Kapitel 15

Wir werden durch die Flure der Festung gezerrt. Ich versuche mich um zu blicken und mir so viele Bilder einzuprägen wie möglich, doch das ist schwieriger als erwartet. Die schwarz gekleideten Leute, ziehen und zerren so feste an uns, dass sich auf meiner Haut schon schmerzhafte blaue Flecken zu bilden beginnen. Sie schleppen uns so schnell durch das Gebäude, dass ich nicht einmal Zeit habe in die Räume zu sehen, deren Tür weit offen stehen.

Ich würde so gerne hinein sehen können. Das würde mir sicher irgendwann nützlich sein. Vielleicht finde ich ja irgendwas, was mir irgendwann noch ziemlich nützlich sein wird, doch leider bleibt mir die Chance verwehrt. Ich kann nicht hinein sehen und daran lässt sich leider auch nichts ändern.

In den Fluren riecht es nach Erde und Tod. Eine miese Mischung. Sowas habe ich noch nie in dieser Kombination gerochen und darüber war ich auch eigentlich sehr froh, aber nun weiß ich wie sehr diese beiden Gerüche zusammen stinken und dass ich keinen Bock darauf habe lange hier zu bleiben. Ich versuche nicht tief durch die Nase ein zu atmen, sondern lieber den Mund zu nutzen, da sich mir die Nackenhaare aufstellen, wenn ich diesen Geruch noch länger ertragen muss.

Meine Ohren nehmen im Gegensatz zu meiner Nase nicht viel wahr. Wenige Geräusche. Nur vereinzelt schreie, aber sonst nicht viel. Was es wohl für Schreie sind? Schreie aus Angst? Aus Schmerz oder gar aus Verzweiflung? Es sollte mich wahrscheinlich nicht kümmern, doch das tut es. Es zerreißt mir fast das Herz keinem von ihnen wirklich helfen zu können, doch Ich bin ja nicht hier, um diese gequälten Seraphinen zu retten, sondern um dieses Mädchen aus meiner Vision hier raus zu holen. Vielleicht werde ich es an einem anderen Tag tun. Ich werde wieder kommen. Ich werde sie alle irgendwann retten.

Ich blicke wieder zu Ruby. Das tue ich seit wir hier rein geschleift wurden etwa alle fünf Minuten. Ich will einfach sichergehen, dass sie mich nicht hintergeht und den Ausdruck auf ihrem Gesicht sehen, wenn wir in einen neuen Flur gebracht werden. So ist es unmöglich eine ihrer Reaktionen zu übersehen.

Plötzlich ist da eine schwarze Tür vor uns am Ende des Ganges. Ich nehme Rubys Reaktion aus dem Augenwinkel wahr. Sie zieht eine Augenbraue hoch. Anscheinend fragt sie sich genauso wie ich, was sich wohl hinter dieser Tür befindet. Mir fällt auch auf, dass sich an ihren Armen ebenfalls blaue Flecken bilden. Es sieht jedoch schmerzhafter aus als es ist.

Wir bleiben stehen und einer meiner Bewacher stößt die Tür auf. Als wir hinein gezogen werden, stockt mein Atem. Wir befinden uns in sowas wie einem Gefängnistrakt.

Ich stehe auf hartem Metall. An den Wänden des riesigen Raumes befinden sich gläserne Gefängnisse. In den meisten von ihnen befinden sich Seraphinen, doch einzelne sind noch frei. Sind sie etwa für Ruby und mich frei gehalten worden?

Wir werden über den Metallweg geführt. Mein Blick fällt auf ein großes Wasserbecken in der Mitte einige Meter von unter uns. Beim Blick nach unten wird mir schlecht und schwindelig zu gleich. Das ist ja total hoch. Wir befinden uns sicher zehn Meter über dem Boden. Wenn ich hier runter stürzen würde, wäre ich sofort mausetot. Rubys Blick verrät, dass es ihr nicht anders zu gehen scheint.

Unsere Bewacher ziehen uns zu den gläsernen Gefängnissen. Was ist denn jetzt los? Wollen sie uns etwa da rein stecken? Das können wir doch nicht zulassen. Wenn wir da einmal drinnen sind, kommen wir vielleicht nicht mehr raus. Das können wir also nicht zu lassen. Wir müssen so schnell es Chaos veranstalten.

Ich reagiere blitzschnell und ramme dem Mann rechts von mir meinen Ellenbogen zwischen die Rippen, um eine tatsächliche Gefangenschaft zu verhindern. Ich will das einfach so schnell es geht hinter ich bringen. Ich habe Angst, doch es ist das Richtige. Dieses Mädchen verdient es gerettet zu werden. Wäre ich in ihrer Situation, würde ich mich auch freuen, wenn da jemand wäre, der sein Leben riskiert, um mich zu retten. Dieser Person würde ich vertrauen und ihm meine Dankbarkeit zeigen. Ich hätte Jemanden, dem ich wichtig wäre und alleine würde mir schon reichen. Ich wäre seit meine Eltern weg sind Jemandem wichtig und das wäre für mich mehr Wert als alles Geld der Welt.

Ruby scheint meine Attacke als Startschuss für das Ablenkungsmanöver zu verstehen, weshalb auch sie anfängt sich zu wehren. Ich drehe meinen Kopf blitzschnell zu ihr um und bekomme die Chance dabei zu zusehen wie Ruby ihre Kräfte verwendest. Sie hat ihre rechte Hand auf das Gesicht einer der beiden Männer gelegt. Plötzlich beginnt ihre Hand zu brennen und der Man schreit laut auf. Nach wenigen Sekunden nimmt sie die Hand wieder von seinem Gesicht, sodass ich freie Einsicht darauf bekomme, was sie ihm angetan hat.

Das Gesicht des Mannes ist dort, wo ihr Hand gelegen hat, komplett verbrannt. Ihre Hand hat einen roten blutigen Abdruck hinterlassen. Selbst eines seiner Augen ist verbrannt.

Bei dem Anblick wird mir speiübel und ich würde meinen Blick gerne abwenden, doch ich kann nicht. Ich finde es einfach zu faszinierend, wie Ruby ihm nur mit einer einzigen Berührung und ihrem Willen das halbe Gesicht weg gebrannt hat. Ich wünsche sowas könnte ich auch. Im nächsten Moment bricht der Mann vor meinen Füßen zusammen.

Warte, sowas ich doch auch. Jedenfalls wenn ich mich stark genug konzentriere, schließlich habe ich meine Kräfte noch nie bewusst genutzt. Schließlich ist nie wirklich das passiert, was ich wollte. Aber vielleicht ist das ja auch gar nicht nötig. Hilley meinte, dass ich wie das Wasser sein soll. Flexibel und in jede Form bring bar. Am See wusste ich nicht, wie Hilley das meinte, aber jetzt glaube ich es zu wissen. Ich darf meine Kräfte nicht erzwingen, sondern muss einfach auf sie vertrauen und mich ihnen anpassen. Dann werden sie das Selbe tun. Das klingt jetzt zwar merkwürdig, aber mein Kräfte und ich müssen ein Team sein. Wir müssen zusammen arbeiten. Doch was, wenn es nicht klappt? Dann stecke ich in riesigen Schwierigkeiten.

Plötzlich reißt mich ein lautes Knacken aus meinen Gedanken. Es kommt aus Rubys Richtung. Ich fahre zu ihr herum und starre sie geschockt an. Sofort erkenne ich, was los ist. Rubys letzter Bewacher hat sie in die Mangel genommen. Sein Gesicht hat er zu einer merkwürdigen Fratze verzogen. Doch das ist nicht das erst was ich sehe. Als erstes sehe ich Rubys Arm, der schlaff im Gelenk hängt. Da ich wenigstens über das medizinische Grundwissen verfüge, weiß ich, erkenne ich sofort, dass das nicht normal ist und habe auch sofort eine Vermutung. Der Arm könnte ausgekugelt oder ist schlimmsten Fall sogar gebrochen sein.

Als nächstes fällt mein Blick auf Rubys Gesicht, welches sie vor Schmerz verzogen hat. Wenige Sekunden darauf folgt auch schon ein ohrenbetäubender Schrei voller Schmerz.

Ob wohl wir uns nicht gut verstehen tut es mir weh sie so zu sehen. Sie tut mir leid und ich will nicht zu lassen, dass dieser Mann ihr weh tut. Ich kann es nicht zu lassen. Erst packt mich das Mitleid, was mich total verwundert, doch dann folgt sofort die Wut. Die Wut auf diese Menschen, die einfach Teenager gefangen nehmen und sie umbringen wollen, um sich deren eigenen Kräfte an zu eignen. Auf die Menschen, die Ruby verletzten und sowas wohl auch mir antun würden.

Ich schaffe es, nach vielen Tritten und Schlägen, mich von meinen Bewachern los zu reißen und einige Meter von ihnen weg zu kommen. Ich weiß nicht wie ich es geschafft habe frei zu kommen, aber ich habe es geschafft.

Aus einem Instinkt heraus lasse ich meinen Kopf nach hinten rollen und halte meine Hände links und rechts von meinem Körper waagerecht hin. Ich versuche meine Wut zu nutzen, um meine Kräfte herauf zu beschwören, doch irgendwie geschieht nichts.

Im nächsten Moment haben die Männer mich auch schon wieder geschnappt, doch als sich mich und Ruby fast in eine Zelle gezwängt haben, schießt ein Tentakel aus Wasser, der aussieht wie der, der der mich vor etwa einem Tag ins Wasser hinunter gezogen hat. Ich schreie erschrocken auf. Wieso passiert das nie, wenn ich es versuche, sondern erst später.

Schnell reagiere ich und ramme meinem letzten Bewacher die Faust ins Gesicht, woraufhin dieser zurück taumelt. Wie von einer unsichtbaren Macht geleitet richte ich meine Hand gegen den Mann. Dieser bekommt plötzlich Angst. Vor mir? Weiß er etwa, dass ich diesen Tentakel erzeugt habe?

Ich balle meine zuvor noch geöffnete Hand langsam zu einer Faust zusammen, ohne genau zu wissen, was ich mir davon erhoffe. Es wirkt halt einfach richtig. Wie etwas, das ich jeden Tag tue und dessen Auswirkungen ich kenne, doch das tue ich nicht. Ich habe keine Ahnung, was als nächstes geschieht, weshalb mir das plötzliche Husten des Mannes auch die Angst in die Knochen jagt. War ich das? Wieso hustet er?

Wäre ich nicht so wütend, hätte ich wahrscheinlich Herz bewiesen und ihm einfach noch eine rein gehauen, aber ich bin wütend. Diese Wut treibt mich dazu weiter zu machen.

Plötzlich greift sich der Mann an die Kehle und hustet im nächsten Moment einen Schwall Wasser aus, doch das ist mir egal. Ich halte meine Faust weiterhin auf ihn gerichtet und beobachte die Folgen mit Angst und Wut zu gleich.

Wut auf diese Männer. Wut auf Jeden, der Teenager aus ihren Familien entführt, um ihnen die Kräfte zu nehmen, die man ihnen im Vertrauen geschenkt hat. Es wurde Vertrauen in die Kinder gesetzt. In mich und ich habe nun die Aufgabe das hier zu tun. Ich muss die andere Erbin, wenn sie das tatsächlich ist, retten.

Und Angst! Angst vor mir selbst. Ja, ich habe Angst vor den Kräften, die ich unfreiwillig und ohne meine wissen geerbt habe, und auch vor mir selbst. Davor was ich gewillt bin zu tun. Noch vor ein paar Tagen wäre ich nicht hier “eingebrochen“ und hätte auch keinen Kampf angezettelt. Das wäre einfach Nichts gewesen, was meinem Wesen entspricht. Jedenfalls hatte ich das gedacht. Heute habe ich mir selbst aber das Gegenteil bewiesen.

Ich bin mir auch gar nicht richtig sicher, wieso ich es tue. Ich tue es einfach ohne großartig darüber nach zu denken. Entwickle ich etwa noch eine schlechte Eigenschaft oder ist das zur Abwechslung mal was Gutes?

Meine Gedanken schweifen wieder zu dem Mann, der wenige Meter vor mir in die Knie gegangen ist, zurück. Er macht nun keine Geräusche mehr. Er liegt nur dort auf dem Boden und umklammert seine Kehle mit beiden Händen. Dann schließt er seine Augen plötzlich. Unter ihm hat sich eine große schillernde Wasserpfütze gebildet.

Ich lasse meine Hand langsam sinken. In den letzten Minuten habe ich alles um mich herum, abgesehen von meinem Bewacher vergessen. Doch nun bin ich nicht mehr allein.

Schnell drehe ich mich zu Ruby um, um ihr im Notfall zu helfen, doch das scheint nicht nötig zu sein. Sie steht einfach da und beobachtet mich. Ihr Fuß thront vollkommen entspannt und siegessicher auf der Leiche IHRES letzten Gefängniswärters.

Langsam beschleicht mich ein dumpfes Gefühl der Unbesiegbarkeit, obwohl es wahrscheinlich total unberechtigt ist. Ich weiß nicht wie lange wir gebraucht haben, um lediglich diese vier Männer zu besiegen, doch Hilley wäre sicher sofort mit ihnen fertig geworden.

Als ich meinen Blick wieder auf den Mann richte, trifft es mich wie der Schock. Ich habe gerade getötet. Ich habe gerade ein Mitglied unserer Gesellschaft getötet. Plötzlich ist mir egal, ob er nun gut oder böse war. Ich habe getötet und macht mich das nicht genauso schlecht wie ihn. In meiner Kehle bildet sich ein dicker Kloß und bringt mich dazu schwer zu schlucken. An das Geländer gelenkt, sinke ich zu Boden.

Ich strecke meine kalten, nassen Hände nach der Leiche aus, doch bevor ich den steifen Körper berühren kann, nehme ich wahr wie dieser von dem Stahlgerüst auf dem wir uns befinden herab, immer weiter der Erde entgegen, stürzt. Mein Blick wandert zu der Person, die an diesem Ereignis Schuld zu sein scheint.

Es ist Ruby. Wie sollte es auch anders sein? Hat sie es nur getan, damit nicht sofort auffällt, dass wir keine guten Absichten haben oder weil sie nicht will, dass ich mir sowas länger ansehen muss und um Jemand bösen trauere?

Wir blicken uns für einige Sekunden an. Ich versuche ihren Blick zu lesen, doch dieser Versuch scheitert kläglich. Eigentlich war ich immer relativ gut darin, doch der Ausdruck, der in diesem Moment in ihrem Gesicht zu sehen ist, ist für mich unergründlich.

Als urplötzlich laute Alarmglocken zu schrillen beginnen, schrecken wir beide aus unserer Starre hoch. Blitzschnell hält Ruby mir eine Hand hin, die ich genauso schnell ergreife, woraufhin sie mich wieder auf meine Füße zieht. Innerhalt von wenigen Sekunden ist es im Flur fast stockdunkel. Unsere Umgebung wird nur von einigen rot flackernden Notfallleuchten erhellt. “Was ist denn jetzt los?“, frage ich Ruby. Die Verunsicherung ist mir anzuhören.

Dann ist es wieder gleisendhell und der große Saal ist lichtdurchströmt. Auf einmal sind auch wieder Geräusche zu vernehmen, die mir echt gefehlt haben. Ich hatte schon Angst, dass ich irgendwas an den Ohren habe. Geräusche gehören für mich nämlich einfach dazu und wenn man keine Geräusche vernimmt, ist etwas nicht richtig.

Auf einmal höre ich Schritte hinter uns und im nächsten Augenblick befindet sich ein Messer nur wenige Zentimeter von meiner Halsschlagader entfernt.

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