Kapitel 14

Zitternd stand ich da und drückte das kleine Kuschelmonster an mein Herz. Schmerz erfüllte meine Brust. Mein Hals fühlte sich seltsam trocken und rau an. Ich versuchte zu schlucken doch es fühlte sich an als würde ich an einem nichts ersticken.

Nur flüchtig nahm ich wahr das Leon mich die ganze Zeit nachdenklich betrachtete.

„Woher hast du das Stofftier?" fragte er mich beiläufig. Wie eine ertrinkende schnappte ich nach Luft. Ein Röcheln verlies meinen Mund.

„Von wem hast du das Stofftier, Skyler? Sag es mir!" verlangte er nun mit unverborgenem Nachdruck. Verunsichert trat ich einen Schritt von ihm zurück als wollte ich das Stofftier vor ihm beschützen. Ich öffnete den Mund und versuchte zu sprechen doch wieder brachte ich nur ein ersticktes keuchen zu Stande.

„Lass sie in Ruhe," ertönte eine bedrohliche Stimme hinter mir. „Sie kann es dir nicht sagen, das müsste dir doch endlich einleuchten." Schritte ertönten hinter mir. Leon fuhr aufgebracht herum. Ein Knurren durchbrach die Nacht.

„Sachte Hund. Oder willst du das ich dir das Fell über die Ohren zieh?" lachte der Unbekannte belustigt. Ich spürte wie er nähertrat, wagte es aber nicht mich umzudrehen. Ein Schauer lief mir über den Rücken und lies mich zittern. Die Stimme kam mir seltsam bekannt vor, doch jetzt klang sie bedrohlich.

Leon schnaubte. „Als würdest du das schaffen."

Der Unbekannte begann leise zu lachen. „Du glaubst wirklich du könntest es mit mir aufnehmen, Hund? Ich bin ein Jahrhunderte altes Wesen und mächtiger als du."

„Einen Gegner wie mich hattest du allerdings noch nie," gab Leon selbstbewusst zurück. Langsam drehte ich mich um. Von unserem Gegenüber konnte ich nur die Silhouette erkennen. Groß und breitschultrig stand er lässig vor uns. Doch etwas an ihm kam mir seltsam bekannt vor.

Der Unbekannte gluckste belustigt auf und stellte sich angriffslustig in Position. „Auf das der Stärkere gewinnt." Es schien mir so als wäre es für ihn nur ein Spiel. Leon nickte nur und ging ebenfalls in Angriffsposition. In Zeitlupe sah ich wie die beiden sich abwartend gegenüberstanden und von einer Sekunde zur anderen auf einander losstürmten. Es krachte laut als die beiden Körper aufeinandertrafen.

„Halt!" rief ich plötzlich und stellte mich abwehrend zwischen den beiden Angreifern.

Die beiden Männer hielten perplex inne. Mit aller Kraft drängte ich die beiden Männer auseinander. „Halt! Aufhören! Alle beide!"

Ein sanftes Kribbeln durchfuhr mich als ich den Arm des Unbekannten Mannes berührte. Ich hob verblüfft den Kopf. Da trafen meine Augen auf eisblaue. Mir stockte der Atem. „Du?" wisperte ich geschockt. „Was... was soll das bedeuten?"

Leon und der Mann ließen augenblicklich voneinander ab und traten auseinander.

„Skyler, ich... wie soll ich dir das erklären? Es ist eine lange Geschichte," begann Charlie stammelnd und kratzte sich am Hinterkopf. Plötzlich stand wieder der Charlie vor mir den ich kannte und mochte. Der den ich seit dem verhängnisvollen Abend im Club nicht wiedergesehen hatte. Und jetzt stand er vor mir und war mir vollkommen fremd.

„Erkläre es mir gefälligst, du Idiot. Was bist du überhaupt?" keifte ich und verschränkte die Arme wütend vor meiner Brust. Nervös begann er von einem Fuß auf den anderen zu treten.

„Das ist schwer zu erklären,"

„Ich habe es satt belogen zu werden. Sag mir endlich die Wahrheit, Charlie," fauchte ich aufgebracht.

„Das ist nicht so einfach. Versteh doch, ich wollte dir nie weh tun," stammelte Charlie und kratzte sich wieder am Hinterkopf.

„Ich habe heute schon so viele verrückte Sachen gehört, da glaube ich kaum das mich noch was überraschen kann," rechtfertigte ich schnaubend.

Charlie seufzte. „Ich... ich bin kein Mensch," gab er auf und begann stockend zu erklären. „Ich meine ich habe einen Menschlichen Körper aber ich bin kein Mensch."

Konfus starrte ich zu ihm dann zu Leon.

Der rollte mit den Augen. „Erklär es doch ein wenig einfacher, Mann. Mach es doch nicht so kompliziert."

Der Angesprochene wandte sich beleidigt zu ihm. „Halt die Klappe Hund."

Er wandte sich wieder zu mir. „Es ist nicht so einfach zu erklären, aber du musst mir glauben das ich dir, seit ich dich kenne, nie etwas Böses wollte. Ich wollte dich nur beschützen."

„Aber... wir kennen uns doch erst seit drei Monaten? Oder nicht?" stotterte ich und trat ängstlich einen Schritt zurück. Mein Blick wanderte wieder von einem zum anderen.

Charlie senkte seinen Blick auf den Boden. „Stimmt das etwa nicht?" fragte ich ihn ernst.

Ich beobachtete wie er sich auf die Lippe biss. „Ich... ich kenne dich schon dein ganzes Leben."

Mit großen Augen starrte ich ihn an. „Wie... wie ist das möglich?"

„Natürlich ist das möglich. Wenn man nicht sterben kann," mischte sich nun Leon ein, worauf ihn Charlie mit einem wütenden Blick strafte.

Geschockt schaute ich wieder zu Charlie. „Du... du kannst nicht... sterben? Bist du... ein Vampir?"

Leon verdrehte wieder die Augen. „Natürlich: Ein Blutsauger. Als währen das die einzigen die nicht sterben könnten." Charlie überging den Kommentar von Leon und wandte sich zu mir.

„Nein, ich bin kein Vampir, aber ja es stimmt: Ich kann nicht sterben."

„Du kannst nicht sterben, bist aber kein Vampir. Bist du ein Gott?" rätselte ich weiter nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, dass mein ehemaliger bester Freund kein Mensch ist und nicht sterben kann.

„Ich bin auch kein Gott," verneinte Charlie.

„Das hätte er wohl gerne," murrte Leon.

„Du sagtest, du wärst ‚ein Jahrhundert altes Wesen und mächtiger als die Wächter'," erinnerte ich mich und sah Charlie in die Augen.

„Ja das habe ich gesagt," stimmte er mir zu.

„Was soll das bedeuten? Gibt es dich länger als die Wächter?" fragte ich neugierig. Zugleich spürte ich Angst. Wie würde ich darauf reagieren falls sich rausstellte, dass mein einstiger Freund mehrere Jahrhunderte auf den Buckel hätte.

„Wesen wie mich gab es schon immer," beantwortete Charlie vorsichtig meine Frage. „Aber ich bin noch nicht so alt."

Ich starrte perplex zu ihm. „Wie alt bist du?"

Charlie seufzte. „Ich bin fünfundzwanzig."

„Wie lange bist du schon fünfundzwanzig?" fragte ich stockend.

„Schon seit einer sehr langen Zeit," antwortete er mir vorsichtig.

Mein Herz rutschte mir in die Hose. Die Sache wurde immer unrealer: Er war unsterblich und sehr alt, allerdings weder Vampir noch Gott. Was für ein Wesen war er?

„Zeit ist relativ, Charlie. Wie lange ist also für dich lange?" wollte ich von ihm wissen.

Er seufzte. „Wie lange es mich gibt ist doch nicht wichtig."

Ich schüttelte den Kopf. „Für mich ist es wichtig, ich wurde immerhin mein ganzes Leben lang belogen. Ich habe ein Recht darauf die ganze Wahrheit zu wissen."

„Es war zu deinem Schutz," Charlie kratzte sich wieder nervös am Hinterkopf. „Hätte jemand von dir erfahren wärst du in großer Gefahr gewesen. Das hätte ich nie ertragen. Ich wollte dich nur beschützen"

Neugierig trat ich einen Schritt näher. „Was soll das heißen ‚Du wolltest mich beschützen'? Was hast du damit zu tun?"

Charlie senkte seinen Blick auf den Boden und murmelte etwas.

„Hör auf damit und sag mir endlich die Wahrheit," schrie ich ihm wütend entgegen. Leon sah sich nervös um.

„Ich war es," Charlie hob seinen Blick und fuhr fort. „Ich habe deine Kräfte blockiert."

„Warum hast du das getan?" wollte ich von ihm wissen. Ich spürte wie Tränen in mir hochstiegen und schluckte.

„Um dich zu beschützen. Ich wusste das wenn du deine Kräfte entdeckst, dass sehr üble Kerle auf den Plan rufen würde. Ich hätte das nie ertragen, wenn dir etwas passiert wäre."

„Wir hätten sie auch beschützt, nur so zur Info," mischte sich nun Leon ein.

„Du musst wissen das diese zwei Zecken nicht das schlimmste sind was die Schattenwelt zu bieten hat," überging Charlie den Zwischenruf von Leon.

„Sie haben zum Beispiel noch dich," warf Leon dazwischen.

„Hast du irgendein Problem, Hund? Findest du dein Stöckchen nicht mehr? Soll ich dir helfen es zu suchen?" spottete Charlie. Nur mit Mühe hielt er sich zurück.

„Wie witzig. Diese Hundewitze werden langsam langweilig, Mann. Fällt dir nichts Anderes mehr ein?" meckerte Leon.

„Wir können uns auch Prügeln, wenn du willst." Charlie zuckte unbeeindruckt mit den Schultern.

„Hier wird sich nicht geprügelt," protestierte ich aufgebracht.

„Das klingt nach einer guten Idee," überging Leon eifrig mein Protest.

„Nein, ihr werdet euch nicht Prügeln," fauchte ich wie eine wild gewordene Katze und trat zwischen den beiden. „Macht eure Machtkämpfe wo anders."

„Weiber," hörte ich Leon hinter mir beleidigt murmeln.

Charlie fuhr sich nervös durch die Haare. „Okay." Ein klatschen ertönte aus dem Schatten hinter ihm.

„Was für eine Vorstellung. Sorry, Charlie. Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten," lachte eine männliche Stimme. Aus dem Schatten trat ein hagerer Mann. Er gesellte sich zu Charlie. „Was für eine Frau. Ist dir eigentlich klar, dass du gerade Kopf und Kragen riskiert hast?" wandte sich der Neuankömmling an mich. Aus seinem spitzen Gesicht leuchteten mir eisgraue Augen entgegen.

„Wie meinst du das?" stotterte ich überrumpelt.

„Du hast dich zwischen die beiden stärksten Wesen der Magischen Welt gestellt," erklärte er.

„Hättest du das nicht getan?" fragte ich ihn gerade heraus.

„Ich hätte meinen Freund beschützt, Kleine," antwortete er mir. „Das ist mein Wesen."

„Ich höre immer nur ‚Wesen'. Was ist dieses ‚Wesen'?" wollte ich nun wissen.

„Wir sind den Wölfen sehr ähnlich. Zumindest tragen wir denselben Namen." lachte der Mann.

„Wächter," kam es mir in den Sinn.

„Genau," stimmte er mir zu. „Wir sind Seelenwächter."

Das Wort hallte in mir nach wie ein Echo. Ein seltsam warmes Gefühl durchdrang mich und füllte mich innerlich aus. Als würde ich mich an etwas erinnern.    


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