Kapitel 1 - Angst

»Swetlana, wach auf«, energisch schüttelte die Frau das kleine Mädchen wach, um sich gleich daraufhin zu ihrem kleineren Bruder zu wenden und ihn ebenfalls zu wecken. »Oleg, auch du musst wach werden.«
Swetlana sah die zitternden Hände ihrer Tante. »Tante Natalie? Was ist denn los?« In dem Augenblick hörte sie schon das Geschrei, das aus der Küche durch den Flur zu ihnen drang. »Lass mich durch! Ich werde die Bastarde töten!«, brüllte ein Mann.
Swetlanas Mutter wimmerte: »Es sind deine Kinder, so glaub mir doch. Deine Mutter hat dich belogen. Es sind deine Kinder, dein Fleisch und Blut.«
»Du Hure hast es mit deinem eigenen Vater getrieben! Du hast mir die Kinder deines eigenen Vaters untergeschoben«, die Zunge des Manns ging so schwerfällig, dass man ihn kaum verstand.
»Johann, hör dir doch einmal selber zu. Es ist deine Mutter, die dir den Verstand vergiftet hat. Du kennst mich doch, du weißt, ich würde niemals so etwas Widerwärtiges tun. Es ist völlig krank, das auch nur zu denken. Das sind deine Kinder. Sie sind dir wie aus dem Gesicht geschnitten.«
Ein dumpfer Schlag folgte und das Mädchen hörte, wie ihre Mutter vor Schmerzen schrie. Mit großen Augen sah Swetlana zu ihrer Tante. »Papa?«
Natalie nickte knapp und zog Oleg an, der, noch immer im Halbschlaf, alles mit sich machen ließ. »Wir müssen uns beeilen. Zieh dir schnell etwas über, Sweta.«
Swetlana kannte diese Seite ihres Vaters zu gut. Wenn er trank, war er nicht mehr er selber. Aggressiv, wütend aus tiefster Seele, hasste er alles, was sich bewegte. In allem sah er das Böse und die giftigen Worte seiner Mutter trafen auf fruchtbaren Boden. Natalie öffnete das Fenster zum Garten, das sich zum Glück auf Parterre befand, als etwas laut gegen die Tür donnerte. Jetzt war auch Oleg hellwach. Er war sehr klein, aber auch bereits mit fünf wusste er, was der Lärm zu bedeuten hatte. Angstvoll klammerte er sich an Natalie, die den Kindern keine Zeit mehr ließ, sich fertig anzukleiden. »Nehmt eure Hausschuhe und Kleider mit. Wir müssen weg.«
Swetlana hörte die Angst in der Stimme ihrer Tante. Heute war es schlimmer als sonst. Heute waren sie wirklich in höchster Gefahr. Die Emotionen des Mädchens schalteten sich ab, nun hieß es reagieren und handeln. Natalie half den Geschwistern aus dem Fenster zu klettern und stieg dann selber hinterher.
BUMM!
»Mach die scheiß Tür auf!«, brüllte er auf russisch.
BUMM!
»Mach auf, Schlampe!«
BUMM!
Lange würde die hölzerne Tür den Angriffen des Vaters nicht mehr standhalten, das Knacken des brechenden Holzes drang bis zu ihnen raus. Natalie riss Oleg auf ihren Arm und rief entsetzt: »Lauf!«
»Aber Mama …«, Sweta versagte die Stimme.
»Hab keine Angst, sie schafft es ohne uns. Jetzt lauf!«
Die Tür gab nach und wurde krachend aufgetreten. Swetlana hörte das Schreien ihres Vaters, als er ins kleine Schlafzimmer der Kinder gestürzt kam. Wie ein waidwundes Tier klammerte er sich am Fensterrahmen fest und brüllte seinen Hass in die Nacht. Swetlana schaute sich nur einmal um, da waren sie bereits um die Wegbiegung gelaufen und der geliebte und doch gefürchtete Vater verschwunden.
»Hat er uns gesehen?«, fragte Natalie nervös.
Swetlana schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht.«
»Lasst uns trotzdem weiter laufen, wir sind noch zu dicht dran.« Resolut fasste sie Sweta an der Hand und zog sie eilig mit sich.
»Langsam, Tante Natalie, ich sehe nichts.« Tränen sammelten sich in den Augen des kleinen Mädchens, aber sie wusste, es war keine Zeit zum Weinen, keine Zeit schwach zu sein. Die Nacht schluckte jegliches Licht, man konnte kaum die Hand vor Augen erkennen.
»Wir sind gleich da, Sweta.« Gehetzt schaute sich Natalie immer wieder um. »Wir verstecken uns in den Büschen unserer Nachbarn. Ihr Hof ist groß, da wird er uns nicht suchen.«
Swetlana fragte nicht, dachte nicht, fühlte nicht. Reagieren auf Anweisungen, das war alles, was jetzt zählte. Oleg klammerte sich schweigend an seine Tante und brachte kein Wort hervor. Swetlana konnte ihn in der Dunkelheit kaum erkennen, aber sie fühlte seine Furcht, schwer und dick wie Brei, genau wie ihre eigene.

»Bleibt hier«, flüsterte Natalie und setzte Oleg auf den Boden. Wimmernd fasste der Junge um ihr Bein. »Gehen Sie nicht weg, Tante Natalie.«
Swetlana zog Oleg zu sich. »Hab keine Angst, kleiner Bruder. Ich bleibe bei dir und passe auf dich auf. Tante Natalie wird gleich wieder da sein.«
Natalie nickte. »Höre auf deine Schwester, ich muss nur schauen, wo wir die Nacht über schlafen können, es ist zu kalt, um hier im Busch zu bleiben.«
Das war es wirklich, kleine weiße Atemwölkchen bildeten sich beim Sprechen und Atmen. Es war beinahe Winter, eine Nacht hier draußen würde verdammt unangenehm werden.
Swetlana nickte. »Gehen Sie, ich passe auf ihn auf.«

Mit klammen Fingern versuchte Sweta, sich die vorhandene Kleidung über den Schlafanzug zu ziehen. »Zieh dich an, Oleg, du dummes Kind«, schimpfte die ein Jahr ältere Schwester. »Du zitterst ja schon vor Kälte.«
Schummriges Licht erhellte den großen Hof der Nachbarn. Kleine Weglichter am Rande der Wiese, auf der sie sich befanden, machte die Dunkelheit nicht mehr ganz so furchteinflößend. Immer noch stumm versuchte der kleine Junge sich ungeschickt anzuziehen, als ein Rascheln sie beide zusammenzucken ließ. Es war nur Natalie, Erleichterung machte sich in Swetlana breit und Oleg begann erneut zu wimmern, und sich an die Tante zu klammern. Genervt drückte sie das Kind von sich weg. »Du musst dich anziehen, Oleg. Es ist zu kalt.« Umständlich half sie dem Kleinen, sich einen Pulli überzustülpen, als sich ihnen ein merkwürdiges blinkendes Licht näherte. Sweta drehte neugierig den Kopf, blaues Licht, das sich im Kreise drehte, wie seltsam.
»Oh nein, die Polizei«, sagte Natalie verzweifelt. »Zieht euch endlich richtig an, wie kann man nur so langsam sein?!«
Das Tor der Nachbarn zu ihrem Hof rollte auf und der Wagen mit dem lustig blinkenden Licht kam näher. Das war also die Polizei? Swetlana hatte nie zuvor ein Polizeiauto gesehen, bei dem sich die Lichter so seltsam verhielten. Wie ein Pulsschlag, was beunruhigend und beruhigend zu gleich war.
Das Auto rollte über den Hof und kam am Rand der Wiese zum Stehen, die Scheinwerfer genau auf dem Busch gerichtet. Sweta kniff die Augen zusammen und zog schnell ihren Rock zurecht. Mist, die Beine des Schlafanzuges lugten noch unten hervor. Bevor sie sie nach oben ziehen konnte, hörte Swetlana das Öffnen der Fahrzeugtüren und ein noch grelleres Licht durchflutete die Nacht mit kaltem Licht.
»Hier spricht die Polizei, wir wissen, dass sie sich im Busch aufhalten, kommen sie bitte langsam und mit erhobenen Händen heraus.«
Swetlanas Herz rutschte in die Hose. Die Augen gewöhnten sich langsam an die Helligkeit und sie erkannte die Umrisse zweier Männer. Angstvoll klammerte sie sich an ihre Tante. »Tante Natalie?!«
»Ganz ruhig,« Natalies Stimme bebte. »Das ist die Polizei, sie werden uns helfen.«
Oleg hatte sich längst auf der anderen Seite an die Hand seiner Tante gehängt und es wirkte, als wolle er sie nie wieder loslassen. »Wir tun jetzt, was die Männer verlangt haben und treten vor den Busch, verstanden? Heb deine andere Hand, du auch Oleg.«
»Wir kommen«, rief sie laut und gemeinsam traten sie aus dem schützenden Gebüsch hervor.
Die Polizisten richteten den Suchscheinwerfer augenblicklich tiefer, sodass Swetlana nicht mehr geblendet wurde. Erst jetzt konnte sie die Gesichter der Männer erkennen. Ein älterer Mann mit Bart und ein Jüngerer. Der jüngere Polizist richtete etwas mit ausgestreckten Armen auf das kleine Grüppchen. Mit großen Augen starrte Swetlana auf das schwarze Ding in seiner Hand. Sie kannte es aus Filmen, es war eine Schusswaffe. Der Ältere stand leicht breitbeinig da, die Hand an seiner Seite, griffbereit am Pistolengriff.
»Werden die uns erschießen?!«, fragte Sweta entsetzt. »Aber wir haben doch gar nichts Böses getan.« Die freie Hand ging noch ein Stück höher zum Himmel.
Angstvoll schaute das Mädchen den jüngeren Polizisten an und bemerkte, wie dieser aschfahl die Kinder anstarrte, seine Gesichtszüge waren vor Schock versteinert.
»Steck endlich die Pistole weg«, fuhr der ältere Polizist seinen Kollegen an, ging vorsichtig auf die Drei zu und hob die Arme. »Seid ihr alleine?«
Natalie nickte, die Hand der Kinder so fest umschlossen, dass Sweta beinahe vor Schmerzen stöhnte. Aus dem Augenwinkel bemerkte das kleine Mädchen, wie eine Haustür aufging und warmes, gelbes Licht herausfiel. Im Türrahmen stand ein älterer Mann, der seinen Arm um die Schultern einer Frau legte, die sich an seine Seite stellte.
Die Polizisten sprachen lange mit Tante Natalie, die Geschwister wurden mit beruhigenden Worten auf den Rücksitz des Polizeiwagens gesetzt. Nach einer auffordernden Geste des älteren Polizisten gesellte sich das ältere Ehepaar zögernd zu ihnen. Stockend nahm Sweta die klamme Hand ihres Bruders in die Eigene und starrte ihre Tante durch die sich langsam beschlagende Fensterscheibe an. Sie hörte, wie Natalie verzweifelt versuchte, den Leuten ihre Situation in gebrochenem Deutsch zu erklären. Keiner unterbrach sie, zeigten nur durch ein gelegentliches Nicken, dass sie verstanden hatten.
»Alles wird gut, kleiner Bruder. Alles wird gut«, flüsterte das Mädchen, nicht sicher, ob sie ihren Bruder, oder sich selber beruhigen wollte.
Gefühlte Stunden, vermutlich aber nur Minuten später öffnete der ältere Mann die Tür des Wagens. »Habt keine Angst, ihr beiden. Euch wird nichts geschehen, das verspreche ich. Ihr versteht mich doch, oder?«
Oleg starrte den Mann verschreckt mit seinen übergroßen Kinderaugen an, aber Swetlana nickte beherzt. Ihre Eltern kamen aus Russland, aber die Kinder sprachen mittlerweile besser deutsch, als russisch. Nun ja, Oleg sprach im Allgemeinen nicht viel. Man legte daheim viel Wert auf Ruhe, besonders wenn ihr Vater daheim war.
»Gut ihr zwei, dann steigt doch bitte wieder aus. Ihr werdet für ein kleines Weilchen bei den netten Leuten hier bleiben. Herr und Frau Hohenfels werden gut auf euch aufpassen, bis euch eure Tante wieder holen kommt, ja?«
Swetlanas Atem beschleunigte sich. Wollte man sie hier lassen? Alleine? Unter Fremden? Energisch schüttelte sie den Kopf. »Tante Natalie? Bleiben Sie nicht bei uns?«
Der Polizist runzelte die Stirn und schaute perplex zur jungen Frau, sagte aber nichts.
Natalie trat näher ans Auto. »Kommt raus ihr beiden, die Polizei hat keine Zeit, oder wollt ihr auch ins Gefängnis?«
Natalie sprach russisch mit den Kindern, Sweta wusste, dass sie nicht wollte, dass die Polizisten sie verstanden. Es hatte keinen Sinn widerspenstig zu sein, auffordernd stupste sie Oleg an. »Geh, ist schon gut. Ich werde bei dir bleiben.«
Umständlich rutschte ihr Bruder mit seinen Stummelbeinchen vom Sitz und kletterte zur Tür hinaus. »Sweta!«, rief er verängstigt, als er die fremden Menschen sah, und klammerte sich an seiner Schwester fest. Sweta war auch danach, sich an ihm festzuklammern, aber sie war die Große, sie musste stark sein, für sie beide.
Die Fremde Frau löste sich von ihrem Mann und kam mit einem freundlichen Lächeln auf die Geschwister zu. Sie ging in die Knie, um mit den Kleinen auf Augenhöhe zu sein. »Hallo ihr zwei. Mein Name ist Marie Hohenfels«, sie zeigte auf ihren Mann. »Das ist Klaus-Peter Hohenfels und wie sind eure Namen?«
Oleg schaute betreten zu Boden und gab keinen Mucks von sich, seine schwitzige kleine Hand zuckte verdächtig in der seiner Schwester. »Shhht«, machte Sweta und strich zum Trost über seine Finger. »Ich heiße Swetlana Miller, das ist Oleg«, sagte das Mädchen leise. Die Frau ließ sich nicht beirren. »Schön euch kennenzulernen. Weißt du, dass ich einen Sohn habe, der ungefähr in deinem Alter ist?«
Swetlana wusste darauf nichts zu erwidern und lächelte gezwungen.
»Kommt, ich zeige euch unser Haus.« Sie streckte ihren Arm aus und öffnete die Handfläche. Panisch rückte Oleg noch ein Stück näher an Sweta ran und die Köpfe der Geschwister zucken zu Natalie, die gerade im Begriff war, ins Auto der Polizei zu steigen. Die verzweifelten Blicke der Kinder hielten sie auf. Sie ging zu den Kleinen und hockte sich auf Augenhöhe neben sie. »Ich muss jetzt mit der Polizei mitfahren. Wir müssen nach euren Eltern schauen. Danach hole ich euch wieder ab, versprochen. Ihr müsst hier bleiben. Die Leute sind nett.«
Sweta mahnte sich immer heftiger, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Das war etwas, das sie schon früh hatte üben müssen, um nicht übermäßig Prügel einzustecken. Wenn Vater betrunken war, wollte er immer mit ihr und ihrem Bruder spielen oder er stellte ihnen merkwürdige Fragen, die Sweta unangenehm waren. Über Mama und Papa und wen sie lieber hätten. Wenn er mit ihnen spielte, dann wollte er sie meist kitzeln, aber er war dabei so grob, dass sie danach nicht selten blaue Flecken hatten. Die Kinder durften aber nicht zeigen das es weh tat, sie mussten lachen, viel, viel lachen. Manchmal hatte Swetlana so viel Angst vor ihrem Vater, dass sie so tat, als würden sie fangen spielen oder verstecken. Ja,verstecken war das beste Spiel, da musste sie nichts verheimlichen, außer sich selber. Auch da war Vorsicht geboten. Wenn Vater sie nicht beim Fangen spielen irgendwann erwischte, wurde er wütend und dann holte er den Gürtel raus. Das Gürtelspiel war nicht lustig, es war eine schmerzhafte Lektion. Er rief immer, er wolle sein Leder auf ihren Ärschchen tanzen lassen. Schlimmer als das Gürtelspiel, war jedoch das Kabelspiel. Er zog das aufgerollte Kabel aus dem Staubsauer heraus und verdrosch sie damit. Er hatte viele solche Spiele. Das ›Schneid dir einen dünnen Ast im Garten ab‹ - Spiel oder das ›Stell dich stundenlang in die Ecke‹ Spiel, manchmal auch kniend. Swetlana schüttelte den Kopf, sie wollte jetzt nicht an ihren Vater denken. Sie dachte auch nicht an ihre Mutter oder Großmutter, sonst würde sie die Maske nicht mehr aufrechterhalten können. Sie kannte die fremden Menschen nicht und wusste nichts über ihre Spiele. Sie hatte auch keine Lust darauf, ihre Spiele kennenzulernen. Deshalb lächelte sie, auch wenn sie innerlich weinte.
Die Kinder starrten dem davonrollenden Polizeiauto nach, in dem nun auch ihre Tante saß, und trotteten dem Ehepaar langsam hinterher.

Sie schliefen in Jens Zimmer, dem Sohn des Ehepaares. Er war neugierig, aber nett und seit langem fühlte Sweta eine gewisse Ruhe einkehren, die sie lange nicht erlebt hatte. Die Angst fiel nach und nach von ihr ab. Als sie die ruhigen Atemgeräusche der beiden Jungen hörte, ließ sie es zum ersten Mal zu, das ihr die Tränen über das Gesicht liefen und lautlos vom Kissen aufgenommen wurden.

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