Kapitel 13: Die erste Braut

Beim Abendessen, das Luzifer gemeinsam mit Jeremias und seiner Familie einnahm, baten ihn alle drei so inständig, doch über Nacht zu bleiben, dass dem Engel nichts anderes übrig blieb, zuzustimmen. Er stellte nur klar, dass er am nächsten Tag noch vor Mittag gehen müsse. Schließlich hatte er ja eine Verabredung mit Eleazar, von der er sich erhoffte, endlich das Rätsel um die Seelen gelöst zu bekommen. Aber das erzählte er seinen sterblichen Freunden natürlich nicht.
Wie gewohnt blieb er an Ketzias Bett sitzen, bis das Kind eingeschlafen war, dann setzte er sich zu Jeremias und Selima ans Feuer. Eine Weile schwiegen alle drei, doch dann bemerkte Luzifer, wie Selima und Jeremias sich ansahen und Selima ihrem Mann zunickte. Jeremias machte ein etwas verlegenes Gesicht, als er sich an Luzifer wandte:
"Du und Ketzia, ihr versteht euch gut, was?!"
"Luzifer nickte.
"Sie ist ein liebes kleines Mädchen. Sehr lebhaft und offen, immer vergnügt. Ich wünschte, alle Kinder könnten so sein. Leider gibt es in dieser Welt viel zu viel Leid, von dem oft gerade die Kinder betroffen sind."
Selima stimmte ihm zu.
"Ja, viele Kinder haben nicht das Glück, in einem liebevollen Zuhause aufzuwachsen, ohne je hungern zu müssen, ohne jemals Angst vor ihren Eltern haben zu müssen. Hier bei uns gab es auch so eine Geschichte. Einer unserer Nachbarn, Daniel, ist ziemlich gewalttätig, besonders, wenn er getrunken hat. Dann verliert er leicht die Beherrschung und dann hat er oft seine Frau und die Kinder geschlagen."
Luzifer war entsetzt.
"Hat denn niemand etwas dagegen unternommen?"
"Doch", erwiderte Jeremias, "vor etwa einem Jahr habe ich ihn mir gemeinsam mit einigen anderen Männern mal vorgeknöpft. Leider waren wir nicht sehr erfolgreich, am nächsten Zahltag hat er sich wieder betrunken und auf seine Frau eingeschlagen. Wir haben dann alle zusammengelegt, damit sie ihn mit den Kindern verlassen und zu ihrer Schwester nach Nain ziehen konnte. Dort geht es ihnen gut, sie schreibt manchmal und schickt ein bisschen Geld mit, um unsere Auslagen zurück zu zahlen, obwohl wir das niemals von ihr verlangt hätten. Für uns war nur wichtig, dass sie und die Kinder von diesem Ungeheuer weg kommen."
"Und was ist aus dem Mann geworden? Lebt er noch hier im Dorf?"
"Ja, und er trinkt noch immer. Es ist wohl zu spät für ihn, sich zu ändern. Mir ist es aber auch, ehrlich gesagt, egal, wenn er sich zu Tode trinkt. Hauptsache, die Frau und die Kinder sind in Sicherheit.
Aber ich, dass heißt, wir, wollten eigentlich etwas anderes mit dir besprechen."
Luzifer sah abwechselnd zu Jeremias und Selima und fragte dann:
"Was gibt es denn?"
Jeremias senkte den Kopf, bedachte sich eine Weile und sah Luzifer dann ernst an.
"Dass wir dich liebhaben wie unser eigenes Kind, weißt du. Sei du damals halb verschmachtet aus der Wüste in unser Dorf kamst, haben wir dich täglich mehr ins Herz geschlossen. Du bist ein guter Mensch, Luzifer, das spüre ich. Und ich muss zugeben, dass es mir gefällt, dass du dich mit Ketzia so gut verstehst. Bei dir ist sie gut aufgehoben, du würdest ihr niemals ein Leid zufügen. Und auch sie hat dich, genau wie wir, in ihr Herz geschlossen.
Luzifer, ich spreche jetzt als Vater einer kleinen Tochter zu dir, als ein Vater, der das Beste für sein Kind will. Siehst du, heute ist Ketzia noch ein kleines Mädchen, aber sie wird älter werden, ebenso wie wir. Und der Tag wird kommen, da werden Selima und ich nicht mehr da sein, um uns um Ketzia kümmern zu können. Die Welt ist oft grausam, und es liegt uns schwer auf der Seele, dass unsere Tochter möglicherweise an einen Mann wie Daniel geraten könnte. 
Ja, Ketzia ist noch ein Kind, aber bevor ich sterbe, möchte ich die Gewissheit haben, dass sie einen guten, aufrechten und liebevollen Mann bekommt."
Er schwieg einen Moment, dann fuhr er fort:
"Gewiss, der Altersunterschied ist natürlich unübersehbar, aber doch kein Problem. Im Gegenteil, es wäre für uns eine große Beruhigung, Ketzia einem Mann zu geben, der bereits über eine gewisse Lebenserfahrung verfügt und sie so leiten kann.
Luzifer, ich sage es dir gerade heraus: Selima und ich wären sehr froh, wenn du dieser Mann wärst."
Jeremias schwieg und er und Selima sahen Luzifer erwartungsvoll an. Dieser sah schweigend ins Feuer. Seine Gedanken rasten. Wie sollte er sich jetzt verhalten, was sollte er sagen, ohne diese lieben Menschen zu enttäuschen? Er wünschte sich, ihnen einfach die Wahrheit sagen zu können, sich ihnen zu offenbaren in seiner Engelsgestalt, aber er wusste, dass er es nicht durfte. Schließlich beschloss er, ihnen eine andere Wahrheit zu sagen.
"Euer Angebot ehrt mich sehr und ich muss gestehen, dass ich gerührt bin von eurer Liebe und Fürsorglichkeit. Doch derzeit kann ich euch keine bejahende Antwort geben, denn ich..." Er schluckte schwer, holte dann tief Luft und gestand:
"Ich bin verliebt. Ich weiß nicht, ob aus jener Frau und mir jemals etwas wird, es stehen uns so viele Hindernisse im Weg und ich bin mir ihrer Liebe auch noch nicht ganz sicher, aber derzeit kann ich nur an sie und nicht an eine zukünftige Hochzeit mit einer anderen denken. Doch wer weiß, Gottes Wege sind unergründlich, vielleicht werde ich in einigen Jahren anders denken und fühlen. Ich bitte euch, mir deshalb nicht eure Liebe zu entziehen. Wie du schon sagtest, Jeremias, Ketzia ist noch ein Kind und es werden noch viele Jahre vergehen, bis sie zur Frau wird.Und du und Selima, ihr seid noch nicht so alt, als dass ihr nicht noch viele glückliche Jahre erleben werdet. Lassen wir die Angelegenheit daher bitte vorerst auf sich beruhen."
Jeremias stand auf und legte Luzifer eine Hand auf die Schulter.
"Verzeih mir, dass ich mit diesem Thema angefangen habe. Hätte ich gewusst, dass dein Herz nicht mehr frei ist, hätte ich geschwiegen. Ja, du hast Recht. Lassen wir die Angelegenheit ruhen. Wer weiß, was die Zeit noch bringen wird. Dir aber wünsche ich von Herzen, dass jene Frau deiner würdig ist und sie deine Gefühle von ganzem Herzen erwidern möge, auch wenn ich als Vater Ketzias andere Hoffnungen hatte. Doch nun genug davon. Es ist spät geworden und wir sollten uns zur Ruhe begeben. Ich wünsche dir eine gute Nacht, Luzifer."
Auch Selima erhob sich. Sie nahm Luzifer liebevoll in die Arme.
"Ich danke dir für deine Offenheit, mein Junge. Mögest du dein Glück finden, ob hier bei uns oder bei jener Frau. Und glaube niemals, dass wir dir wegen dieser Sache unsere Liebe entziehen würden. Du bist hier jederzeit willkommen. Vielleicht bringst du ja deine Freundin bei Gelegenheit mal mit. Ich würde sie sehr gerne kennen lernen. Sie muss etwas Besonderes sein, wenn du ihr solch tiefe Gefühle entgegen bringst. Ich wünsche dir, wie Jeremias, dass sie deiner wert sein möge. Und nun Gute Nacht und schlaf schön."
Luzifer wünschte den beiden eine Gute Nacht und nachdem sie hinaus gegangen waren, legte er sich auf die Bank, deckte sich mit der Decke, die Selima ihm fürsorglich bereit gelegt hatte zu, schloss die Augen und dachte an Asmodeus. Wann würde er sie wieder sehen?
Es dauerte eine Weile, aber schließlich fiel er doch in tiefen Schlaf. 
Niemand im Haus bemerkte den kleinen grauen Mann, der mitten in der Nacht im Haus erschien und lange an Ketzias Bett stand. In seinen Händen befanden sich ein Lebensfaden aus silbernem Licht und eine alte rostige Schere. Er legte den Kopf schief und überlegte. Nein, noch nicht. Noch nicht...
Ebenso unbemerkt wie er gekommen war, verschwand Atropos auch wieder. 

Kommentare

  • Author Portrait

    Atropos tut den Beiden aber nichts, oder? Das würde mir das Herz zerreißen!

  • Author Portrait

    Nein. Oje. Die arme Ketzia. Kann Luzi sie retten? Hoffentlicht. Ich fände es cool wenn jeremi und co wüssten das Luzi ein Engel

beta
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