Kapitel 10: Der erste Verbündete

Die Wächter lieferten Luzifer bei Dominicus ab. Der Seraphim sah ihn streng an.
"Lektion kapiert?"
"Ja", murmelte Luzifer und machte ein zerknirschtes Gesicht.
"Das will ich auch hoffen! Du bist der Träger des Lichts, Schwäche ist dir nicht erlaubt. Solltest du bei deinem nächsten Auftrag wieder versagen, wird die Strafe deutlich strenger ausfallen! Und jetzt geh!"
Dominicus warf Luzifer dessen Waffen vor die Füße, drehte sich um und ging davon. Luzifer seufzte, hob die Waffen auf, verstaute sie in seinem Gürtel und machte sich auf den Weg zu seinem Haus. Er brauchte jetzt erstmal einen Tee und dann musste er sich überlegen, wie er es anstellen sollte, eine Seele über längere Zeit zu verfolgen, ohne dass es jemandem auffiel. Leicht würde das nicht werden, das war ihm klar. Vielleicht würde es Wochen, sogar Monate dauern, bis er Erfolg haben würde. Wochen, Monate, die er hier im Himmel verbringen musste und Asmodeus nicht sehen konnte...

Ein paar Wochen lang hielt er sich bedeckt, arbeitete an seiner Kampftechnik und ging abends sogar ab und zu in eine Bar, flirtete mit der Bedienung und trank ein bisschen zu viel von diesem Zeug, das sie hier "Himmelsfreude" nannten: hochprozentiger Whiskey on the rocks. Sein Ziel war es, die anderen glauben zu machen, dass er sich mit den Gegebenheiten hier allmählich anfreundete. Sie durften ihn keinesfalls als Bedrohung empfinden, das leiseste Misstrauen konnte all seine Pläne zunichte machen. Und Pläne hatte er mittlerweile ausgearbeitet, nicht nur die Seelen betreffend...

Daher nahm er auch Einladungen anderer Engel mit scheinbarer Freude an, traf sich mit ihnen zum Zocken und Saufen, benahm sich wie sie und gab auf scheinbar unverfängliche Fragen die richtigen Antworten.
Nachdem er etwa zwei Monate lang so gelebt hatte und sicher war, dass die Engel ihm vertrauten, machte er sich daran, seinen ersten Plan in die Tat umzusetzen.

Scheinbar ziellos lief er durch Harpreetia, offensichtlich den Müßiggang pflegend, blieb hier und da stehen, um mit einem der Engel zu quatschen und hielt doch immerzu die Augen offen nach einer geeigneten Seele. Es dauerte nicht lange, bis er eine ausfindig gemacht hatte. Es war die Seele einer alten Frau, die langsam in ihrem entrückten Zustand durch die Strassen schwebte. Luzifer heftete sich möglichst unauffällig an ihre Fersen und folgte ihr. Dabei achtete er darauf, sich nicht zu auffällig zu verhalten, blieb hin und wieder stehen und betrachtete die Auslagen in den Schaufenstern der Shops, während er die Seele aus den Augenwinkeln beobachtete, um sie nicht zu verlieren. Doch trotz all seiner Vorsicht bemerkte er nach einer Weile die beiden Wächter, die nun wieder ihn möglichst unauffällig verfolgten. Luzifer war klar, dass er sich schnell etwas einfallen lassen musste. Doch noch bevor er auch nur die Spur einer Idee hatte, hörte er plötzlich jemanden seinen Namen rufen:
"Hey, Kleines Licht, Kleines Feuer! Ist ja prima, dass du so schnell her gefunden hast. Ich weiß. der Weg ist nicht so ganz leicht zu finden. Schön, dass du meine Einladung angenommen hast."
Eleazar, ein Engel, den Luzifer nur flüchtig von seinen Barbesuchen her kannte, eilte auf ihn zu und umarmte ihn zur Begrüßung. Dabei flüsterte er ihm zu:
"Spiel bloß mit, sonst kriegen sie dich."
Also erwiderte Luzifer die Umarmung, schlug Eleazar anschließend auf die Schulter und rief:
"Mann, Alter, ist doch klar. Bin nur n bisschen spät dran, sorry, ey, aber du weißt ja, wie das so ist."
"Jau, geht mir hier in der Shoppingmeile auch immer so. Aber lass uns nicht quatschen, komm, ich geb dir n Bier aus."
"Na, das ist doch mal ne gute Idee!", stimmte Luzifer zu und folgte Eleazar in eine kleine Bar, die etwas versteckt in einer schmalen Seitengasse lag. Die beiden setzten sich an einen Tisch im hintersten Winkel der Bar und Eleazar orderte zwei Bier. Nachdem sie den ersten Schluck getrunken hatten, beugte Eleazar sich leicht zu Luzifer und sagte leise:
"Mann, Junge, das war knapp. Bist du eigentlich bescheuert, dieser Seele so auffällig hinterher zu schleichen?  Die Wächter behalten dich genau im Auge. Die einfachen Engel kannst du mit dieser Ich-bin-wie-ihr-Nummer vielleicht täuschen, aber Wächter sind von Natur aus viel misstrauischer. Sonst wären sie ja auch keine Wächter. Die vertrauen dir seit deinem Versagen kein Stück mehr. Also sieh dich bloß vor!"
Luzifer seufzte.
"Und ich hab mich für so unauffällig gehalten."
"Na, das musst du noch ein bisschen üben, mein Freund!"
"Woher wusstest du eigentlich, dass die hinter mit her sind?
Eleazar grinste.
"Weil ich dich schon seit Wochen verfolge und beobachte."
Luzifer sah ihn verdattert an.
"Davon hab ich gar nichts gemerkt."
"Da kannste mal sehen, was für ein Küken du bist. Aber jetzt zur Sache. Ich weiß, dass du wissen willst, was mit den Seelen los ist. Ich kann es dir sagen, aber hier und jetzt geht das nicht. Komm in drei Tagen zum Olivenhain nördlich vom Ambrosiasee. Du weißt doch, wo der ist?"
Luzifer nickte.
"Ja, ich weiß, aber wer sagt mir, dass das hier kein Trick ist. Woher soll ich wissen, ob ich dir vertrauen kann?"
Eleazar schaute sich unauffällig um, und als er sah, dass niemand auf ihn und Luzifer achtete, schob er den Ärmel seines Hemdes ein wenig nach oben und zeigte Luzifer die Unterseite seinen Armes. Knapp unterhalb der Ellbeuge hatte er ein kleines Tattoo: zwei Hörner, wie die von Asmodeus. Eleazar bedeckte den Arm schnell wieder, trank sein Bier aus und sagte:
"Wir stehen auf der gleichen Seite, mein Freund! Auch ich bin einer ihrer Freunde. Und nicht nur ich, du hast hier noch mehr Freunde und Verbündete, aber mehr erfährst du dann in vier Tagen. Kurz nach Mittag. Sei pünktlich." 
Eleazar stand auf.
"Komm, lass uns gehen. Die Wächter dürften inzwischen weg sein. Geh direkt nach Hause, achte nicht auf die Seelen und benimm dich weiterhin wie in den letzten Wochen. Und rede mit niemandem über das hier."
Luzifer versprach es ihm und gemeinsam verließen sie die Bar. Eleazar hatte recht, die Wächter waren verschwunden. Die beiden Engel verabschiedeten sich voneinander und Luzifer ging direkt nach hause. Dabei beschäftigte ihn vor allem eine Frage: wie meinte Eleazar das, wenn er sagte, dass auch er ein Freund von Asmodeus war? Hoffentlich nicht so, wie Luzifer es befürchtete. Immerhin war sie die Herrin der Wolllust...







Kommentare

  • Author Portrait

    Endlich kommen wir der Rätselslösung etwas näher!

  • Author Portrait

    Wirkt echt sehr gut. Erinnert mich stark an das Buch "Damian". Da übernimmt der gefallene Engel Damian einen ziemlich ähnlichen Part wie dein Luzifer. Genauso ähnelt sich die Moral der beiden. Damian ist eins meiner Lieblingsbücher und du bist mit der Geschichte sehr nahe an der Qualität von dem Buch. Weiter so!

beta
Feenstaub

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