Kapitel 12

Tage verstrichen, in denen Viktor sich selbst für die Torheit rügte, dass er sein Leben hatte beenden wollen. Dass er dem aufwallenden Gefühl der Schwäche und der Verzweiflung hatte nachgeben wollen.

Doch Sebastian hatte Recht. Erstens war es eine Sünde, das zu tun, zweitens würde es ihm für immer die Gelegenheit nehmen, seine Familie an der Himmelspforte wiederzusehen und drittens, er konnte nicht einfach aufgeben.

Es war schließlich nicht nur er allein. Er hatte einen Hausstaat, der von ihm abhängig war. Menschen, die darauf angewiesen waren, dass er ihnen Heim und Arbeit gab.

Es stand mehr auf dem Spiel als nur sein eigenes Leben. Er hatte Pflichten, die wichtiger waren als sein Gefühlsleben.

Und doch wollte er dieses auch nicht gänzlich außer Acht lassen. Es war eine Sünde, diese ungebührlichen Gedanken zu haben. Doch niemand konnte ihm verbieten, dennoch seine gesellschaftlichen Kontakte zu pflegen.

Mit einem unangenehmen Kribbeln lehnte der junge Graf sich an die steinerne Balustrade, die den Balkon, der zum Musikzimmer gehörte, umspannte. Er blickte auf den belebten Hof, auf dem seine Angestellten eifrig ihrem Tagwerk nachgingen und die Kinder munter im noch immer zentimeterdick liegenden Schnee herumtollten. Die Sonne schien und hatte die grauen, flockenspeienden Wolken zumindest für eine Weile vertrieben. Von seinem Standort aus konnte er weit in das Land hineinblicken, das sich jenseits davon befand. Bis in die Ebenen hinein war Schnee gefallen und Nuancen von braun, weiß und vereinzelten grünen Flächen, die Wälder waren, wechselten sich ab.

Der Engländer hatte Recht gehabt mit seiner Vermutung. Die Landschaft war rau, sie war hart, doch sie entbehrte nicht einer wilden, ungezähmten Schönheit.

Graf Viktor lächelte und wandte sich vom Land seiner Väter ab. Langsam gefroren ihm die Finger, die bereits eine ganze Zeit lang auf dem kalten Stein gelegen hatten. Zerknirscht schmunzelnd beugte und streckte er diese, damit das warme Blut in die Glieder zurückkam, und betrat das Musikzimmer durch die weit geöffneten Flügelfenster.

Sein Lächeln verstärkte sich, als er diese wieder verschloss. Das Feuer im Kamin prasselte laut und warf einen lebendigen Schein auf die von seinem Vater liebevoll zusammengetragenen und kostbaren Instrumente. Als Junge hatte er dieses Zimmer nicht sehr geliebt, da sein alter, viel zu strenger Lehrer ihm fortwährend mit seinem Stock auf die Finger geschlagen hatte, wenn er bei seinen Klavierlektionen Fehler machte.

Heute jedoch liebte Viktor den Raum umso mehr. Er war, neben der Bibliothek und seinen Gemächern, sein liebster Rückzugsort, wenn die Hektik des Alltages ihm zu laut wurde, wenn er leise Klänge brauchte, um seine tobende Seele zu beruhigen und wenn das Herz ihm so schwer war, dass nur die melancholischste Symphonie auf dem Klavier dieses wieder erleichtern konnte.

Sein Blick wanderte über die Instrumente. Sein Vater hatte selbst nur mäßig spielen können und gerade einmal ein paar Takte auf dem wesentlich kleineren Cembalo, doch er hatte es geliebt, wenn andere spielten.

Viktor erinnerte sich, als Junge vor dem Kamin gesessen zu haben, sein alter Herr in dem alten Sessel vor selbigem, und wie sie beide dem Spiel der Mutter gelauscht hatten, während die Sonne, die durch den gläsernen Kuppelanbau des Zimmers fiel, ihr dunkles Haar wie schwarze Edelsteine hatte funkeln lassen.

Der Flügel, den sie benutzt hatte damals, stand noch immer an derselben Stelle, vor einer gläsernen Fensterwand, die das Licht in den Raum ließ. Sein Vater hatte sich anfangs geweigert, eine massive, steinerne Mauer gegen so etwas Zerbrechliches einzutauschen, doch seine Mutter hatte sich schlussendlich durchgesetzt und ihn überzeugt. Und Viktor war froh darum.

Diese Wand aus Licht, die den Blick auf die Berge freigab, verlieh dem Zimmer, zusammen mit dem alten, gehegten Flügel und den exotischen Pflanzen, die das große Fenster säumten, etwas Märchenhaftes. Und gerade im Winter, wenn das Glas bis auf Hüfthöhe mit schillernden Eiskristallen überzogen war, fand Viktor es besonders schön.

Mit einem Seufzen nahm er auf der Bank Platz und hob den Tastendeckel des Flügels. Sebastian wusste, dass sein Herr dieses Instrument ebenso sehr liebte wie seine Violine und hielt es stets eigenhändig frei von Staub. Dem jungen Grafen kam ein milder Duft von Ölpolitur entgegen, als er seine Finger auf die Tasten aus Elfenbein legte.

Ohne einem Notenblatt zu folgen, begann er, eine Melodie zu spielen, die keiner Richtung folgte, keiner vorgegebenen Bahn. Seit dem Klavierunterricht als Kind liebte er es nicht mehr, nach Kompositionen zu spielen. Er genoss es vielmehr, frei nach Gefühl die Musik sich entwickeln zu lassen, in die Richtung, in die diese wollte.

So versunken in sein Spiel merkte er jedoch auch nicht, dass sich die Tür zu dem Musikzimmer leise öffnete und Sebastian mit einem Gast hereintrat, der unverschämterweise nicht unten in der Halle hatte warten wollen, um angemessen von Graf Viktor begrüßt zu werden.

Ein verstimmtes Räuspern des Leibdieners und ein Klatschen des Gastes rissen den Mann am Klavier aus dem Takt und mit einem misstönenden Klimpern verstummte das Musikstück. Ertappt und gleichzeitig leicht erzürnt wandte dieser den Blick zur Tür.

Sebastian überwand die Entfernung zwischen sich und seinem Herrn und verneigte sich entschuldigend.

»Verzeiht, mein Herr. Lord Sandringham wollte partout nicht darauf warten, dass ich Euch hole, sondern ist mir einfach gefolgt.«

Graf Viktor nickte nur und erhob sich von dem Flügel. Er hasste es, wenn man ihn beim Spielen überraschte. Aus einem ihm unerfindlichen Grund empfand er stets Scham, wenn jemand ihn am Klavier hören konnte. Vermutlich rührte es daher, dass sein Lehrer ihm früher immer gesagt hatte, dass aus ihm niemals ein gescheiter Pianist werden würde. Dass er zwei linke Hände habe, die niemals harmonisch miteinander agieren würden können. Er liebte das Musizieren und auch wenn es inzwischen viele Menschen gab, die ihm ein Talent bescheinigten, war die gehässige, leise Stimme seines alten Mentors dennoch all die Jahre in seinem Hinterkopf geblieben.

»Es ist gut, Sebastian. Würdest du uns Tee bringen?«

»Ja, Herr.« Der Diener wandte sich ab, nicht ohne beim Herausgehen noch einen verstimmten Blick auf den blonden Engländer zu werfen, der ungeniert die Instrumente bewunderte.

»Lord Sandringham, es ist mir eine Freude. Doch Ihr habt mir die Gelegenheit genommen, Euch gebührend in meinem Heim zu empfangen.«

»Graf, wie hättet Ihr mich besser empfangen können als mit dieser Symphonie aus Leidenschaft und Melancholie? Nie wurde ich angenehmer begrüßt.« Der Engländer ergriff die dargebotene Hand des anderen Mannes und verneigte sich leicht, wie es sich gegenüber einem höhergestellten Adeligen gehörte.

Graf Viktor spürte, wie er unter seiner dunklen Haut errötete und machte sich von dem Händedruck los. Er räusperte sich.

»Euch ist freilich bewusst, dass dieses Musikstück eher nicht für anderer Leute Ohren bestimmt war.« Er offerierte seinem Gast, in einem der gemütlichen Sessel am Kamin Platz zu nehmen, was Hiram dankend annahm. Er streckte die Hände den Flammen entgegen, als sei ihm furchtbar kalt.

»So erschien es mir in der Tat und ich möchte mich für meine Unverschämtheit entschuldigen, einfach hier eingedrungen zu sein. Ich hoffe, ich habe Euch damit nicht zu sehr brüskiert oder gar beschämt?«

Viktor setzte sich seinem Gast gegenüber und ließ seinen Blick verstohlen über dessen Gesicht wandern. Die Augen des Engländers erschienen durch die orangefarbenen Flammen wie ein Sonnenuntergang über dem Meer. Peinlich berührt blickte der Graf auf seine Hände nieder.

»Hm, ich gestehe, es war mir im ersten Moment tatsächlich nicht recht. Ich denke, mein Hauslehrer hat mich zu einem Zweifler erzogen, was mein musikalisches Talent betrifft.«

Hiram wandte sich vom Kamin ab, rieb sich die kalten Finger und lächelte. »Dazu besteht kein Grund, Graf Draganesti. Ich kannte das Stück nicht, das ihr spieltet, doch es klang ganz und gar nicht nach jemandem, der kein Talent hätte. Ich hingegen habe nie gelernt, dieses Instrument zu spielen. Bei mir hätte es wohl eher etwas von kindischem Geklimper.«

Viktor schmunzelte. »Es war auch kein Stück von einem Komponisten. Es war Freistil.«

Der Engländer lachte auf. »Na dann seid Ihr umso mehr ein Talent!«

»Nun... ich werde sicher nicht mit jemandem streiten, der bei meinem Spiel nicht vor Langeweile eingeschlafen oder davon gelaufen ist, deswegen: Ich danke Euch.«

Einen Moment schwiegen beide und merkten gar nicht, dass sie einander nur ansahen.

Als es jedoch an der Tür klopfte und Sebastian mit einem kleinen Teewagen in das Zimmer trat, zuckte Viktor merklich zusammen und errötete. Sein Herz und sein Magen zogen sich schmerzhaft zusammen und ein Gefühl der Übelkeit überkam ihn. Intensiv war der Schmerz, der sich durch Mark und Bein zog.

Die ihm bereits zu gut bekannte Welle des Selbsthasses überrollte ihn und tausend kleine Nadeln stachen ihm in die Haut. Seine Stirn umwölkte sich und verhärtete seine Züge. Wie konnte er sich so gehen lassen, diesen Mann so ungeniert anzustarren? Wie konnte er durch sein Verhalten riskieren, dass Gerüchte über ihn aufkamen? Lord Sandringham war ein Fremder hier, ihn mochte es nicht kümmern, doch er, Viktor, lebte hier, herrschte hier!

Er musste sich zusammenreißen. Es durfte niemals wieder passieren, dass er sich dazu hinreißen ließ, die Züge des Mannes zu bewundern.

»Mein Herr, Lord Sandringham«, Sebastian verneigte sich und stellte die Gedecke auf den kleinen Tisch, der die eleganten Sessel voneinander trennte, »Tee und etwas Gebäck. Ich wünsche guten Appetit.«

»Ich danke dir, Sebastian«, entgegnete Viktor und ließ sich eine Tasse reichen. »Du kannst uns allein lassen. Ich klingle, wenn doch noch etwas sein sollte.«

»Ja, Herr.« Der Leibdiener verneigte sich, nicht ohne einen genauen Blick auf seinen jungen Grafen und Freund. Ihm entgingen die roten Wangen und die zornigen Sorgenfalten auf dem Gesicht des Mannes nicht, er kannte sie bereits zur Genüge. Innerlich seufzend verließ er das Musikzimmer wieder und begab sich in die Küche zurück.

Sein Herr mochte es für eine unverzeihliche Sünde halten, doch er, Sebastian, war bereits vor längerer Zeit zu dem Schluss gekommen, dass dieses Entsagen, das Kasteien, den Grafen über kurz oder lang ernsthaft krank werden lassen würde. Er hatte es bislang noch nicht gewagt, ihm diese Gedanken mitzuteilen, doch er kam immer mehr zu der Erkenntnis, dass das Beste, was Viktor tun konnte war, dem Verlangen nachzugeben. Nur einmal. Um wieder einige Zeit lang Ruhe zu haben vor den Qualen, die nicht nur seelisch, sondern auch körperlich spürbar waren.

»Sünde ist doch nur ein Wort!«, fauchte der Diener leise zu sich, bevor er wieder an seine Arbeit ging.

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