Kapitel 17

Sein Atem wurde von Minute zu Minute mehr zu einem keuchen. Der Stoff den Tristan auf die Wunde drückte war inzwischen Blutgetränkt. Man erkannte die ursprüngliche Farbe davon nicht mehr. Ich kniete neben Tristan und hielt Magnus Hand. Unter meinen Fingern spürte ich seinen Herzschlag. Er lebt! Noch! Aber wie lange wird er durchhalten? Dachte ich verzweifelt.

„Er verliert viel Blut. Es muss eine wichtige Arterie getroffen sein,“ zischte mir Taylor ins Ohr. „Wir müssen ihn ins Institut schaffen.“

„Wenn wir ihn bewegen verliert er noch mehr Blut. Das ist zu Riskant,“ mischte sich Tristan verängstigt ein.

„Wir müssen das Risiko eingehen, Tristan. Wenn wir hier bleiben stirbt er sowieso,“ entgegnete Andrew nüchtern.

„Nein. Wenn wir ihn bewegen, verblutet er. Das lasse ich nicht zu.“

„Aber das er von dem Vieh in Stücke gehauen wird hast du zugelassen, oder wie?“ Taylor sah ihn vorwurfsvoll an. „Hättest du nicht großer Krieger gespielt, hätten wir dieses Problem nicht.“

„Was willst du damit sagen? Willst du damit sagen es wäre meine Schuld?“ fauchte Tristan.

„Hättest du dich nicht in Gefahr gebracht, würde er jetzt nicht hier schwer verletzt liegen und wahrscheinlich sogar einen sinnlosen Tod sterben.“

„Du hättest das gleiche getan. In diesem Moment muss man Prioritäten setzten. Das weiß Magnus.“

„Und deine Priorität war es deine Kameraden sinnlos in Gefahr zu bringen? Hättest du das Messer nicht geworfen, wäre das Vieh nicht so aufgebracht gewesen,“ warf Andrew ein.

„Ich hätte also warten sollen bis dem Vieh die Puste von selbst ausging? So wie du?“ zischte Tristan mit hochrotem Kopf.

„Das ist dein Problem, Tristan: Du denkst immer du wärst der einzige der auf die einzig Richtige Lösung des Problems kommt. Aber es gibt in einem Team immer mehr Menschen und die könnten auch eine Lösung haben. Du hast nicht daran gedacht das ich und Raven auch noch hier sind. Hast du gedacht wir würden euch einfach im Stich lassen und abhauen?“ fuhr ihn Taylor nun wütend an. „Magnus und Andrew sind auch unsere Freunde obwohl es nicht immer danach aussieht, aber stell dir vor es ist wirklich so. Und ich lasse keinen meiner Freunde zurück.“

„Ich auch nicht,“ warf ich leise ein. „Wir müssen einen Weg finden ihn hier raus zu bringen.“

„Den Transport bis zum Portal überlebt er nicht,“ stellte Tristan kopfschüttelnd klar. „Taylor hat Recht: es muss eine wichtige Arterie getroffen sein.“

„Wir haben kein Verbandszeug oder ähnliches hier um die Blutung einigermaßen zu stoppen. Sobald Tristan weggeht, verblutet er,“ setzte Andrew mutlos hinzu. Alle drei ließen den Kopf hängen. Es sah Aussichtslos aus.

„Aber wir können ihn doch nicht einfach seinem Schicksal überlassen! Wir müssen doch etwas tun!“ krächzte ich mit von Tränen erstickter Stimme.

In meinen Augen sammelte sich das Wasser. Mein Blick war verschleiert. Ich biss mir auf die Unterlippe um ein Schluchzen zu ersticken. Hastig drehte ich mich weg. Vor den Männern wollte ich nicht heulen. Eine Hand legte sich auf meine Schulter.

„Raven...,“ begann Taylor doch ich schüttelte nur den Kopf und schlug seine Hand weg.

„Nein,“ Schluchzte ich. „Ich will keine Erklärung warum wir ihn nicht retten können. Es muss eine Lösung geben.“

Tränen liefen mir nun über das Gesicht und ich ließ es zu. Sollten die Jungs denken was sie wollten. Ich verlor hier gerade einen Freund. Magnus Atem ging röchelnd. Aus seiner Bauchwunde trat immer noch Blut heraus, wenn auch weniger. Seine Gesichtsfarbe war inzwischen von Kalkweiß zu durchscheinend gewechselt. Auf seiner Stirn waren Schweißperlen. Er hatte Fieber.

„Das Portal müsste hier sein,“ sinnierte Andrew Gedankenverloren.

„Das Portal ist aber nicht hier,“ murrte Tristan.

„Aber, wenn es hier wäre…,“

„Das Portal ist aber nicht hier, verdammt noch mal,“ fauchte Tristan ungehalten.

„Ich habe doch nur laut gedacht,“ schmollte Andrew und drehte sich weg.

„Die nächste Frage ist: Wie öffnen wir das Portal? Nur Wächter wissen wie man ein Portal öffnet,“ fiel Taylor auf. „Allerdings: Jaxson hat das Portal im Institut auch geöffnet und er ist kein Wächter.“

„Jax hat das Portal geöffnet?“ Tristan starrte uns verwundert an.

„Ja. Darum sind wir auch nicht auf die Idee gekommen das es keine Illusion wäre,“ bejahte Andrew.

„Das ist seltsam,“ murmelte Tristan nachdenklich.

„Er hat eine Gabe,“ murmelte Taylor gedankenverloren.

„Was?“ wollte Tristan wissen.

„Nichts,“ räusperte sich Taylor und wechselte das Thema. „‘Was-wäre-wenn‘ hilft uns hier nicht mehr weiter. Wir haben das Portal nun mal nicht hier.“

„Es war doch nur eine Feststellung,“ murrte Andrew mit hochrotem Kopf.

„Feststellungen helfen uns nicht. Was wir brauchen sind Ideen,“ stellte Taylor klar. „Ich finde wir sollten es versuchen.“

„Was willst du versuchen?“ wollte Tristan wissen.

„Dafür brauchen wir eine Trage, oder einen Tisch,“ fuhr Taylor fort ohne auf Tristans Einwurf zu achten. „Oder wie legen ihn auf ein Tuch.“

„Moment. Wir haben doch festgestellt das er dann zu viel Blut verliert. Warum willst du ihn dann jetzt doch transportieren?“ unterbrach ihn Tristan.

Taylor drehte sich zu Tristan.

„Weil ich der gleichen Meinung bin wie Raven: Nichts tun und zu sehen wie er stirbt ist schlimmer. Sehr viel Schlimmer. Lieber verliere ich ihn beim Versuch ihn zu retten. Dann ist das schlechte Gewissen weniger zerdrückend,“ stellte er mit brüchiger Stimme fest. „Los Andrew, suchen wir etwas mit dem wir ihn Transportieren können.“

Mit diesen Worten wandte sich Taylor um und kletterte über den Körper des toten Hundes. Andrew folgte ihm geschwind.

Nun blieben nur ich und Tristan bei Magnus zurück. Bedrückende Stille umgab uns.

„Glaub mir: Es tut mir so unendlich leid. Ich wollte das doch nicht,“ hauchte Tristan kaum hörbar und sah mir dabei flehend in die Augen.

„Warum hast du es getan? Warum hast du nicht einmal darauf vertraut das dir jemand helfen wird? Warum Tristan? Warum konntest du uns nicht einmal vertrauen?“ Tränen liefen mir über die Wangen doch ich hielt seinem Blick stand. Unter dem Tränenschleier verschwamm sein Gesicht.

Tristan wandte sich verstört ab.

„Es war ein Reflex. Ich war die letzten zwei Jahre hier auf mich allein gestellt. Ich hatte niemanden auf dem ich vertrauen konnte. Nur mich selbst,“ verteidigte er sich zerknirscht. Es war eine Lüge. Ich konnte es heraushören. Ich schloss meine Augen um mich zu beruhigen. Konzentriert lauschte ich auf den röchelnden Atem von Magnus und das stete klopfen an meinem Finger seines Pulses.

„Du hast Menschenleben aufs Spiel gesetzt. Ist dir das Leben so wenig wert?“ zischte ich bedrohlich.

Ich wartete auf eine Antwort doch Tristan schwieg.

„Hast du mir darauf nichts zu sagen?“ fragte ich nach endlichen Minuten des Wartens mit zitternder Stimme. Ich wusste die Antwort. Sein Schweigen war die Wahrheit gewesen. Doch ich wollte es nicht wahrhaben. Tristan schüttelte nur den Kopf. „Ich weiß das du lügst also sag mir warum?“

„Ich will nicht mehr in dieses System zurück.“

„In welches System?“ verwundert blickte ich hoch.

„In diese Dynastie. Dieses Kastensystem.“

„Wovon redest du?“

„Ich will nicht mehr zurück in das Reich der Engel. Verstehst du das denn nicht?“ fauchte er.

Ein schlimmer Verdacht keimte in mir auf.

„Du wolltest dich umbringen,“ flüsterte ich. „Magnus hat es verstanden und hat sich dazwischengeworfen. Nun ergibt alles einen Sinn.“

Tristan nickte kaum merklich.

„Ich habe Angst, Raven. Ich habe schreckliche Angst.“

„Das ist noch kein Grund seinem Leben ein Ende zu bereiten,“ fauchte ich. „Wir haben alle Angst. Wir wissen alle nicht was die Zukunft bringt oder ob wir überhaupt noch hier rauskommen. Aber deswegen ist es noch lange nicht in Ordnung kopflos zu handeln. Sei ein Mann, Tristan. Sei ein Krieger. Sei Furchtlos und Handel mit bedacht. Jede Entscheidung hat nun mal Konsequenzen.“ Mit diesen Worten stand ich auf und ließ Tristan alleine.

Umständlich kletterte ich über den Körper des Hundes. Ich hatte das Gefühl zu ersticken. Mein Körper lechzte nach Luft. Ich eilte die Treppe hinunter, durch die Asche und den verglimmenden Funken. Mitten im Raum blieb ich stehen.

Kalte Luft stieß mir entgegen. Ich schloss meine Augen und sog gierig die frische Luft ein bis meine Lunge zu platzen schien. Sanft Strich die Nachtluft über mein Gesicht.

Hinter mir hörte ich Rumpeln. Es schien als wären Taylor und Andrew fündig geworden. Ich ignorierte ihre Rufe und öffnete die Augen.

Ich hob meinen Blick. Oberhalb der Flügeltür schien der Vollmond durch eine lange Fensterfront. Der helle Lichtkegel viel kreisrund in die Mitte des Raumes. Ein Schritt und ich würde im Schein des Mondes stehen. Ich atmete tief ein und machte einen Schritt nach vorne. Das Mondlicht empfing mich wie einen alten Freund. Goldenes Licht umspielte mich. Meine schwarzen Flügel funkelten golden. Ich schloss wieder meine Augen. Mein Körper schien das Mondlicht in sich aufzunehmen. Ich spürte förmlich wie es in mich eindrang und durch meine Adern floss. Mein Körper wurde ausgefüllt vom Licht und schien daraus Kraft zu ziehen.

Ich öffnete meine Augen. Ein heller Schein glimmt vor meinen Augen. Wärme fuhr durch meine Arme. Neugierig betrachtete ich meine Hände. Golden schimmerten meine Adern durch die Haut. Meine Handflächen leuchteten. Instinktiv hob ich meine Arme und streckte sie gerade von mir.

Sofort glühten meine Handflächen golden auf. Ich schloss meine Augen und konzentrierte mich auf mein Ziel: Die Akademie der Engel. Ich öffnete meine Augen.

„Efficere ut hic ego petere!“ rief ich.

Ein Windstoß schoss durch den Raum. Lichtstrahlen schossen aus meinen Handflächen und bildeten etwa zwei Meter vor mir eine Wand aus Licht.

Als das Licht erlosch erschien vor mir eine Tür aus schwarzem Ebenholz. Ich ließ meine Arme sinken.

„Was war das?“ ertönte Andrews Stimme hinter mir.

„Scheint so als hätten hier mehrere etwas zu verbergen,“ stellte Taylor anerkennend fest.

Ich ignorierte sie und ging zu der Tür. Einen Meter vor der Tür blieb ich stehen und streckte den Arm aus. „Patefieri!“ sagte ich laut.

Ein Zischen ertönte. Rauch stieg vom Boden hoch und hüllte die Tür ein. Es ertönte ein Knarren und die Tür öffnete sich von selbst.

„Okay. Jetzt bin ich wirklich beeindruckt,“ gab Tristan staunend zu. Ich verdrehte die Augen. „Holt Magnus und lasst uns von hier verschwinden.“

Taylor und Andrew nickten und liefen bis ans Ende der Treppe.

„Warum hast du nie etwas davon gesagt? Wir hätten uns einiges erspart.“

„Weil ich es bis jetzt nicht wusste. Ich habe nur Instinktiv gehandelt,“ rechtfertigte ich mich.

Zum Glück kamen in diesem Moment die anderen und er wurde unterbrochen. Ich öffnete die Tür ganz, so das der Tisch auf dem Magnus lag Platz hatte.

„Tristan du gehst vor,“ sagte ich und schob ihn durch die Tür.

„Hey,“ protestierte er, doch ich schob ihn einfach weiter. Stolpernd trat er durch das Portal hinter der man den langen Flur der Akademie erkannte. Von weitem hörte ich Stimmen, die durcheinanderriefen.

„Nun los. Jetzt ihr,“ sagte ich und beobachtete wie sie den Tisch samt Magnus über die Schwelle hievten.

Als letztes folgte ich ihnen durch das Portal und schloss die Tür. Ich trat einen Schritt zurück und hob die Hand.

„Discedere!“ sagte ich und die Tür verschwand wieder im Rauch. Langsam ließ ich meinen Arm sinken. Wir hatten es geschafft. Wir hatten es tatsächlich geschafft. Wir waren zuhause.

„Ich glaube du hast mir einiges zu erzählen,“ ertönte hinter mir eine bekannte Stimme.

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