Kapitel 1 (Teil 2)

Leeom Hamsay, Küchenjunge des Th’Each jer Fiagi Dhá (dem zweiten Haus der Jäger) in Mar-Dinye, balancierte auf jeder Hand ein mit Rührei, gebratenem Speck, frischem Brot, Milch und heißem Kräutertee beladenes Tablett, während er sich geschickt zwischen den im Speisesaal aufgestellten Bänken und Tischen sowie den übrigen, nur für das ungeübte Auge wahllos umher wuselnden Küchenjungen voran schob. Zu dieser frühen Stunde gaben sich Tag- und Nachtschicht hier die Hand, weshalb die vorhandenen Plätze größtenteils besetzt waren und der Saal in einem Dunst aus lautem Gelächter, dem Klappern von Geschirr, mancherlei mehr oder weniger deftigen Wortwechseln und sonstigem Geplapper unterzugehen schien. Leeom für seinen Teil ließ sich davon nicht beeindrucken. Im Winter war er dreizehn Jahre alt geworden, sodass er inzwischen seit vieren davon täglich in der Küche des Th’Each jer Fiagi Dhá arbeitete. Demnach stellte das allgemeine Durcheinander schon lange keine Herausforderung mehr für ihn dar, und außerdem rückte er mit jeder Stunde, die er seinem Dienst nachging, seinem großen Traum ein bisschen näher. Denn eines Tages würde er Koch sein. Aber nicht in einem der Jägerhäuser, nein. Er würde am Hof von König Allister var Greagen, dem Herrscher von Mar-Dinye, eine wundervolle Kreation nach der nächsten hervorbringen und die Gaumen der Königsfamilie mitsamt ihrem Hofstaat verwöhnen, wie es noch niemand zuvor getan hatte. Talent dazu besaß er mehr als genug, so er den Mitgliedern dieses Jägerhauses Glauben schenken wollte.

Seit Beginn seines Daseins als Küchenjunge hatte Leeom allerdings nicht bloß Putzen, Bedienen und die Grundlagen des Zubereitens von Speisen gelernt, sondern auch eine Menge über Geld und Zahlen. Längst nicht jeder in dieser Stadt konnte rechnen, von den Dörflern ganz zu schweigen. Leeoms Mutter, die Frau eines Bauern, mit dem sie insgesamt drei Kinder, fünf Schweine, drei Kühe, ein paar Hühner und ein Weizenfeld ihr eigen nannte, gehörte ebenso dazu wie seine beiden Schwestern. Sein Vater konnte rechnen, hatte aber nie die Muße besessen, seine Familie in die geheime Welt der Zahlen einzuweihen - was von den Frauen auch niemals verlangt worden wäre. Der kleine Hamsay war jedoch ganz wild darauf, sodass es nach dem Beginn seiner Lehre nicht lange dauerte, bis er den Vater im Rechnen sogar übertraf. Zudem bildete er den einzigen Angehörigen seiner Familie, der schon einmal einen echten Silberrogen in der Hand gehalten hatte. Ach, was hieß einmal? Mehrfach sogar! Viele der Fiagi zahlten ihr Essen in Silber und gaben ein wenig von ihrem Wechselgeld an die Küchenjungen ab. Auf diese Weise hatte Leeom inzwischen eine stattliche Summe von fünfzig Kupferrogen und einem Bronzerogen zusammengetragen, obwohl er für seine eigene Verpflegung sowie neue Kleider selbst aufkommen musste und den gesamten Verdienst, welchen er für seine geleistete Arbeit vom Koch erhielt, an seine Eltern abtrat. Hin wie her, für den kleinen Hamsay bildeten seine gesammelten Münzen ein wahres Vermögen. Noch jedenfalls. Denn wer konnte schon sagen, wie die Dinge stehen würden, wenn er in einigen Jahren für König var Greagen Töpfe und Pfannen schwang?

»Das ist schon ein bisschen irrsinnig, findest du nicht?«, drang es unvermittelt an Leeoms Ohren. Rasch kramte der Junge in seinem Gedächtnis und erkannte die Stimme als jene von Mr. Gusvig Jones. Dem drahtigen Kerl mit seinem stets im Nacken zu einem Zopf zusammengebundenen, schwarzbraunen Haar und dem für einen Fiagi schon fast zu ordentlichen Äußeren. Gemeinsam mit dem rothaarigen und blassgesichtigen Mr. Ira O’Mally formte er eine der wenigen Jägerlogen, die nur aus zwei Mitgliedern bestand und trotzdem sehr erfolgreich war. Er grinste leise in sich hinein, froh, dass er seine dampfende Last jeden Augenblick auf dem Tisch der beiden Männer loswerden würde.

»Dieser Auftrag bringt uns hundertsiebzig Rogen in Silber ein«, hörte er Mr. O’Mally antworten. »Pro Nase, mein Freund. Pro! Beschissene! Nase!«

»Ehrlich gesagt, bin ich wenig scharf darauf, nach einer solchen Jagd auch noch den Kopf in irgendeine Latrine hängen zu müssen, um meinen Lohn zu bekommen.«

Hamsay hörte das Niederschlagen einer Faust auf die hölzerne Tischplatte sowie ein unterdrücktes, dadurch jedoch nicht minder freches Lachen.

»Du bist ein Arsch, Gus.«

»Und du bist von allen guten Geistern verlassen, wenn du dir so was hier aufschwatzen lässt.«

Der just am Tisch angelangte Küchenjunge sah, wie Mr. Jones mit einem Pergament vor der Nase seines Jagdgenossen herumwedelte. Am unteren rechten Rand blitzte ein blaues Wachssiegel hervor, von dem ein Stückchen fehlte. Wenn man - wie Leeom - mit offenen Augen und Ohren durch die Gegend lief, dann hatte man längst gelernt, welche Bedeutung die jeweiligen Siegelfarben innehatten. Er hätte mit keinem der Fiagi tauschen wollen, besonders nicht mit Mr. Jones und Mr. O’Mally. Denn gezielt einen Scáth zu provozieren, damit er sich zeigte, und ihn dann zur Strecke zu bringen, hielt Leeom für um Längen schlimmer als eine rein zufällige, im Verlauf einer Wache entstandene Begegnung. Ihn schauderte allein der Gedanke daran, was diesen beiden Männern bevorstand, und plötzlich fühlte er sich ziemlich klein.

Früher, als er noch bei seinen Eltern auf dem Hof lebte, hatte er des Öfteren gleich mehrere dieser Schattenwesen gesehen und sich jedes Mal schrecklich gefürchtet. In den Dörfern gab es nicht so starkes Licht wie in der Stadt und auf den Feldern, sodass die Bestien sich immer wieder nah an die Häuser heranwagten; und manchmal sogar hinein, wurden sie nicht rechtzeitig von den Fiagi aufgehalten.

Aus irgendeinem Grund, den Leeom nicht verstand, töteten und fraßen die Scáth mit Vorliebe Menschen. Zwar verschmähten sie das Fleisch von Tieren ebenso wenig. Wenn sie hingegen die Wahl hatten, fiel sie stets auf menschliche Beute. Darunter litten vor allem die Dörfler, denn Feuer oder Kerzenschein vermochte die grässlichen Kreaturen mitsamt ihrem ständigen Hunger niemals vollends in Schach zu halten.

»Von wegen aufgeschwatzt«, holte Mr. O’Mallys mürrische Stimme den Jungen zurück in die Gegenwart. »Leighs wollte ausdrücklich uns beide für den Auftrag. Ablehnen ausgeschlossen. Außerdem können wir das Geld gut gebrauchen, nach der Sache mit meiner Schulter.«

Die zwei Fiagi rückten ein wenig vom Tisch ab, als sie Leeom bemerkten, der nun seinerseits behutsam die Tabletts vor ihnen abstellte.

»Danke, Junge.«

Hamsay erwiderte Mr. Jones’ Lächeln und ertrug gefasst dessen lästige Angewohnheit, ihm das Haar zu zerzausen. Auch Mr. O’Mally nickte grinsend und deutete auf das Rührei.

»Hast du die gemacht, oder hatte der olle Stanton seine Finger da dran?«, fragte er.

»Mr. Stanton, Sir«, antwortete Leeom prompt.

Der Fiagi seufzte gedehnt und schüttelte den Kopf. »Ein Jammer. Die armen Eier.« Mit diesen Worten langte er in seine am Gürtel befestigte Geldkatze und drückte dem Küchenjungen das Silber für das Frühstück beider Männer sowie einige zusätzliche Kupferrogen in die Hand. Dabei zwinkerte er ihm verschwörerisch zu. »Sind ein paar mehr als sonst. Als Ansporn, damit nächstes Mal du dich an den Herd stellst.«

Leeom verbeugte sich artig und verstaute die Münzen in seiner Tasche. »Ich werde mein Bestes geben, Sir.«

»Davon sind wir überzeugt«, befand Mr. Jones, während er ihm ebenfalls etwas Geld zusteckte. »Und wenn du schon dabei bist, beeil dich bitte mit dem Älterwerden. Wird Zeit, dass du Meister Magenvernichter ablöst.«

»Jawohl, Sir«, kicherte der Junge.

Er brachte es nicht übers Herz, den Männern von seinen Zukunftsplänen zu berichten. Stattdessen bedankte er sich höflich und gab seine neuen Münzen zu den anderen. Er spürte an ihrem Gewicht in seiner Hand, dass es weniger waren als jene, die er von Mr. O’Mally erhalten hatte. Doch da er sie mitsamt einer lockeren Mischung aus Flusen und Krümeln in seine Tasche gleiten ließ, wusste er, dass hier kein Geiz den Grund dafür bot. Vielmehr waren diese Rogen vom Boden eines jetzt wahrscheinlich größtenteils geleerten Beutels fortgeklaubt worden.

Begleitet von diesem Gedanken verbeugte der Küchenjunge sich ein zweites Mal, dann machte er auf dem Absatz kehrt und begab sich wieder an die Arbeit.

»He, Bursche!«

Mitten in der Bewegung hielt Leeom inne und sah Mr. Jones fragend an.

»Wenn du kannst, scheuch Flint aus der Küche und schick ihn her, ja?«

»Das mach ich, Sir.«

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