Kapitel 1: Die Welt nach fünfzig Jahren

Kapitel 1: Die Welt nach fünfzig Jahren

 

Es ist kalt und dunkel. Ich laufe durch Straßen, welche ich noch nie zuvor gesehen habe. Was mich hergeführt hat, weiß ich nicht, doch es ist wichtig. Ich fühle mich unwohl, aber ich bin auch neugierig was mich erwartet. Kalter Wind bläst mir eine Gänsehaut auf den Arm und ich fühle mich, als würde ich jeden Moment erfrieren. Meine Füße wollen sich gerade fortbewegen, als ich eine unheimliche Stimme höre, welche meinen Namen flüstert: „Amber.“ Erschrocken schaue ich mich um, doch ich kann nichts erkennen. Ich drehe mich wieder um und folge der Straße. Doch schon nach ein paar Minuten bleibe ich abrupt stehen und stoße einen spitzen Schrei aus. Eine Person hält mich an meinem Arm fest und hindert mich so am Weglaufen.

„Amber. Hör mir zu“, bittet die Person und ich erkenne an ihrer Stimme, dass es eine Frau ist. Voller Angst sehe ich in grüne verzweifelte Katzenaugen, die den Meinen auf eine unheimliche Art so sehr ähneln in dem schmalen blassen Gesicht, unfähig zu sprechen. Plötzlich verschwimmt alles vor meinen Augen und dann wird es schwarz und ich verfalle der Dunkelheit. Alles was ich noch höre ist: „Du musst es aufhalten!“

Schweißgebadet wachte ich auf. Wieder dieser Traum. Seit ungefähr einem Monat träumte ich jede Nacht das Gleiche. Von derselben seltsamen Person und den noch seltsameren Worten.

Ich stand auf und ging hinaus auf den Balkon. Von dort aus hatte man einen wundervollen Ausblick auf das verwinkelte System der Hauptstadt. Die Sonne stand schon fast an ihrem höchsten Punkt und somit waren die Straßen voll mit Kaufleuten und Mutanten. Mutanten. Ich musste kurz in mich hinein grinsen. Eigentlich war dieser Ausdruck ganz passend, selbst wenn sich hierbei nur um Menschen handelte. Mutant war nur ein Ausdruck für Soldaten in der heutigen Zeit. Sie passten auf, dass die aufgestellten Regeln befolgt wurden, bestraften jene, die sie brachen und dienten den Hovers, den Anführern. Die Hovers waren das, was man in einer früheren Zeit als Könige bezeichnet hätte und eine Gruppe von zwölf Menschen.  Zwölf, nicht mehr und nicht weniger. So war es seit ihre Väter vor 53 Jahren den zehn Jahre dauernden Krieg beendet hatten, mit einer Macht, die bis zu diesem Zeitpunkt niemand zuvor gesehen hatte. Von Generation zu Generation wurden 12 Nachkommen ausgewählt, die das Vermächtnis und die Regierung ihrer Väter weiterführen sollten. Und ihre Macht blieb seither bestehen. Drei Jahre später hatten sie außerdem eine Rebellion zerschlagen, die ihnen nicht dienen wollte, da sie jene Kraft nicht anerkannten, was anschließend jedoch genau den gegenteiligen Effekt erzielte. Die Bürger der Stadt schworen ihnen nach der vernichtenden Zersprengung der Rebellion ausnahmslos die Treue. Ebenfalls jene Generation war es, welche die Welt in fünf Bezirke teilten. Paragnom, wo die Armen und Bettler lebten, was sie jedoch ihrem Verschwendungswahn zu danken hatten. Larcroft, das Industrieland, aus dem wir unsere Elektrizität, Kleidung, Entwicklungen, teilweise unsere Nahrung und Waffen hernahmen. Panco, das Land des Ackerbaus, welches es uns ermöglichte, das ganze Jahr über genug Nahrung zu besitzen. Sintnam, die Heimatstadt der Wohlhabenden und Reichen. Und die Hauptstadt. Das Heimatland der Hovers und der Mutanten, die ihnen dienten. Die Hauptstadt war der größte Bezirk und gleichzeitig auch der Wichtigste, was natürlich an den Hovers lag, die dort lebten.

Ich war ebenfalls ein Mutant. Nicht, dass ich jemals eine Wahl gehabt hätte. Es stand bereits bei vor meiner Geburt fest, dass ich ein Soldat meines Heimatlandes werden würde. Dies wurde stets bei der Geburt von den Eltern entschieden. Das Kind hatte keine Wahl und musste sich der Entscheidung beugen. Entschieden sich die Eltern gegen eine Ausbildung als Mutant, wurden sie bis zu ihrem 15. Lebensjahr in ihrem Bezirk unterrichtet und anschließend war es ihre Entscheidung, ob sie nach Larcroft oder Panco gingen, um dort zu arbeiten. Hatte man Glück, wurde man in Sintnam geboren, wo die Adelsfamilien lebten, die zu den engsten Verbündeten der Hovers gehörten. Politiker, Sekretäre, Berater. Deren Familien war ein normales, freies Leben gestattet. Sie besaßen die völlige Entscheidungsgewalt und durften ihr Leben vorerst völlig frei verbringen, allerdings war es ihre Pflicht, wenn sie sich nicht für einen Bezirk entscheiden konnten, in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten. Meine ganze Familie diente den Hovers als Mutanten, seit sie aufgetaucht waren. Angefangen mit meiner Großmutter. Margret Deen, von der das Gerücht ausging, dass sie ihnen bereits diente, bevor die Hovers den Krieg beendet hatten und so ebenfalls zu den engsten Verbündeten gehört hatte. Doch jetzt waren wir nur noch eine Familie von vielen, die ihnen diente.

„Amber, du musst los!“, rief meine Mutter aus dem Esszimmer und ich seufzte. Ich hatte bis Mittag geschlafen und war trotzdem immer noch todmüde. Am vorherigen Tag war ich bis spätabends auf Patrouille gewesen und hatte den Zaun überwacht und aus diesem Grund fing meine Schicht heute später an. Ich schlurfte langsam ins Bad und machte mich fertig für den Tag.

Nachdem ich fertig war ging ich in die Küche, in der bereits niemand mehr anzutreffen war, aß Cornflakes und trank Milch direkt aus der Packung. „Tschüss!“, rief ich durch die Wohnung meiner Familie zu, verschwand durch die Tür und war wenige Sekunden später – dank des Fahrstuhls – im Erdgeschoss.

Ich lief hinaus und steuerte geradewegs auf ein Gebäude zu. Den Hauptsitz. Ich bekam meine Aufgaben für den Tag immer von dort und wie der Name schon sagte. Es war der Hauptsitz. Es befanden sich wichtige Leute dort. Die Hovers. Nur ein paar Auserwählte durften zu ihnen. Ich selber hatte sie bis jetzt noch nie zu Gesicht bekommen.

Es dauerte etwa fünfzehn Minuten, ehe ich am Hauptsitz angelangt war. Von meinem Zuhause aus wirkte der Weg eigentlich kürzer, doch die Hauptstadt besaß einen sehr sonderbaren Aufbau. Sie war in Schichten aufgeteilt und wirkte daher wie ein Berg, mit dem Hauptsitz als höchsten Punkt. Normalerweise würde man denken, dass die jeweiligen Menschen ebenfalls in Schichten aufgeteilt waren und danach in den jeweiligen Abschnitten lebten, doch war dem hier nicht so. Mutanten lebten völlig wahllos in den Schichten. Mein Zuhause befand sich zwei Schichten unter der Höchsten, doch um zur nächsthöheren zu gelangen, musste man sich zunächst durch etliche enge Gassen schlängeln, bevor man die Treppe erreichte und so dauerte es seine Zeit ehe man bei seinem Ziel ankam.

Schließlich kam ich bei dem riesigen weißen Marmorgebäude an, das ab der Hälfte in zwei verschiedene Spitzen verlief, welche beide aus Glas bestanden und eine unterschiedliche Länge aufwiesen. Ich öffnete die beiden schweren Türen, die in goldener Farbe verziert waren und betrat das hohe Gebäude. Ich bekam eine Gänsehaut, wie immer, wenn ich hier war. Ein Gefühl des Unwohlseins überfiel mich stets, als würde ich hier nicht hingehören, als wäre ich ein Fremder.

Ich ging durch die breiten Gänge und lief einige Treppen nach oben, um zu Willburn - meinem Auftraggeber - zu gelangen. Auf meinem Weg zu ihm traf ich noch eine Bekannte, Sherry Colman, kurz vor seinem Büro. Sie war ein großes, wunderschönes und liebevolles Mädchen mit langem rotem, lockigem Haar, grasgrünen Augen und hohen Wangenknochen, die perfekt in ihr schmales blasses Gesicht passten. Ihre Eltern waren Mutanten. Sie nicht, worum ich sie beneidete, denn sie hatten sich gegen ein Soldatenleben für sie entschieden. Sie war frei. So gut man es eben unter den Gesetzen der Hovers sein konnte. Sie hatte sich für die Arbeit in der Hauptstadt entschieden, was im Übrigen auch möglich war. Die Dinge, welche in Larcroft hergestellt wurden oder auch die Nahrung aus Panco wurden anschließend in den jeweiligen Bezirken verkauft und dieser Aufgabe hatte sie sich gewidmet.

Sherry nickte mir zur Begrüßung zu und ich nickte zurück. „Na hast du wieder zutun Amber?“, fragte sie mich und ich zuckte daraufhin nur mit den Schultern.

„Weiß nicht. Ich war noch nicht bei Willburn.“ Sie lächelte mir kurz zu und dann sah sie mich kurz mit einem nachdenklichen Blick an, in welchem ich glaubte ein wenig Angst zu entdecken.

„Alles in Ordnung?“, fragte ich besorgt und sie schaute mich kurz irritiert an, dann lächelte sie jedoch wieder und nickte. Dann ging sie kopfschüttelnd an mir vorbei. Ich sah ihr verwirrt nach, nachdem sie sich so seltsam benommen hatte, zuckte dann jedoch nur kurz mit den Schultern und erledigte die wenigen Schritte, die noch bis zum Büro meines Auftraggebers fehlten.

Ich klopfte an der Tür und fuhr erschrocken zusammen, als ich ein lautes „Nein!“ hörte. War das jetzt an mich gerichtet?, fragte ich mich irritiert und drückte die Klinke vorsichtig runter. Dabei öffnete ich die Tür eine Spaltbreite.

„Willburn?“, fragte ich vorsichtig und schaute neugierig durch die Türspalte hindurch.

Erstaunt beobachtete ich, was sich dort für ein Szenario abspielte.

Eine Person – in einem dicken Mantel und Kapuze vermummt – stand vor seinem Pult und erzählte irgendetwas, was ich nicht verstehen konnte, da er zu weit weg war.

„Können wir denn wirklich nichts dagegen tun?“, fragte die verzweifelte

Stimme Willburns. Moment! Verzweifelt? Warum…?

„Amber?“ Ich schreckte auf als mich zwei Augenpaare skeptisch ansahen.

„Ich habe an der Tür geklopft“, erklärte ich mit piepsiger Stimme. Ich fühlte mich total verloren und bekam etwas Panik. Unschuldig schaute ich die Beiden an, ob sie bemerkt haben, das ich was gehört habe?

„Ach so. Bitte geh erstmal nach draußen. Ich muss noch etwas mit dem Herrn hier klären.“ Ich nickte ihm zu und lief artig wie mir befohlen nach draußen. Dort setzte ich mich auf eine der Bänke und überlegte. Mit wem hat Willburn da gerade geredet? Ich habe ein ungutes Gefühl. Auf meinen Armen breitete sich eine Gänsehaut aus und ich schüttelte mich. Die vermummte Gestalt, die vor ihm gestanden hatte, jagte mir Angst ein. Die Augen, die mich aus der Kapuze angesehen hatten, besaßen eine eisige Kälte und hatten den Anschein gehabt, mich aus dem Weg haben zu wollen.

Nach geschätzten zehn Minuten öffnete sich die Tür und die seltsame Person lief an mir vorbei, jedoch nicht ohne mir noch einmal einen Blick zuzuwerfen unter dem ich mich seltsam nackt und bedroht fühlte. Ängstlich schaute ich der Person nach und schüttelte mich erneut. Nachdem ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte erhob ich mich und begab mich in den Raum meines Auftraggebers. Der Raum war im Gegensatz zu dem liebevoll goldverzierten Wänden auf weißem Hintergrund im ganzen Gebäude nur in einem klarem Weiß gehalten, ohne jegliche Muster. Auch bei der Einrichtung war nur das Wichtigste vorhanden. Ein großer Aktenschrank in kastanienbrauner Farbe, der beinahe die gesamte linke Wand einnahm, ein Gerät, welches zunächst wie ein runder Tisch aus Glas wirkte, in Wirklichkeit jedoch etwas Technisches war, was zur Überwachung des Zaunes genutzt wurde und sich direkt vor dem Schrank befand und ein relativ großes Pult, in der Mitte des Raumes, an dem er saß. Vor ihm lagen Stapel von Papieren, die er vermutlich alle noch ausfüllen musste und durch ein Fenster, welches die halbe hintere Wand einnahm, beleuchtet wurden. Armer Kerl, dachte ich grinsend.

„Haben Sie was für mich?“, fragte ich ihn immer noch grinsend. Er sah mich kurz an und nickte schließlich. Er nahm ein Blatt Papier von einem der Stapel herunter und überreichte es mir. Mit zusammengezogenen Augenbrauen schaute ich ernst auf das Blatt. Dann stieß ich einen genervten Seufzer aus.

„Sie lernen es nie, oder?“, stellte ich fest und Willburn gab einen nervösen Lacher von sich.

„Sieht wohl so aus, Amber. Könntest du das bitte heute noch übernehmen?“

„Was genau soll ich machen?“, fragte ich ihn.

„Du sollst denjenigen finden, der es verfasst hat und ihn davon abhalten noch mehr davon zu verbreiten. Außerdem wird gewünscht, dass du ihn und seine Familie auf direktem Wege in die Hauptstadt bringen sollst. Die Herrscher haben genug. Nimm dir am besten jemanden vom 6tem Heer mit. Die Jungs haben sowieso nichts zu tun im Moment nach der Feierlaune zu urteilen, in der ich sie eben noch gesehen habe.“ Daraufhin hob ich die Augenbrauen.

„Solche Drohungen kommen doch andauernd, was ist so besonders an dieser, dass ich extra nach Paragnom muss und den Verfasser stoppen soll und dann sogar noch die gesamte Familie hierherbringen muss? Und dann auch noch mit Verstärkung.“

„Ich will nicht, dass du zu leichtsinnig bist und so leichtfertig an die Sache rangehst, deswegen will ich, dass du jemanden mitnimmst. Der Auftrag kommt von ganz oben. Die Herrscher selber haben ihn mir für dich anvertraut. Sie haben genug von den Menschen, welche meinen ihnen drohen zu müssen, obwohl sie selbst an ihrem Leid schuld sind.“ Der Zettel, den ich bekommen hatte, war eine Drohung. Die Menschen aus Paragnom waren sehr arm und am Verhungern. Es passierte oft, dass sie sich bei uns beklagten, dass es uns so gut ging und ihnen so schrecklich. Es geschah dann auch hin und wieder, dass sie uns drohten, uns zu vernichten sollten wir sie nicht unterstützen.

Trotzdem fand ich den Auftrag seltsam. Ich hatte noch nie gehört, dass diese Drohbriefe jemals ernst genommen wurden und schon gar nicht, dass nach den Verfassern Jagd gemacht wurde, geschweige denn nach ihren Familien.

Ich nickte Willburn zu und signalisierte ihm, dass ich nicht ohne Nachzudenken mich in etwas hineinstürzen würde.

 „Na schön, ich mach mich auf den Weg zu den Jungs von der Sechs und werde dann so schnell wie möglich mit ihnen los.“

Er nickte mir zu und ich lief Richtung Tür. An dieser blieb ich jedoch stehen und fragte, was mich seit ich hier reingekommen war, beschäftigt hatte: „Wer war dieser Mann von eben?“ Willburn zuckte kurz zusammen und sah mich finster an. Sein Blick sagte mir, dass ich am Besten nicht näher auf das Thema eingehen sollte.

„Ich denke nicht, dass dich das was angehen sollte, Amber“, flüsterte er und ich sah ihn enttäuscht an. Dann drehte ich mich um und ging. Bestimmt mache ich mir nur umsonst Sorgen um ihn.

Viel wichtiger war etwas Anderes, was mir soeben erst klargeworden war. Der 50. Todestag meiner Großmutter stand kurz bevor, es fehlten nur noch knapp fünf Tage bis zum 18. Juli.

Margret Deen. Sie war der erste Mutant in unserer Familie gewesen und starb, als sie die Hovers vor den Rebellen schützte. Genaueres wusste niemand, doch meiner Familie reichte es schon, wenn sie wussten, dass sie kämpfend gestorben war. Ich fand daran überhaupt nichts ehrenvoll. Kämpfend sterben. Es änderte doch sowieso nichts daran, dass man tot war.

Ich betrat das Gebäude, in dem mein Zuhause lag und fuhr mit dem Fahrstuhl in das oberste Stockwerk. Dort schloss ich die rote Holztür auf und ging in mein kleines bescheidenes Heim hinein. Meine ganze Familie saß am Küchentisch und grübelte über irgendwas.

„Ihr seht so nachdenklich aus“, stellte ich belustigt fest.

„Im Gegensatz zu dir, Amber sehen wir nicht nur so aus“, neckte mich mein älterer Bruder Correy. Ich schaute ihn wütend an und stieß ihm in die Seite, woraufhin er einen schmerzerfüllten Laut von sich gab. Ich grinste zufrieden und Correy verstummte.

„Genug Amber! Zwanzig ist kein Alter mehr, in dem man sich wie ein Kleinkind benehmen sollte“, sagte mein Vater wütend und ich grummelte vor mich hin. Spaßverderber. „Hast du keine Arbeit, die gemacht werden muss?“, fragte er mich und ich rieb meine Hände aneinander. Das tat ich immer, wenn ich nervös war.

„Deswegen bin ich ja hergekommen. Weil ich mit euch reden muss. Ich muss heute noch weg. Nach Paragnom. Ich muss jemanden finden und ihn in die Hauptstadt bringen, was einige Tage dauern dürfte.“

Mein Vater blickte mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, wodurch die Falten auf seinem mittlerweile nicht mehr so jungen Gesicht nur noch verstärkt wurden und die dunkelgrünen Augen, welche ich von ihm geerbt hatte, verdunkelten sich bedrohend als er verstand worauf ich hinauswollte

„Du willst damit also sagen, dass du dich unserer Familientradition entledigen willst und nicht zum Todestag deiner Großmutter ihr Grab besuchen wirst?“ fragte er langsam und ruhig was auf mich nur noch bedrohlicher wirkte. „Larry, vielleicht solltest du-“ „Schweig, Calleigh! Es ist unsere Tradition ihr Grab zu besuchen und ihr den nötigen Respekt zu zollen, den sie verdient hat, nach allem was sie für unser Land getan hat!“ Meine Mutter verstummte sofort, als mein Vater erneut mit seinen Lobpreisungen begann und strich sich nur müde durch ihre braunen glatten Haare, die in den letzten Jahren einiges an ihrem ursprünglichen Glanz verloren hatten. Auch mein Bruder schwieg und starrte nur beklommen auf den Tisch. Margret war ein heikles Thema in unserer Familie, sagte nur einer ein falsches Wort über sie, wurde Vater sofort zur Furie und beteuerte wieviel sie doch für die Hovers getan hatte, doch die Wahrheit war, dass niemand von uns wirklich viel über sie wusste. Nicht einmal mein Vater. Sie starb, als er gerade mal acht Jahre alt gewesen war und hatte kaum etwas von alldem mitbekommen, was sie angeblich alles geleistet haben sollte. Ich glaubte daran, dass er so versuchte, ihr noch irgendwie nahzukommen und aus diesem Grund blieben wir einfach still, wenn er wieder davon begann.

Es gab nur eine Sache, die ihm wichtiger war als meine Großmutter und genau dies nutzte ich aus.

„So leid es mir auch tut, Vater, aber ja, ich werde heute abreisen. Möglicherweise schaffe ich es noch rechtzeitig, aber es besteht auch eine große Chance, dass dem nicht so ist. Aber ich habe keine Wahl. Es ist ein Befehl, der oberste Priorität besitzt, denn er stammt von den Herrschern persönlich. Sie selbst haben mich erwählt, ihn durchzuführen. Vielleicht ist dir ja nun klar warum ich es tun muss.“ Seine vorher noch vor Wut verdunkelten Augen wurden mit einem Mal riesig und begannen aufgeregt zu funkeln.

„Von den Herrschern höchstpersönlich? Das ist eine Ehre! Warum hast du das nicht eher gesagt, Amber? Wenn dem so ist, musst du auf der Stelle abreisen und ihn ausführen!“ Ich musste mir stark ein verächtliches Lachen als Antwort verkneifen. Die Art, wie mein Vater die Hovers verehrte, war für mich unbegreiflich. Ich selber diente ihnen, denn es war meine Pflicht den Hovers mit meinem Leben ergeben zu sein, doch dies bedeutete nicht, dass ich es guthieß und schon gar nicht, dass ich meine gesamte Familie für sie aufgeben würde oder sie als Götter ansehen würde, so wie er es tat. Ich respektierte ihre Väter, die dem Krieg nach zehn Jahren ein Ende bereitet hatten, doch das Beenden eines Krieges sollte nicht das Usurpieren von Macht bedeuten, so wie die Hovers es getan hatten.

„Ich mache mich sofort auf den Weg. Ich wollte nur noch ein paar Sachen holen“, erklärte ich und begab mich in mein Zimmer, indem ich mich niemals wirklich heimisch gefühlt hatte. Es war in einem hellem Grau gehalten und bestand nur aus einem Bett an der hinteren Wand direkt neben dem Ausgang zum Balkon. Ein Kleiderschrank aus Eichenholz an der rechten Wandseite neben dem relativ großen Schreibtisch verzierte das Zimmer zusätzlich. Nur der Balkon, der das gesamte Zimmer erleuchtete, schenkte mir ein wenig Wärme in dem kalten Zimmer. Ich kramte meinen Rucksack unter dem Bett hervor und packte die dringendsten Sachen ein. Mein Tagebuch – ich musste immer alles aufschreiben, ich konnte einfach nicht anders -, Klamotten, meine Geldbörse und den Drohbrief, der mir als einziges Beweismittel diente. Als ich alles eingesteckt hatte, zog ich mir noch meine Uniform an. Diese bestand aus einem eintönig blauen, enganliegenden Hemd, mit einer schwarzen, dicken, kugelsicheren Weste darüber. Eine nicht ganz so enge, aber genauso eintönige schwarze Hose aus Polyester, welche durch einen ebenso schwarzen Gürtel an Ort und Stelle gehalten wurde und in schwarzen Lederstiefeln verschwand. Schließlich noch eine weiße Jacke aus Wolle und Polyester, die kurz vor dem Ärmelschlag einen schwarzen auf beiden Seiten besaß. Außerdem war kurz über dem Herzen das Zeichen der Hovers eingenäht. Eine Sonne die einen brüllenden Löwen anstrahlt, der nach oben schaute.

Dann ging ich in das Arbeitszimmer meiner Familie, welches mit Unmengen von Papierstapeln versehen war. Selbst den Schreibtisch konnte man kaum noch als diesen erkennen. Der Spind war der einzige Gegenstand, der noch als solcher zu erkennen war und zu eben diesem bewegte ich mich und gab die Zahlenfolge ein. 15 03 30. Hier war alles drin, was ein Mutant brauchte. Waffen. Ich nahm mir ein gezacktes Messer und ein Gewehr heraus. Das Messer steckte ich mir an den Gürtel und das Gewehr hängte ich mir um die Schulter. Zuletzt nahm ich noch Handschellen heraus, die ich zur Überführung meiner Zielpersonen brauchte. Dann schloss ich den Spind wieder und begab mich zurück ins Esszimmer um zur Haustür zu gelangen.

„Pass auf dich auf, Amber.“, hörte ich meine Mutter sagen, während sie an der Theke irgendetwas zurechtschnitt. Wenn man sie von hinten betrachtete, könnte man meinen, ich wäre diejenige, die das Essen zubereitete. Bis auf die Augenfarbe hatte ich alles von meiner Mutter geerbt. Die langen glatten braunen Haare, die mir jedoch im Gegensatz zu ihren hüftlangen bis zu den Schultern reichten, die Größe, die mit 1,63 cm eher unterdurchschnittlich war und ihre etwas naturgebräunte Haut.

„Lenke sie nicht noch weiter ab, Calleigh. Sie hat etwas Wichtiges zu erledigen.“ Ich seufzte, genervt über die Aussage meines Vaters, was er glücklicherweise nicht mitbekam.

Ohne noch mehr zu sagen verschwand ich durch die Tür in den Flur und begab mich, diesmal per Treppe, nach draußen. Doch auf meinem Weg wurde ich durch die Stimme meines Bruders aufgehalten, der mich rasend von oben aus einholte.

„Ich muss jetzt zum Hauptsitz. Der Bahnhof ist doch auf dem Weg, nicht wahr? Dann können wir ja noch ein Stück zusammengehen.“ Seine blonden Locken waren zerzaust und die von unserer Mutter vererbten blauen Augen blickten mich hoffnungsvoll an. Erneut fiel mir auf, wie jugendhaft er doch im Gegensatz zu mir wirkte, trotz des Altersunterschiedes von sechs Jahren.

„Ich muss nicht zum Bahnhof, noch nicht“, gab ich zu und lächelte ihn an, was ihn verwunderte.

„Ich muss erst zur Sechs. Ich soll mir Verstärkung von dort mitnehmen, falls irgendetwas schiefgeht.“ Der Aufenthaltsort der Leute vom 6tem Heer befand sich meist direkt in der Nähe des Hauptsitzes. Somit war der Weg von Correy und mir der Gleiche. Ich begann nachzudenken, da mir erneut Zweifel aufgrund des Auftrages kamen, aber allem Anschein nach bemerkte er es sofort.

„Was ist los?“

„Ich weiß nicht, irgendwie…irgendwie habe ich das Gefühl, dass mit diesem Auftrag irgendetwas nicht stimmt. Ich soll den Verfasser eines Drohbriefes aus Paragnom ausfindig machen und ihn mit seiner Familie in die Hauptstadt überführen. Bisher ist mir jedoch von keinem Fall bekannt, indem diese Drohbriefe jemals ernstgenommen wurden. Es verwundert mich, oder besser gesagt: Es verängstigt mich, da ich das Gefühl habe, dass sich hier sehr bald etwas ändern wird.“ Correys zunächst besorgter Blick wurde nachdenklich.

„Seltsam ist es schon, nicht? Aber ich denke trotzdem, dass du dir zu viele Gedanken machst, Amber. Vater sagt es doch auch immer: Man sollte die Tätigkeiten der Herrscher nicht in Frage stellen!“ Daraufhin schnaubte ich nur abschätzend.

„Ja, weil Vater auch so ein hervorragendes Beispiel im Umgang mit den Hovers ist.“

„Du weißt, warum er so ist. Nur so fühlt er sich ihr nahe und wir sollten ihm dies nicht nehmen.“

„Ich weiß das! Trotzdem kann ich es nicht gutheißen wie unsere Familie und besonders Mutter darunter leidet, er hat ihr grundsätzlich jegliche Worte verboten. Wir müssen etwas unternehmen.“ Ich hörte ihn daraufhin nur seufzen.

„Vielleicht sieht er das auch eines Tages ein, aber fürs Erste sollten wir und besonders du dich um dich selbst kümmern und was am besten für dich ist. Konzentriere dich fürs Erste auf deinen Auftrag. Wenn du wiederkommst können wir schauen ob sich was an seiner Einstellung machen lässt.“ Geschlagen ließ ich meine Schultern sinken und gab ein unzufriedenes Murren von mir.

„Pass vor allem auf, dass dich deine sogenannte Verstärkung nicht plötzlich im Stich lässt. Sie sind bekannt für ihr…Benehmen.“ Er blickte mich ernst an, woraufhin ich die Augen verdrehte.

„Ist gut und wo wir schon dabei sind“, ich nickte Richtung Hauptsitz, vor dem sich ein kleines Gebäude, das einer Lagerhalle ähnelte, befand. „Wir sind da und ich bin damit weg. Wir sehen uns in ein paar Tagen.“ Ich winkte ihm und lief schnell voran, hörte nur noch ein „Pass auf dich auf und komm gesund zurück!“ und verschwand dann durch die Tür des eklig grauen Steingebäudes.

Drinnen herrschten ein wahlloses Durcheinander und eine Lautstärke, welcher ich nicht gewohnt war. Überall liefen Mutanten umher, die ihre Uniform nur halbwegs richtig trugen und dazu noch durch den ganzen Raum schrien. Dazu saßen etliche auf dem Boden, obwohl mehr als genug Tische mit Bänken im Raum standen und schienen mit ihren Freunden Witze zu reißen.

Mein Bruder hatte Recht. Das 6te Heer war für sein Benehmen bekannt. Sie nahmen ihre Aufträge lockerer, als gut für sie wäre und stellten sich auch nicht besonders schlau bei diesen an. Aus diesem Grund wurden ihnen normalerweise auch nur die leichten, weniger wichtigen anvertraut.

Dass Willburn ausgerechnet die Sechs als Verstärkung für mich zugeteilt hatte hieß, dass er entweder der Meinung war, dass dieser Job ohne viel Aufwand vonstattengehen müsste oder niemand anderes vorhanden war, der sich meiner erbarmen konnte.

Es gab nur wenige, die wirklich mit Gewissen bei der Sache waren und eine Person davon kannte ich - Gott sei gedankt!

Ich steuerte auf einen Jungen zu, der mir am Nächsten war und tippte ihn an. Er hatte lange braune Haare, schien etwas jünger als ich, war dafür aber gut fast zwei Köpfe größer.

„Ich suche Charlotte. Kannst du mir sagen, wo sie ist?“ Er musterte mich von oben bis unten und grinste mich dann verschmitzt an. Dieses löste bei mir einen schauer über den Rücken aus, da ich genau wusste, was dieser Blick zu bedeuten hatte. Doch ich war schlau genug, daraufhin nichts zu erwidern.

„Können bestimmt. Allerdings frage ich mich, was ich dafür bekomme.“ Zunächst verdrehte ich die Augen, dann sah ich genervt zu ihm auf.

„Wo. Ist. Sie?“, wiederholte ich und sprach die Worte langsam und mit Bedacht aus. Dabei betonte ich jedes Wort, um einen finsteren Eindruck zu machen, jedoch der Versuch nach hinten losging. Statt einer Antwort bekam ich nur ein lautes Lachen von ihm, als hätte ich ihm einen Witz erzählt.

„Puppe, so läuft das hier nicht. Du musst wissen, wir haben hier nicht viele Frauen und wenn mich schon mal eine um etwas bittet, dann möchte ich auch etwas im Gegenzug haben, verstehst du? Also, was bietest-“ Bevor ich meiner Wut Luft machen konnte, wurde ich durch eine dunkle Frauenstimme davon abgehalten, die ihm mitten ins Wort fiel.

„Alec! Zisch ab du Idiot!“ Er verstummte sofort und seufzte scheinbar enttäuscht. Hinter ihm kam eine großgewachsene Frau mit kurzen blonden Haaren zum Vorschein, die den Jungen vor mir finster anfunkelte und sich dann mit einem Lächeln mir zuwendete. Es war genau jene Person, nach der ich gesucht hatte. Charlotte stand vor mir und schaute mich neugierig an.

„Es muss eine Ewigkeit her sein, Amber!“ Ich erwiderte ihr Lächeln und ignorierte den schmollendem Jungen, der sich letztendlich ruckartig abwandte.

„Ich hoffe, er hat dir keine großen Umstände gemacht.“ Mit einer Kopfbewegung deutete sie auf ihn und ich schüttelte den Kopf.

„Er gehört wohl eben durch und durch zum 6tem Heer.“ Daraufhin lachte sie auf und nickte zustimmend.

„Allerdings, er ist definitiv einer von denen, die unseren Ruf so heruntergezogen haben.“ Für einen Moment konnte ich einen Anflug von Bedauern in ihren grünen Augen erkennen, dann räusperte sie sich jedoch.

„Also, was führt dich hierher?“ Ich öffnete meinen Rucksack und zog die Drohung hervor, welche ich von Willburn erhalten hatte und reichte ihr diese, woraufhin Charlotte sie ergriff und las:

 

An die Hovers!

Wir sind am Verhungern. Merkt ihr das denn nicht? Ist euch menschliches Leben wirklich so egal, dass ihr uns nur zuschaut, wie wir sterben? Das ist unsere letzte Warnung an euch: Solltet ihr uns nicht ab sofort unterstützen, werden wir nachhelfen. Und wir schwören euch: Wenn wir hinterher mit euch fertig sind, werdet ihr euch wünschen, dass ihr nie geboren wärt.

Von den verhungerten Menschen aus Paragnom.

 

Während des Lesens konnte ich erkennen, wie sich ihre Augenbrauen verwirrt zusammenzogen und schließlich gab sie mir den Brief zurück.

„Ich verstehe nicht ganz worauf du hinauswillst. Drohungen wie diese erhalten wir viele.“

„Ich weiß, aber diesmal ist es anders. Ich wurde beauftragt, den Verfasser ausfindig zu machen und ihn mit seiner Familie in die Hauptstadt zu überführen. Willburn hat von mir verlangt, dass ich mir Verstärkung aus der Sechs holen soll. Niemanden kenne ich von hier so gut wie dich, jemanden dem ich auch vollkommen vertrauen kann. Deshalb bin ich hier. Ich möchte dich darum bitten mit mir nach Paragnom zu kommen und mich zu unterstützen.“

Überrascht blickte sie mich an.

„So ist das also. Ich verstehe zwar nicht, warum sie plötzlich Wert auf diese Drohungen legen, aber ich habe noch nie bereut mit dir zusammen gearbeitet zu haben. Du erklärst mir alles Nötige auf dem Weg, nicht wahr?“

Ich nickte erleichtert, dann rief sie zwei junge Männer zu sich. Einer von ihnen war derjenige, der mich Puppe genannt hatte. Der Andere besaß kurzgeschorene schwarze Haare und eine große Narbe zierte sein Gesicht über seinem rechten Auge.

„Patrick, du und Alec begleitet Amber und mich nach Paragnom. Ihr seid für unseren Schutz zuständig, verstanden?“ Beide gaben ein ernsthaftes „Ja, Ma’am!“ von sich und machten sich schnell auf, um alles vorzubereiten.

„Gib uns 15 Minuten, bis wir soweit sind. Und mach dir keine Sorgen um die beiden. Sie scheinen alles auf die leichte Schulter zu nehmen, aber wenn es drauf ankommt, kann man sich auf sie verlassen“, erwiderte sie noch, als ihr mein Unbehagen aufgrund der Beiden klar wurde und ich entspannte mich automatisch, auch wenn es mir Sorgen bereitete, dass die beiden ohne Weiteres losgelaufen waren, ohne überhaupt zu wissen, was der Auftrag war. Sie hatten einfach zugestimmt und waren gegangen.

„Ist gut“, sagte ich nur und sie bewegte sich ebenfalls weg. Ich selber begab mich außerhalb des grauen Gebäudes und wartete geduldig auf die Ankunft der drei, um endlich nach Paragnom aufzubrechen.

Niemals hätte ich in diesem Moment erwartet, dass ich mir wünschen würde, ich müsste nie wieder in die Hauptstadt zurückkehren.

Kommentare

  • Author Portrait

    Hallihallo :) Ich finde du baust die Geschichte echt spannend auf und die Idee ist klasse! Wenn ich dir nur einen kleinen Tipp geben dürfte, die Schraffierung mancher Gedanken kannst du ruhig weglassen, durch die Ich-Erzählung ist das nicht nötig. Und man kommt beim Lesen der betonten Wörter nicht durcheinander ;) Ansonsten ein super Kapitel!

beta
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