Kapitel 17: Erste Erkenntnisse

Nachdem er sein Frühstück von sich gegeben hatte, richtete Luzifer sich langsam wieder auf. Er zitterte. 
"Entschuldigt bitte."
Leviathan reichte ihm ein Taschentuch.
"Ist schon gut, das ganze ist auch zum Kotzen", meinte sie. Die anderen nickten. Luzifer spuckte noch einmal in den Sand, wischte sich das Gesicht ab und sah in die Runde. Dann sagte er:
"So kann das nicht weitergehen. Wir müssen IHR sagen, dass Atropos jedes Mal, wenn SIE in Eden ist, wahllos Menschen ermorden lässt. SIE muss sich da irgendwas einfallen lassen, wozu ist SIE GOTT?!"
"Luzifer", Eleazar versuchte ihn zu unterbrechen, aber Luzifer war voll in Fahrt. Seine Stimme überschlug sich fast vor Eifer.
"Ich meine, vielleicht bekommt SIE das alles ja gar nicht so mit. Und das die Schutzengel IHR nicht sagen, dass sie ihre Pflichten vernachlässigen, ist ja klar, also..."
"Luzifer!"
Luzifer unterbrach sich und sah Eleazar an.
"Was?"
"Eleazar sah sehr traurig aus, als er sagte:
"SIE weiß es."
"Wie bitte?", fragte Luzifer. Eleazar nickte.
"SIE weiß es, Luzifer. SIE weiß es und es ist IHR scheißegal, dass in dieser Zeit unschuldige Menschen qualvoll krepieren."
Luzifer schüttelte den Kopf. Das konnte, das wollte er nicht glauben. GOTT war doch Liebe, GOTT war - alles. Das konnte doch nicht möglich sein! Das durfte nicht sein! Ungläubig sah er die anderen der Reihe nach an. Jeder nickte betreten. Schließlich sagte Satan:
"Luzifer, wenn du wüsstest, dass jedesmal, wenn du zum Beispiel, na, sagen wir, in eine Bar gehst, ein unschuldiger Mensch sterben muss, was würdest du dann tun?"
"Ich würde nie wieder in eine Bar gehen, natürlich."
"Eben. Aber SIE geht nach wie vor regelmäßig nach Eden, obwohl SIE weiß, was dann passiert. Und SIE geht ja nicht nur zum Ernten der Engelstrompeten nach Eden, sondern auch einfach mal nur so, zum Abschalten. Glaub mir, die Sterblichen sind ihr vollkommen egal. Da wird ein kleines Kind vergewaltigt und ermordet, weil SIE SICH eine kleine Auszeit gönnt? Und wenn schon, was solls! Gibt doch genug von denen."
"Und was glaubst du wohl, wo all diese unschuldigen kleinen Seelen landen? Etwa im Himmel? Von wegen. Jede Seele eines während GOTTES Auszeit von Atropos ermordeten Menschen fährt direkt zur Hölle, egal wie jung und unschuldig sie ist", ergänzte Mammon.
"Aber, aber, in die Hölle kommen doch nur die Bösen. Da haben doch Kinderseelen nichts verloren. Die haben doch noch gar nichts getan, was das Fegefeuer rechtfertigen würde."
Die Dämonen wechselten Blicke.
"Liebling, ich glaube du machst dir einen falschen Eindruck von der Hölle. Sicher, den heißen Feuerteil gibt es, aber eben nur, wie du sagtest, für die Bösen. Für Verbrecher, Mörder, Vergewaltiger und solche Menschen. Aber das ist nur ein kleiner Bereich der Hölle. Die ganze Hölle ist ebenso unendlich wie der Himmel und ebenso vielfältig. Und die Seelen der unschuldig und zu früh Gestorbenen, Atropos Opfer, kommen deshalb nicht in den Himmel, weil..."
Aber Luzifer hatte begriffen.
"Weil damit bewiesen wäre, dass SIE versagt hat. Weil IHRE Fehlbarkeit, IHRE Schlechtigkeit dann bewiesen wäre", hauchte er.
Asmodeus nickte.
"Siehst du, und genau das ist der Grund, warum wir, die wir alle einmal Erzengel waren, den Himmel freiwillig verlassen haben. Wir wollten, wir konnten dieses Spielchen nicht mehr mit spielen. Wir wollten nicht länger lügen und die Wahrheit vertuschen. Aber SIE arbeitet schnell. Sie hat den Menschen eingeredet, dass Dämonen böse sind und immer und grundsätzlich lügen. Das war ziemlich clever von IHR, denn wenn wir den Sterblichen heute erzählen würden, wie SIE wirklich ist und wie es im Himmel zugeht, dann würde uns niemand glauben. Wir sind ja schließlich die Bösen."
"Die unschuldigen Seelen sind übrigens auch der Grund, weshalb wir immer mal wieder versuchen, den Himmel in unsere Gewalt zu bringen. Wenn es uns gelingen würde, nur eine einzige dieser Seelen in den Himmel zu bringen, dann...", ließ sich Beelzebub vernehmen.
"Aber das wäre das Ende der ganzen Welt!", widersprach Luzifer.
"Nein, Luzifer! Es wäre das Ende dieser Welt. Einer Welt, in der die Menschen aus fadenscheinigsten Gründen Kriege gegeneinander führen, einer Welt, in der Männer das Bedürfnis haben, kleine Kinder zu vergewaltigen. Verstehst du denn nicht? Wenn diese Welt zu ende geht, dann können wir eine ganz neue erschaffen. Eine Welt, in der die Menschen respektvoll mit einander umgehen, wo Männer keine perversen Triebe haben, eine Welt voll Frieden und Liebe."
"Und deshalb gibt es die Wächter. SIE will natürlich nicht, dass diese Welt vergeht und eine neue, bessere Welt entsteht. Wäre ja nicht mehr so gemütlich für SIE. Also hat SIE die Wächter erschaffen, um uns, naja, um uns die Hölle heiß zu machen, wenn wir uns dem Himmel auch nur ansatzweise nähern. Aber wir haben auch unsere Möglichkeiten und vor allem haben wir Verbündete im Himmel. In letzter Zeit haben wir ein paar schöne Teilerfolge errungen und das hat SIE wohl ziemlich nervös gemacht. Also hat sie einen Engel erschaffen, der die Menschheit ein für alle mal von der Plage der bösen Dämonen befreien soll."
"Mich!", flüsterte Luzifer.

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    Eine bessere Welt ohne Verbrechen wäre schön. Aber das bedeutet natürlich auch Arbeit und wenn man faul ist, macht man das nicht. Ich kann SIE nicht verstehen

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