Kapitel 10

Immer wieder tauchten dieselben Bilder in meiner Erinnerung auf: Ein gigantischer weißer Wolf mit grünen Augen, flankiert von einem ebenso großem Wolf mit pechschwarzem Fell und hellbraunen Augen, einem etwas kleinerem Wolf mit grauschwarz geflecktem Fell mit warmen karamellfarbenen Augen und dann war da noch ein Wolf mit hellbraun und weiß geflecktem Fell und grauen Augen. Dieser schlich sich andauernd in meine Gedanken. Obwohl ich ihn nicht kannte. Die anderen drei Wölfe konnte ich inzwischen zuordnen: Der weiße große Wolf mit den Grünen Augen war Damon, der pechschwarze Wolf mit den warmen hellbraunen Augen war Leon und der grauschwarze Wolf mit den karamellfarbenen Augen war Duncan. Doch wer war der Wolf mit den hellbraunen und weiß geflecktem Fell und den eisgrauen Augen? Seit ich das Gespräch der drei vor der Küchentür belauscht hatte saß ich hier auf dem Flurboden, angelehnt an die Wand und versuchte mir einen Reim aus dem gehörten zu machen. Doch irgendwie wollte alles keinen Sinn machen. Warum sollte mich die Erdgöttin Gaia verfluchen? Hatte es etwas mit der Legende zutun von der Leon gesprochen hatte? Duncan hatte doch auch von ‚der Legende' gesprochen? Und was meinte Tiara mit ‚so ist eben unser Wesen'? Und warum erschien andauernd dieser weißbraune Wolf in meinen Erinnerungen? Was wollte mir mein Unterbewusst sein damit sagen? Es muss dieser Riley sein von dem sie sprachen, kam es mir plötzlich in den Sinn.

Also versuchte ich mich zu erinnern: An den Abend an dem ich Damon und Duncan das erste Mal sah. In der schicksalhaften Nacht im ‚Ghost Town'. Das sonderbar Gefühl Damon schon ewig zu kennen als ich ihn in die Augen sah. Oder das Kribbeln im Bauch als sie plötzlich weg waren. Doch jedes Mal wenn ich mich deutlicher versuchte an etwas zu erinnern entglitten mir die Bilder wie Wasser. Unscharf erschien immer wieder im Hintergrund ein hochgewachsener Mann, kleiner und schmäler als Damon mit kurzem braunen Haaren. Aber sobald ich ihn scharf stellen wollte verschwand das Bild. Es war als würde ich versuchen Rauch mit bloßen Händen zu fangen. Was war nur los mit mir? Was hatte das zu bedeuten?

Verzweifelt legte ich den Kopf an die kalte Mauer und öffnete die Augen. Tränen verschleierten meinen Blick. Tränen der Verzweiflung. Mir kam langsam das Gefühl das ich an vielem Schuld war: An dem Tod meiner besten Freundin, dass es diesem geheimnisvollem Riley schlecht ging und ich das Leben von allen auf den Kopf stellte. Und nun das Gesicht des unbekannten Wolfes das in meinen Gedanken herum spuckte und sich immer wieder nach vorne drängte. Ich hatte langsam das Gefühl durchzudrehen.

Dazu kam das schlechte Gefühl belogen zu werden. Warum hatte niemand etwas von diesem Fluch bis jetzt zu mir gesagt? Hatte ich nicht das Recht darauf es zu erfahren? Es ging hier doch auch um mein Leben nicht nur um das der zwei Männer. Hatte Ronan nicht gesagt er würde ehrlich zu mir sein? Er hatte sein Versprechen gebrochen. Und wer war der zweite Mann? Leon vielleicht? Da war dieser eine Moment gewesen im Flur, wo ich genau gespürt hatte das er mich beobachtet.

Wütend wischte ich mir mit den Handflächen die Tränen von den Wangen. Es reichte. Ich wollte endlich Klarheit. Umständlich kämpfte ich mich hoch. Ich wischte mir mit den Händen über die Hosenbeine und streckte die Hand nach dem Türgriff aus, als ich wie angefroren stehen blieb. Mein Herz machte einen Salto in meiner Brust. Jede Zelle in meinem Körper schien wie elektrisiert. Meine Muskeln fingen an zu zittern.

Von weiter Ferne hörte ich das greinen einer Tür und das klacken als sie ins Schloss fiel. Mein Herz begann wie wild zu pochen. Adrenalin schoss durch meine Venen und ließ meine Ohren rauschen. Mit schnellen Schritten kam der Neuankömmling näher. Mit jedem Schritt hörte ich wie auch sein Herz schneller schlug. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Der Neuankömmling war der vierte Wolf mit dem weißbraunen Fell und den Eisgrauen Augen. Riley. An den Türen zu den Schlafzimmern stockte er. Er muss mich bemerkt haben. Sein Herz hämmerte genau wie meines gegen seine Brust. Sein Atem ging stockend. Ich spürte wie sein Blick gierig über meinen Körper glitt.

Sollte ich mich umdrehen? Wie er wohl in Menschengestalt aussah? Ich kämpfte gegen den Drang mich umzudrehen, doch ich verlor. Zaghaft drehte ich mich um. Ein erschrockenes keuchen ertönte.

„Oh Nein," hörte ich ihn stöhnen. „Das kann nicht wahr sein."

Meine Augen huschten suchend durch den Flur bis sie ihn fanden. Ein junger Mann stand an einer Tür und lehnte mit geschlossenen Augen verzweifelt die Stirn daran. Er war groß und schmal gebaut. Seine schwarze Lederjacke spannte an den Oberarmen. Das ließ mich seine Muskeln erahnen. Unter der Lederjacke trug er ein graues Shirt mit einem schwarzen Aufdruck, dazu graue Jeans und schwarze Sneakers mit weißer Sohle. Fast schon hungrig glitt mein Blick über seinen athletischen Körper. Beschämt versuchte ich meine Augen abzuwenden doch sie wanderten automatisch immer wieder zu ihm zurück. Abgekämpft stemmte er sich mit den Händen an den Türpfosten und starrte stoisch auf das Holz. Es schien ihm alles abzuverlangen nicht zu mir zu schauen. Die Knöchel an den Händen traten weiß hervor und ich sah wie eine Ader an seinem Hals pochte.

„Das darf nicht wahr sein," murmelte er vor sich hin. „Was machst du immer noch hier? Solltest du nicht weg sein? Kannst du nicht... einfach abhauen?"

„Ich... es tut mir leid?" stotterte ich da ich das Gefühl hatte mich entschuldigen zu müssen. Ich quellte ihn wirklich. Tränen traten mir in die Augen.

Er stieß ein freudloses Lachen aus. „Da halte ich mich eine Woche lang von dir fern, nur um sicher zu gehen, und dann das: Kaum komme ich kurz nachhause, schon stehst du vor mir," murmelte er. Seine Stimme klang rau und belegt. „Das nennt man dann wohl Ironie des Schicksals."

„Warum... warum wolltest du dich von mir Fernhalten?" fragte ich ihn eingeschüchtert.

„Ich will es nicht. Verstehst du das nicht? Ich will nicht immer nur an dich denken. Ich will frei sein. Frei meine eigenen Entscheidungen zu treffen," erklärte er immer noch seinen Blick auf die Tür gehaftet.

„Wegen Gaias Fluch," stellte ich fest. „Seit wann weißt du es?"

Langsam richtete er sich auf und ließ mit zitternden Armen den Türstock los.

„Ich habe die ersten Anzeichen in dieser Nacht im Club gespürt," murmelte er und starrte auf seine Schuhspitzen. „Ich stand hinter Damon."

Schlagartig erinnerte ich mich: Ich saß im Pub. Unter meinen Oberschenkeln spürte ich das raue Leder durch den dünnen Stoff meines Kleides das eher für einen heißen Sommertag als für eine kühle Septembernacht geeignet war. Gelangweilt ließ ich meinen Blick durch den Pub wandern, beobachtete amüsiert das Geschehen von meinem Aussichtspunkt aus und nippte an meinem Cocktailglas. Mein Blick wanderte über die Gäste im Pub, da spürte ich plötzlich ein Kribbeln im Nacken. Wie elektrisiert drehte ich mich zum Ende der Bar. Ich sah Duncan der mir seinen Rücken zugewandt hatte und Damon der blitzschnell seinen Blick hob als hätte ich ihn gerufen. Mein Herz schlug augenblicklich schneller, pochte wie wild gegen meine Rippen. Ich atmete stockend. Doch dieses Mal wusste ich das es nicht Damon war der mich aus der Fassung brachte: Dieses Mal sah ich ihn. Sah den Hochgewachsenen Mann hinter Damon. Er trug wie heute seine ausgebeulte schwarze Lederjacke. Darunter ein weißes T-shirt mit einem bunten Aufdruck. Dazu trug er ausgewaschene Bluejeans. Für eine Sekunde trafen seine eisgrauen Augen auf meine und die Welt schien stehen zu bleiben. Die Musik und das Lärmende Gequatsche der Menschen um uns verstummte. In meinen Ohren rauschte das Blut wie die Wellen des Meeres. Die Zellen meines Körpers summten, zogen mich zu ihm wie Magnete. Wie gebannt starrte ich zu ihm. Die Pupillen seiner Augen weiteten sich erschrocken. Blitzschnell wandte er sich ab. Der intime Moment zerplatzte wie eine Seifenblase. Ich sah wie seine Schultern bebten und er schwer atmete. Er klammerte sich mit beiden Händen an den kleinen Tisch an dem er stand. In diesem Moment legte sich eine warme Hand auf meine Schulter und vor mir erschien das lächelnde Gesicht meiner besten Freundin Clary. Nein, nein, nein! dachte ich verzweifelt. Ich darf nicht an sie denken. Es schmerzt zu sehr an sie zu denken.

Meine Augen füllten sich mit Tränen und ich schüttelte die Erinnerung von mir. Verzweifelt versuchte ich das bleierne Gefühl loszuwerden. Ein Kloß saß in meinem Hals fest und ich hatte das Gefühl daran zu ersticken. Angestrengt versuchte ich ruhig zu atmen.

„Also... also bist du der weißbraune Wolf," krächzte ich und blinzelte die Tränen weg.

Er nickte steif. Durch meinen Tränenschleier sah ich wie er verkrampft an der Innenseite seiner Wange kaute. Die Situation schien ihn zu belasten. Er schien nicht still stehen zu können. An dauernd zappelte er hin und her, fuhr sich mit den Händen durch das Haar oder über seinen Nacken und versuchte hartnäckig nicht in mein Gesicht zu schauen.

„Wie heißt du?" fragte ich ihn schniefend und betrachtete ihn neugierig. Ich wusste es zwar schon, trotzdem wollte ich seinen Namen aus seinem Mund hören.

Sein Blick huschte kurz zu mir doch kurz vor meinem Gesicht besann er sich wieder und er drehte nervös seinen Kopf weg und fuhr sich mit einer Hand über sein Gesicht.

„Riley," seufzte er.

„Hallo Riley. Ich heiße Skyler," lächelte ich besänftigend. „Warum schaust du andauernd auf den Boden, Riley?" Er biss sich auf die Unterlippe und kniff die Augen zusammen.

„Wenn ich dir in die Augen schaue ist es um mich geschehen. Dann ist der Fluch besiegelt und ich werde beginnen um deine Gunst zu eifern so wie es der Fluch will. Nur bei Mondlicht ist der Fluch unwirksam, denn dann ist die Macht von Gaia schwach. Bei Mondschein herrscht Hekate," erklärte Riley, während sein Blick einen festen Punkt vor mir suchte.

„Ich glaube nicht, dass es helfen wird. Gaia findet ihren weg. Das haben wir doch gerade gesehen: Du hast versucht mir aus dem Weg zu gehen und doch haben wir uns getroffen. Der Fluch wird uns immer wieder zu einander führen. Willst du ab jetzt immer nur auf den Boden starren?" lachte ich.

„Wenn es sein muss," antwortete er mit zusammengebissenen Zähnen. „Du verstehst das nicht."

„Ihr wisst gar nichts. Glaubst du mich lässt es kalt das du vor mir stehst? Ich muss mich zusammenreisen um nicht zu dir zu stürzen und dich zu küssen. Das ist wahrlich nicht leicht. Mein ganzer Körper scheint nach dir zu schreien," knurrte ich.

Riley schluckte. Er schloss die Augen und hob langsam den Kopf. Endlich sah ich sein ganzes Gesicht. Auf seinem Kinn sah ich den Schatten eines Dreitagebartes. Vorsichtig öffnete er die Augen. Kurz suchten seine Pupillen nach meinen. Als sie endlich auf mein trafen durchfuhr es mich wie ein Blitz. Wärme breitete sich in mir aus. Ein Lächeln breitete sich in unseren beiden Gesichtern aus.

„Riley." flüsterte ich und strahlte.


Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media