machte sich in meiner Magengegend breit. Schnell schüttelte ich das Gefühl ab. Auch wenn ich Jaxson mochte, in dieser Sache musste ich einmal an mich denken. Links hinter mir erstreckte sich die große Verspiegelte Fensterfront, durch der sie uns beobachtet hatten. Davor stand eine Art Mischpult mit allerlei Reglern und Knöpfen deren Funktion ich nicht verstand. An dem Stand Arthur, der zweite Mentor von Taylor, und starrte Gedankenverloren in den dunklen Trainingsraum. Er war ein rundlicher, sehr strenger Mann von Mitte Dreißig, mit Brillen und einer sehr lauten Stimme die weit durch die Akademie erklang, wenn er wütend war, was sehr oft der Fall war.

„Danke, ich... Das war jetzt nicht so schwierig. Ich habe einfach nur einen schwachen Moment von Taylor erwischt.“ beschwichtigte ich die zwei Männer die meine Hände hielten und mich beglückwünschten. Jetzt wo ich die enttäuschten Gesichter von Jaxson und Arthur sah war mir mein Sieg nur noch Peinlich und ich drehte mich um doch Taylor war nicht hinter mir. Wo steckte er?  Warum war er mir nicht gefolgt? Ich drehte mich zu der Glasfront und durchsuchte fieberhaft den Raum. Doch von Taylor war keine Spur.


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