Kapitel 13

Die Kälte schlug mir erbarmungslos entgegen als ich, wie mich Leon angewiesen hatte, das Fenster von Damons Schlafzimmer öffnete. Zitternd zog ich mir die Kapuze des viel zu großen schwarzen Sweatshirts das ich Damon geklaut hatte auf den Kopf und kletterte auf die Fensterbank. Wie Nadeln stach die Kälte in meine Haut.

Vorsichtig ließ ich mich zu Boden gleiten. Unter meinen Füßen spürte ich den weichen Boden. Angespannt lauschte ich in die Stille der Nacht. Das wispern des Windes in den Blättern des Waldes, das leise plätschern eines Baches und die rufe eines Vogels drangen an meine Ohren.

Erleichtert atmete ich aus und richtete mich auf. Niemand hatte mein waghalsiges Unternehmen bemerkt. Langsam bewegte ich mich von dem Fenster weg. Völlige Dunkelheit umgab mich nun.

Nervös blieb ich stehen und versuchte mich an die Wegbeschreibung von Leon zu erinnern. Doch in der Dunkelheit fehlten mir Anhaltspunkte. An was sollte ich mich Orientieren?

Mit klopfendem Herzen schloss ich die Augen. Was hatten Leon und Damon gesagt? „Vertraue auf deine natürlichen Instinkte," hörte ich die Stimme von Damon in meinem Kopf.

Ich atmete tief durch, schloss wieder meine Augen und konzentrierte mich voll und ganz auf meine Atmung um mich zu entspannen. Nach einer Weile spürte ich wie sich meine Sinne schärften.

In meinen Ohren rauschte es. Ich vernahm einen ruhigen Herzschlag in meiner Nähe. Erschrocken zuckte ich zusammen und riss die Augen auf.

Ängstlich sah ich mich um. Es war dunkel, doch meine Augen stellten sich automatisch scharf. Ich sah die Blätter die sich ihm Herbstwind bewegten. Kein Detail entging mir.

Fassungslos verstand ich plötzlich das der Herzschlag aus dem Haus hinter mir kam. Es hatte geklappt: Ich hatte meinen Wolfsinstinkt gefunden. Innerlich jubelte ich und doch war ich mit dieser Entdeckung vollkommen überfordert. Ich erkannte erschrocken das ich bis jetzt nicht geglaubt hatte was ich gehört hatte. Es klang einfach zu unglaubwürdig. Doch jetzt konnte ich es nicht mehr leugnen: Ich war niemals gewöhnlich gewesen. Alles was ich gehört hatte war wahr.

Von weitem hörte ich wieder die Uhr ticken. Ich hatte keine Zeit über diese Entdeckung nachzudenken. Es war Zeit antworten zu bekommen. Ich raffte mich auf und lauschte in die Dunkelheit. Verschiedene Herzschläge drangen an mein Ohr, doch ich suchte einen bestimmten. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich vollkommen darauf diesen Herzschlag heraus zu fischen. Er musste in der Nähe sein.

Und da war er.

Vollkommen automatisch setzten sich meine Füße in Bewegung. Es war als würde mein Körper diese Gegend schon ewig kennen. Jeder Strauch und jeder Baum waren mir vertraut.

Mit jedem Schritt wurde das Klopfen lauter und unregelmäßiger. Auch mein Herz begann schneller zu schlagen.

„Du hast es gefunden," stellte er flüsternd fest als ich um den Stamm einer Lärche trat die am Ufer eines Sees stand. Dem See aus meinem Traum.

Er lehnte lässig mit geschlossenen Augen am Baum und zog an seiner Zigarette.

„Hast du daran etwa gezweifelt?" fragte ich ihn mit gespielter Entrüstung.

Er seufzte und öffnete seine Augen.

„Nein," knurrte er und richtete sich vor mir auf. „Aber ich habe es gehofft." Mein Herz setzte aus.

„Warum?" hauchte ich. Leon machte einen Zug an seiner Zigarette und blies den Rauch in die Luft.

„Auch, wenn die Kraft von Gaia nun schwächer ist, auch meine Selbstbeherrschung kennt ihre Grenzen, Skyler." Ich konnte erkennen wie sich sein Mund unter dem dichten Bart zu einem Grinsen verzog und er trat näher. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen: Leon war der zweite Mann. Der Mann den Gaia für die Alphatochter auserwählt hatte. Wie versteinert stand ich an meinem Platz und beobachtete mit angehaltenem Atem wie er langsam seine Hand hob. Mein Herz machte einen Sprung als seine Fingerspitzen meine Wange berührten. Automatisch schloss ich meine Augen. Sanft strich er meine Wange entlang. Mein Herz schien mir aus der Brust zu springen. In meinem Bauch machte sich eine wohlige Wärme breit. In meinem Kopf herrschte vollkommenes Chaos. Alles drehte sich und ich wollte nur eines: Das dies niemals aufhörte. Ich war wie benebelt, gefangen in diesem Moment.

Seufzend zog Leon seine Hand zurück.

„Wir können das nicht machen," stellte er stockend fest.

Zitternd trat ich mit gesenktem Kopf zurück. Auf einmal kam es mir dumm vor hier zu sein. Warum hatte ich seiner bitte folgegeleistet? Ich kannte diesen Mann doch gar nicht. Er hatte vollkommen recht. „Du hast recht. Tut mir leid."

Leon sah mich mit großen Augen an. „Es muss dir nicht leidtun, Sky. Es ist der Fluch der uns diese Dinge tun lässt. Es ist nicht unsere Entscheidung."

Ich schüttelte meinen Kopf und lehnte mich neben ihn an den Stamm der Lärche.

„Es ist... ich kann... mein Kopf will das noch nicht ganz verstehen. All diese Dinge die hier passieren: Das ist... alles so unbegreiflich... so unbeschreiblich," versuchte ich verzweifelt meine Gefühle in Worte zu fassen. Ich hob meinen Kopf und blickte in den Himmel. Es war eine Sternen klare Nacht. Am schwarzen Flies des Himmels leuchteten mir Millionen von hellen Punkten entgegen. Genau wie in der Nacht auf dem Parkplatz. Meine letzte Nacht mit Clary. Tränen traten mir in die Augen. Schnell senkte ich meinen Kopf und versuchte unbemerkt eine Träne aus meinen Augenwinkel zu wischen.

„Trauer ist nichts wofür du dich schämen musst. Das macht dich nur menschlich," ertönte seine mitfühlende Stimme. „Es ist viel passiert und ich verstehe das es dir schwerfällt alles zu verstehen."

Ich wandte meinen Blick zu ihm, nur um festzustellen, dass er mich beobachtet. „Wie solltest du das verstehen? Du bist nicht dein halbes Leben belogen worden." Leon seufzte und löschte seine abgebrannte Zigarette.

„Das stimmt," gab er mich recht und nickte zustimmend. „Mir wurde von klein auf immer die gleiche Geschichte erzählt: Die Geschichte unserer Entstehung. Gaia und Hekate. Die Streitereien der Schwestern." Sein Gesicht verhärtete sich. „Doch als ich Älter wurde tauchte eine Seherin auf. Diese prophezeite unserem Stamm eine Geburt der Stammhalterin. Doch diese soll keine reinblütige Wächterin sein. Sie soll zur Hälfte ein Element sein. Das stärkste der Elemente: Feuer. Zudem soll sie unter dem Blutmond geboren sein."

„Telekinese" flüsterte ich.

„Genau," stimmte mir Leon vor. „Damon hat dich gut eingelernt, sehe ich."

„Er hat mir von den Göttinnen erzählt, ihrem Streit und den verschiedenen Mondgaben." gab ich zu.

„Das ist gut. Du musst die Geschichte wissen um zu verstehen warum du etwas Besonderes für uns bist." Er nickte eifrig.

„Aber Leon," ich schüttelte den Kopf. „Ich bin nichts Besonderes."

„Doch. Wie dir Damon sicher schon erzählt hat gibt es nicht sehr viele Blutmondgeborene. Besser gesagt ist in den letzten zwanzig Jahren keiner unter diesem Mond geboren. Außer dir." Erklärte er.

Ich schüttelte wieder den Kopf. „Ich bin Ich, Skyler. Nichts Anderes."

Ein grinsen umspielte sein Gesicht. „Bist du dir sicher?" flüsterte er.

„Ganz sicher," hauchte ich.

Leon seufzte theatralisch. „Ach Skyler. Du schaffst mich. Was soll ich bloß mit dir machen?" Ein lächeln schlich sich auf mein Gesicht das ich sofort wieder verschwinden ließ.

„Was meinst du damit?"

Breit grinsend kam Leon näher. „Das du mir nicht vertraust," stellte er klar. Sein Gesicht wurde ernst. „Ich verstehe das, doch ich kann dir versichern das du mir voll und ganz vertrauen kannst. Durch den Fluch bin ich dazu gezwungen ehrlich zu dir zu sein. Alle beide." Ich schluckte. Dieser Fluch machte mir Angst.

„Woher weiß ich, dass das nicht gelogen ist? Ich kenne dich doch gar nicht," fragte ich wahrheitsgemäß. „Ihr verlangt von mir, dass ich euch vertraue, dabei vergesst ihr das ich euch nicht einmal kenne."

Ich beobachtete wie Leon sich nachdenklich auf die Unterlippe biss. Grübelnd begann er auf und nieder zu gehen. Nach einer Weile blieb er stehen und starrte über den See. „Es gibt nur eine Möglichkeit es dir zu beweisen," murmelte er abwesend.

„Was willst du mir beweisen?" zögernd trat ich näher zu ihm.

Langsam drehte er sich zu mir. „Das du das Mädchen aus der Prophezeiung bist."

Zweifelnd zog ich eine Augenbraue hoch. „Und wie willst du mir das beweisen? In dem wir eine Runde schwimmen?"

Schmunzelnd zwinkerte er mir zu. „Glaub mir: Hier im Mondlicht mit dir Nackt schwimmen zu gehen entspreche auch eher meiner Vorstellung, doch: erstens ist das Wasser sehr kalt und zweitens beweist das nur das ich meine Selbstbeherrschung über Bord geworfen habe und sie lachend neben uns im Wasser treibt."

„Du bist echt schlimm Leon," lachte ich. „Was hast du dann geplant?"

Leon drehte sich lächelnd zu mir. „Denk an einen Gegenstand den du gerne bei dir hättest." Perplex starrte ich ihn an. „Was?"

Ungeduldig rollte er mit den Augen. „Ich erkläre es dir noch einmal langsam: Du sollst an einen Gegenstand denken. Ein Kuscheltier oder ein Schmuckstück. Etwas mit sentimentalen Wert für dich. Stell es dir vor wie es in deiner Hand liegt."

„So wie mit der Kerze und dem Feuer?" verstand ich.

Leon nickte. „Diese beiden Kräfte funktionieren ähnlich. Du stellst dir vor wie es ist und es kommt zu dir."

Ich nickte und schloss die Augen. Mir kam gleich ein kleines Stoffmonster in den Sinn. Charlie hatte es mir einst geschenkt als es mir sehr schlecht ging. Er nannte es einen Sorgenfresser da es eine kleine Brusttasche hatte. Der Gedanke an Charlie schmerzte: Ich hatte ihn im Club das letzte Mal gesehen. Ich beschloss das Monster zu mir zu holen. Fest konzentrierte ich mich auf das kleine Kuscheltier, auf das flauschige Nikifell in braun und weiß und jedem kleinsten Detail. Instinktiv hob ich meine Hand als würde ich es in der Hand halten. Ein klingeln dröhnte in meinen Ohren und schon fühlte ich das weiche kleine Stoffmonster in meiner Hand. Verwundert öffnete ich die Augen. Mein Herz machte einen Sprung als ich das mir so vertraute Stofftier in den Händen hielt. Leon pfeifte beeindruckt. „Du bist ein wahres Naturtalent."

Ich drückte das Kuscheltier an meine Brust. „Es stimmt. Wenn man etwas vermisst kann man Welten bewegen," murmelte ich. Leon nickte nur zustimmend.  


Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media